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Unsichtbar | April 2013

Angst vor der Dunkelheit
von Christina Stöger

Es war dunkel. So dunkel, dass ich die Hand vor meinen Augen nicht sehen konnte. Vielleicht lag es auch daran, dass ich die Augen ganz fest geschlossen hatte und mich auf die Geräusche um mich herum konzentrierte. Da war es wieder. Ich hatte es ganz genau gehört. So ein Kratzen und Schaben - oder doch eher ein Schleifen? Wie Fingernägel, die über eine Schieferplatte schaben... oder doch eher die Krallen? Ein Schauer nach dem anderen lief mir über den Rücken und ich konnte mich einfach nicht bewegen, auch wenn ich es gewollt hätte. Ich hatte meine Decke über den Kopf gezogen und lag ganz still. Wenn ich mich nicht bewegte, dann würde es mich auch nicht bemerken. Was auch immer dieses ES war.
In diesem Moment wünschte ich mir so sehr, dass ich einen Umhang hätte. So einen - der unsichtbar macht. Das wäre schon was Tolles. Man könnte tun und lassen, was man wollte. Könnte überall hin, alles sehen und keiner könnte einen aufhalten. Ich hatte da neulich mal etwas in einem Buch gelesen. Da war ein Junge mit Zauberkräften gewesen, der so einen Umhang besessen hatte. Ganz einfach war der durch seine Schule gelaufen und hatte die verrücktesten Abenteuer erlebt.
Aber ich wusste ja, dass es so etwas nicht gab. Nicht geben konnte. Menschen, die Zauberkräfte hatten ... wer glaubte denn schon an so etwas. Ich jedenfalls nicht.

War das Geräusch noch da? Oder hatte ich nun endlich meine Ruhe und konnte schlafen? Schlafen! Wie lange ich schon darauf wartete. Endlich einmal wieder ganz entspannt die Augen zu schließen und einfach nur träumen. Weit weg, in ein fernes Land, in dem es keine fiesen Geräusche gab, keine Angst und keine Müdigkeit. Vielleicht würde ich das nächste Mal ja auch von so einem Umhang träumen. In meinem Traumland, da wurden Wunder war. Das wusste ich ganz genau. Da brauchte ich keine Angst zu haben. Da gab es grüne Wiesen, bunte Blumen, einen wundervollen, blauen See und ...
Da war es wieder! Verdammt! Ich hasste dieses Geräusch! Ich wusste, dass ich aufstehen musste um die Angst aus meinem Körper zu vertreiben. Einfach die Decke weg und dann ... was würde ich dann sehen?
Vollkommen egal! ES würde mich sehen! Und dann ... ne! Diesen Gedanken wollte ich einfach nicht zu Ende denken.

Da war es wieder! Es kam näher. Ganz bestimmt kam es näher.
Singen! Vielleicht sollte ich singen. Nur so, in meinen Gedanken. Vielleicht würde es das Ding abschrecken. Gute Laune war ja nicht so beliebt bei den bösen Wesen. Auch das hatte ich mal irgendwo gehört. Ob das stimmte, das wusste ich nicht, aber vielleicht war es ja einen Versuch wert. Nur, was konnte ich singen? Irgendwie fiel mir nichts ein. Mein Kopf war wie leer. Kein bisschen Melodie war darin zu finden. Alles nur Watte. Plüschige, weiße, weiche Watte.

Mir war kalt. Auch das noch. Trotzdem, dass ich unter der Decke lag und es auch nicht kalt im Zimmer war. Ich fror sehr leicht. Warum, dass wusste ich nicht, aber ich liebte es warm und gemütlich. Mit Kälte konnte ich nichts anfangen. Vielleicht lag das ja in meiner Vergangenheit. Damals hatte man mich eingesperrt in ein kaltes, dunkles Loch. Es war hart und unbequem gewesen, daran konnte ich mich noch genau erinnern. Doch warum ich dort war, das wusste ich nicht mehr. Sehr lang war es nicht gewesen, aber die Dauer hatte schon gelangt, um mich für alle Zeit zu einem verfrorenem Wesen zu machen.

DA! Es war wieder da! Und nun war ich sicher, dass es ganz nah war. Zu nah für meinen Geschmack. Ich hielt die Luft an und wollte sterben. Hier und jetzt. Ich wollte nicht gefressen werden. Sollte das das Ende meines noch so jungen Daseins sein? So gemein konnte es das Schicksal doch nicht mit mir meinen.

Plötzlich hörte ich Schritte. Kleine, tapsige Schritte. Ich kannte diese Schritte und wollte schon aufatmen, doch sie gingen an meinem Zimmer vorbei. Die Tür war nur angelehnt und ich hörte sie auf dem Flur. Die Schritte hätten doch zu mir kommen sollen. Sie hätten mich retten müssen!

Die Tür quitschte. Ganz leise wurde sie aufgeschoben und ich hörte die Krallen auf dem Boden. Tap, tap, tap ... sie kamen näher ... immer näher ... und plötzlich bewegte sich meine Decke. Ich wollte zupacken und sie ganz fest um mich schlingen, so dass mich das Monster nicht finden würde. Ich konnte seinen Atem hören, konnte seinen Gestank riechen, konnte praktisch schon seine Zähne in mir spüren. Ich war noch immer nicht in der Lage mich zu bewegen. Die Schnauze hatte sich mittlerweile unter die Decke geschoben und bewegte sich auf mich zu. Zentimeter für Zentimeter kam sie näher und immer näher bis ...

"Hugo! Was machst du da? Geh weg von dem Bett! Das kann ja nicht dein Ernst sein!" Die Stimme kannte ich! Sie bedeutete Rettung in letzter Sekunde!
Plötzlich wurde die Decke zur Seite geschlagen und die Schnauze wurde unsanft vom Bett gezogen. Dann wurde ich gepackt und hoch gehoben.
Ein paar Augen betrachteten mich von allen Seiten und dann hörte ich eine Stimme hinter mir.
"Mama? Hat Hugo wieder meinen Teddy fressen wollen? Böser Hugo!" Ich liebte diese Stimme. Sie gehörte zu meinem Menschen. Mein Mensch war mein Held. Noch so klein, doch immer wieder für mich da. Er hatte mich damals aus der Kiste dunklen Kiste befreit, hatte mir einen Platz in seinem Bett gegeben und war immer für mich da.
"Nein, Jonas. Alles gut. Deinem Teddy ist nichts passiert. Nun hüpf ins Bett und schlaf schnell ein. Es ist schon spät. Träum was Schönes mein Schatz."
"Aber ich bin doch noch gar nicht ...", die letzten Worte gingen in einem Gähnen unter.
"Jaja", lachte Mama. Dann legte sie mich in Jonas Arm und deckte uns beide zu.
"Pass gut auf Teddy auf, heute Nacht. Nicht, dass er wieder Alpträume hat von bösen Monstern. Du bist doch sein Held!"
"Mach ich Mama. Ich pass schon gut auf, gell Teddy? Wir beide schaffen das", sagte Jonas und ich nickte heimlich. Er verstand mich eben.

Letzte Aktualisierung: 02.04.2013 - 10.28 Uhr
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