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Berge versetzen | Mai 2013
Luis wartet
von Helga Rougui

"Also, weißt du, ich hab ja nicht unbedingt vor, Berge zu versetzen und Tolstoj um- und Thomas Mann besser zu schreiben, aber eine nette Geschichte sollte es schon werden."
"Eine nette Geschichte? Nett??"
"Ja. Es scheint, daß, wenn eine Geschichte richtig gut ist, sie 'nett' genannt wird. Daher -!"
"Jedenfalls brauchst du eine zündende Idee –"
"- die aber nicht jedem gefallen wird –"
"- dann solltest du stilsicher und vollkommen schreiben –"
" – aber besser keine allzu langen Sätze, nicht wahr? - womöglich darin noch Gedankensprünge, die nur der aufmerksame Leser nachvollziehen kann. Dir ist klar, wie die meisten Leser lesen?"
"Über die Zeilen hinweghuschend und überfordert von all dem, was ein Minimum an Konzentration verlangt?"
"Genau! Außerdem sollte die Riege der Protagonisten überschaubar sein, am besten läßt man nicht mehr als zwei oder drei in seinen Text hinein, denn bei einer großen Anzahl von Mitspielern gerät mancher Leser ernsthaft in Verwirrung. Aber stattdessen kannst du den Text mit Adjektiven spicken –"
"- damit die, deren Hobby das Verbesserwissern ist, triumphierend das Skalpell schwingen können?"
"Ich fang einfach an."


"Also, wissen Sie, wir haben ja nicht unbedingt vor, Berge zu versetzen. Der hat uns lang genug geärgert mit seinen Fisimatenten. Quält die jüngeren Mitschüler, hat null Respekt vor dem Lehrkörper, und wenn Sie jetzt, verehrter Kollege, aus der Vier minus in Mathematik eine Fünf machen könnten, dann –"
"- dann wäre Christian Berge 'nicht versetzt, ohne Nachprüfung, muß die Schule verlassen' und wir hätten endlich unsere Ruhe."

"Eine Schulgeschichte? Och nö, das reißt doch niemanden vom Hocker. Es gibt nichts Langweiligeres als einen Haufen Pädagogen, ihre Intrigen und ihr Geltungsbedürfnis."
"Na gut. Aber vielleicht so."


"Also, weißt du, wenn du vorhast, den Berge zu versetzen, diesen ekligen Schleimer, dann hättest du eigentlich gar nicht erst eine Verabredung mit ihm einzugehen brauchen, nicht wahr? Oder ist das -?"
"Ganz recht, es ist so ne Art Racheakt. Der Blödmann hat mich versetzt vor zwei Wochen und sich hinterher fadenscheinig herausgeredet, und nun machen wir es umgekehrt. Da kann er mal selber merken, wie sich das anfühlt."

"Ein Herzensdrama?Verschmähte Liebe, Leid und Rache? Ich schlaf gleich ein, so originell ist das. Nee, das ist auch nix."
"Boah echt, jetzt reichts. Wie wäre das."


Friederike warf den Laptop mit Schwung an die Wand. Es gab einen häßlichen Knacks, als er entzweibrach und mit großem Gesplitter und Getöse in der staubigen Ecke hinter dem Flachbildschirmfernseher landete. Dorthin drang nicht mal die Putzfrau vor, und sehr gerne konnte dieses Wechselbalg moderner Technik in den sich ballenden Staubmäusen ersticken und verrotten. Nur wegen des halben Fläschchens Nagellack, das sich unerklärlicherweise auf die Tastatur ergossen hatte, weigerte sich das Gerät, weiterhin zu funktionieren! Nun mußte sie wieder soviel wie möglich von ihrem Schmuck aufs Leihhaus tragen und Berge davon versetzen, um Geld zusammenzukratzen für ein neues Arbeitsgerät.
Bis dahin würde es keine nette Geschichte geben.

"Und so, meinst du, kannst du dich aus der Affäre ziehen? Was soll das sein, ein schaffenskriselndes Kurzdrama? Eine müde Bemäntelung unfähiger Einfallslosigkeit ist das. Geschichten von Schreiberlingen, denen nichts einfällt, gibt es zuhauf. Neu und zündend sollte sie sein, die Idee, und nicht abgegriffen und abgelutscht. Aber nun, wo dein Laptop ja zerschmettert in der Ecke liegt –"
"- nehme ich einen Stift und ein paar Bogen Papier -"
"- um was zu tun? Das Thema heißt "Berge versetzen" und nicht "Schiffe versenken", meine Liebe."
"Woher weißt du -?"
"Ich kenne dein Gesicht, wenn du versuchst zu kneifen."
"Also gut, dann schreibe ich halt ... ein Märchen."
"Wow. Darauf hat die Welt gewartet."
"War das jetzt Sarkasmus?"
"..."


Es war einmal eine Prinzessin, die hieß Pakao. Sie war schlank und strahlend schön und sie sollte heiraten.
Bewerber gab es genug, gutaussehende, reiche, eingebildete Prinzen, Aber sie wollte keinen von ihnen, denn alle hatten nur vor, sich zu schmücken mit ihrem Liebreiz.
Sie wollte aber keine hohle Hülle an der Seite eines Idioten sein.

Eines Tages, als sie sich anschickte, auszureiten, sah sie dem Pferdeknecht tief in die Augen, und da war es um sie geschehen.
Die beiden heirateten, und da der König sie ob der unstandesgemäßen Eheschließung verstieß, zogen sie in eine kleine Hütte in den tiefen Wald, wo sie unbemerkt von der Welt ihrer Liebe leben konnten.
Der Pferdeknecht war ziemlich fett, er hatte einen massigen Nacken, einen dicken Bauch und überaus kräftige Oberschenkel. Wenn die Prinzessin beim Liebesspiel auf ihm herumturnte, so sah das aus, als wenn ein Äffchen auf dem Felsen von Gibraltar herumkletterte, und auf der Säule des Herkules reitend war sie dem Himmel so nah wie nie. Wenn Touristen dagewesen wären, hätten sie sich köstlich amüsiert.
Es waren aber keine da.
So lebten die beiden eine ganze Weile in Sinnenseligkeit vereint. Alles, was sie darüber hinaus zum Leben brauchten, ließen sie sich per Internet liefern. Sie vermißten nichts und niemanden, sie hatten ja sich und Amazon.
Im Lauf der Zeit und durch die unermüdliche erotische Gymnastik, der sich der Pferdeknecht tagtäglich und allnächtlich unterziehen mußte, wurde er immer beweglicher und immer dünner, bis er eines Tages feststellte, daß sein Bauch ganz und gar verschwunden war. Er drehte sich um zu seiner Frau und wollte sie darauf hinweisen, und da staunte er: die Prinzessin hatte nun ihrerseits einen überaus angeschwollenen Leib, den sie offensichtlich mit Stolz und großer Freude vor sich herschob.
Sie grinste und sagte zu ihrem Ehemann:"Siehst du, mein Schatz, unsere Liebe kann Berge versetzen!"

"So! Das wars! Ach nee – Und sie lebten glücklich und zufrieden alle drei bis an ihr -"
"Ende. Und nun komm. Es gibt Kaffee und Matterhörnchen, frischgebacken für unseren Ehrengast. Der Berg ruft."

Letzte Aktualisierung: 16.05.2013 - 23.24 Uhr
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