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Inspiration durch ein Bild | Juni 2013
Herr von Santhrop und die Technik
von Elmar Aweiawa

"Die Milch ist sauer, ich habe eben neue bestellt."
Gesch├Ątzte zwei Millionen Mal hatte Herr von Santhrop diesen Satz schon geh├Ârt. Irgendwo am K├╝hlschrank gab es einen Knopf, der die Entgegennahme der Meldung best├Ątigte, aber er konnte ihn nicht finden.
"Du bl├Âdes Mistst├╝ck!", br├╝llte er den K├╝hlschrank an, wohl wissend, dass er sich damit zum Idioten machte. Und doch konnte er der Versuchung nicht widerstehen.

Die schlichtweg geniale Idee, den Stecker zu ziehen und so den widerlichen Gefrierer zum Schweigen zu bringen, hatte nicht funktioniert, sondern im Gegenteil, ihn fast in den Wahnsinn getrieben. Sofort, als er dem penetranten K├Ąlteproduzenten den Saft abdrehte, beschwerte sich der in einer Lautst├Ąrke ├╝ber diese ultimative Ma├čnahme, die alle vorhergehenden Wortmeldungen zu einem Fl├╝stern degradierte. Michael Ignatius wusste nicht mal ansatzweise, wie lange das k├╝hlschrankeigene Notstromaggregat dieses Geschrei unterst├╝tzte. Also gestand er seine vorl├Ąufige Niederlage ein und schob den Stecker wieder in die Steckdose.

Dieser erste ├ärger machte jedoch bald neuem Platz, denn richtig unertr├Ąglich gestaltete es sich erst, als weitere Benachrichtigungen hinzukamen, die zus├Ątzliche Bestellungen verk├╝ndeten.
"Der Metzger hat ein Sonderangebot an Hackfleisch, ich habe zwei Kilo bestellt", lautete die n├Ąchste Hiobsbotschaft, die sich mit der Nachricht ├╝ber die idiotische Milch abwechselte.
"Wer zum Kuckuck noch mal ...?", schrie Herr von Santhrop, als die neue Nachricht ert├Ânte, bevor ihm aufging, wie widersinnig seine Reaktion war. Das Hightech-Ger├Ąt w├╝rde ihm keine Antwort geben, und die Bedienungsanleitung, die er nach langem Suchen gefunden hatte, w├╝rde ihm nicht weiterhelfen. Denn selbst die Instruktion, wie die T├╝r zu ├Âffnen war, widersetzte sich hartn├Ąckig jedem Versuch, sie zu verstehen: "wen si sich in die ture verofnen gewoolen muss si siehen an den krif au sen" Die chinesischen ├ťbersetzer waren eindeutig unterbezahlt, r├Ąchten sich mit diesen kryptischen Zeilen an ihrem Auftraggeber und trieben damit die K├Ąufer der Produkte in den Wahnsinn.

Mittlerweile hatte der K├╝hlschrank Thunfisch, den Michael Ignatius verabscheute, Sellerie und Mangold in Gro├čfamilienpackungen, und sogar einen Zehnerpack Gl├╝hbirnen bestellt. Letzteres vermutlich f├╝r die eigene Wartung. Jede neue Ank├╝ndigung brachte Michael Ignatius einem Blutsturz n├Ąher, denn mittlerweile quasselte das vermaledeite Ger├Ąt fast ununterbrochen, verk├╝ndete st├Ąndig, welch irrsinnige Bestellungen es veranlasst hatte.

Gerade als Michael Ignatius sich endlich entschlossen hatte, die n├Ąchste Servicestation anzurufen und einen Mechaniker kommen zu lassen - was ihm unendlich schwerfiel, denn er lie├č grunds├Ątzlich niemanden in sein Reich - da rasselten die Rolll├Ąden im ganzen Haus nach unten und das Licht ging an. ├ťberrascht schaute er auf die Uhr: halb drei.
War in diesem Haus denn alles verr├╝ckt?! Wutentbrannt machte sich Herr von Santhrop auf die Suche nach der Zentralsteuerung. Sie befand sich in der Speisekammer, die komplett leer war. Schade, langsam bekam er Hunger und die Bestellungen des K├╝hlschranks waren noch nicht eingetroffen.

Es gab etliche Kn├Âpfe zum Dr├╝cken und einige R├Ąder zum Drehen an dem Kasten, leider aber keine Beschriftung. Ein wenig unwohl war Michael Ignatius schon, doch dann sagte er sich: "W├Ąre ja gelacht!", und dr├╝ckte wahllos auf zwei nebeneinanderliegende Tasten.
Das Licht ging aus und eine durchdringende Sirene ert├Ânte, die ihm die Haare zu Berge stehen lie├č. Schnell bediente er die beiden Tasten wieder, verfehlte allerdings in der Dunkelheit wohl die richtigen, denn zwar verstummte die unertr├Ągliche Sirene, doch das Licht ging nicht wieder an. Ratlos stand er da und fragte sich beunruhigt, was er jetzt wohl ausgel├Âst haben mochte.
Sehr viel vorsichtiger dr├╝ckte er einen dritten Knopf und lie├č den Finger dar├╝ber schweben, um ihn gegebenenfalls sofort wieder bet├Ątigen zu k├Ânnen. Nichts geschah, und so rutschte er zum n├Ąchsten, dr├╝ckte ihn, suchte einen anderen, drehte an einem R├Ądchen nach rechts, an einem anderen nach links, bis er komplett den ├ťberblick verloren hatte. Als er schon resigniert aufgeben wollte, ging pl├Âtzlich das Licht wieder an.
Erleichtert wankte Herr von Santhrop wieder ins Wohnzimmer und lie├č sich auf das Sofa sinken.
"Dieses verfluchte Haus", schimpfte er und wollte ellenlange Fl├╝che folgen lassen, da begannen sich die Rolll├Ąden zu heben und das hereinfallende Sonnenlicht zauberte etwas auf sein Gesicht, das einem L├Ącheln mehr ├Ąhnelte als alles, was in den letzten Stunden dort an Mimik stattgefunden hatte.
"Ha, also doch", lobte er sich in Gedanken, "man muss nur ein wenig Mut aufbringen."

Leider blieben die verdammten Rolll├Ąden nur etwa eine Minute oben, bevor sie sich wieder zu senken begannen. Das Licht ging an, doch diesmal dimmte es sich in rasendem Tempo von hell nach dunkel und wieder zur├╝ck, sodass Herrn von Santhrop abwechselnd stroboskopische Blitze und schummriges D├Ąmmerlicht umgaben.
"Oh nein!", st├Âhnte er, doch dieses Geflimmer dauerte nicht lange, denn die Rolll├Ąden begannen sich erneut zu heben und das Licht erlosch.

"Und was kommt als N├Ąchstes?", fragte er sich gerade, da begannen die Ventilatoren unter der Decke zu arbeiten. Sie drehten sich erst langsam, dann immer schneller und erreichten zuletzt eine Geschwindigkeit, die Herrn von Santhrop wegen der dabei entstehenden Fliehkr├Ąfte aufs ├äu├čerste beunruhigte. Das machte ihm so sehr zu schaffen, dass er kaum noch auf die Lichtorgie achtete, die ihn umflutete, weil die Rolll├Ąden sich wieder herabsenkten.
Dass es st├Ąndig k├Ąlter wurde, lie├č sich dagegen nicht ignorieren. Schnell wurde es empfindlich kalt und sein Atem lie├č in der eisigen Luft eine Rauchwolke entstehen.

Als Zufluchtsort vor der zunehmenden K├Ąlte blieb ihm nur das Schlafzimmer, wo er sich unter die Decken des Betts verkriechen wollte. Erstaunlicherweise entdeckte er, dass es dort weder besonders kalt war, noch sich das Licht selbstst├Ąndig gemacht hatte. Erleichtert atmete er auf und lie├č sich, nachdem er die T├╝r hinter dem Chaos fest verschlossen hatte, aufs Bett sinken. Die Oase der Ruhe und Stille gab ihm neue Kraft. Er schloss die Augen und versuchte, nichts zu denken.
So kam es, dass er nicht gleich bemerkte, wie das elektronische Bild ├╝ber dem Bett, das eine Collage mit mehreren Musikinstrumenten zeigte, abwechselnd in verschiedenen Farben zu pulsieren begann. War die eine Gitarre rot, wurde die andere blau und umgekehrt. Die Laute blinkte st├Ąndig in Lila und Rosa. Zudem nahm die Intensit├Ąt der Farben st├Ąndig zu. Auch ein kakophonisches Durcheinander von Instrumenten war zu h├Âren, das entfernt an ein Gamelan-Orchester beim Stimmen erinnerte und mit jedem Farbwechsel lauter wurde.

Zu Tode erschrocken und mit furchtgeweiteten Augen fuhr Herr von Santhrop hoch. Schon bald wusste er nicht mehr, ob er sich die Ohren oder die Augen zuhalten sollte, denn der L├Ąrm hatte inzwischen fast den Ger├Ąuschpegel eines startenden Flugzeugs erreicht. So blieb Michael Ignatius nichts als die Flucht aus diesem Zimmer, das er eben noch als Schutzraum angesehen hatte.

Gerade als er sich wieder an der Steuerung zu schaffen machen wollte, ert├Ânte ein Klingeln, das die Ger├Ąusche aus dem Schlafzimmer knapp ├╝bert├Ânte. So schnell ihn die F├╝├če trugen, st├╝rzte Michael Ignatius zur Gegensprechanlage.
"Hallo, ist da wer?", schrie er wenig geistesgegenw├Ąrtig ins Mikrofon.
"Guten Tag, hier ist der Lieferservice. Wir bringen die bestellten Gl├╝hbirnen."
"Hilfe, Sie m├╝ssen mir helfen! Das Haus ist verr├╝ckt geworden", kr├Ąchzte Herr von Santhrop zur├╝ck.
"Entschuldigen Sie bitte, aber daf├╝r sind wir nicht zust├Ąndig, da m├╝ssen Sie sich an die Hausverwaltung wenden", bekam er als Antwort. "Wollen Sie nun die Gl├╝hbirnen entgegennehmen oder nicht?"
Seltsam, dass er noch nicht auf die Idee gekommen war zu fl├╝chten, erst dieser Satz des Lieferanten brachte ihn dazu, einen Ausbruchsversuch zu erw├Ągen.

"Einen Moment, ich ├Âffne Ihnen die T├╝r", schrie er in die Gegensprechanlage und dr├╝ckte den Knopf, der normalerweise mit einem Summen anzeigte, dass er seiner Bestimmung gem├Ą├č funktionierte. Was er aber diesmal nicht tat. Erst dachte Herr von Santhrop, er h├Ątte das Summen ├╝berh├Ârt, weil im Schlafzimmer immer noch lautstarke Musik erschallte, doch dann ...
"Wollen Sie mich verarschen? Wenn Sie die T├╝r nicht ├Âffnen, nehmen wir die Gl├╝hbirnen wieder mit!"
Verzweiflung ├╝berfiel Michael Ignatius: "So helfen Sie mir doch, ich will hier raus!"
"Ich glaub, der spinnt", h├Ârte er als Letztes, dann blieb die Gegensprechanlage stumm.
"Oh, mein Gott, wie soll das nur enden?", fl├╝sterte er und sank direkt neben der Sprechanlage zu Boden.

Genau in diesem Moment, in dem Herr Michael Ignatius von Santhrop sich Hiob ├Ąhnlicher f├╝hlte als je zuvor in seinem leidgepr├╝ften Leben, und er zur festen ├ťberzeugung gelangt war, dass es schlimmer nicht mehr kommen k├Ânnte, nahm die Sprinkleranlage ihre T├Ątigkeit auf. Wie zum Hohn pinkelte es auf ihn herab, und mit einem kaum noch als menschlich zu bezeichnenden Schrei st├╝rzte er zur Haust├╝r, um wider besseres Wissen sein Gl├╝ck dort zu versuchen.
Doch als er mit Schwung gegen die T├╝r anrannte, geschah das Wunderbare. Wie bei einer Dreht├╝r wurde er nach drau├čen bef├Ârdert, das Haus spuckte ihn aus wie einen Fremdk├Ârper. Als Michael Ignatius zur├╝ckschaute, schien es ihm, als grinste es ihn h├Âhnisch an.

┬ę aweiawa, 2013
Version 3

Letzte Aktualisierung: 27.06.2013 - 18.57 Uhr
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