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Inspiration durch ein Bild | Juni 2013
Gegenwartskunst aus nachwachsendem Rohstoff
von Anne Zeisig

“Seit Jahren gehe ich mit Christa ins Theater! Und seit ewigen Zeiten begleitet sie mich auf die Orgelkonzerte! Von der Sportgruppe mal abgesehen, weil ” -
Ich unterbrach den Redefluss meiner Gattin Marlies und vollendete ihren letzten Satz. “Weil Christa sich freut, wenn du sie begleitest, denn ihr Hermann ist ein Kulturbanause.” Ich umarmte mein Graueselchen. “Es macht mir nichts aus, wenn du mit Christa unterwegs bist.”
Sie schob mich von sich und stemmte ihre Hände in die Hüften. “Bist du noch nie auf die Idee gekommen, dass ich das alles lieber mit dir unternehmen würde als mit Christa?”
Ich ahnte Schlimmes, gab mich aber gelassen und werkelte weiter an dem Vogelhäuschen. Marlies Anwesenheit in meiner Hobby-Werkstatt gefiel mir überhaupt nicht.
Auf hoher See bringen Frauen an Bord Unglück und ich ahnte, dass es hier nicht anders sein würde.
“Du bist ein viel schlimmerer Kulturbanause als Hermann! Der nimmt wenigstens an der gemischten Senioren-Gymnastiktanz-Gruppe teil.”
Wenn Hermann seinen Bierbauch und die Storchenbeine ungelenk zu Samba-Rhythmen bewegte, hatte das eher was mit Anti-Kultur zu tun.
Ich hielt theatralisch das unvollendete Vogelhaus hoch. “Und das hier? Zeugt das nicht von Kultur?” Beinahe hätte ich mir dabei einen Holzspan in den Finger gezogen.
“Du verwechselst Kultur mit Tradition.”
“Tradition?”
“Ja”, erklärte Marlies mir, “die Tradition in deiner Familie, Vögeln ein Dach über den Kopf zu geben und sie nicht verhungern zu lassen. Aber dass ich kulturell und emotional verhungere, stört dich überhaupt nicht!”
Sie zwinkerte mir zu und wischte mit ihrer Schürze über den Hobeltisch.
Ich konterte. “Die Späne sauge ich weg, wenn ich fertig bin. Du musst hier keinen Frühjahrsputz veranstalten, weil das die Tradition deiner Familie ist.”
“Dann beeile dich mit dem Reinemachen”, flötete meine Angetraute im Hinausgehen, “denn heute werden im Museum die Bilder von Marietta Henriette von Dorfenberge ausgestellt!”
Aha! Nun hatte das Unglück einen Namen.
“Die kenne ich nicht!”, rief ich Marlies hinterher.
“Weil du mich begleitest, wirst du sie kennen lernen!”, rief sie zurück.

. . .

Ich hielt mich mit der linken Hand an einem Glas Sekt fest, mit der rechten schob ich mir bereits das vierte Lachs-Meerrettich-Häppchen in den Mund und meine Krawatte kniff unterm Doppelkinn. Marlies war mir aus unerklärlichen Gründen abhanden gekommen, ich konnte sie unter den Menschengrüppchen nicht ausfindig machen und fühlte mich fehl am Platze.
Also beschloss ich, es einigen gleich zu tun und schlenderte an den ausgestellten Bildern vorbei. Zwischen Holzschutzlasur und Hobelspänen hätte ich mich wohler gefühlt.
“In Zeiten der Niedrigzinsphase sollte man sein Portfolio nicht nur mit Aktien bestücken sondern auch mit Gegenwartsmalerei”, sprach mich eine alte Dame an, die sich für diesen Abend offenbar besonders im Stil einer Film-Diva aufgehübscht hatte. Sie zeigte auf ein Gemälde. “Dieses habe ich gekauft.”
Ich nickte höflich. “Nach dem Tod der Malerin steigt womöglich der Wert und vorher hat man was Nettes an der heimischen Wohnzimmerwand zum Anschauen.”

“Wo denken Sie hin”, entrüstete sie sich und eine Warze über ihrem Wangenknochen hüpfte nervös hin und her, “solche Kostbarkeiten werden im Bank-Safe verwahrt.”

Nun nahm ich die Bilder genauer unter meine Gleitsichtgläser, weil sie überhaupt nicht teuer wirkten, sondern eher wie ein Druck und beliebig vervielfacht. Aber wie gesagt, meine Welt war das hier eh nicht.
Vor zwei Schwarz-Weiß-Werken blieb ich stehen. Zwischen ihnen hing eines, wo Blau dominierte, es zeigte eine Treppe, welche nach oben führte.
“Und? Was sagt Ihr Kennerblick?”
Neben mir stand eine Frau, so um die Fünfzig, im schwarzen Kostüm und mit roten Haaren.
“Tja”, druckste ich herum, “das mit dem Kennerblick täuscht ein bisschen, äh.”
“Ich meine, was die Gemälde in Ihnen auslösen. Das linke zum Beispiel?”
Abermals blickte ich um mich. Vielleicht käme mir Marlies zu Hilfe? Ich könnte mich auch einfach verabschieden und auf die Toilette gehen. Vom Tablett des vorbei schwebenden Obers hangelte ich mir ein weiteres Lachs-Häppchen und gab ihm mein leeres Glas.
“Gefräßige Verwandtschaft?”, nun war mir der Happen beim Reden aus dem Mund gefallen. Ich stellte diskret meinen rechten Fuß darauf. “Nett sehen die Leute auf dem Bild jedenfalls nicht aus.” Ich schüttelte mich. “Da kriegt man ja Gänsehaut.”
Sie kratzte sich unter ihrer Nase. “Das Gemälde zeigt tatsächlich das desolate Verhältnis zur Verwandtschaft, die stets heroben thront und Familienmitglieder, welche von bescheidener Natur sind, werden wie Untertanen behandelt und müssen zu ihnen aufblicken.” Sie sprach weiter, ohne einmal nach Luft zu schnappen und zeigte auf das rechte Bild. “Ein Clan, der es mit dem Bau von Musikinstrumenten und noblen Karossen zu Wohlstand gebracht hat und deshalb hängt in der Mitte ‘Die Karriereleiter’.”
Plötzlich hatte sie zwei Sektgläser in der Hand. “Prösterchen!”
“Und warum ist die blau?” Ich hätte meine Frage lieber herunterschlucken sollen.
“Mein Lieber, wenn Sie da aufgewachsen wären, wo ich aufgewachsen bin, dann ist der Zustand Blau ein gnädiger.”
Ich zeigte auf das mittlere Kunstwerk. “Ich habe die Treppe gemeint. Warum sie wohl blau angemalt wurde?”
Sie kicherte und leerte das zweite Glas. “Royalblau! Aber ein diffuses, denn die Monarchie wurde in diesem Lande längst abgeschafft. Es geht auch eher um Lebensphasen, die sich überblenden wie bei einer Collage, auch geht es ums Wirrwar einer kaputten Psyche, wo aber”, sie erhob einen Zeigefinger, “der Optimismus nicht ausgeblendet wurde, was am Rosa zu erkennen ist. Altrosa. Ein zartes Mädchenrosa.” Nun zeigte ihr Finger aufs Treppen-Gemälde. “Das ockerfarbene ist der Matsch, pures Terra, die ehrliche Bodenhaftung.”
“Sie kennen sich aber gut aus.” Ein Kompliment konnte nie schaden und weil sie von Ehrlichkeit geredet hatte, fügte ich an: “Ich habe von dieser Art Malerei keine Ahnung.”
Sie hakte sich bei mir unter. “Und welche Kunstrichtung spricht Sie besonders an?” Der starke Duft ihres Maiglöckchen-Parfums juckte in meiner Nase, ich musste niesen und erklärte ihr, dass ich unter Kunst eher was Handfestes verstehen würde. Ähnlich wie die Werke eines Bildhauers, aber dass ich am liebsten was aus Holz fertigen würde.
Sie fühlte meinen Bizeps und kreischte, dass sie ein Faible für starke, urwüchsige, unverfälschte Männer habe, die wie Bäume mitten im Leben stehen würden.
Ich wollte nun endlich auf die Toilette flüchten, rutschte aber auf dem Lachshappen aus. Dabei riss ich die angetrunkene Malereifachfrau mit mir hinunter, sie landete auf mir, meine Wirbelsäule krachte, ihr übergroßer Mund prangte halb geöffnet vor meinen Augen, ihre Alkoholfahne vermischte sich mit dem Maiglöckchengestank und zog direkt über meine Nasenlöcher in die Lunge und narkotisierte mich gnädig für einen Augenblick.

Wieder bei Besinnung, wollte ich die Gnädigste von mir herunter schieben, aber sie schien schwer zu sein wie ein nasser Zementsack. Zugleich ertönte laut eine Sirene. Ich hob den Kopf an und blickte auf eine übergroße Marlies, die sich breitbeinig neben uns aufgebaut hatte, ein Bild bedrohlich hoch hielt und ehe ich “Nicht!”, rufen konnte, wuchtig das Gemälde auf die Malerfachfrau schlug. ”Runter von meinem Mann!”
“Ich liebe temperamentvolle Menschen!”, trötete mir meine Unfallpartnerin laut ins Ohr. Endlich erbarmten sich einige und hoben das Schwergewicht samt ramponiertem Gemälde von mir herunter.
“Was fertigst du denn für Holzkunstwerke?”, fragte mich die Kunstinteressierte lallend, ordnete ihr Haar und schrie. “Mach doch mal einer diese Sirene aus!”
Mich hievte man auf einen Stuhl. “Derzeit Vogelhäuschen aus Fichte”, stotterte ich und kam mir so albern vor.
“Gegenwartshäuschen für Gegenwartsvögel aus schnell nachwachsendem Rohstoff! Aus dir wird noch ein ganz berühmter Künstler”, war das Letzte, was ich hörte, bevor man die Angetrunkene hinaus führte, mich vorsorglich in einen Rollstuhl setzte und Marlies schluchzend die Einzelteile des zerstörten Bildes vom Boden aufsammelte und in den Papierkorb warf. “Diese Dorfenberge! So eine Draufgängerin! Dich kann man aber auch keine Minute alleine lassen. Ich habe Christa auf der Toilette getroffen. Wir haben beim Quatschen total die Zeit vergessen.”
Ein plötzlich einsetzendes Frauengeschreie ließ uns herum fahren. Die alte Film-Diva stand vor dem Papierkorb und fächelte sich Luft zu: “Meine Portfoliobereicherung liegt im Müll! Zerstört und wertlos! Ich habe Tausende verloren! Vom Wertzuwachs ganz zu schweigen!”


© anne zeisig, version 3

Letzte Aktualisierung: 13.06.2013 - 07.07 Uhr
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