Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Eva Fischer IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Berge versetzen | Mai 2013
Oskar und die anderen
von Eva Fischer

Oskar rieb sich die Augen. Er wollte nicht glauben, was er sah.
Nichts! Wo war das Werk eines Tages geblieben?

Oskar liebte die Arbeit. Er mochte die frische Luft unter freiem Himmel und den Kontakt mit seinen anderen Kumpeln. Vor allem die Gegenwart von Odette gefiel ihm, ihre langen, schlanken Beine, auch die Taille war betörend, ihre Augen hätten selbst die dunkelste Nacht für ihn erhellt.
Klar, sein Freund Otto durfte auch nicht fehlen. Er war ein paar Sekunden früher geboren als Oskar, stand ihm stets hilfreich zur Seite und verteidigte ihn, wenn es Zoff mit Orest gab, der schlampig arbeitete, ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen.
Teamarbeit war wichtig für das Gelingen des großen Ganzen. Nur so konnten alle über sich hinauswachsen und Berge schaffen, die das Hundertfache ihrer Körpergröße überstiegen.

Oskar versuchte, den Schrecken aus den Gliedern zu schütteln. Doch es half nichts. Er musste handeln und zwar sofort. Der Chef musste benachrichtigt werden. Eilig machte er sich auf den Weg, lief den langen Tunnel entlang, folgte seinem ausgeprägten Orientierungssinn und stieß fast mit Olga zusammen.
Olga! Das durfte doch nicht wahr sein! Gern wäre er ihr ausgewichen, aber sie saß breitbeinig im schmalen Gang und frühstückte. Oskar roch Eier, die mit Kräutern garniert waren, und frisch aufgebrühten Holundertee.
„Was willst du hier zur frühen Morgenstunde, Kleiner ?“, brachte sie mürrisch zwischen zwei Bissen hervor.
„Ich muss dringend den Chef sprechen“, stammelte Oskar, der jedes Mal ein bisschen eingeschüchtert war von ihrer körperlichen Fülle, besonders das Hinterteil war gigantisch..
„Oswald schläft noch. Überleg dir genau, ob du dir seinen Unmut zuziehen willst. Setz dich lieber zu mir!“
Bevor Oskar noch eine Entscheidung treffen konnte, sah er Oswald um die Ecke kommen.
„Chef, Chef, verzeihen Sie, wenn ich Sie störe, aber ich habe eine wichtige
Meldung zu machen. Unsere Baustelle von gestern ... sie ist ...“
„Was ist damit, Kleiner? Komm endlich zur Sache!“
„Nun, sie ist weg, hat sich einfach in Luft aufgelöst.“ Oskar kamen fast die Tränen, als ob er das Elend selbst verursacht hätte.
„Bestelle die anderen auf den Appellplatz, sagen wir in einer halben Stunde! Ich möchte nämlich erst frühstücken.“
Oswald schien gefasst, wie es sich für einen Chef gebührte. Oskar dagegen rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, um die Order auszuführen.

Die Münder der Anwesenden formten ein erstauntes „O“, als sie erkennen mussten, dass ihr Tagwerk verschwunden war.
„Das waren unsere Feinde aus dem Stamme A“, mutmasste Otto mit einem Blick auf Oskar.
„Genossinnen und Genossen!“, begann der Chef seine Rede.
„Ich habe euch hierher bestellt, um euch mitzuteilen, dass unser Werk des Vortages vergebens war.“ Er räusperte sich. „Nun, ihr habt es bereits mit eigenen Augen gesehen. Doch wir sind fleißige Ameisen und lassen uns durch so einen Zwischenfall nicht aus dem Konzept bringen.
Deshalb hurtig ans Werk! Arbeit macht das Leben schön.“ Dabei klatschte er unmissverständlich in die Hände.

„Was soll daran schön sein, für Noppes zu arbeiten?“, maulte Orest .
„Arbeit ist eh nicht dein Ding, du missratenes Subjekt “, schimpfte Oskar.
Er nahm sich vor, seine Aufgabe heute besonders gut zu erledigen, suchte eifrig nach Baumaterial, das er sorgfältig polierte, so dass es in der Sonne wie Diamanten glänzte.
Odette warf ihm bewundernde Blicke zu, die ihn besonders anspornten.
Vielleicht wurden Odette und er doch noch ein Paar? Nicht ausgeschlossen, dass sie ihn für würdig befand, der Vater ihrer Kinder zu werden.
Die Zeit verging wie im Flug. Das war ein weiterer Vorteil der Arbeit. Langeweile Fehlanzeige.
Abends hing ihm die Müdigkeit bleiern in den Gliedern, so dass er Ottos Angebot ablehnte, noch einen Absacker in der nah gelegenen Nektarbar zu trinken.

In der Nacht suchten ihn Alpträume heim. Was, wenn sich der Taugenichts Orest an Odette herangemacht hatte? Er trank immer Nektar über den Durst und verlor dann die Kontrolle. Nicht auszudenken, wenn er Odette einen ihrer zarten Fühler gekrümmt hatte.
Oskar fuhr hoch, aber es war noch dunkle Nacht. Da er nicht mehr einschlafen konnte, schlich er sich lautlos aus seinem Etagenbett ins Freie.

Der Mond stand voll am Himmel und ließ sein sanftes Licht auf Oskar scheinen. Morgen würde er Odette zu einem kleinen Nachtspaziergang einladen, nahm er sich vor.
Plötzlich hörte er ein Rascheln. Unruhig hielt er nach einem möglichen Fluchtweg Ausschau, als eine vertraute Stimme sagte: „Hast du es auch schon gesehen?“
„Mensch, Otto, wie kannst du mich so erschrecken! Warum läufst du hier herum? Kannst du auch nicht schlafen?“
„Ich wurde von einem merkwürdigen Geräusch wach, so ein Kratzen und Schaben. Als ich rauskam, sah ich ein monströses Ding mit riesigen Borsten. Es kam auf unser Kunstwerk zu und riss es auseinander. Schau nur, was davon noch übrig geblieben ist!“ Otto war die Erschütterung anzusehen. Oskar fürchtete, er könne jeden Augenblick zusammenbrechen.

Nach dieser erneuten Niederlage machten beide kein Auge zu in dieser Nacht.

„Bei Odin! Das ist eine Prüfung des Himmels, aber wir vom Stamme O lassen uns nicht unterkriegen. Also an die Arbeit wie immer, Genossen! Mit einem Lied auf den Lippen geht alles einfacher.“

Oswalds Optimismus war wirklich nicht kleinzukriegen, dachte Oskar, der kaum noch genug Energie hatte, um einen Schritt vor den anderen zu setzen.
Ursachenforschung ist die Sache des Chefs nicht, aber so kann es auch nicht weitergehen. So erreichen wir unser Ziel nie. Was sollen die Frauen von uns denken?
Odette war zu seinem Leidwesen gar nicht erst erschienen, nur Orest, der seine Arbeit noch liebloser machte als sonst.

Oskars Streifzüge, um Baumaterial herbeizuschaffen, wurden immer länger. Der weiche, dunkle Erdboden war angenehm für seine Füße, angenehmer als der Arbeitsplatz auf einer Steinplatte, wo kein Blatt Schutz vor der immer heißer werdenden Sonne bot. Hier gab es herrliches Grün, auf dem Blattläuse wie reife Äpfel wuchsen.
Warum konnten sie ihr Kunstwerk nicht hierher versetzen??

„Nicht einschlafen! Arbeiten ist angesagt!“
Odettes Augen funkelten ihn halb spöttisch, halb amüsiert an.
Oskar fuhr elektrisiert hoch.
„Odette, du musst mir helfen. Wir müssen die anderen überzeugen, unsere Baustelle hierher zu verlegen. Es macht doch keinen Sinn, jeden Tag von vorn anzufangen. Du willst doch auch, dass euer Palast endlich fertig wird!“
„Wenn du den Helden mimen willst, bitte! Du kriegst auch einen Oscar, wenn du deine Rolle gut spielst. Aber lass mich da gefälligst raus!“
Sie entschwand mit wippenden Hinterteil und ließ ihren Verehrer verdattert zurück.

War es Wut? War es Trotz? War es Liebe? Oder war es einfach der Wunsch, zu einem krönenden Abschluss zu kommen? Oskar lief zurück zu den anderen.

„Alle auf den Appellplatz! Order vom Chef!“, brüllte er.
Wollen wir nur hoffen, dass Olga Oswald hinreichend beschäftigt und der Chef nicht auftaucht, dachte er, als er alle Augen auf sich gerichtet sah.

„ Liebe Freunde! Wie ihr schon gemerkt habt, ist unsere Baustelle hier nicht mehr sicher. Deshalb wird sie an einen anderen Ort verlegt. Jeder nimmt sich so viel Baumaterial, wie er tragen kann, und folgt mir. Ich zeige euch den Weg. Auf geht’s!“

Die Ameisen waren begeistert von dem neuen Standort. Der Berg wuchs nun ohne weitere störende Vorkommnisse. Oswald hatte sich nicht mehr sehen lassen, doch nun nahte das Einweihungsfest.

Seine Frau Olga, die ihn um einen Kopf überragte, begleitete ihn.
Kritisch steckte sie ihre Nase in die blank polierte Eingangshalle, schritt gemächlich die neuen Zimmer ab, knabberte an frischen Raupenkeksen.
„Frei-Nektar für alle!“, gab sie endlich das Signal für die Feier.

„Ach, Ossilein, das war eine reizende Idee, unseren Palast ins Grüne zu verlegen“,
schnurrte Olga.
Bei Odin, ich kann mich gar nicht mehr erinnern, dachte er. Ich fürchte, ich werde alt.



*

„Oma, du erzählst Märchen.“
„Wieso? Sind die Ameisenhügel auf meiner Terrasse nicht echt?“
„Doch, schon, aber ....“
„ Aber was?“
„Ameisen haben Arbeiterinnen.“
„Da kannst du sehen, wie emanzipiert die Natur ist.“





2.Fassung

Letzte Aktualisierung: 05.05.2013 - 14.48 Uhr
Dieser Text enthält 8056 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2017 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.