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Bewegung | Juli 2013
Die Frau, die sich nicht umdrehte
von Elsa Rieger

Johanna sollte an diesem Nachmittag im heißen August den zehnten Geburtstag feiern. FĂŒr die Party ging sie mit ihren Eltern einkaufen. WĂ€hrend die Mutter vor dem Supermarkt die Lebensmittel in die Taschen packte und der Vater die Kiste mit dem Mineralwasser schulterte, lief Johanna schon voraus, Richtung Wohnhaus. Sie ĂŒberquerte hĂŒpfend die Fahrbahn, hinter ihr kreischte jemand auf, Reifen quietschten, es krachte und knallte. Erschrocken drehte sich das Kind um und sah eine Menge Blut ĂŒber den Asphalt rinnen, dazwischen lagen zwei Tote: Johannas Eltern.
WĂ€hrend der Beerdigungszeremonie fasste Johanna einen Entschluss. Sie wĂŒrde ab nun stets nach vorne schauen und sich niemals mehr umdrehen.
So hielt es Johanna die nĂ€chsten Jahre. Als sie mit 18 durch die TĂŒr des Waisenhauses auf die Straße trat, konnte sie nicht sehen, dass die ZurĂŒckbleibenden ihr nachwinkten. Sie ging vorwĂ€rts, immer nur vorwĂ€rts. Ihre Zielstrebigkeit trug FrĂŒchte, Johanna machte Karriere in einer politischen Fraktion. Als sie jedoch Kompromisse schließen sollte, die Schaden fĂŒr Menschen und Natur bedeuteten, weigerte sie sich und wurde gefeuert.
Sie wanderte durchs Land, immer geradeaus, ließ das, was geschehen war, hinter sich, erfreute sich an den Blumenwiesen, dem Himmel, an allem, was ihr begegnete. Schließlich endete ihr Weg vor einer unĂŒberwindbaren Mauer. Johanna wusste, ihre Weigerung hatte nichts genĂŒtzt, es gab immer jemanden, der bereit war, Mauern zu bauen.
ZurĂŒck wollte sie nicht. Aber sie konnte auch nicht vorwĂ€rts. Johanna blieb stehen. Trank die Wassertropfen, die der Regen in den Mauerritzen hinterließ, aß den sandigen Mörtel, wenn Hunger sie plagte. Manchmal stellten gutherzige Menschen ihr einen Teller mit Essen hin. Da das aber hinter ihrem RĂŒcken geschah, konnte sie nicht davon essen.
Viele Jahre stand sie knapp vor der wuchtigen Mauer. Um ihre StimmbÀnder geschmeidig zu halten, redete sie mit den Steinblöcken.
„Dreh doch um“, knarzte die Mauer staubig.
Johanna erklĂ€rte, warum das nicht möglich war. Sie hatte schon viel von dem Putz verzehrt, RegengĂŒsse hatten die Steinblöcke saubergewaschen.
„Du musst jemanden holen, der den Mörtel erneuert“, maulte die Mauer.
„Du weißt, dass ich das nicht tun kann.“ Johanna stand und stand und stand. Sie erzĂ€hlte der Mauer von der wunderbaren Landschaft, die durch die Sturheit der Erbauer zerteilt worden war. Ihre Stimme erklang laut und klar, sie sprach gegen das Steinmonster, das von Tag zu Tag mehr bröckelte. Und eines Tages hörte Johanna von drĂŒben Tumult. Lachen, Musik, Klopfen und Scharren. Der Quader, den sie so lange besprochen hatte, regte sich, wurde weggezogen, und in der Öffnung erschien ein rotbackiges MĂ€nnergesicht.
„Hallo!“, sagte es.
In dem Moment hub Geplapper und Jubel hinter Johanna an, eine Flut von Menschen drĂ€ngte sich in ihrem RĂŒcken. Der freundliche Mann in der Luke rief um Hilfe, schon sah Johanna viele HĂ€nde durch das Loch, die klopften und kratzten, hoben Steinquader um Steinquader aus der Mauer, bis ein Durchgang entstand, durch die nun der Menschenstrom – Johanna an der Spitze – auf die andere Seite der Mauer floss. Die Leute von hĂŒben und drĂŒben lagen sich in den Armen, TrĂ€nen der Freude glĂ€nzten in ihren Augen.
Johanna war so mĂŒde, dass sie wankte. Starke Arme umfassten sie von hinten, eine MĂ€nnerstimme, jene, die durch das Loch in der Mauer fröhlich „hallo“ gerufen hatte, sagte: „Das hast du gut gemacht, zum Steine erweichen gut!“ Dann ließ er sie los.
Johannas Körper erzitterte, ein Teil in ihr wollte weiter vorwĂ€rts ziehen, der andere sich nach dem Mann umwenden. Minutenlang dauerte der innere Kampf, er drehte ihr den Magen um. Das Krachen, Knallen, Quietschen und natĂŒrlich der Schrei, den sie damals ausgestoßen hatte, hallte in ihren Ohren. Aber darunter mischte sich noch ein anderer Klang. Ein sanfter Ton, hinter ihr.
„Komm, komm, komm.“
Und dann blickte Johanna zurĂŒck. Da war kein Blut, keine toten Eltern, kein Lastwagen, nur freie Menschen. Und vor ihr stand ein Kerl, krĂ€ftig, mit rosiger Haut, der die Arme ausbreitete und sagte: „Komm schon! Ich zeige dir die RĂŒckseite der Welt.“

Letzte Aktualisierung: 22.07.2013 - 21.06 Uhr
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