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Inspiration durch ein Bild | Juni 2013
Doktor Schnackels und die fünfzehnte Kurzgeschichte
von Hajo Nitschke

Über das rätselhafte globale Sterben der Kurzgeschichten beunruhigt, trafen sich die Bildungsminister der Nationen im beschaulichen Dörfchen Güllengrund, der kulturellen Wiege der Menschheit. Und um nichts Geringeres als Letztere ging es. Erst sterben die Geschichten, dann die Menschen. Immer weniger neue Shortstorys erschienen. Ein endgültiges Versiegen zeichnete sich ab. Da man sich auf deutschem Boden befand, wurde ein Gesetz zur Geschichten-Suche beschlossen.



(Zusammenfassung – nach H. Ajoni)


Vorgestern


Der bekannte Erfinder Doktor Ambrosius Schnackels saß in seiner Werkstatt in Oma Nuschels Häuschen. Er tüftelte an seinem neuen Mehrweg-Toilettenpapier, als Zweistein eintrat, der (nach dem Prototyp von Schnackels neuester Serie 'Einstein') weltweit zweite Roboter mit einem Übermaß an Selbstüberschätzung.
“Bonsoir, Monsieur“, und nach einem Blick über dessen Schulter: „Ich rate aus Kostengründen von der zweiten Lage ab.“
„Zweistein“, seufzte der Doktor, „ich weiß das zu schätzen, aber ein wiederverwendbares Toilettenpapier muss zweilagig ...“
„“Excusez-moi, ich muss widersprechen.“
„Abgelehnt. Was willst du hier? Ist GPM zurück?“ Der 'Gute Putzmensch' hieß in Wirklichkeit Lotte Scheuermann, war für Sauberkeit und Ordnung im ganzen Haus zuständig und seit einiger Zeit abgängig.
„Oh non, Monsieur. Sie haben Besuch. Ein Gesandter der Galaktischen Federbälle wünscht Monsieur zu sprechen.“
„Gut, führe ihn in den Salon.“
„Sehr wohl. Und ...?“
„Danke nein. Du bringst nur den Espresso und hast dann frei.“
„Quatre d'express, zu Diensten, Monsieur“, und schmollend trat er ab.

Sie saßen bei Oma Nuschel in der guter Stube, Schnackels, Fräulein Reinhilde Schraubenfänger und der Galaktische. Soeben hatte Zweistein den Kaffee gebracht, nicht ohne Seitenhieb für diesen Gast: „Je suis très heureux de faire votre connaissance, Monsieur …?“ Doch der Federball hatte ihn ignoriert, so dass das Blechgestell beleidigt enteilt war, gefolgt von schmachtenden Blicken Reinhildes, dem weiblichen Robo aus einer Uralt-Serie Schnackels. Sie vermisste GPM, denn ihre Aufgabe bestand darin, der Scheuermanschen zu helfen und dafür zu sorgen, dass in der Werkstatt kein Schräubchen übersehen wurde. Ihr Wahlspruch: 'Wir lassen keine Schraube zurück', und sie war unsterblich in Zweistein verliebt. Der machte sich allerdings nichts aus der 'rückständigen Alten', wie er sie nannte.

„Kinnr grfft mpf thh happch mpf baggn!“ („Kinder, greift doch zu, hab ich selbst gebacken!“), ermunterte Oma Nuschel fröhlich und reichte Plätzchen herum.
„Ich bringe Neuigkeiten“, begann der fedrige Gast.
„Dafür habe ich dich ja auch erfunden“, erwiderte Schnackels. „Und? Hast du Koka erreicht?“
Koka war die Kosmische Kakerlake, das weiseste Lebewesen der Milchstraße. Der Federball berichtete, Koka habe das Rätsel des Verbleibs GPMs gelöst, nebenbei auch das der Geschichten. Es hänge alles mit Professor Böse zusammen.
„Nein!“, schrie Schnackels: „Schon wieder Smaraktus Böse, mein Konkurrent! Schieß los!“
„Zuerst, verehrter Doktor, wiederholen wir Federbälle unsere alte Forderung, sonst werde ich kein Wort ...“
„Erpressung!“
„Kinnr mpf mpf chh“ („Kinder, vertragt euch!“), versuchte Oma Nuschel zu schlichten, aber der Besucher skandierte: „Doktor-Schnackels-bau-'ne-Latriiiiine-für-uns!“
Und so unterzeichnete der Erfinder eine Verpflichtung, den Galaktischen Federbällen ein weltraumtaugliches Dixi-Klo zu bauen. Nun erstattete der Gast Bericht.

Die Wahrheit sei, Koka zufolge: Professor Böse habe einen Staubsauger erfunden, der nach und nach sämtliche Kurzgeschichten ungeachtet von Entfernungen aufspüre und aufsauge. Er habe, als Vertreter verkleidet, ihn GPM aufgeschwatzt, und seither habe sie unwissentlich jede neuere und neueste Kurzgeschichte entsorgt. Inzwischen gebe es nur noch in einem kleinen Verlag im deutschen Ruhrgebiet vierzehn Neuerscheinungen. Böse habe GPM samt Sauger in seine Raumstation entführt, damit niemand die Geschichten wieder hervorhole. Die Scheuermann betreibe das Fern-Absaugen von dort aus weiter. Es gebe aber eine Chance: Jemand müsse eine so packende und qualitativ überragende Kurzgeschichte schreiben, dass sie alle ihre Geschwister wie ein Supermagnet mit- und dem Professor wieder entreiße.


Gestern


Schnackels reiste mit Hilfe seines Turbo-Steckenpferdchens eilig ins Land der aufgehenden Teebutter. Bald saß er dem renommierten Schriftsteller in dessen Wahlheimat am weinenden Spiegelsee unterhalb des Vorleser-Berges gegenüber: H. Ajoni erklärte sich spontan bereit zu helfen. Die Geschichte lieferte er zügig ab und äußerte die Hoffnung, dass ihre Sogwirkung ausreichend sei. An ihm jedenfalls solle es nicht scheitern, er habe, bei aller Bescheidenheit, wohl nie etwas Besseres geschrieben. Der Vorleser-Berg schlug eine Probe-Lesung vor, doch dafür war keine Zeit. Dasselbe galt, wieder zu Hause angekommen, für Zweistein, der sich erbot, eine seiner profunden Rezis beizusteuern.

Stattdessen musste schnellstens ein Raumtransporter erfunden werden. Der Doktor musterte die letzten Exponate seiner Hall of Fame: die automatische Wurstbrotschmiermaschine, der Paragrapho (eine am Fließband Gesetze entwerfende Maschine) und die sprechende Klobrille („Bitte hinsetzen! - So ist's richtig! - Bonne chance / Guten Stuhlgang!“). Derart inspiriert, erfand er aus dem Stand einen Raketenstuhl und ein sauerstoffspeicherndes Serum, das ihn für Stunden vor der tödlichen Kälte des Vakuums schützte.


Heute


Zweistein hatte darauf bestanden, als Leiter der Rettungsaktion mitzuwirken. Reinhilde wollte daraufhin an seiner Seite mitreisen: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehn.“ Aber Zweistein wies sie brüsk ab und Schnackels verscheuchte sie dann alle beide. Der Federball flog schon mal ins All vor.

„… thixth - mpfmpf– äiiith – mpf – thieroooh“: überwacht von Oma Nuschel, die den Countdown runterzählte, hebt Schnackels ab. Unter ihm versinkt die Hall of Fame, schrumpfen die wandernden Gummibärchenbäume zu Stecknadelgröße zusammen, ebenso die Plakate der verzweifelt ihre Geschichten suchenden Autoren. Auf einer gewaltigen Feuersäule reitend, Ajonis Epistel unter dem Arm, durchstößt der Doktor die Stratosphäre, um bald darauf durchs All zu rasen, direkt auf die Weltraumstation des Erzfeindes zu. Professor Böse und GPM schauen dem menschlichen Geschoss entgeistert entgegen. Böse faucht: „Ambrosius! Duuu?“ Von der anderen Seite nähert sich das achte Geschwader der Galaktischen Federbälle. Dank dessen Ablenkungsmanövers vergisst Böse das Hochfahren der Schutzschilde. Weil die Federbälle einen Riesenwirbel veranstalten, entgeht dem Entführer auch, dass Schnackels andockt, den Raketenstuhl vertäut und über die Luftschleuse eindringt. Einem Spuk gleich erscheint er in der Kabine. Ehe Böse seine Hightech-Waffe zücken kann, beginnt der Spuk, Ajonis Geschichte vorzulesen („Der bekannte Erfinder Doktor Ambrosius Schnackels saß in seiner Werkstatt in Oma Nuschels Häuschen ...“) …

und liest …

und liest („Einem Spuk gleich erscheint er in der Kabine …“) ...

und da geschieht es. So, wie es wohl einst unter den märchenhaften Zauberklängen eines magischen Flötisten den unwiderstehlich angelockten Ratten in Hameln ergangen sein muss: Abertausende Kurzgeschichten brechen aus dem Böse-Staubsauger hervor, erst entfliehen nur einige Buchstaben, dann Wort um Wort, schließlich all die eingekerkert gewesenen Storys: ein nicht enden wollender Flüchtlingstreck, der, einem Kometenschweif gleich, dem Doktor folgt. Dieser hat blitzartig die Station verlassen und taucht soeben in die Atmosphäre ein, die Texte hinter sich her. Welch ein Triumphzug! Die Welt hat ihre Geschichten wieder, die sich sofort zu ihren Autoren gesellen und von diesen geherzt werden wie verloren geglaubte Geliebte. Nur GPM blieb im All zurück, doch ihre Befreiung hat Zeit. An Staub kann man sich gewöhnen.


Morgen


Dem Schriftsteller H. Ajoni und dem Erfinder Doktor A. Schnackels wird ein gemeinsames Denkmal errichtet, dem Weimarer Goethe-Schiller-Denkmal nachempfunden. Fanfaren und Dankesreden erklingen. Die beiden Helden wehren den Beifall selbstlos ab. Nur Zweistein verbeugt sich mehrmals geschmeichelt (und frenetisch bejubelt von Reinhilde). Das Geschichtensterben ist selber Geschichte, die literarische Welt gerettet. Die Menschheit wird überleben.


(Ende des Berichts von H. Ajoni)



Später


Im Orbit kreist in einem kleinen Raumgleiter die bekannteste aller galaxienübergreifenden Superintelligenzen: Orl A. Sie sinnt der Frage nach, was XXXLDESEVRZZ34718zumquadrat bedeutet, eine eigene Kürzel für irgendeine Kleinigkeit, die ihr infolge zunehmender Vergesslichkeit entfallen ist. Das Folgende daher ohne Gewähr.

„Logbuch der Orl A.:
Den Erfinder Schnickels (Schnuckels?) gesehen. Weiß nicht mehr, wann (gestern, vorgestern?). Er flog auf einem Stuhl(!) durchs All, wütend verfolgt von zig Tauenden Kurzgeschichten. Schrien unablässig so was wie „Grottenschlecht, zum Gähnen langweilig! … Skandal! Unerhört! … An Niveaulosigkeit nicht zu überbieten! … Unterste Schublade1 Tiefer gehts nicht! … Wer hat das geschrieben?! Legt ihm das Handwerk! Stopft ihm das Maul … Aufhalten! Haltet den Mann auf, der das Machwerk vorgelesen hat! Er kennt den Autor! Dieses Pamphlet darf die Erde nie erreichen. Schande über Schande!“ Der Gejagte (schuldlos an der Entrüstung) war zu weit voraus, um das zu hören. Konnte aber landen. Die Geschichten warfen sich in die Arme ihrer Autoren. Hatten wohl ihren Zorn vergessen.

p.s.
Wundere mich über ein stinkiges Klo zwischen Merkur und Venus im Sektor 50 Strich zwo.
Wird von Federbällen(!) benutzt. Werde es 'SKZMUVIS50strichzwo' nennen, damit ich es nicht vergesse: Klo im Weltall! Weit sind wir gekommen ...“

Nachtrag ein Jahr später:

„Kurzgeschichten auf Terra stabilisiert dank STABER (Staubsauger-Abwehr-Erfindung) von Doktor Schlackels (Dackels?).
Muss ständig an 'SKZMUVIS50strichzwo' denken. Was bedeutet diese Abkürzung?

p.s.
Das stinkige Klo ist immer noch da.“




© Hajo Nitschke V 3

Letzte Aktualisierung: 25.06.2013 - 08.59 Uhr
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