Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Unsichtbar | April 2013
Kalte Luft
von Dunja Tietge

Tante Frieda und Onkel Herbert kamen wieder mal zu spät. Ich hielt ihnen die Tür auf, aber sie eilten an mir vorbei, ohne mir einen Blick zu gönnen. Tante Frieda sah Mama auf dem Sofa neben der Anrichte sitzen und nahm sie in den Arm. Mama weinte schon die ganze Zeit. Ihre Augen waren gerötet und immerzu tupfte sie mit dem durchnässten Taschentuch an den Augen. Die Wimperntusche war längst verschwunden, das Rouge auf den Wangen verschmiert. Tante Frieda reichte ihr ein neues Taschentuch. Die Schwester meines Vaters schien gegen diese Gefühlsduseleien immun zu sein. Nachdem sie Mama noch mal gedrückt hatte, ließ sie sie los und rückte ihre schwarze Anzugjacke gerade. Sie brauchte keine Worte. Tante Frieda trauerte auf ihre Weise. Ihre grauen Augen hackten wie scharfe Vogelschnäbel nach den anderen Gästen.
»Ist Gesine nicht gekommen? Habt ihr euch immer noch nicht vertragen?«
Mama zuckte die Schultern. »Du weißt doch, wie sie ist. Sie hatte es nicht mal nötig, sich bei Vaters Beerdigung blicken zu lassen. Lass es gut sein, okay? Marga und Willi sind dafür extra aus Berlin gekommen.«
»Marga? Ach, ja. Die mit dem Haus am Wannsee! Das ist schön. Gibt es also doch noch einige in der Verwandtschaft, die wissen, was sich gehört.«
Die Bedienungen des »Schwarzen Kruges« schoben sich mit Tellern voller Butterkuchen und Thermoskannen an uns vorbei. Ich ließ Tante Frieda und Mama vor dem Eingang sitzen und schlenderte zu Opa Heini, der mit seinem besten Freund Rainer bereits am Platz saß und mit glasigen Augen auf die Teller mit Käsebrötchen und Mettwurstbrot starrte. Vor ihnen sanken die Blumen der frischgezapften Biere in sich zusammen. Opa spielte mit dem Kaffeelöffel und schüttelte den Kopf.
»Das ist nicht richtig, Rainer! Wie kann dein lieber Gott so etwas zulassen? Sie war doch noch lange nicht dran! Da sitze ich hier und lasse es mir gut gehen und sie ist fort!«
Opa sah Rainer an. »Das hier sollte meine Feier sein!«
Ich wollte Opa tröstend den Arm um die Schulter legen, doch in dem Moment kam die Bedienung und beugte sich vor mir über den Tisch, um Butter und Schmalz zwischen Kuchen und Brötchen zu verteilen. Ich machte Platz und trat dabei fast meiner Kusine Linda in die Hacken. Sie warf einen verblüfften Blick in meine Richtung und drehte sich wortlos um.
Auf den Tischen brannten die Kerzen. Dazu Gestecke aus roten und weißen Rosen. Papa saß abseits von den anderen und rauchte heimlich mit abgewandtem Rücken. Er paffte hastig und versuchte, die Kippe in seiner hohlen Hand zu verstecken, wann immer sich ihm jemand näherte. Als ich auf ihn zuging, stopfte er die Zigarette in den Aschenbecher und sah dabei sehr schuldbewusst aus.
»Du machst zu viel Qualm!«, sagte ich und lächelte zaghaft. »Mama weiß doch längst, dass du wieder mit Rauchen angefangen hast!«
Er wedelte mit der Hand den Qualm beiseite. »Ich brauch was zu trinken!«, erklärte er mit lauter Stimme und eilte zur Bar.
Der Einzige, der sich wie immer benahm, war mein Bruder. Beim Essen beobachtete ich mit wachsendem Erstaunen, wie Malte ungestraft Cola trank und sogar rülpste. Er stopfte sich den Mund mit Gusskuchen voll, dass ihm die Krümel aus dem Mund quollen, und gierte gleichzeitig nach dem Teller mit den Brötchen. Als die Nachbarin das Tablett mit Mettbrötchen weiterreichte, schnappte er gleich zwei Mal zu. Niemand tadelte ihn. Jeder tat so, als wäre das völlig normales Verhalten für einen Dreizehnjährigen. Nun, für Malte war es normal – ohne Mama in der Nähe.
Marga und Willi saßen am Nebentisch. Sie unterhielten sich leise, ohne ihre Sitznachbarn in ihre Gespräche einzubeziehen. Sie senkten die Köpfe sanft zueinander, nickten, wenn der andere etwas sagte und zupften Weintrauben von den Stängeln. Nach jeder Weintraube tupfte sich Marga die Lippen ab. Vor Willi stand ein halbvolles Glas Rotwein. Wenn ich die beiden sah, beschlich mich das Gefühl, sie gehörten in eine andere Welt. In ihrer Welt gab es Hausmädchen und silbernes Besteck, kleine Brüder, die richtig mit Messer und Gabel essen konnten und bunte Kieselsteine im Garten. Früher hatte ich mir oft gewünscht, ich könnte bei ihnen aufwachsen. Sie hatten keine eigenen Kinder. Willi führte eine Gemeinschaftspraxis und Marga entwarf exklusive Küchen für eine französische Firma. Sie reiste viel und erklärte, dass sie sich unmöglich um mich kümmern konnte. Zuhause in Berlin nannte sie niemand Marga und Willi. Da waren sie Margarete und Wilhelm von Hansen. Was hätte ich dafür gegeben, auch so einen tollen Namen zu tragen. Jemand zu sein. Jemand mit Aufmerksamkeit, Butler und bunten Kieselsteinen. Jemand, der gesehen wurde. Kein Niemand aus Klarsichtfolie.
Nach dem Essen erschienen wie von Zauberhand die Korn- und Steinhägerflaschen auf den Tischen. Die Bedienungen brachten kleine Tabletts mit Stummelgläsern, die sich rasch füllten und leerten. Papa und Opa hielten besonders oft die Flaschen in den Händen. Mama und Tante Frieda warfen ihnen böse Blicke zu, die die Männer ignorierten. Nach einer Stunde rauchte Papa sogar völlig ungeniert vor Mamas Augen. Opa lachte über einen schäbigen Witz, den Nachbar Heinz erzählte. Es ging irgendwie um einen blauen Hund. Jeder kannte ihn längst, da Heinz keinen anderen Witz wusste. Niemanden störte es.
Malte spielte mit seinem Smartphone und sah nicht auf, als am Nachbartisch eine Kaffeetasse herunterfiel. Der Raum summte von Gesprächen über Gartenarbeit, die anstehenden Ferien, geschwollene Beine und unfreundliches Personal bei Penny. Durch das Gesumm ging ich von Tisch zu Tisch und versuchte, Namen mit Gesichtern zu kombinieren. Darin war ich schon immer mies gewesen. Die Verwandtschaft bekam ich noch hin. Bei den Freunden von Papa, dem Angelverein, Schützenbrüdern und Landfrauen versagte ich kläglich. Zum Glück beruhte das auf Gegenseitigkeit: von denen würde mich auch niemand auf der Straße mit Namen ansprechen. Es hieß dann immer: »Ach, bist du nicht die Tochter von Regina und Klaus? Grüß sie mal ganz herzlich von Soundso!«
Die Leute sahen nicht mich, sondern meine Eltern. Pech gehabt.
Nein! Die Zeit des Selbstmitleids war vorbei. Zum Glück.
Endlich verabschiedeten sich die ersten Gäste. Willi drückte Mama die Hand, nachdem er Opa und Papa kumpelhaft die Schulter geklatscht hatte. Marga verabschiedete sich nur von Mama. Sie drückte sie kurz an sich. »Komm uns mal besuchen. Allein!«
Mama nickte und sah verstohlen zu Papa hinüber. »Ich ruf euch an, okay?«
Marga winkte und hakte sich bei ihrem Mann unter. An der Tür kam ihnen Tante Frieda entgegen.
Sie zupfte an einem Stück Handtuchpapier. Die rosa Locken hingen ihr ins Gesicht.
»Geht`s dir gut?«, fragte Marga.
»Was? Ja! Sicher. Es geht mir gut. Wollt ihr schon fahren? Ach, ihr habt ja einen weiten Weg, nicht wahr? Fahrt ihr heute wirklich noch den ganzen Weg zurück nach Berlin?«
Willi nickte und zog Marga am Arm. »Knappe drei Stunden. Aber wir müssen uns beeilen. War nett, dich mal wieder zu sehen!«
Tante Frieda zog auf einmal die Schultern zusammen. »Spürt ihr das?«
Marga sah erst ihren Mann, dann Frieda an. »Bitte?«
»Merkt ihr das nicht? Es ist so kalte Luft hier, oder?«
«Ich merke nichts. Vielleicht hast du dich erkältet? Du solltest dir eine Jacke überziehen!«
Willi zog an Margas Arm. »Wirklich, meine Liebe. Wir sollten fahren, bevor wir in den Stau geraten! Die A1 ist um diese Zeit die Hölle.«
Tante Frieda nickte. »Na denn. Danke. Gute Fahrt!«
Ich wollte Marga und Willi hinterherlaufen. Es wäre mir egal, ob sie Zeit für mich hätten. Ihre Welt schien mir so viel passender als die, in der ich zurückblieb.
Das hätte ich damals machen sollen. Vorher. Regungslos sah ich zu, wie Marga und Willi in ihren Lexus stiegen und sich in Margaret und Wilhelm von Hansen zurückverwandelten.
Auf lautlosen Sohlen drehte ich mich zum Raum um, in dem meine Familie saß. Mama, die ehrliche Tränen weinte, Papa, der wieder mit Rauchen anfing, Opa, der mich mehr vermisste als Oma. Warum hatte ich das früher nicht gesehen? Dazu Tante Frieda, Onkel Herbert und Malte, der noch immer auf seinem Smartphone daddelte. Meinem Smartphone. Dieser Raffzahn! Das war das erste gewesen, was er sich geschnappt hatte, nachdem ich vom Siloturm gesprungen war.

Dunja Tietge
Version 2

Letzte Aktualisierung: 23.04.2013 - 22.21 Uhr
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