Der Tod aus der Teekiste
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Inspiration durch ein Bild | Juni 2013
Vorsicht, nicht stolpern!
von Ingeborg Restat

Bereits in seiner Kindheit war Henrik ein Heißsporn. Während er bei jeder Treppe gleich zwei Stufen auf einmal nehmen musste, stieg sein Freund Knut Stufe für Stufe nach oben.
„Erster!“, rief Henrik jedes Mal, wenn er oben ankam.
„Wenn dir das wichtig ist“, antwortete Knut stets und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
„Mann, bist du langweilig!“
„Ich komme auch so oben an und laufe nicht Gefahr, zu stolpern, fehlzutreten und runterzufallen.“ Nein, Knut war der Besonnene.
Vielleicht hielt diese Freundschaft gerade deshalb, weil sie so verschieden waren. Möglicherweise riss Henrik dabei den ruhigen Knut manchmal mit, während Knut mitunter den übereifrigen Henrik abbremste. Das war gut für beide.
Ihr Studium absolvierten sie noch an der gleichen Universität. Doch danach verloren sie sich aus den Augen.

Jahre waren vergangen, beide im besten Alter, als sie sich wiedersahen. Knuts Haare hatten sich bereits ein wenig von der Stirn zurückgezogen und der Gürtel seiner Anzughose drückte sich in ein darüber vordrängendes Bäuchlein. Er hatte noch seinen Doktor gemacht und es in einer Firma zu einer leitenden Stellung gebracht.
Auch Frau und Kind gab es inzwischen für ihn.
Gedankenverloren saß er eines Nachmittags auf der Straße an einem der Tische eines Cafes, rührte in seinem Milchkaffee und betrachtete dabei die vorübereilenden Leute. Plötzlich stutzte er. Den, der dort kam, den kannte er doch. War das nicht …?
Schon hatte der ihn auch erblickt. „Mensch Knut, bist du das?“, rief Henrik und kam auf ihn mit federndem Schritt zu. Flott war sein Auftreten. Kein Pfund zu viel wurde von seiner sportlichen Kleidung eingeengt. Kurz fuhr er sich durch sein noch immer störrisches, dichtes Haar, ehe er ihm erfreut beide Arme entgegenstreckte.
Die Freunde umarmten sich, schlugen sich freundschaftlich gegenseitig auf den Rücken und setzten sich.
„Was machst du?“
„Wie geht es dir?“
Die Fragen gingen hin und her. Mit viel fremdem Geld hatte sich Henrik selbstständig gemacht und er tätigte noch immer Geldgeschäfte. Heiraten, Familie, das hatte Zeit. Natürlich gab es da jemand an seiner Seite, „Tolle Freundin! Fotomodell“, schwärmte er. „Doch daneben … Na, ja!“ Er lachte vielsagend und zwinkerte Knut zu. Dann zog er ein Bild von ihr aus seiner Jackentasche und dazu noch andere. Die schlug er vor Knut einzeln auf den Tisch: „Mein Haus - mein Pool - mein Auto - mein Pferd- mein Ferienhaus in Spanien und meine Jacht! Na, was sagst du dazu?“
Knut war für einen Moment sprachlos. „Und das alles gehört dir?“
„Was denkst du?“
„Ich meine, so richtig?“
Erst schaute Henrik verblüfft, dann lachte er. „Verstehe, was du meinst. Sei beruhigt, unterm Strich gehört mir alles.“
„Unterm Strich?“
„Die Geschäfte laufen natürlich noch, müssen laufen, und sie laufen gut. Stillstand wäre Rückgang.“
„Und das geht ohne Risiko?“
„Na, gut! Etwas Risiko ist immer dabei. Aber ohne Risiko kannst du strampeln, wie du willst, du kommst zu nichts.“
Nachdenklich sah Knut ihn an. „Dann bist du also die Treppe hinaufgefallen.“
„So kann man es nennen, ja!“ Henrik sonnte sich in seinem Erfolg. Es war nicht zu übersehen, wie wohl er sich dabei fühlte, Knut so imponieren zu können. „Du warst ja immer der Meinung, Stufe für Stufe könne man sein Ziel auch erreichen. Erinnerst du dich?“
„Ja, ich erinnere mich sehr gut daran!“, betonte Knut.
„Die Geduld hätte ich nicht.“ Henrik machte dabei lachend eine wegwerfende Bewegung. Er schob die Bilder zusammen und steckte sie ein. Dann tauschten sie Adressen und Telefonnummern aus. „Lass mal was von dir hören“, sagte Knut noch, ehe sie sich trennten.

Wieder vergingen Jahre, in denen sie längst vergessen hatten, sich anzurufen. Knuts Haare begannen grau zu werden und die Stirn war noch höher geworden. Als die Firma, in der er angestellt war, in Schwierigkeiten geriet und in Insolvenz zu gehen drohte, bot sich ihm die Gelegenheit, sie zu übernehmen. Er wagte es. Mit seiner Erfahrung, seinem Ansehen und einer glücklichen Hand schaffte er es dann, sie wieder zu einem erfolgreichen und soliden Mittelstandsunternehmen aufzubauen. Jetzt war auch er auf seiner Treppe oben angekommen.

Er hat allen Grund, sich zufrieden in seinen Chefsessel zurückzulehnen wie an diesem Morgen, an dem seine Sekretärin vor ihm steht und ihm mitteilt, dass ein Bewerber um die neu ausgeschriebene Stelle gleich selbst vorbeigekommen sei. „Wollen Sie ihn empfangen?“, fragt sie.
Knut sieht nur kurz auf. „Nicht heute. Lassen Sie sich seine Unterlagen geben und machen Sie mit ihm einen Termin aus.“
Bis zu ihm herein hört er danach den lebhaften Wortwechsel im Vorzimmer. Es scheint für den Bewerber besonders wichtig zu sein, diese Stelle zu bekommen.
Und richtig, die Sekretärin kommt noch einmal herein. „Er bittet darum …“
Knut lässt sie nicht ausreden. „Nun schicken Sie ihn schon herein“, sagt er kurz.
Noch hat die Sekretärin den Raum nicht verlassen, da steht der Bewerber in der Tür. „Ich bitte um Entschuldigung, aber …“ Dann bricht er ab und bleibt wie erstarrt stehen. „Du?“
Auch Knut bleibt zunächst das Wort im Hals stecken. Für einen Moment verharrt er überrascht in seinem Sessel, während die Sekretärin die Tür leise schließt. „Ja, ich, Henrik“, murmelte er dann, steht auf, geht auf den Freund zu und umarmt ihn. „Komm, setz dich!“
Einen Moment schauen sie sich schweigend an, der eine im Chefsessel, der andere auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch.
Was ist mit ihm, fragt sich Knut, ist sein Blick verzweifelt?
Henriks noch volles Haar ist schneeweiß. Seine Haltung wirkt gebeugt. Wie krampfhaft hält er seine Unterlagen auf seinem Schoß. „Bist du hier der Boss?“, fragt er und es klingt noch ungläubig.
„Ja, der bin ich.“
„Und der Laden – gehört er dir?“
„Ja.“
„Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht hergekommen.“
„Dann ist es kein Irrtum, du willst dich um die Stelle bewerben?“
„So ist es.“ Fast mutlos nimmt Henrik seine Mappe mit den Unterlagen und schiebt sie auf den Schreibtisch.
Knut greift danach, öffnet sie aber nicht. „Henrik, das begreife ich irgendwie nicht. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben …“
„Da war noch alles anders. Jetzt aber brauche ich dringend etwas, um wieder Geld zu verdienen.“ Er hebt die Hände und lässt sie ergeben wieder fallen. „Nun liegt das in deiner Macht.“
„Wie konnte es dazu kommen? Du warst ein gemachter Mann und hattest …“
„Es ist alles weg! Nichts mehr da.“
„Das Risiko! Hast du einmal zu viel riskiert?“
Henrik zuckt die Schultern.
„Mensch, Henrik! Dann bist du am Ende die Treppe wieder runtergefallen. Warum? Hast du dich nie abgesichert?“
Er schüttelt seinen Kopf. „Es lief doch alles gut. Eben Pech gehabt! So etwas passiert nun mal“, versucht er es abzutun. Es soll wohl klingen, als nähme er es nicht so schwer, doch nervös fährt er sich durchs Haar, „Was ist? Soll ich gehen?“, fragt er dann gereizt.
„Wie kommst du darauf? Wir waren Freunde und wir sind es noch, Henrik“, betont Knut. Doch bei sich denkt er: Jetzt könnte ich vor ihm meine Bilder auf den Tisch knallen, das von meiner Firma - meinem Haus - meinem Auto - meinem Boot und - nicht zu vergessen - von meiner Familie.

Letzte Aktualisierung: 24.06.2013 - 22.07 Uhr
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