Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Inspiration durch ein Bild | Juni 2013
Immer wieder sonntags
von Glädja Skriva

Ich würge Cindy und Bert ab, werfe die Tür meines Minis ins Schloss und renne mit klatschnassen Haaren hinüber ins „Glashaus“. Eine Studentenkneipe, in der sonntagmorgens die „Muttis“ nicht auffallen und das Essen noch selbstgemacht, gut und günstig ist. Ich krabble auf einen der Barhocker, die in einer Linie, einer Hühnerstange gleich, entlang der Glasfront aufgereiht sind und schaue auf die leergefegten Straßen. Das ganze Land muss sich vergraben und der ganze Himmel seine Schleusen geöffnet haben. Ich sehe den einzelnen, unzähligen Tränentropfen nach, die an der Scheibe entlangschmieren. Da ich der einzige Gast bin, bedient mich heute der Chef des Hauses höchstpersönlich mit einer Quiche, die goldgelb und saftig aussieht, von seinen vielen Eiern, die er hineingegeben hat.
„Wenn es schon einmal ruhiger ist.“
Seine Hand fährt wie zufällig meine nasse, dünne Bluse am Rücken entlang, hakt nur kurz an der Öse und streicht dann meine Haarlocke hinters Ohr, während seine andere Hand mir den Espresso serviert.
„Mit Zucker?“, fragt er sanft.
„Nein, ohne. Immer kräftig und stark!“
Er zieht sich zurück in seine kleine, sichere Kombüse. Es zischt und dampft. Töpfe klappern, Deckel scheppern. Ich bin wieder alleine. Greife nach einer „Freundin“ und schreibe mir Schüsslersalze heraus. Diese für die Stimmungsaufhellung, die für die Abwehrkräfte scheine ich nicht zu benötigen.

Ich schlendere hinüber in die Kunstgalerie, stöpsle mir den Audioguide in die Ohren. Sphärenklänge hüllen mich ein und ich gebe mein Steuer aus der Hand. Ich bin eine kleine Ameise in einer riesigen Fabrikhalle und stehe Auge in Auge mit einer Statue aus Holz, die sich über mir, auf einen Stuhl gepresst, in schwindelerregender Höhe gegen die Hallenwand drückt. Ich spüre die Öse in meinem Rücken genau an dieser Stelle - und die Angst vor dem Absprung. Dann beginnen meine Beine treppabwärts zu rennen. Sie taumeln über samtweiche, rosa Mädchenteppiche, während Bilder an mir vorbeifliegen: Lateinische Messen.

Ich spüre etwas Hartes in meinem Mund. Eine Mutter. Aber ich bin mutig, weil ich Geld in dem Geldbeutel habe. So kaufe ich für mich eine Bohrmaschine und für Bert eine Waldmeisterpflanze. Aber dann entdecke ich Gefahr. Eine rote Tulpe. Ich rüttle daran. Sie ist unkrautüberwachsen. Ich kann nicht wählen.

Es riecht nach Abgasen und viele Autos sind jetzt unterwegs. Das Verdeck meines Minis ist heruntergeklappt und die Rücksitze sind belegt – von der Statue aus der Galerie. Ihr Kopf ragt aus meinem Alltagsgefährt. Sie winkt mir. Oder hat sie mir den Mittelfinger gezeigt? Ich kann es nicht genau erkennen, denn die Abendsonne war so herrlich glutrot, dass ich sie mir heruntergezupft und als Apfelsine in meine Tasche gesteckt habe. Es knirscht. Berstendes Holz. Es haben sich Risse in ihr gebildet. Ich breite einen Südwester als Autodach über uns aus. Es regnet immer noch.

Auch, als sich mein Schlüssel im Schloss dreht und ich später hinter dem Vorhang stehe. Ich schaue hinunter auf den Mini, diese riesige Figur, die in mein Auto geschwebt ist, und auf den knallgelben Südwester, der daraus hervorleuchtet. Ein blaues, blinkendes Polizeilicht spiegelt sich darin und eine schwarze Menschentraube rottet sich darum zusammen.

Berts Lippen berühren samtweich meinen Hals, den ich in den Nacken werfe. Das Aufklipsen der Öse vermischt sich mit dem Sirenenton, der von der Straße heraufschrillt. Ich seufze. Bert hält meine Apfelsine in der Hand und raunt mir mit belegter Stimme ins Ohr: „Warum immer nur sonntags, Cindy?“

© P.S./Glädja Skriva/Juni 2013/Endversion

Letzte Aktualisierung: 21.06.2013 - 23.23 Uhr
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