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Inspiration durch ein Bild | Juni 2013

Auf der Treppe des Magon
von Wolf Awert

Tiriwi hatte Angst. Das Herz schlug ihr bis in den Hals hinein, und das Blut rauschte in ihren Ohren. Angst ist gut, weil sie vorsichtig macht, aber zu viel davon schwächt. Wie oft hatten ihre Lehrerinnen ihr das gepredigt. Es kostete Tiriwi ihre ganze Kraft und Selbstbeherrschung, die Atemzüge immer ein wenig mehr zu verlängern, bis diese sich endlich mit ihrem Pulsschlag verbanden und ihn zur Ruhe zwangen. Ihre Angst war mit jedem Schritt gewachsen, der sie näher an den Turm des Magon führte, und drückte sie nun beinahe zu Boden. Tiriwi zweifelte, dass ihre Idee wirklich so gut war, und fühlte ihre Zuversicht schwinden. Die rauen, massigen Quader der Wände, die abgerundeten Platten unter ihren Füßen und die dunkle kaum wahrnehmbare Decke schnürten ihr die Brust ein, und aus den Atemzügen, die gerade noch ihrem Willen gehorcht hatten, wurde ein Keuchen. Denn hier endete der Gang. Hinter dieser Tür, vor der sie nun stand und deren Holz direkt aus dem Boden emporzuwachsen schien, lag der Turm des Magon.
Tiriwi klopfte so hart gegen das Holz, dass die Haut ihrer Knöchel aufplatzte, und doch konnte sie ihr eigenes Klopfen kaum hören. Wie so manch andere Tür in Ringwall verschluckte auch diese hier jeglichen Schall. Versuchsweise lehnte sich Tiriwi gegen das Holz, und zu ihrer eigenen Überraschung schwang die Tür leise auf.
Nur ein einziger Schritt vorwärts und Tiriwi stand in einer riesigen Halle, deren Wände wie an so vielen Orten Ringwalls in der Unendlichkeit verschwanden. Die Dunkelheit war allumfassend. Beinahe. Denn von einem kleinen Fenster, hoch oben in der Wand, kam ein zittriges Licht, das grade ausreichte, den Beginn einer breiten Treppe auszumachen, die an der Innenwand des Turms in Schlangenwindungen hochkroch.
„Ist hier jemand?“ Tiriwis leise, ein wenig bebende Stimme, schallte seltsam leer im Raum. Sie seufzte, wandte sich nach links und begann, die Stufen hinaufzusteigen. Die Stufen waren nicht mehr als wuchtige Steinplatten, die direkt aus der Wand herauswuchsen. Sie waren weder miteinander verbunden noch durch ein Geländer vom Innenraum abgegrenzt. Nichts, was ihnen oder dem, der sie betrat, Halt gab. Hier kann leicht jemand hinunterstürzen, dachte Tiriwi.
Das junge Mädchen hielt sich eng an der Wand und erklomm Stufe um Stufe. Nach einiger Zeit hielt sie inne und legte den Kopf in den Nacken. Die Treppe schien bis in den Himmel zu reichen. Entmutigt schaute sie zurück. Drei Stufen unter ihr starrte ihr der Hallenboden feindselig entgegen. Tiriwi stieg vorsichtig drei weitere Stufen, blickte zurück und musste feststellen, dass sie immer noch auf derselben Treppenstufe stand.
„Das hätte ich mir denken können, dass es nicht so einfach ist, zum Magon vorzudringen“, schimpfte sie ein wenig ärgerlich. „Wenn jeder, der mit dem Magon reden will, erst den Zauber seiner Treppe lösen muss, dann brauche ich einen anderen Weg. Ich spüre den Zauber nicht, wie soll ich ihn dann brechen können.“
Tiriwi sprang die drei Stufen wieder hinunter und rief so laut sie konnte: „Magon, ich muss mit Euch reden.“
Dieses Mal vibrierte die Halle wie eine große Glocke, und ihre Stimme schlug mit jedem Echo, das von überall her zu kommen schien, auf sie zurück. Aber ganz oben, unter dem fernen, kuppelförmigen Dach, erschien ein winziger heller Lichtpunkt, der unruhig hin und her hüpfte.
„Was willst du vom Magon?“, fragte eine Stimme.
„Ich muss mit ihm reden“, rief Tiriwi, dieses Mal in einer geringeren Lautstärke.
„Wieso glaubst du, dass du mit ihm reden kannst. Der Magon beobachtet und leitet die Geschicke in allen fünf Königreichen, und er regiert Ringwall mit seinen Erzmagiern und all den Magiern in seinen Mauern. Der Magon ist für niemanden zu sprechen.“
Das Licht kam langsam heruntergehüpft, als ob es im Inneren des Turms eine Treppe aus Luft gäbe.
„Und wie erreichen die Erzmagier ihn?“, fragte Tiriwi.
„Niemand erreicht ihn. Der Magon lässt rufen oder versammelt, wenn er es für nötig hält.“
„Und wie erfährt er Neuigkeiten, wenn nicht durch Boten? Er kann doch unmöglich von seinem Turm aus alles sehen und erfahren“, fragte Tiriwi weiter.
„Der Magon weiß. Die Traumgesichter helfen ihm.“
„Nein, das stimmt nicht. Alles weiß er nicht. Er weiß zum Beispiel nicht, dass es bald hier in Ringwall sehr viel Ärger und Aufregung geben wird.“
„Was meinst du damit?“, fragte nun der Lichtpunkt.
„Die adeligen Schüler, die hier lernen, wissen nichts von der Legende“, rief Tiriwi.
„Scht, schweig still. Niemand sollte laut über die Legenden sprechen“, sagte das Licht.
„Warum nicht?“, fragte Tiriwi. Bei meinem Volk, den Oas, wachsen wir mit dem Wissen der Legenden auf. Nill aus dem Erdland erfuhr von einem Druiden davon, und Brolok …“ Tiriwi verstummte für einen Moment. Woher Brolok davon wusste, hatte er ihr nicht erzählt. Aber das war letztlich auch egal. „Manche wissen, andere nicht, und die, die nicht wissen, liegen bald im Krieg mit denen, die wissen“, fügte sie nun beinahe trotzig hinzu.
„Was für ein Unsinn.“
„Was wird der Magon gegen die bevorstehende Unruhe hier in Ringwall tun?“
Das Licht schwieg und stieg wieder nach oben.
„Wartet!“, rief Tiriwi. „Ich bin noch nicht fertig.“
Und tatsächlich hielt das Licht an und senkte sich erneut herab. Dieses Mal bis in Tiriwis Augenhöhe. Das junge Mädchen blickte in eine kleine Leuchtkugel, in der ein alter Mann auf einem Stuhl an einem kleinen Tisch saß. Grauhaarig, in grauer Arbeitsrobe, ohne Zeichen einer Zugehörigkeit auf seinem Mantel. Das Gesicht war nicht zu erkennen, aber dass der alte Mann nicht der Magon war, sah Tiriwi sofort.
„Du bist ein Irrlicht, nicht wahr?“, fragte sie.
„Ja“, antwortete der alte Mann.
„Ich dachte immer, Irrlichter wären kleine Elfen oder junge Kobolde.“
„Du hast wohl noch nie ein Irrlicht gesehen?“, schnarrte das Licht. „Elfen, Kobolde, lachhaft. Ein Irrlicht ist ein Irrlicht und kein Kobold. Es gibt junge und alte Irrlichter. Ich bin ein etwas älteres, aber niemand von uns ist ein Kobold oder gar eine kleine Elfe.“ Das Licht schüttelte indigniert den Kopf.
„Ich heiße Tiriwi, verratet Ihr mir Euren Namen?“, fragte Tiriwi.
„Ich heiße Wisper wie alle Irrlichter.“
„Wenn ihr alle denselben Namen habt, wie könnt ihr euch dann ansprechen?“, wollte Tiriwi wissen.
Das Irrlicht zuckte mit den Schultern.
„Weiß der Magon, was es bedeutet, wenn die Schüler gegeneinander kämpfen?“, fragte Tiriwi.
„Wenn sie kämpfen, was wir bezweifeln, dann wird sich einer hervortun, und wir wissen alle mehr“, antwortete Wisper.
„Es wird sich niemand hervortun können, weil sich zwei Gruppen bekämpfen werden. Die Adeligen, die nichts wissen und verstehen, und Nill, Brolok und ich, die als Fremdlinge vom Magon eingeladen wurden. Und wenn dieser Kampf erst einmal angefangen hat, dann habt ihr die Zukunft verändert und nichts wird mehr sein wie es war.“ Tiriwi schaute jetzt sehr ernst.
„Wir haben das Schicksal bereits verändert, indem wir euch zu uns eingeladen haben.“
„Ja, das habt ihr. Aber wenn der Magon diesen Konflikt nicht löst, bevor er richtig ausbricht, dann weiß ich, wer der große Verwandler oder Veränderer ist, den ihr alle fürchtet“, trumpfte Tiriwi auf.
„Und wer soll das sein?“, fragte das Irrlicht.
„Der Magon selbst und seine Erzmagier!“
„Das ist doch lachhaft“, entrüstete sich der kleine Mann.
„Überlegt selbst“, sagte Tiriwi. „Was meint ihr, wird geschehen, wenn eine Oa, ein Dreckling und ein Halbkundiger die Adeligen besiegen?“
„Das wird nicht geschehen“, sagte das Irrlicht.
„Was, meint ihr, wird geschehen, wenn die Adeligen siegen und ich bei diesem Kampf Schaden nehme, nachdem ich von euch eingeladen wurde“, fragte Tiriwi weiter.
Wisper schwieg.
„Glaubt ihr wirklich, dass die Oas oder die Druiden oder vielleicht auch die Schamanen einfach darüber hinwegsehen werden?“
„Deutest du einen gemeinsamen Kampf aller magischen Kräfte gegen Ringwall an? Niemand kann den Magon mit seinen Erzmagiern besiegen“, sagte Wisper.
„Nein, so weit gehe ich nicht“, antwortete Tiriwi. Ich prophezeie in diesem Fall eine gewaltige, magische Unruhe, in deren Schatten alles Mögliche geschehen kann. Das, was unter Kontrolle gehalten werden soll, bricht dann aus. Angefangen durch einen kleinen Streit unter Schülern.“
Das Irrlicht nickte. „Du würdest eine gute Diplomatin abgeben, Tiriwi. Wir werden sehen, wie der Magon damit umgeht.“
„Ihr werdet es ihm sagen?“, fragte Tiriwi.
„Das ist nicht nötig, er lauscht. – Geh jetzt, es ist besser so.“
Es machte „Plopp“ und Tiriwi fand sich außerhalb der mächtigen Holztür wieder.

Letzte Aktualisierung: 15.06.2013 - 17.18 Uhr
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