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Berge versetzen | Mai 2013
Herzstolpern
von Martina Lange

David stand still am Anfang der Straße. Langsam rutschte ihm der Rucksack von der Schulter. Am abgenutzten Riemen glitt er über Davids Arm hinunter, bis er ihn in der Hand spürte und zufasste. Das Eigengewicht zog den Sack zu Boden. Mit einem satten Plumpsen traf er auf und schlug David gegen die Wade.
Als er gegangen war, stachen die Bäume rechts und links von ihm nackt in den Himmel. Jetzt standen sie in leuchtendem Grün. Dazwischen lagen all die Geburtstage, Ostern, Weihnachten und der Hochzeitstag. Er hatte Nora nicht einmal gefragt, ob sie mit ihm kommen würde. Der fremd gewordene Heimweg lag vor ihm. Nur wenige Schritte weiter und sie würde ihn sehen können. Wenn er sich hier umdrehte und wegging, dann würde sie noch nicht einmal erfahren, dass er dagewesen war. Zurück. Sein Herz stolperte und seine Knie wurden wie warmer Pudding.
Aber vielleicht war sie gar nicht mehr dort. Wartete nicht länger auf ihn in dem großen, leeren Haus.
Nun, nicht ganz leer. Immerhin hatte er auch die Kinder zurückgelassen. Sie musste ihn verachten. Und sie hatte Recht. Aber er würde alles, wirklich alles ertragen, wenn sie nur da wäre. Zum tausendsten Mal fragte er sich, ob Nora jetzt noch zuhören würde, wenn er ihr zu erklären versuchte, was mit ihm geschehen war. Mit Worten so unvollkommen, dass sie ihm damals nicht hatten über die Lippen kommen wollen. Er hatte mit niemandem sprechen können, danach. Wer hätte auch nur ansatzweise nachvollziehen können, in welch destruktiven Wirbeln seine Gedanken ihn aus seinem Leben gerissen hatten?
Ein junger gesunder Mann, der sich sein Leben erfolgreich gestaltet hatte und der genau das plötzlich nicht mehr ertragen konnte. Er hatte sich ein Gebirge aus Erfolgen und Pflichten zusammengetragen, dessen Ausmaße und Gewicht mit jedem Stein schlimmer auf ihm lasteten, ihn begruben und allmählich jede Luft zum Atmen nahmen.

An jenem Morgen fuhr David einfach weiter. Er konnte den Zug an der gewohnten Station nicht verlassen. Granitschwer war sein Körper, sodass es ihm nicht gelang sich aus dem Sitz zu stemmen. Die Welt auf der anderen Seite der Scheibe wischte vorüber. Streifiges Grün wechselte über in schmutzige Industriegebiete und immer flacher werdendes Land. Nichts davon berührte ihn. Die Welt sprach nicht länger zu ihm. Nicht verstummt, nein, als würde er die Sprache, die sie benutzte, nicht mehr verstehen.


Über der verblassenden Erinnerung presste David die Augen zusammen und fasste den Riemen fester. Die altbekannte Atemnot jedoch blieb aus. Dieses Symptom hatte er überwunden.
Er war damals ausgestiegen, als der Zug die Endstation erreicht hatte. Durch unbekannte Straßen wanderte er, mehr als ein Jahr lang. Zuerst hinunter zum Hafen, dann über das Meer, von einem fremden Land in das nächste. Dabei trug er nicht mehr als seinen Rucksack bei sich.
Durch die Länder ließ er sich treiben. Ziellos wie Totholz im Salzwasser. Er arbeitete von Sonnenaufgang an, bis sein Körper zu erschöpft war zum Denken. Dann sackte er einfach auf der ihm zugewiesenen Schlafstätte zusammen und versank in gnädige Dunkelheit.
In einem Hafen, einem unter unzähligen, blickte er ohne besonderen Grund auf. Zum ersten Mal nahm er nicht mehr den Kai und die Lastkräne, die Polder und Taue wahr, sondern das Meer.
An diesem Abend fiel David nicht in seine Koje, sondern folgte der schmalen Straße aus dem Hafen hinaus in die Gassen der Stadt. Weiß gekalkte Häuser, zwischen denen sich die Hitze des Tages staute. Lichter, die in den Olivenbäumen hingen und die einfachen Tische beleuchteten. Männer, alte und junge, die Kaffee und Raki tranken und Backgammon spielten. In ihrem melodischen Singsang über Gott und die Welt sprachen, während leise klickernd Perlenschnüre durch ihre Finger glitten. David sah sich um und saugte all dies warme Leben in sich auf wie ein Verdurstender. Endlich gesättigt, kehrte er müde zum Hafen zurück. In einer kleinen Cafeteria gönnte er sich einen süßen und starken Kaffee. Gleich neben der blubbernden Maschine erblickte er einen Ständer mit vergilbten Postkarten. Sein Sohn liebte diese Karten, die von den entlegenen Orten erzählten. David kaufte eine.
Das tat er auch im nächsten Hafen und im übernächsten und immer weiter, bis … bis er sich endlich fand. Er wog den Stapel dicht beschriebener, bunter Grüße an seinen Sohn und seine Tochter noch einmal in der Hand und stopfte sie dann in den nächsten Briefkasten. Für seine Frau hatte er auf jede Karte ein Herz neben ihren Namen gemalt.


***


Entschlossen setzte David einen Fuß vor den anderen. Nur noch zwanzig Schritte, dann stand er vor seiner Haustür. Oder vor dem, was einmal sein Zuhause gewesen war.
Ob sie ihn erkennen würden? Mit dem langen Haar, das er mittlerweile als Zopf trug. Dem Bart, den er nur so weit stutzte, dass er ihm nicht im Essen hing. Braungebrannt, mit losem Hemd und zerrissener Jeans. Lediglich der schmale Goldreif schimmerte locker an seinem Finger. Einziger Luxus, den er noch besaß.
Die Tür ging auf. Sein Sohn stand vor ihm. Nach dem ersten Schrecken, der den Jungen sprachlos machte, begann er lautstark nach seiner Mutter zu rufen und knallte David die Tür vor der Nase zu. Verblüfft, aber nicht wirklich überrascht, drückte David auf die Klingel. Der vertraute Ton schallte durchs Haus. Zögernd öffnete sich die Tür erneut. David war einen Schritt zurückgetreten, um nicht aufdringlich zu wirken. Vielleicht gab dieser geringe, aber doch entscheidende Abstand Nora die Möglichkeit, ihn ganz zu erfassen. Nach anfänglicher Skepsis, sogar Ablehnung, schlich sich in ihren Blick Erkennen und Schmerz. Eine Qual, die er ihr bereitet und die ihr Gesicht zerschnitten hatte. In jeder winzigen Falte um Augen und Mund sah er den Gram hocken. Über ihrem einst schimmernden blonden Haar lag die Traurigkeit wie ein stumpfer Schleier. Und ihre Lippen presste sie fest zusammen, bis nur noch ein schmaler Strich übrig blieb.
Neugierig lugten hinter Noras Rücken seine Kinder hervor.
„Mama? Wer ist der Mann?“
Nora holte tief Luft. „Nun seht einmal genau hin. Hinter all diesen Zotteln ist euer Vater.“
Noah kniff die Augen zusammen und musterte ihn angestrengt. Ganz, als benutzte er eine Heckenschere, um den ihm bekannten Vater herauszuschneiden aus seinem Gegenüber. Seine Tochter Dana aber sah ihm tief in die Augen. Dann riss sie die Arme hoch und stürzte ihm entgegen. Einen kurzen Lidschlag später folgte ihr Bruder. Sie drückten sich an ihn und er sich an sie. Alle drei waren von ihrer grenzenlosen Freude berauscht. Diese Woge des Glücks schwemmte sie über die Schwelle ins Haus. Nora schloss stumm die Tür.
„Komm, Papa, wir müssen dir etwas zeigen.“ Noah und Dana zogen ihn vorwärts bis ins Wohnzimmer. Die vertraute Einrichtung war verschwunden. Dafür lagen einige Kissen auf dem Boden. Ein niedriger Tisch. Die Sessel waren abgewetzt. Sie passten nicht zusammen. Von dem antiken Mobiliar war kein Stück mehr geblieben.
An der Wand, die einst hinter einer Jugendstil-Vitrine von Charles Rennie Mackintosh verborgen gewesen war, breitete sich ein farbenprächtiges Bild aus. Auf den ersten Blick glich es einem Puzzle. Als David es genauer betrachtete, erkannte er all seine Postkarten. Und nicht nur das. Die Karten waren auf einer Weltkarte angebracht und mit roten Wollfäden verbunden. Seine ganze lange Reise.
„Wir haben zu jedem Land, in dem du warst, selbst Bilder gemalt, sieh nur.“
Da gab es Bilder von Palmen, Kamelen, Sandstränden, darüber hinaus von Häusern, die wie Schwalbennester an steilen Küstenfelsen klebten, Segelbooten und Containerschiffen auf hoher See und … Leuchttürmen.
„Sie haben gehofft, dass dich einer davon den Weg nach Hause finden lässt“, flüsterte Nora ihm über die Schulter ins Ohr. David wandte den Kopf, um ihr in die Augen sehen zu können. Mit fest vor der Brust verschränkten Armen erwiderte sie seinen fragenden Blick.
Die begeisterten Beschreibungen seiner Kinder gerieten in den Hintergrund.
„Und du …“, fragte er tonlos, “wolltest du mich auch zurück?“
Nora sah von ihren Füßen zur Wand und schließlich David direkt in die Augen. Ihr Blick schnitt tief. Sein Herz stolperte einen Schlag lang, dann antwortete Nora ihm.
„Wenn Noah und Dana nicht gewesen wären, dann … wäre ich nicht mehr hier. Sie haben immer an dich geglaubt. Und sie haben mich daran erinnert, dass es wichtig ist, einem Freund zu helfen, ganz gleich, wie dumm er sich benommen hat. Meine Freundschaft zu dir ist der Grund, warum wir hier stehen.“
David schluckte. Das war viel. Eigentlich viel mehr, als er erwartet hatte. Und hatte erwarten dürfen. Deshalb wunderte er sich über sich selbst, als ihm die nächsten Worte aus dem Mund fielen.
„Und unsere Liebe?“
„Wir werden sehen.“

Letzte Aktualisierung: 25.05.2013 - 23.40 Uhr
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