Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Inspiration durch ein Bild | Juni 2013
Geträumt?
von Daniela Gerlach

Rolf und Manni saßen zusammen, und das sah fast so aus wie seit eh und je, wie am ersten Tag ihrer Freundschaft. Der war vierzig Jahre her. Damals, als freche Jungs mit Rotzstreifen unter den Nasen, tauschten sie Knicker und Fußballbilder, redeten über blöde andere Jungs oder noch blödere Mädchen. Heute zirkulierte ein Joint zwischen ihnen und sie redeten – oft – über Blödmänner und noch blödere Frauen. Keiner von ihnen hatte bis jetzt geheiratet, nur Manni hatte einen halbherzigen Versuch gestartet, mit einer Frau zusammenzuleben und war mit diesem Unternehmen nach zweieinhalb Jahren gescheitert. Darüber hatte er fast alle Haare verloren. Gerade jetzt, wo Manni konzentriert eine Tüte baute und den Kopf, aufgrund seiner – altersbedingten – Fehlsichtigkeit und mangels Brille, ziemlich tief über dieses mit gutem Stoff gefüllte Gebilde beugte, sah man deutlich die haarfreie, leicht glänzende Fläche. 

Rolf betrachtete diese Fläche, während er auf dem Sessel lümmelte, die langen Beine auf dem Tisch abgelegt, die Füße zur Musik von den Flying Pigs wedelnd. Er trug schwarze Cowboystiefel, denen er seit einem Jahr keine Pause gönnte, schwarze Röhrenjeans und ein giftgrünes T-Shirt, auf dem stand: Ich bin schlau.

Er mochte die kahle Stelle auf Mannis Kopf, sie war etwas Bekanntes, etwas, was ihm Sicherheit und Vertrauen gab, denn sie gehörte zu seinem besten Freund, dem er alles, einfach alles sagen konnte. Rolf überlegte kurz, dann meinte er: „Wenn ich dir erzähle, was mir gestern passiert ist, Manni, du schnallst echt ab.“

Er nahm den angerauchten Joint zwischen seine mit blauer Farbe beschmierten Finger und zog genüsslich daran, blies sinnend eine Rauchwolke aus, zog noch mal, kniff die tränenden Augen zusammen und gab ihn Manni zurück.

„Du hast die Frau deines Lebens kennengelernt“, spekulierte der. Mit dem Gras inhalierte er nun auch etwas Terpentin, er schmeckte es deutlich heraus.

„Ach, komm! Was viel Besseres. Aber es iss schon irgendwie komisch, ich kann mir das nich so richtig erklären.“

Manni sah ihn an und überlegte, was jetzt kommen könnte. Er versuchte eine Veränderung in Rolfs Gesicht auszumachen, aber er sah nichts. Der Kerl sah immer noch so aus wie kurz nach der Pubertät. Irgendwie veränderte der sich nicht, das hatte ihn schon immer gewundert. Nicht mal ´n graues Haar hatte der, geschweige denn, dass ihm eins ausgefallen wäre.

„Jetz sach schon, Mann! Du musst es auch immer spannend machen.“

„Also pass auf. Gestern bin ich schon um acht Uhr aufgewacht. Frag mich nich, warum, ich konnte das selber kaum glauben, aber es war acht Uhr morgens. Ich will aufstehen, und auf einmal wird mir schwindelig. Als ob ich immer noch träumen würde, verstehsse?, dabei habbich nich mehr geträumt, ganz sicher nich, ich musste ja nötig pinkeln. Aber ich konnte mich noch total an den Traum erinnern.“ Rolf machte eine Pause. Hinter seiner Stirn schien sich dieser Traum wieder abzuspielen.

„Und?“

„Ich hab geträumt, ich sitz auf einem Sessel, so ähnlich wie der alte Sessel da, auf dem ich manchmal beim Malen sitze. Plötzlich geht der wie ´ne Rakete hoch und fliegt durchs Weltall. Ey, ich hab den Schub förmlich unterm Arsch gespürt.“

„Abgefahren.“

„Es kommt noch besser. Ich flieg mit dem Ding aus dem Fenster und seh´ tatsächlich, wie aus dem Fenster nebenan unsere Nachbarin, die olle Hageböcke, rausglotzt. Irgendwas ruft die mir noch nach. Und unter mir sind lauter Hochhäuser und daneben liegen Fotos rum. Auf einem Foto iss sogar noch mein Oppa zu erkennen. Und oben, wie in einer Raumkapsel oder so was, seh ich die Köpfe – du glaubst es nich, Manni! – von dem Typen vom Arbeitsamt, zu dem ich letzte Woche musste, und von der Tussi, die in dem Raum nebenan sitzt. Überleg ma, ausgerechnet die beiden sind in meinem Traum. Und das Beste: die waren umgedreht, die standen auf dem Kopf.“

Manni schüttelt den Kopf. „Also so was.“

„Ich denk: na ja, komischer Traum. Aber mir war echt schwindelig, als ob ich wirklich durchs Weltall gedüst wär. Du, ich geh runter zum Einkaufen, war ja Samstag, mach alles ganz normal, und dann komm ich nach Hause, will die Treppe hochgehen, auf einmal verwandelt die sich.“

Rolf macht wieder eine Pause, Manni starrt ihn erwartungsvoll an. „Alter!“

Rolf nickt. „Ich sach ja, du glaubst es nich. Aber was ich dir jetz sage, es iss genau so gewesen. Die Treppe verschob sich ganz komisch und nahm so blau-grün schimmernde Farben an, und dazwischen tauchten manchmal rostrote und gelbe Flecke auf, aber alles war ziemlich verschwommen. Zuerst sah das aus, als wär das ´n Teppich, aber das Muster war überall, an den Wänden, oben...“

„Komm Rolf, du warst breit wie ne Flunder, du hast dir vorher ordentlich was reingezogen.“

„Nein! War ich nicht, echt, das hier ist die erste Tüte, die ich seit drei Tagen rauche.“

„Also versteh ich jetz nich, vielleicht war das noch ´n Traum.“

„Mensch, Manni, ich war doch wach, ich war ganz normal einkaufen, hatte zwei volle Plastiktüten inner Hand. Und komm zurück und die scheiß graue Treppe iss grün-blau gemustert. Die sah aus, als ob sie... irgendwo in einen Palast oder so führt.“

„Ja, und bist du dann die Treppe trotzdem hochgegangen?“

„Ja klar, sonst wär ich ja nich in meine Wohnung gekommen.“

„Und wie war das dann, war die dann immer noch so, die Treppe, mein ich?“

„Weiß ich nich mehr, ich bin da hochgegangen, und es war anders, ich kann mich aber an keine Farben erinnern, das war nur unten. Aber die Sache iss noch gar nich zu Ende.“

„Jetz sach nich, da kommt noch was.“

„Ich schließ hier die Tür auf, geh rein..., und auf einmal seh ich das Bild vor mir.“

„Welches Bild?“

„Na das, was ich dann gemalt hab.“

„Also du hast eine Idee gehabt.“

„Nee, Manni, ich hab´s da hängen sehen, da anner Wand genau gegenüber der Tür.“ 
Rolf stand auf und kam mit einer 1,60 x 1,40 m großen Leinwand herein. 
„Und jetz kuckma, was da für´n Bild rausgekommen iss.“

Manni starrte auf ein überwiegend dunkel, fast schwarz gehaltenes Bild, auf dem Musikinstrumente wie Schatten zu erkennen waren. Er konnte eine Gitarre, einen Kontrabass, vielleicht eine Mandoline ausmachen, und im Vordergrund etwas, was wie ein sportliches Autolenkrad aussah, sich aber nach genauerem Hinsehen als Horn entpuppte. Wenn man wollte, konnte man auch einen ausgestreckten Arm erkennen, wie von Leuten auf einem Konzert.

„Hm, weiß auch nich, was ich jetz dazu sagen soll. Du malst ja sonst ganz andre Sachen, mit Musikinstrumenten haste´s ja eigentlich auch nich so. Und wenn ich mir das so ankucke, dann hat das ja nix mit dem zu tun, was du vorhin erzählt hast.“

„Das iss ja gerade das Komische. Ich hab die Tüten fallen lassen, dann habbich die Leinwand genommen, hab sie auf den Rahmen gespannt, die Tuben auf die Palette gedrückt, alles ganz automatisch. Und ich hab so lange gemalt, bis das ganze Bild fertig war. Hier war alles schon drin.“
Rolf tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Hier und gleichzeitig hing es schon an der Wand.“

„Also das iss mir jetz zu hoch, Rolf. So was gibt´s doch nich. Du warst auf Acid!“

Rolf setzte sich hin und schüttelte den Kopf. „Ich hab nix genommen, das schwör ich dir bei unserer Freundschaft, die mir heilig iss.“

„Vielleicht hast du doch alles geträumt. Erst das mit dem Weltall, dann die Treppe, und dann eben, wie du das Bild malst.“

„Und was iss das dann hier?“, meinte Rolf und hielt demonstrativ das Bild hoch. „Das iss doch echt da, das siehst du doch. Die Farbe iss ja noch gar nich ganz trocken.“

„Vielleicht hast du das auch im Traum gemalt. Also schon richtig gemalt, aber während du träumst, mein ich.“
Rolf war still. Er überlegte.

Auch Manni überlegte. „Was war eigentlich mit dem Einkauf?“

„Welcher Einkauf?“

„Du hast doch gesagt, du hast die Einkaufstüten an der Tür fallen lassen. Waren die noch da, als du mit dem Bild fertig warst, hast du das Zeug dann in den Kühlschrank geräumt, oder was?“

Rolf wurde blass und sah Manni entgeistert an. 
„Nee. Alter! Da waren gar keine Tüten.“


V1
© Daniela Gerlach, 2013 




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Letzte Aktualisierung: 13.06.2013 - 10.15 Uhr
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