Der Tod aus der Teekiste
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Berge versetzen | Mai 2013
Der König und der Berg
von Susanne Ruitenberg

Es war einmal ein König, der lebte in einem prächtigen Schloss mit seiner Gattin, der wunderschönen Königin, und seiner Tochter, der liebreizenden Prinzessin. Er nannte nicht das allergrößte Königsreich sein Eigen, doch es war friedlich, mit fruchtbaren Böden und einem bescheidenen, fleißigen Volk gesegnet, sodass es ihnen an nichts mangelte.
Eines Tages jedoch erwachte der König frühmorgens mit brummendem Schädel nach einer unruhigen Nacht. Er stieg aus dem Bett, obwohl ihm nicht der Sinn danach stand, und streckte den Arm aus, um nach seinem Leibdiener zu klingeln. Dabei warf er den Becher mit dem verdünnten Wein um, den er stets griffbereit auf seinem Nachtschränkchen stehen hatte. Der rote Wein ergoss sich über das blütenweiße königliche Kopfkissen mit der aufgestickten Krone und hinterließ einen hässlichen roten Fleck. Der König fluchte ganz unköniglich und trat gegen den Nachtschrank. Danach schmerzten die königlichen Zehen, indes, der Fleck ließ sich davon nicht beeindrucken.

Als sein Leibdiener mit dem Waschwasser erschien, tauchte der König die Hände ein und zog sie sogleich erschrocken wieder heraus. Eiskalt das Wasser! Er schalt seinen Leibdiener einen Tölpel, goss ihm den Inhalt der Waschschüssel über den Kopf, gab ihm einen Tritt in den Allerwertesten und befahl ihm, neues, diesmal ordentlich gewärmtes, zu holen.
Die Königin, den Lärm und das Geschrei hörend, kam besorgt aus ihren Gemächern und fragte ihren Gatten, was ihm sei. Er jedoch grummelte nur ein paar unverständliche Worte in seinen Bart und wandte sich zum Fenster.
Dort fiel ihm auf, dass er die Sonne nicht sehen konnte. Ein Berg mit Wald und Wiesen verdeckte sie ihm. Wie der Berg sich erdreisten könne, die Sonne aus den königlichen Gemächern fernzuhalten, ereiferte er sich, und selbst der Einwand der Königin, der Berg habe von jeher dort gestanden und er selbst pilgere doch sehr gerne die Wanderpfade hinauf zu seiner körperlichen Ertüchtigung – in der Sänfte, versteht sich, denn Könige gehen nicht zu Fuß – konnte ihn nicht beruhigen.
Er verlangte, dass der Berg augenblicklich von dieser Stelle verschwinden müsse. Seine Untertanen sollten ihn abtragen und an einem anderen, besser geeigneten Ort, wieder aufbauen, sodass nicht die königliche Schlafstätte die Sonne entbehren müsse.
Die Königin nahm seine Hände in die Ihren und versuchte, ihn umzustimmen. Es sei ein gar schweres Geschäft, den ganzen Berg zu versetzen. Die Untertanen seien überdies mit wichtigeren Dingen beschäftigt, der Pflege der königlichen Felder, Gärten und Viehbestände beispielsweise. Der König verschränkte die Arme und bestand auf seiner Forderung.

So huben die Untergebenen an, den Berg abzutragen. Zunächst wollten sie die Bäume ausgraben und fein säuberlich am Fuß der Schlossmauer ablegen, um sie nach erfolgter Versetzung wieder einpflanzen zu können.
Nach einer Woche hatten sie indes nur sehr wenige aus der Erde lösen können, gar zu tief reichten die Wurzeln ins Erdreich, und die Blätter der ersten Bäume, die sie freigelegt hatten, hingen welk und schlaff, so dass man befürchten musste, sie überlebten das Ganze nicht.
Der König tobte jeden Morgen, wenn er aus dem Fenster sah, es sei noch gar nichts zu sehen, vor allem aber die Sonne nicht, und drohte, das Weihnachtsfest abzuschaffen, und Ostern gleich mit, sollte sich nicht bald ein Fortschritt zeigen.
Nach drei weiteren Tagen befahl er dem königlichen Hofmarschall, die Schlachtrösser sowie die Ochsen aufzuzäumen und damit die Bäume herauszuziehen. Doch so sehr sie sich auch bemühten, sie kamen nicht voran.
Als Nächstes schickte der König alle Mägde mit Schöpfkellen und Löffeln, den Berg abzutragen. Die Prinzessin beklagte sich, dass sie sich selbst ankleiden müsse, das sei ihrer nicht würdig und überdies wisse sie nicht, wo ihre Kleidung aufbewahrt werde, geschweige denn, wie sie Knöpfe in ihrem Rücken schließen solle.
Der König sagte, dann solle sie doch im Unterkleid bleiben, begab sich wieder an sein Fenster und raufte sich die Haare. Der Berg stand beinahe unverändert auf seinem Fleck, lediglich ein paar Bäume fehlten.
Die Königin frug ihn, ob es nicht klüger sei, das königliche Schlafzimmer zu verlegen, an eine Stelle im Schloss, an der kein Berg die Sicht auf die Sonne verdecke. Daraufhin verschränkte der König die Arme und sah sie streng an. Das königliche Gemach sei schon immer dieses Zimmer gewesen, keinesfalls könne man es verlegen und überdies werde er jetzt selbst hinausgehen und diesem faulen Pack von Untertanen zeigen, wie man einen Berg versetzt.
Er wies seinen Leibdiener an, ihm eine Schaufel zu bringen und zog los zu einer Stelle des Berges, an der noch niemand gearbeitet hatte.

Voller Elan schwang er die Schaufel und grub und hackte und schippte und schnaufte, ohne einmal aufzublicken, die Erdklumpen flogen in alle Richtungen. Nach zwei Stunden hielt er inne und besah sich das Resultat seines Schaffens: Ein Loch zu seinen Füßen, kaum ausreichend, einen Hund darin zu begraben. Hinter sich ein klägliches Häuflein Erde. Ungläubig ließ er die Schaufel sinken. Er hatte sich so sehr angestrengt, dass seine Arme schmerzten, und das war alles? Sollte der Berg doch nicht abgetragen werden können? Aber wie den Befehl aufheben, ohne das Gesicht zu verlieren? Er beschloss, die Schaufel zu verstecken und niemandem zu sagen, dass er gegraben hatte. Seinen Leibdiener müsste er ins Verließ werfen, damit er nichts verrate.

Da erklangen Trompeten aus dem Schlosshof. Nanu?
Aufgeregt kam der Leibdiener angerannt, nichts ahnend, dass er ins Verlies geworfen werden sollte, und berichtete, der junge Prinz des benachbarten Königreiches sei mit einem ganzen Tross Wagen, Leibdienern und Geschenken eingetroffen, um den König um die Hand seiner einzigen Tochter, der liebreizenden Prinzessin zu bitten. Im ersten Moment wollte der König den Befehl geben, den Prinzen augenblicklich vom Schlosshof zu weisen, denn eigentlich befand er das königliche Nachbarreich als zu klein, das Schloss zu bescheiden und den Prinz nicht reich genug für seine einzige, so kostbare Tochter, und hatte auf sein drängendes Werben bereits drei Mal die Zustimmung verweigert. Schon öffnete er den Mund, um den entsprechenden Befehl zu geben. Dann aber ging ihm auf, dass er keine bessere Gelegenheit bekäme, die Sache mit dem zu versetzenden Berg abzublasen. Er reichte seinem Leibdiener die Schaufel, befahl ihm, dafür zu sorgen, dass am Berg wieder aufgeräumt würde und begab sich zum Schloss, schlich durch die Gartenpforte, wusch sich am Gartenbrunnen die verräterische Erde von Händen und Gesicht und schritt mit angemessener königlichen Langsamkeit in den Schlosshof.
Dort blieb er abrupt stehen und rieb sich die Augen.
Die Wagen, die der Prinz mitgebracht hatte, ächzten unter Truhen und Stoffballen, Schinken und Getreidesäcken, Früchten und allerlei Zierrat. Der Prinz hatte seine schönsten Gewänder angezogen und verbeugte sich artig vor dem König. Die liebreizende Prinzessin strahlte ihn an und sah dabei so glücklich drein, dass der König eine königliche Träne unterdrücken musste. Wie hatte er nur diesen prächtigen jungen Mann bisher verschmähen, seiner Tochter die Heiratserlaubnis verweigern können? Er gab den jungen Leuten seinen Segen und der Königin den Befehl, für eine angemessene Hochzeitsfeier zu sorgen. Als sie ihn nach dem Berg frug, zuckte er die Achseln und meinte, eine Verlegung des königlichen Schlafgemachs sei, bei Licht betrachtet, vielleicht doch die einfachste Lösung.
Dies gesagt, verließ er hoch erhobenen Hauptes den Schlosshof, um sich umzukleiden, zufrieden, die Schwierigkeit des rückgängig gemachten Befehls so elegant gelöst zu haben.
Er sah nicht mehr die herzliche Umarmung zwischen Mutter und Tochter und den Handschlag zwischen Leibdiener und Prinz, die des Königs Versessenheit mit dem Berg genutzt hatten, endlich die überfällige Heiratserlaubnis zu erhalten.
Schließlich sollte das Kind, das die liebreizende Prinzessin bereits unter dem Herzen trug, eines Tages das Königreich erben.


©Susanne Ruitenberg
Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.05.2013 - 17.39 Uhr
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