Honigfalter
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Inspiration durch ein Bild | Juni 2013
Ich bin das asiatische Mädchen mir gegenüber
von Jochen Ruscheweyh

„Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“
Ich schaue auf die Uhr.
tick tick tick!

Ein Zeiger steht auf der Sechs, der andere kurz vor Zwölf. Halb Zwölf.
Meine Mutter wird wach, hebt ihren Kopf von dem Kissen empor,
creeeease!

das ihre Arme auf der Tischplatte geformt haben, sieht mich aus verheulten Augen an. Dem unausgesprochenen Vorwurf, der salzig aus ihren Augen zu rinnen beginnt, entgegne ich:
„Ein Konzert gestern nach der Uni. Meine Lieblings-Visual-Kei-Band.“

Ich schaue noch einmal zur Uhr. Es scheint eine Sache des Bezugs zu sein. Und der besteht bei erneutem Hinsehen darin, dass der Zeiger unten kleiner ist. Also kurz vor Sechs. Ich fahre mit der Zunge über meinen Gaumen, ziehe den Speichel im Mund zusammen
zssitt!

und lasse ihn die Kehle hinabgleiten.
gulp!

Neutral. Kein Alkohol.
Lust an der Lücke, an einer neuen, die wieder dieses herrlich kribbelnde Gefühl hinterlässt.
Apropos lassen: Ich überlasse meine Eltern dem Schein der Wohnzimmerlampe, der sie noch nie erhellt hat.

Auf dem Plattenteller in meinem Zimmer über dem Raum, in dem sich meine Eltern Sorgen um mich machen, dreht sich eine LP.
spin!

Der Tonarm hängt in der Schwebe.
Ich setze mich auf mein Bett
squeeeeak!

und versuche ein Muster in den silbernen Quadraten zu erkennen, die in unterschiedlichen Geschwindigkeiten an der Außenseite des Tellers gegeneinanderlaufen und ebenso wenig über den Rand blicken können wie meine Eltern.

Ich bin müde.
yaaaawn!

Und sicher, dass es eine Sache des Bezugs ist. Als ich am Pitch-Regler des Plattenspielers drehe, kommt Struktur in die Reihung der Quadrate.
ssiIITT!

Statt an eine Band, die die Bühne entert, erinnere ich mich an eine Asiatin, die mir in der U-Bahn gegenübersitzt.

Sie könnte Keiko heißen.
reflect!

Der Name gefällt mir.
Außerdem passt er zu ihr.
Ich spreche ihn mir im Geiste vor.
keiko!

Mit einer kleinen Pause in der Mitte mutet er asiatischer an.
Betont man die zweite Silbe und schenkt dem "o" als Vokal nur so viel Aufmerksamkeit, dass es gerade eben anklingt, hat er etwas Kämpferisches, erinnert an eine vorschnellende Faust oder ein Samuraischwert, das einen Bambustrieb zerteilt.
kei ko!

Im Ninja-Team mit hart klingenden Konsonanten wird es zur Waffe.
To! Ko! Do! Monno!


Ich bewege den Pitch-Regler langsam in die andere Richtung
SSIIiitt!

und bin mir zum zweiten Mal mit einer Sache sicher. Nämlich, dass Keiko auch studiert.
Musik.
Den kleinen schwarzen Koffer neben ihr auf dem Sitz werte ich als untrügliches Indiz.
Zu flach für eine Geige.
Eine Flöte.
Quer. X.

Mein Blick wandert über den Tellerrand zu ihren Lippen. Ich kann mir gut vorstellen, es sind Lippen, die noch nie geküsst haben und auch noch nie geküsst worden sind.
suckle mumble smooch!

Nicht, weil sich nicht die Gelegenheit geboten hätte, sondern weil es einen Plan für Keiko gibt.
Es ist nicht ihr Plan, aber sie respektiert ihn.
hai!

Erst die Ausbildung.
Dann eine Familie gründen mit einem respektablen Mann aus demselben Kulturkreis.
Keikos Haar wird von zwei dünnen goldenen Spangen aus dem Gesicht gehalten.
Eines Tages wird jemand diese Spangen entfernen. Und Keikos Haar kann fallen,
slump!

wie es gewachsen ist.
Auch das, eine Frage des Bezugs.

Etwas an Keikos Lippen verwirrt mich, stört, springt mich an.
attack!

Sie sind operiert.
Ich erkenne die kleine Narbe über der Oberlippe.

Als ich die Geschwindigkeit von 33 auf 45 ändere, bilden die Quadrate eine neue Systematik: obere Reihe groß, nach links wandernd, Reihe darunter schmal, konstant, Reihe darunter schmal, konstant, Reihe darunter groß, nach rechts wandernd.
Keiko hat sich dem Druck ihrer Familie gebeugt. Ein Experte der Tokioter Philharmonie hat dem Vater geraten, diesen Eingriff vornehmen zu lassen.
Talent zu besitzen ist förderlich, stößt aber da an seine Grenzen, wo angeborene körperliche Defizite im Weg stehen.
Ich hasse Keikos Vater
grrrrrr!

für das, was er seiner Tochter angetan hat, die Schwestern, die Mutter, Onkel und Tanten, die zugelassen haben, dass man Keiko die Persönlichkeit aus dem Gesicht schneidet.

Keikos dünne Finger gleiten über das iPad auf ihren Knien.
smear!

Eine neue Seite mit Noten erscheint.
Erst jetzt erkenne ich, dass sich ihre Lippen bewegen.
Leicht.
Ein wenig.
Kaum wahrnehmbar.
whisper!

Und doch so deutlich, dass mein Verstand zu synchronisieren beginnt, Töne unter ihr Lippenspiel legt.
Erst vereinzelt und bruchstückhaft, wie eine verzogene LP, die an manchen Stellen so weit ausschlägt, dass sie den über ihr schwebenden Tonarm grade eben berührt. Ein kurzer Aufschrei.
oh!

Noch einer.
o!

Nummer Drei.
ohh o!

Stille.
Ich lasse den Tonarm absinken.
loooower!

Er füllt die Zwischenräume, lässt jetzt einen Fluss erkennen.
Töne klingen in mir auf eine Weise, die ich vorher nicht gekannt habe.
flabbergast!
Ich werde zu einer schwingenden Membran, die Keikos Moll Physis verleiht.
Mein Kopf füllt sich mit Melodien, die als filigran geblasene Arpeggien mein Rückenmark emporperlen, sich am Scheitelpunkt brechen,
crack!

um beim Weg hinab in neue Klangzustände zu wechseln.

Als ich aktiv werde, eingreife, meinen Finger an den drehenden Teller lege, über den ich als einziger schauen kann, und den Quadraten meinen eigenen Rhythmus gebe, sieht Keiko mich an, ohne dass ihre Lippen stillstehen. Aber jetzt sind es Worte, die mein Bewusstsein einbaut:
Rette mich!

Ich verringere den Druck meines Fingers. Keiko blickt sich kurz um. Das Abteil ist leer.
Sie entfaltet ein Seidentuch und breitet es auf meinen Oberschenkeln aus wie bei einer Tee-Zeremonie, führt die Hände gegeneinander, verbeugt sich kurz, ehe sie auf dem so vorbereiteten Untergrund Platz nimmt.
Ihre Haut wirkt jetzt fahl, die Spangen im Haar sind Perlen-Diademen gewichen. Aus üppigstem Kirschenrot dringt ihr Flehen: „Errette mich, Dämon!“

Meine Fingernägel schräg an den drehenden Plattenteller gehalten, scheinen sich selbst in die richtige Gestalt feilen zu wollen. Bekommen etwas Krallenartiges.
Streichen über Keikos Narbe. Graben sich in ihren Nacken.
rrr o aarrr!


Gehen, ohne den Boden zu berühren. Schweben mit Keiko in mir, mit mir in Keiko. Symbiose. Ost-West, Mann-Frau, Anfang-Ende, Stille und Symphonie. Reduced to the Max.
Finden unsere Bestimmung, als ich das Drachenmesser ziehe und Keikos Vater, den ich leicht unter den anderen Aktentaschenträgern ausmache, mit zwei gezielten Schnitten im Gesicht entstelle.
ssssslice!

Wir sehen ihn auf die Gleise stürzen.
plunge!

Keiko entscheidet sich für die Hirajoshi-Skala. So ergreifend traurig dankbar dominierend schön, dass selbst der Fährmann ein Winken für uns übrig hat. Kirschblüten beginnen den leblosen Leib auf den Gleisen zu überwuchern, während Keiko spielt und der Zug einfährt.
Rot.


Meine Eltern sitzen immer noch oder bereits wieder am Tisch, als ich ins Wohnzimmer zurückkehre. Die Uhr steht oder hat sich exakt einmal um sich selbst gedreht. Wie immer eine Frage des Bezugs.
Ich werfe meiner Mutter den Skizzenblock hin.
„O.K., ich habe euch belogen, ich habe heute Nacht ein neues Manga gezeichnet. Und heute die UNI geschwänzt, um auszuschlafen. Erschießt mich von mir aus deswegen. Ich bin eben Künstler.“
Mutter blättert.
skim skim skim!

Vater fixiert mich. Öffnet eine Aktentasche und holt einen Stapel mit Keikos Noten hervor. „Und was ist hiermit?“
„Woher hast du die?“, frage ich.
„Wir machen uns Sorgen um dich, Junge, all diese schrecklichen Bilder“, meine Mutter drückt ihren Finger auf das Skizzenheft. „Du kannst mit uns reden. Wenn es dich krank macht, dann musst du das Musikstudium beenden.“
Meine Hand tastet etwas Spitzes in meiner Jackentasche. Eine Klinge. Als ich mit einer Fingerkuppe daran entlangfahre, lösen sich Verkrustungen.
crumple!

Geronnenes Blut.
„Ihr solltet eine andere Glühbirne einsetzen, die hier hat zu wenig Leuchtkraft“, sage ich, während sich ein anderer Teil von mir fragt: Bin ich noch ich oder bin ich Keiko, das asiatische Mädchen mir gegenüber?

Version 2, still inspired by pic 3

Letzte Aktualisierung: 27.06.2013 - 09.15 Uhr
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