Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Berge versetzen | Mai 2013
Herrn Kastnings letzte Amtshandlung
von Ingo Pietsch

Im Gegensatz zu seinen Kollegen hatte Herr Kastning nicht das Wochenende durchgemacht. Er war, wie jeden Tag, pünktlich zur Arbeit gekommen. Und das seit über vierzig Jahren.
Fast nie krank und nie über irgendetwas beschwerend.
Jetzt saß er in seinem Kellerbüro vor dem aufgeräumten Schreibtisch und starrte die halb vertrocknete Zimmerpflanze an, die etwas mehr Licht hätte vertragen können, als nur das künstliche Strahlen der brummenden Neonröhren.
Herr Kastning war Chefinspektor der Abteilung für Baugenehmigungen ohne Außeneinsatz.
Nur anhand von Statistiken, Vorortvermessungen seiner Kollegen und Fotodokumentationen vergab er dann die Genehmigung, wenn alles den Vorschriften entsprach.
Herr Kastning war eine Koryphäe auf seinem Gebiet, denn er hatte sich im Laufe der Jahre ein immenses Fachwissen angeeignet.
Vor zehn Jahren war Herr Kastning allerdings in den Innendienst versetzt worden, da er keinen Führerschein besaß und die Stadt in den letzten Jahrzehnten so angewachsen war, dass man ohne Auto nicht mehr alles erreichen konnte. Die Mittel waren zu knapp, um ihm einen Fahrer zur Seite zu stellen.
Dafür kam Herr Kastning jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das schonte wenigstens die Umwelt.
Links auf dem Schreibtisch befand sich die Ablage mit abzuarbeitenden Anträgen. Ganze drei Akten hatten sich dort gestapelt. Für diesen bürokratischen Berg hatte Herr Kastning nun eine Woche Zeit. Dann würde er in den wohlverdienten Ruhestand gehen.
Es war fünf nach Acht, wie Herr Kastning mit seinem typisch akribischen Blick feststellte. Die große Bahnhofsuhr über der Tür war auch kaum zu übersehen und zu überhören. Jede Zeigerbewegung mischte sich mit den brummenden Leuchten zu einer nervtötenden Kakophonie.
Herr Kastnings Körper hatte den Puls dem Sekundentakt der Uhr angepasst.
Langsam geriet Herr Kastning in Bewegung und griff nach der obersten Mappe.
Er schlug sie auf und schaltete seine Schreibtischlampe an. Flusen wanderten durch die Luft und es roch ein wenig verbrannt, da Herr Kastning die Lampe länger nicht gereinigt hatte. Die Putzkolonne wusste nichts von der Existenz dieses Büros.
Deswegen hatte das Kellerbüro auch seinen Vorteil: Er wurde hier nur selten gestört. Kein Lärm von vorbeifahrenden Fahrzeugen oder trommelnden Regens.
Herr Kastning verdrängte das Klacken der Zeiger und konzentrierte sich auf seinen Fall.
Es handelte sich um einen Bauantrag für einen Pudel-Swimmingpool.
Vor noch gar nicht so langer Zeit hatte Herr Kastning dies für einen Scherz gehalten, den ihm seine jüngeren Kollegen unterjubeln wollten. Aber man teilte ihm Fälle zu, die für die oberen Etagen einfach zu unspektakulär waren. Irgendwie musste Herr Kastning ja beschäftigt werden.
Herr Kastning atmete tief durch und musste husten. Staub war durch seine unvermeintlich hektische Bewegung beim Aufschlagen der Mappe aufgewirbelt worden.
Ein Sauberkeitsfanatiker war er nie gewesen. Dafür war es umso einfacher, die verschiedenen Schreibutensilien wieder an ihre angestammten Plätze zurückzulegen, da diese klar umrissen waren.
Herr Kastning nahm sich vor, morgen nach einem Staublappen zu suchen. Für heute war dagegen ein feinfühliges Umblättern vorausgesetzt.
Er überflog die Eckdaten des Pools: 2x2 Meter, 40cm tief. Genügend Abstand zur Grundstücksgrenze und zum Haus. Umzäunung vorhanden.
Mehrere andere wichtige Formalitäten wurden noch geprüft und mit dem lauten Hämmern eines Stempels wurde das Projekt von Herrn Kastning genehmigt.
Die Akte wanderte auf die andere Seite des Schreibtisches. Das hatte Herrn Kastning den gesamten Vormittag gekostet.
Er beschloss, seine Pause auswärts zu verbringen und nahm sich anschließend dem zweiten Fall an.
Allerdings hatte er Herr Kastning mit der zweiten Hälfte des Tages ein Problem.
Er neigte zu Schwindelanfällen und alles verschwamm vor seinen Augen. Das hatte er noch gar nicht lange und keiner außer ihm wusste davon.
Doch er hielt sich wacker und bearbeitete auch den zweiten Bauantrag.
Diesmal handelte es sich um ein Lagerhaus mitten im Wald der städtischen Straßenmeisterei.
Finanziert natürlich durch städtische Gelder. Wozu der Komplex eine Sauna und einen Tennisplatz benötigte, interessierte Herrn Kastning nicht.
Und wieder fiel der Stempel, der schon regelrecht am Glühen war.
Herr Kastnings Blick blieb an dem katalogdicken Antrag hängen, der den Fuß des Berges ausmachte. Den würde er sich für den Rest der Woche vornehmen, jetzt war Feierabend.
Er schnappte sich die beiden bearbeiteten Mappen und brachte sie auf den weiteren Dienstweg in die nächste Abteilung.

Am folgenden Morgen stand zusätzlich eine Tasse Kaffee auf seinem Schreibtisch. Herrn Kastnings Kreislauf kam einfach nicht in Schwung. Das schwarze Gebräu ähnelte aber nur optisch dem Kaffee, den er früher getrunken hatte. Entkoffeiniert und magenschonend, da konnte er gleich Leitungswasser trinken. Er schüttete die dunkle Suppe in seine Zimmerpflanze, die innerhalb von einer Stunde von den Toten auferstand und leuchtend Grün den ganzen Schreibtisch überstrahlte.

Modell des Flughafens der Zukunft
Flughafen Berlin-Brandenburg „Willy Brandt“

Der dritte Ordner war so dick wie das Telefonbuch von Berlin.
Herr Kastning bekam schweißnasse Hände, bei dem Gedanken welches ernorm wichtige Bauvorhaben ihm anvertraut worden war.
Sein Herz klopfte aufgeregt in der Brust.
Alles war feinsäuberlich ausgearbeitet worden. Planung, Durchführung, Deadlines, Budget.
Es fehlte nur noch die finale Unterschrift eines zweiten Sachbearbeiters.
Leider machte sich auch sein gesundheitliches Defizit bemerkbar: Die Zahlen und Buchstaben verschwammen vor seinen Augen.
Plötzlich stand dort Modellflughafen. Herr Kastning liebte Modellflugzeuge und wunderte sich über den großen Etat und die Gesamtgröße des Gebäudes. Lieber Geld beim Bau einsparen und dann in neue Flugzeuge investieren. Er kramte ein Holzlineal aus der Schreibtischschublade und begann Streichungen vorzunehmen, die gar nicht in seinem Kompetenzbereich lagen.

Am Ende der Woche hatte sich das Budget um achtzig Prozent verringert. Herr Kastning hatte sämtliche Papierrollen für seine Rechenmaschine aufgebraucht. Er war mit seinen Änderungen voll zufrieden, auch wenn er sich nicht mehr erinnern konnte, was er eigentlich die ganze Woche gemacht hatte.
Sein Telefon mit Wählscheibe klingelte dermaßen laut, dass es wie Glockenläuten klang.
Ein Kollege fragte nach der Flughafenakte und dass diese aus Versehen bei ihm gelandet war. Herr Kastning erklärte, er hätte sie schon weitergereicht, was auch stimmte.
Bevor er sich endgültig aus seinem Arbeitsleben verabschiedete, besah er noch einmal sein Büro und schloss die Tür zufrieden mit sich selbst.

Pressekonferenz anlässlich der Bekanntgabe des Baues des Flughafens BER
„Stellen wir Ihnen hiermit den Flughafen Berlin vor: den BER.“ Der Bürgermeister zog an einer Schnur.
Die Reporter klatschten und ein Blitzgewitter erhellte den Raum, als die große Leinwand mit dem fotorealistischen Bild enthüllt wurde.
„Die gesamte Planung und Budgetberechnung wurde von unseren Experten erstellt und auf den Tag genau berechnet. Deswegen sollte die Inbetriebnahme ohne größere Schwierigkeiten über die Bühne gehen.“
Stimmen schrien durcheinander und hielten ihre Mikros oder Kameras hoch.
„Ja, bitte?“, fragte der Bürgermeister.
„Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Sie hätten städtische Gelder umgeleitet, um sich eine private Blockhütte zu finanzieren?“
Das Lächeln schwand aus dem Gesicht des Bürgermeisters: „Kein Kommentar!“
Damit verschwand er vom Podium.

Letzte Aktualisierung: 24.05.2013 - 18.49 Uhr
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