Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Helga Rougui IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Inspiration durch ein Bild | Juni 2013
Einmal Himmel, billig
von Helga Rougui

Kuno starrte irritiert auf die drei Karten, die gerade auf seinen Küchentisch geflattert waren. Er bekam selten Post, daher hatte die WaldMailElster persönlich bei ihm angeklingelt, um das Ereignis entsprechend zu würdigen. Sie überreichte ihm feierlich den Umschlag, dessen Inhalt sich als reichlich mysteriös erwies.
Drei Bilder, von denen Kuno nur das in Bleu und Rosé gehaltene einigermaßen verstand.
Es zeigte eine Treppe, die nach oben in den unendlichen Himmel führte.
Weder der spitzweggesichtige Engel im Wintermantel, der sich inmitten eines willkürlich zusammengewürfelten Universums befand und sich offensichtlich nicht entscheiden konnte, über eine zerbrochene Brücke zu gehen, noch das Pferd, das sich an Zupfinstrumenten derart vollgefressen hatte, daß sein Kopf vor Übelkeit ganz weiß und leer geworden war, brachten in ihm irgendeine Saite zum Klingen.
Eigentlich, dachte er stolz, wenn ich bedenke, was ich gerade dachte, klingt da doch ne ganze Menge -
"Natürlich klingt NICHTS in dir", fuhr ihm das Pferd übers gedankliche Maul, "das geht gar nicht, denn ich habe alle Gitarren dieser Welt gefressen."
"Warum?" wollte Kuno wissen. Er dachte, daß, wenn er schon träumte, er durchaus das Recht hatte, sein imaginäres Gegenüber in ein Gespräch zu verwickeln. Immerhin hatte das Pferd angefangen. Und wenn es reden konnte, dann hatte er sicher auch geträumt, daß er postalisch drei mehr oder weniger kryptische Bilder erhalten hatte. Und das hieß, daß er sich die Antwort des Pferdes selbst zusammenreimen durfte.
Kuno seufzte. Es war irgendwie langweilig, von Postkarten und einem sprechenden Pferd zu träumen.
"Du träumst NICHT", nahm dieses das Gespräch wieder auf. "Das wäre billig, wenn du dich so aus der Affäre ziehen wolltest."
Kuno zuckte zusammen.
"Was für eine Affäre ... ?" Er hatte große Teile seines Englischen Abenteuers nicht einmal vor sich selber zugegeben, und es war völlig unmöglich, daß das Tier –
"Ein Schuß ins Blaue. Du hast gezuckt. Also ist da was."
Kuno machte große runde unschuldige Augen. "Natürlich ist da nichts. Deine Unterstellung hat mich gekränkt. Ich bin ne brave Maus und habe prinzipiell keine Affären." Leider, fügte er innerlich hinzu, ein bißchen mehr Aufregung in meinem Leben täte mir schon gut.
"Ewig Zuschauer sein taugt auch nicht viel", mischte sich nun der winterbemantelte Engel ein. "Ich weiß, wovon ich rede. Seit Jahr und Tag verstecke ich meine wunderbaren flockigen Fliegeflügel unter diesem schnöden Kleidungsstück –"
" – aber die Spitzen gucken unten raus", monierte Kuno. "Hast du denn niemanden, der dir morgens sagt, ob du so, wie du bist, aus dem Haus gehen kannst – oder wenigstens einen Spiegel?" Unauffällig stopfte er sich sein Hemd in die Hose zurück, das sich dank seines spannenden Bäuchleins – momentan das einzig Spannende in seinem Dasein - immer gern einmal verselbständigte.
Der Engel grinste. "Ist dir nicht zu warm in deinem Glashaus? Na ja, nun isses eh kaputt, ne? Aber um deine Frage zu beantworten, nein, da ist niemand, ich lebe allein, nur meine Eltern sehe ich manchmal im Traum –"
Aha, dachte Kuno. Doch ein Traum. Wer war hier billig?
" – wie ihre Köpfe hoch über mir in einer Riesenseifenblase schweben", fuhr der Engel fort, "und dann möchte ich wenn schon nicht zu ihnen fliegen, so doch wenigstens laufen, aber die Zugbrücke ist runtergefallen und zerbrochen und führt in die Tiefe, und ich weiß, ich werde ihr folgen müssen eines Tages bis in die finsterste Hölle und ich werde die beiden nie wieder sehen."
Seine Stimme zitterte und brach, oh Gott.
"Mann, ist mir schlecht, "warf das Pferd ein, "ich könnte umgehend alle Gitarren wieder auskotzen."
"Das wäre nett", verkündete der Engel mit frisch geklebtem Sprechorgan, "meine ist nämlich auch dabei, und dieses ganze Blockflötengepiepse, das ich stattdessen seitdem von mir geben muß im Himmelsorchester, geht mir unendlich auf die Flügel."
"Nicht nur dir", entgegnete das Pferd, "aber dein Gitarrengezupfe ist noch viel erbärmlicher. Jedoch, wenns dir hilft, gehe ich jetzt und fresse auch noch alle Blockflöten dazu. Ich hasse diese ganze Schmalzmusik – bei meiner Seele!"
" Äh", meinte Kuno sich an dieser Stelle herzergreifend liebevoll einbringen zu müssen, "ich hätte einen Vorschlag, der euer beider Probleme auf der Stelle lösen könnte."
Und meins dazu, dachte er bei sich. Er vermißte inzwischen schmerzlich die beschauliche Ruhe seiner Küche und wünschte dringend, seine Gäste würden zumindest wieder in den 2D-Modus ihrer Bilder zurückkehren.
"Also, du, Engel, ziehst erst mal deinen Mantel aus -"
Der Engel tat dies.
"- und legst ihn auf den Rücken des Pferdes."
Auch dies tat der Engel.
"Jetzt zu dir, Pferd. Kotze bitte des Engels Instrument."
Das Pferd kotzte. (Ist ja nichts Besonderes – man hat schon Pferde kotzen sehen, nicht wahr?)
"Sodann, Engel, nimm deine Gitarre und steige auf das Pferd."
Der Engel stieg und entfaltete automatisch seine Flügel.
"So, und nun, o Pegasos, erklimme die blaurosa Treppe –"
- Kuno hielt die Postkarte hoch –
"-und fliege zupfklingend in den Himmel! Dort werden all eure Wünsche – (mir) egal welche - in Erfüllung gehen!"
Und meiner (mir nicht egal) auch, nämlich Frieden und Einsamkeit in meiner Küche.

***

Kuno erwachte mit dem Gesicht im Müsli. Wie gut, daß er noch keine Milch dazugeschüttet hatte. Er mußte aufhören, bis drei Uhr morgens mit seinem neuen Smartphone rumzuspielen, das erhöhte definitiv die Tagesmüdigkeit. Wenigstens sein Frühstück hätte er gern im Wachzustand erlebt.
Während er die Milch in die Knusperflocken goß, hörte er über sich ein leichtes, stetig verklingendes Rauschen wie von seidigen Federn, begleitet von einem fernen ätherisch gitarrenbegleiteten Wiehern:

"Wie billig. Doch ein Traum ..."

Letzte Aktualisierung: 20.06.2013 - 12.08 Uhr
Dieser Text enthält 5698 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.