Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Berge versetzen | Mai 2013
Magerstufe
von Anne Zeisig

Ich warf die leeren Chipstüten in den Abfalleimer, zog das Rollo hoch und wischte mit Schwung den verstaubten Nippes meiner Ex-Freundin Andrea von der Fensterbank. Der Kitsch fiel scheppernd auf den Boden. Das Sonnenlicht quälte sich durch die verschmutzte Fensterscheibe.
Sechs Monate waren vergangen, seit sie mich verlassen hatte. Angeblich, weil ich zu fett geworden war, was besonders beim Sex störe.
Da habe ich ihr wütend hinterher gerufen: “Heute Nacht hast du noch gejuchzt, als ich es dir besorgt habe!”
Denn trotz meiner Kilos habe ich im Bett stets Kondition bewiesen.

Ich nahm meine Jacke und sprang die Stufen aus der dritten Etage wie eine Feder hinunter.
Okay, okay, wenn ich hoch musste, ging mir bisweilen die Puste aus, ich keuchte wie eine Dampfwalze und der Schweiß rann mir beißend von der Stirn in die Augen. Heuer hatten wir aber auch ein besonders warmes Frühjahr. Da schwitzt man halt.
Also hängte ich mir die Jacke lässig um die Schultern, bummelte durch die Gassen und fand es an der Zeit, mir ein Bierchen zu gönnen.
Ich hatte lange genug getrauert und es war Zeit, mich ins pralle Leben zu stürzen.

Vor einem kleinen Schaufenster blieb ich stehen. In der Auslage stand eine zirka dreißig Zentimeter hohe Plastik. Sie zeigte einen spitzen Berg und davor ein kleines Männlein, welches den für ihn riesigen Berg wegschieben wollte.
“Gefällt sie Ihnen?”
Eine dunkle Frauenstimme ließ mich herumfahren.
Vor mir stand eine sportliche Enddreißigerin mit Fransenfrisur, Jeans und karierter Bluse.
“Hundertfünfzig Euro. Es handelt sich um polierte, gewachste Bronze.”
Sie schloss die Ladentür auf, schob mich hinein und schaltete das Licht an. Dann stellte sie mir einen antiken Stuhl hin und drückte mir eine Tasse mit dampfendem Kaffee in die Hand.
Es roch nach Staub und Möbelwachs.
Sie hingegen duftete blumig.
“Der Materialwert ist wesentlich höher.” Sie holte die Skulptur aus dem Schaufenster und stellte sie vor mir auf ein Tischchen.
Ich rieb meine Hände unschlüssig aneinander und dachte mit Magendrücken an die vielen Dekorationsutensilien, welche Andrea in meiner Wohnung verteilt, aber nie abgestaubt hatte.
“Ach, ich bin eher ein Kunstbanause”, erklärte ich ausweichend.
Sie bot sie mir für Hundert an. “Das reicht für neue Treckingschuhe.” Sie wischte sich ein paar Fransen aus der Stirn und zwinkerte mir zu.
“Will ‘ne kleine Bergtour machen. Muss mir klar werden, wie es beruflich und privat weitergehen soll.”
Sie räusperte sich. Die anschließende Stille war unangenehm.
“Eine Bergtour! Herrlich!”, jubelte ich, um ihr die Verlegenheit zu nehmen.
Ihre braunen Augen hefteten sich in meinem Gesicht fest. “Wie gesagt, der Materialwert ist wesentlich höher.” Sie hielt mir die Plastik auf Augenhöhe hin.
“Und was würde der Künstler dazu sagen, dass Sie sein Werk verscherbeln?”
“Die Künstlerin würde sagen, dass die Skulptur zu Ihnen passt.”
Also verließ ich das Lädchen mit der Bronzefigur für mitleidige zweihundert Euro und bekam als Dank eine Einladung von Theresia zu einer Bergtour auf die Manderlhütte.
“Ich fühle mich geschmeichelt, schließlich kennst du mich überhaupt nicht.”
Sie winkte ab. “Wer die Berge liebt und sich für Kunst erwärmt, das kann kein schlechter Mensch sein.” Und redete in einem Schwall weiter: “Zum Warmwerden geht es zunächst um den Habichtsee und dann werden wir aufsteigen. Das Beste ist, wir nehmen die Nordroute”, sie sah an mir hinab, “die ist weniger steil und lässt uns Zeit zum Verschnaufen.”
“Weil du mir das Bergsteigen nicht zutraust?”
Sie lachte glockenhell, was mich überraschte, weil das nicht zu ihrer dunklen Stimme passte. “Aber nein! Wir wollen die Tour doch genießen und keinen Wettkampf daraus machen.”

Zuhause küsste ich das Kunstwerk und stellte es auf die Kommode in der Diele.
Es wurde endlich Zeit, dass in meiner Behausung Niveau Einzug hielt!

* * *

Theresia klatschte sich prustend mit beiden Händen auf die Oberschenkel.
Ich fand ja auch, dass ich in dem Wanderoutfit meines Großvaters sonderbar aussah, aber eine Aversion gegen Shopping-Touren hatte mich daran gehindert, etwas Neues zu kaufen.
“Frank! Bist du aus einem alten Heimatfilm entsprungen?”
“Und gleich huscht Heidi mit ihrem geliebten Opa aus dem Silberwald hervor”, witzelte ich und drängte zum Aufbruch, weil es trotz der Frühe bereits irre heiß war. Die krachlederne, speckige Knickerbocker ließ nicht den geringsten Lufthauch an meinen Körper und die Schuhe hingen bereits bleischwer an meinen Füßen.
Vor uns lag, still und ruhig, der See. Dahinter die Schonung mit den Tannen. Ein paar Vögel zogen über uns hinweg.

“Auf geht’s.” Theresias Handknöchel schlüpften in die Schlaufen der Nordic-Walking-Stöcke und ihre Hüften schwangen sexy die Blumenwiese hinab zum Weg, der um den See führte.
Ich umklammerte mit schwitzender Hand Opas geschnitzten Krückstock und stimmte ‘Das Wandern ist des Müllers Lust’ an.
Vor mir Theresias dralles Gesäß im Blick. Sie und ich alleine in der Manderlhütte!
Nach ein paar Metern, gefühlten Kilometern, hockte ich mich nieder und pflückte ein paar Blümchen. Ehrlich gesagt war das nur ein Vorwand, denn die Wollsocken hatten bereits schmerzende Blasen an meine Fersen gerieben. Und der Berg war noch weit entfernt.
Meilenweit!
Mir kamen erste Zweifel. Hatte ich doch bisher um jeden Berg einen großen Bogen gemacht.
“Was ist los?”, rief sie und kehrte um.
Als Theresia auf meiner Höhe angelangt war, drückte ich ihr den Strauß in die Hand und hauchte: “Die duften so gut wie du.”
Sie steckte ihre Stupsnase hinein und bedankte sich.
Ich bekam Gänsehaut, weil die Blasen pochten und stechend schmerzten.
Wenigstens hatte sich inzwischen eine Wolke vor die sengende Sonne geschoben, was Erleichterung versprach. Ich biss die Zähne zusammen, wischte mir die Stirn trocken und setzte den Marsch fort. ‘Bin schließlich keine Memme!’
“Frank! Nicht so schnell! Ich komme ja kaum mit!”, jammerte meine Begleiterin und ich lächelte gequält in mich hinein.
‘Das ist alles reine Kopfsache’, machte ich mir Mut, ‘schließlich ist so ein Keine-Ahnung-wie-viel-Tausender, ein Klacks. Ich habe Andreas Shopping-Exzesse überlebt, dagegen dürfte das hier eine leichte Übung sein.’

Unten am See hielt ich meine Füße ins Wasser. “Ah!”
“Das sieht aber nicht gut aus”, stellte Theresia fest. “Bist du sicher, dass du es schaffst?”
“Ein Indianer kennt keinen Schmerz”, gab ich testosterös von mir und zog die verhassten klammen Socken und Schuhe wieder an.
“Ist nicht mehr weit bis zum Einstieg in die Nordroute”, nuschelte sie und trank aus ihrer Flasche.
Gut sah sie aus. Der Teint leicht gerötet, die Augen glänzten und der Overall zeichnete ihre weibliche Figur vorteilhaft ab. Sie hatte den Reißverschluss bis zum Brustansatz geöffnet. Die Aussicht auf eine Nacht mit ihr in der Hütte weckte meinen Elan. Es war anstrengend, mein Keuchen vor ihr zu unterdrücken. Denn ein nach Luft ringender Asthmatiker ist nicht gerade das, was eine Frau erotisiert.
Also bekam ich Hustenanfälle, war zwischen den Beinen wundgelaufen und freute mich über jeden weiten Schritt, den ich machen konnte, weil das Reiben an den Oberschenkeln entfiel.
“Frank, ich will deine Klettertechnik ja nicht kritisieren, aber wenn du mit den Beinen so weit ausholst, dann läufst du Gefahr, auf den Steinen und Kieseln auszurutschen.” Sie zeigte mit einem ihrer Stöcke auf mein antikes Schuhwerk. “Überhaupt mit diesen Tretern. Ich will nicht, dass du dir womöglich was brichst.”
Ein Beinbruch käme mir gerade recht. In Gedanken sah ich einen Rettungshubschrauber landen, der mich in ein weiches Krankenhausbett transportieren würde. Und Theresia würde sich sorgend zu mir legen.

Sie reckte beide Arme in die Höhe. “Ist das nicht ein imposanter Ausblick?”
Ich hatte mich ächzend auf den Rücken gelegt und stierte in den Himmel. Meine Glieder waren schwer wie Blei und die Lederne klebte an meiner Haut. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich dieses Ungetüm jemals würde ausziehen können, ohne die Haut gleich mit abzuziehen.
Ich schloss die Augen.
Theresia knuffte mich unsanft in die Seite. “Auffi geht‘s, Bua! Pack mas!”
Sie streckte mir ihre Hände entgegen und ich rappelte mich mühsam daran hoch.
Wie eine Gämse stürmte sie voran. “Die Hütt’n ist nicht mehr weit!”
‘Nicht mehr weit!’
Die Fersenblasen waren inzwischen aufgeplatzt, fühlten sich an wie ein rohes Steak, meine heißen Fußsohlen schmorten im eigenen Saft, waren medium gegart, die fortdauernde Gänsehaut wegen des Wolfs zwischen den Beinen ließ mich frösteln, was in der gleißenden Mittagssonne wenigstens etwas Kühle an meinen geschundenen Körper brachte.

Das war der Moment, in dem ich mich in eine von Andreas Boutiquen sehnte, mit bequemen Sesseln vor den Ankleiden und Kaffee ohne Limit.
“Willst einen Kaffee?”, fragte Theresia und hielt mir ihre Thermoskanne vors Gesicht. Fast hätte ich sie umgerannt, so vertieft war ich in mein Leiden.
“Du schaust echt geschafft aus.”
Ich kippte das lauwarme Gebräu hinunter. “Das sieht nur so aus.”
“Bist so ein richtig knuffiger Teddybärli.” Sie verstaute die Becher im Rucksack, ich konnte in ihren Ausschnitt linsen und überlegte, ob sie mir gerade ein Kompliment gemacht hat.
“Der knuffige Bärli kann aber auch zum starken Bären werden”, antwortete ich kokett, da rief sie. “Da ist die Hütte!”
Ich kroch auf allen Vieren den Hang hinauf und plumpste auf die Holzbank unter der Veranda, da wurde auch schon die Tür aufgerissen.
Heraus kam eine dirndlbekleidete ‘Heidi’ und fiel Theresia um den Hals. “Grüaß di!”

Geschafft!
‘Heidi’ drückte mit ihrer zarten Hand meine verschwitzte Pranke. “Ah jo! Das Bronze-Figürlerl passt zu so einem gestandenen Mannsbild. Und danke, dass d’ mei Maderl begleitet hast.”
“Gern geschehen”, faselte ich. Plötzlich knurrte mein Magen laut. Zu laut.
Theresia legte ihren Arm um ‘Heidi’. “Darf ich vorstellen? Das ist Moni, meine Frau. Du musst unbedingt ihren Hüttenkäse probieren.”
“Magerstufe”, erklärte ‘Heidi’, äh, Moni.


© anne zeisig, endversion.

Letzte Aktualisierung: 16.05.2013 - 23.19 Uhr
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