Der Tod aus der Teekiste
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Berge versetzen | Mai 2013
Rückblick
von Elmar Aweiawa

„Wenn wir das Projekt ‚Rückblick‘ durchziehen wollen, müssen wir eine Menge Widerstände aus dem Weg räumen. Also packen wir es an!“
Mit diesen Worten eröffnete Herr Lumumbu die Konferenz, die in die Annalen der Menschheitsgeschichte eingehen sollte. Womit er allerdings eine äußerst dezente Einschätzung abgab, denn die wissenschaftlichen Klippen, die umschifft werden mussten, waren höher als der Nanga Parbat, und nicht minder stolz erhob sich das Problem der Finanzierung. Die ersten Schätzungen trieben den Teilnehmern der Konferenz den Schweiß auf die Stirn.

Es gab gute Chancen, den wissenschaftlichen Berg zu versetzen, denn so viele hochkarätige Nobelpreisträger und Wissenschaftler hatten sich noch nie in einem Konferenzsaal zusammengefunden. Als Herr Lumumbu rief, kamen sie alle. Mit ihm zusammenzuarbeiten gereichte zur Ehre, und niemand konnte ruhigen Gewissens ablehnen. Immerhin handelte es sich um DAS Genie der letzten Jahrhunderte.
Das Finanzierungsproblem dagegen musste vertagt werden, denn unter ihnen gab es niemanden, der sich in derlei profanen Dingen auskannte.

Die von der Weltregierung zur Verfügung gestellten Gelder gingen bereits zur Neige, als Herr Lumumbu seinen Wissenschaftlern Gitte Tempúsfu vorstellte. Ihre kaffeebraune Haut, von der sie stets ziemlich viel zur Show trug, sowie die extreme Kürze ihrer Miniröcke ließen keineswegs darauf schließen, dass sie die Lösung des Geldproblems sein konnte. Doch die skeptischen Äußerungen der beteiligten Wissenschaftler verstummten ziemlich schnell.

In den Zeitungen avancierte „Rückblick“ schon bald nach Gittes Arbeitsbeginn zum Publikumsrenner. Ihr Äußeres trug maßgeblich zur Beliebtheit des Projektes in Journalistenkreisen und in der Öffentlichkeit bei. Kaum eine Zeitung ließ es sich nehmen, ihre weiblichen Attribute ins rechte Licht zu setzen, und ihre nackten Schenkel zierten manche Titelseite. Frau Tempúsfu schien allgegenwärtig.
„Nur mit Öffentlichkeitsarbeit kann man das Geld beschaffen“, verkündete sie bei ihrer Antrittsrede. Und wie recht sie damit hatte! Fonds wurden aufgelegt, private Anleger investierten und die Banken der Weltregierung erwiesen sich plötzlich als sprudelnde Geldquellen. Dass das Projekt nicht auf halbem Weg eingestampft werden musste, verdankte man Gitte, darüber herrschte Einigkeit unter den Wissenschaftlern.

Dabei war „Rückblick“ ein Experiment von allergrößter Tragweite für die Menschheit. Die Kosten, die dafür veranschlagt wurden, hätten keiner Unterstützung durch nackte Beine bedurft, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Schwindelerregende fünfunddreißig Milliarden Euro! Kein Pappenstiel also.

Die wissenschaftlichen Grundlagen stammten aus neuester Zeit, und der unter anderem als Physik-Genie angesehene Kenianer Akele Lumumbu leitete das Projekt. In Zusammenarbeit mit europäischen und russischen Wissenschaftlern bauten sie einen Prototyp, dessen Funktionsweise nur von einer Handvoll Menschen wirklich verstanden wurde. Wie sollte auch ein Normalsterblicher verstehen, mittels welcher Naturgesetze und mathematischer Formeln man einen Blick in die Vergangenheit werfen konnte? Denn genau damit beschäftigte sich das Projekt „Rückblick“.

Lokal und zeitlich begrenzt war ein Blick in die Vergangenheit gemäß Lumumbus Formeln möglich, auch wenn es dazu einer gigantischen Menge Energie bedurfte. Sie richtete sich nach der Anzahl Jahre, die man zurückgehen wollte, der Größe des betrachteten Raums, und natürlich nach der Dauer der Beobachtung. Die Energie, die man aufwenden musste, um für zehn Sekunden einen Kubikmeter Raum vor einem Jahr zu beobachten, entsprach der Menge, die London in einem Monat verbrauchte. Die Apparatur, die man dafür benötigte, hatte die Ausmaße einer mittleren Stadt, und die Unterbringung der Wissenschaftler, die das Projekt begleiteten, benötigte ähnlich viel Platz. CERN war eine Bagatelle dagegen.

„Wie wurde die Auswahl für den Moment der Beobachtung getroffen?“, wurde Frau Tempúsfu in der letzten Pressekonferenz vor dem Experiment gefragt.
„Ein Ethikrat“, erklärte sie, „dessen Mitglieder aus allen an der Finanzierung beteiligten Ländern stammen, hat in unzähligen Beratungen einen Augenblick der Weltgeschichte ausgewählt, der wegen der Kosten nicht zu lange zurückliegt, und dessen Relevanz für jeden Menschen evident sein wird.“
„Und wann wird das Ergebnis öffentlich gemacht?“
„Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bin befugt, Ihnen die Entscheidung hier und jetzt bekannt zu geben.“
Ein Raunen ging durch die Reihen der Anwesenden. Eine Sensation! Vereinzelte Schreie aus dem Publikum verrieten die Anspannung. Gitte spielte wieder einmal auf der Klaviatur der Mediensensationen, zelebrierte eine endlos erscheinende Pause, bevor sie verkündete:
„Die Stunde der Unterzeichnung der Gründungsurkunde des Weltstaates, die unser kürzlich verstorbener, allseits beliebter Weltpräsident Thor Klingsor im Mai 2065 vornahm, wurde einstimmig ausgewählt.“

Der aufbrandende Jubel zeigte, dass die Ethikkommission eine gute Wahl getroffen hatte. Der Tod Thor Klingsors hatte weltweite Betroffenheit und Trauer ausgelöst. Ihn in diesem wichtigen Moment noch einmal live zu sehen, und sei es auch nur für zehn Sekunden, eignete sich vorzüglich für das erste Experiment.
Natürlich gab es unzählige Aufzeichnungen dieses Augenblicks, doch jetzt ging es darum, ihn quasi live wieder mitzuerleben. Unabhängig davon, ob er damals in Bild und Ton festgehalten worden war oder nicht. Zudem konnte anhand der Aufzeichnungen festgestellt werden, wie zuverlässig die neue Methode funktionierte und wie originalgetreu das Verfahren die Wirklichkeit widergab.

***

„Wie sicher können wir sein“, fragte der Chefinstruktor seinen Spezialisten, „dass wir genau den richtigen Moment erwischen?“
„Wir haben keine Erfahrung, wir müssen uns auf die Berechnungen verlassen.“
„Aber Sie wissen, dass die Übertragung weltweit zu sehen sein wird? Geschätzte zehn Milliarden Menschen werden zuschauen.“
„Wir haben alles Menschenmögliche getan. Die Feinjustierung müssen wir dann vornehmen, wenn es so weit ist.“
Die Übertragung beruhte auf einer Idee Gittes. „Jeder Zuschauer“, so hatte sie vorgerechnet, „bringt uns bares Geld, denn die Fernsehrechte werden verkauft und die Einnahmen richten sich nach der Zuschauerzahl.“ Oh ja, sie verkörperte die Seele des Projektes, und das nicht nur, weil Akele sie kürzlich geheiratet hatte.

***

„ ... three, two, one, zero!“
Natürlich erteilte man Gitte als Aushängeschild des Projektes und frischgebackener Ehefrau von Akele Lumumbu die Ehre, die Weltübertragung zu moderieren.
Die Bildschirme flackerten, das Bild war verschwommen, doch als die Techniker mit fliegenden Fingern nachjustierten, wurde die Übertragung gestochen scharf. Die Kontrollinspektoren im Übertragungszentrum jubelten, und der Monitor, der die Zuschauerzahlen anzeigte, hatte die Schallmauer von zehn Milliarden weit hinter sich gelassen.


***

Thor Klingsor ging durch den Flur in Richtung Krönungssaal, bohrte genüsslich in seiner Nase, beförderte einen ansehnlichen Popel zutage und schmierte ihn in sein Taschentuch. Es wurde der mit Abstand berühmteste und teuerste Nasenpopel der Weltgeschichte.

© aweiawa, 2013
Version 3

Letzte Aktualisierung: 24.05.2013 - 18.48 Uhr
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