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Berge versetzen | Mai 2013
K├Ânig Gr├╝bel und die fr├Âhlichen Schwestern
von Karin H├╝bener

In einem fernen Land lebten einst drei Schwestern. Von Vater und Mutter hatten sie einen Hof geerbt. Der lag an den Ufern eines Sees, in dem sich die Fische nur so tummelten. Auf den saftigen Weiden grasten die K├╝he mit ihren K├Ąlbern, um den Misthaufen scharrten die bunten H├╝hner und bei der Suhle grunzten zufrieden die Schweine. Auch auf den Feldern stand alles zum Besten, denn die Schwestern waren t├╝chtig und hatten au├čerdem flei├čige Helfer.

Kamen Fremde auf den Hof, so wunderten sie sich stets ├╝ber den Frohsinn, der dort herrschte. Fragten sie nach dem Grund, so bekamen sie zur Antwort:
"Wie sollten wir nicht froh sein, wo unsere B├Ąuerinnen doch so freundlich sind. Au├čerdem geht die Arbeit bei Scherz und Gesang leicht von der Hand."
Auch sonst waren die Schwestern keine Kinder von Traurigkeit. Man traf sie auf jedem Tanzfest und abends, wenn die Arbeit getan war, sangen und musizierten sie mit ihren Getreuen. Oft gesellten sich Leute von den Nachbarh├Âfen hinzu. So kam es, dass die jungen Frauen bald nur noch 'die fr├Âhlichen Schwestern' genannt wurden.
In Wirklichkeit hie├č die ├Ąlteste Pummeliese, die mittlere Kraftmarie und die j├╝ngste Tr├Ąumereike.

Zu dieser Zeit herrschte K├Ânig Gr├╝bel ├╝ber das Land. Er bewohnte kein Schloss in der gro├čen Stadt. Denn in seiner Familie war es von jeher Sitte, dass der Besitzer der Krone im Lande umherzog. Dazu lebte er in einem pr├Ąchtigen Wagen, der einer Burg auf R├Ądern glich. Sein Hofstaat begleitete ihn mit Karren und Karrossen.
Sah man die Karawane des K├Ânigs aus der Ferne ├╝ber die Stra├čen ziehen, so wirkte sie majest├Ątisch. Man glaubte, Ritter mit Schild und Lanze auf ihren R├Âssern zu erkennen und Fahnenschwenker nebst Trommlern und Fanfarenbl├Ąsern. Aus der N├Ąhe betrachtet aber entpuppte sich sein Tross als eine lange Reihe von quietschenden Maschinen, mechanischen Vogelscheuchen, Windr├Ądern und Kettenfahrzeugen.
Das Wunderlichste an diesem Aufmarsch war die k├Ânigliche Vorhut.
An der Spitze rollte n├Ąmlich auf Wellblech ein Haufen Sorgen daher. Ihm folgte ein Berg Arbeit und dahinter, nur wenige Kilometer vor dem Wagen des K├Ânigs, glitt auf Raupenr├Ądern ein Gebirge von Einsamkeit heran.
Fanden diese drei einen geeigneten Platz, so lie├čen sie sich unter ├ächzen und Knarzen nieder. In ihrer Mitte entstand ein Tal, in dem der K├Ânig mit seinen Maschinen ein Lager errichtete. Je nach Laune hauste er dort einige Wochen, Monate oder auch Jahre.
W├Ąhrend dieser Zeit ging er seiner Lieblingsbesch├Ąftigung nach, dem Gr├╝beln. Reisende konnten dann ├╝ber den Bergen eine graue, manchmal auch eine schwarze Qualmwolke erkennen.
Zog der Hofstaat eines Tages weiter, so hinterlie├č er ein Gebiet von verbrannter Erde. Es dauerte stets Jahre, bis dieses Land wieder fruchtbar wurde.

Als Pummeliese eines Morgens zum Gem├╝segarten ging, um M├Âhren und Petersilie zu zupfen, fand sie vor dem Zaun einen Haufen Sorgen.
"Euch kann ich nun gar nicht gebrauchen", sagte sie und holte ihre Schwestern herbei. Die drei ├╝berlegten nicht lange, sondern begannen gleich fr├Âhliche Lieder zu singen.
"Es tagt. Der Sonne Morgenstrahl weckt alle Kreatur", zum Beispiel oder den Kanon "Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein K├Ânig."
Da l├Âsten sich nach und nach die einzelnen Sorgen von dem Haufen ab wie bl├Ąttrig gewordene Farbe, trudelten zu den Sch├Ąfchenwolken hinauf und verschwanden in der Weite des Himmels. Zum Schluss blieb nur noch ein Rest von der Gr├Â├če eines Maulwurfsh├╝gels ├╝brig.
"Ein paar Sorgen bleiben immer. Damit l├Ąsst sich leben", sagte Pummeliese. Die Schwestern lachten und gingen wieder in Garten, Stall und Stube.

Am n├Ąchsten Tag wollte Kraftmarie die K├╝he melken. Da erblickte sie hinter der Weide einen Berg Arbeit.
"Dort kannst du nicht bleiben", sagte sie und holte ihre Schwestern, das Gesinde und s├Ąmtliche Nachbarn zur Hilfe. Sie kamen mit Schaufeln, Eimern, Schubkarren und Heuwagen. Den ganzen Tag ├╝ber trugen sie den Berg Arbeit ab und verteilten ihn ├╝ber s├Ąmtliche Felder. Denn Arbeit ist ein guter D├╝nger. Am Abend blieb noch ein Rest von der Gr├Â├če eines Kohleneimers ├╝brig.
"Etwas Arbeit gibt es immer. Damit l├Ąsst sich leben", sagte Kraftmarie. Da lachten alle und gingen heim, um sich von dem Tagwerk zu erholen.

Als Tr├Ąumereike am folgenden Morgen zum Holzsammeln in den Wald wollte, t├╝rmte sich ├╝ber den Tannen ein Gebirge von Einsamkeit.
"Ach, du gro├čer Schreck!", rief sie. Dann ging sie mit ihren Schwestern von Hof zu Hof und von Dorf zu Dorf. Von ├╝berall her machten sich nun Gruppen auf, um im Gebirge nach Pilzen und Beeren zu suchen, um Wildschweine zu jagen und auch, um sch├Âne Aussichten zu genie├čen. Zwischen allen H├╝geln und B├Ąumen h├Ârte man es schwatzen, rufen und lachen. In den T├Ąlern ├Âffneten die Leute ihre Picknickk├Ârbe und von den H├Âhen ert├Ânte manch fr├Âhliches Holldrio!
Im Laufe des Tages schrumpfte das Gebirge der Einsamkeit best├Ąndig in sich zusammen. Darunter kam nach und nach der heimatliche Wald zum Vorschein. Am Ende blieb von dem Morgenschreck noch ein Gebilde in der Gr├Â├če eines Heuhaufens ├╝brig.
"Ein Rest von Einsamkeit bleibt immer. Damit m├╝ssen wir leben", sagte Tr├Ąumereike und lud die Helfer zu einem geselligen Abend ein.

Gerade begannen die Wildschweinbraten ├╝ber der Glut zu duften, als K├Ânig Gr├╝bel mit seinen rostigen Gesellen eintraf.
"Wo sind denn meine Berge geblieben?", fragte er mit strenger Miene.
"Ach, dir haben sie geh├Ârt, Herr K├Ânig!", rief Pummeliese.
"Die konnten wir hier nicht brauchen", sagte Tr├Ąumereike.
"Da haben wir sie abgetragen", erkl├Ąrte Kraftmarie.
K├Ânig Gr├╝bel bekam weiche Knie und schwankte. Ihm war, als habe man ihm soeben den Boden unter den F├╝├čen weggezogen.
Kraftmarie hielt ihn fest.
"Komm, setz dich zu uns ans Feuer, da wirst du dich gleich besser f├╝hlen."
Pummeliese reichte ihm einen Humpen Bier und Tr├Ąumereike schnitt ihm das erste St├╝ck Braten vom Spie├č. K├Ânig Gr├╝bel wusste gar nicht, was er davon halten sollte, denn so etwas hatte er noch nie erlebt.
"K├Ânnen wir deinen Leuten auch etwas Gutes tun?", fragten die Schwestern.
Der Landesherr sch├╝ttelte den Kopf. "Brauchen nix. Sind alle aus Eisen." Mehr Worte brachte er nicht zustande.
"Wozu sind sie denn gut?" Die Schwestern lie├čen nicht locker.
"Tragen meinen Kram und halten mir die Leute vom Hals."
"Aha, dann pass mal blo├č auf, dass wir dir nicht zu nahe kommen", entgegnete Kraftmarie spitz.
"Sonst bricht dir noch ein Zacken aus der Krone", f├╝gte Tr├Ąumereike hinzu.
Pummeliese zwinkerte den Schwestern zu, bevor sie erneut den Humpen des K├Ânigs f├╝llte.

Am n├Ąchsten Morgen rieb sich der K├Ânig in seinem Himmelbett erstaunt die Augen. Denn es war ungewohnt hell in seinem Burgwagen.
Ein wenig brummte ihm der Sch├Ądel. Er reckte sich und schlurfte zum Fenster hin├╝ber. Statt der finsteren Berge erblickte er das Ufer eines Sees. Enten und Blessh├╝hner schwammen dort zwischen dem Schilf. In der Ferne entdeckte er ein Fischerboot auf dem blinkenden Wasser.

Da klopfte jemand heftig gegen seine T├╝r. Der K├Ânig erschrak.
"Komm heraus, K├Ânig Gr├╝bel, wir haben dir ein Fr├╝hst├╝ck mitgebracht!"
Erst in diesem Augenblick fielen ihm wieder die fr├Âhlichen Schwestern ein. Und das Bier und der Braten und die Lieder mit all den T├Ąnzen. Da f├╝hlte er sich so leicht wie schon ewig nicht mehr.

Die frischen Semmeln schmeckten k├Âstlich. Dazu gab es Schinken, Eier, K├Ąse, Marmelade und k├╝hle Milch.
Der K├Ânig wurde ├╝berm├╝tig.
"Bei euch f├╝hle ich mich wie im Paradies. Kann ich nicht eine von euch heiraten?"
"Wie kommst du denn auf sowas?", rief Pummeliese erschrocken. Sie hatte n├Ąmlich schon l├Ąngst einen Schatz.
"Weil ihr mir dabei helfen k├Ânntet, meine Berge klein zu halten", antwortete er. "An euren gr├╝nen Weiden und Feldern sehe ich ja, wie sch├Ądlich sie f├╝r das Land sind."
Tr├Ąumereike war emp├Ârt.
"Na h├Âr mal, Frauen sind doch nicht dazu da, um die Probleme der M├Ąnner zu l├Âsen! Da musst du dich schon selbst bem├╝hn."
Eigentlich waren solch deutliche Worte nicht ihre Art. Aber gestern Abend hatte sich Tr├Ąumereike in den F├Ârster verliebt und den wollte sie um keinen Preis gegen den K├Ânig eintauschen.
"├ťber Probleme zergr├╝ble ich mir schon seit Jahren vergeblich den Kopf." Der K├Ânig seufzte und blickte traurig auf den See hinaus.

Da fand Kraftmarie Gefallen an ihm. Sie lachte.
"Was gibt es hier zu gr├╝beln, Herr K├Ânig? Sorgen vertreibt man mit frohem Mut, Arbeit teilt man sich ein und gegen die Einsamkeit geht man unter die Leute. F├╝r diese Aufgaben gew├Ąhre ich dir gern ein Jahr Probezeit. Danach werden wir sehen."
Pummeliese und Tr├Ąumereike blickten ihre Schwester erstaunt an. Dann mussten sie kichern.
Der K├Ânig aber wurde rot vor Gl├╝ck.
"Ich k├Ânnte aus meinen Maschinen eine Kornm├╝hle bauen und einen M├Ąhdrescher f├╝r die Ernte", schlug er als Brautgabe vor.
"Das", erwiderte Kraftmarie, "klingt schon mal nach einem guten Anfang."

Und wie die Geschichte ausgeht, kann sich nun ein jeder denken.

Letzte Aktualisierung: 27.05.2013 - 20.27 Uhr
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