Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Bewegung | Juli 2013
Der Hiller Moorteufel
von Ingo Pietsch

Stress, Süßigkeiten und jede Menge zuckerhaltige Getränke haben meinen Körper etwas leiden lassen.
Aber um mich wieder in Form zu bringen, gehe ich deswegen ab und zu joggen.
Da gibt es hier mehrere Möglichkeiten: Entweder gehe ich hoch ins Wiehengebirge oder runter ins Hiller Torfmoor.
Die Berge sind näher dran und ich kann mal eben spazieren gehen. Dafür sind die Wege teilweise sehr steil und ich bin oft erschöpft, ehe ich eine geeignete Strecke zum Laufen gefunden habe.
Das Moor ist schön flach und ich habe nicht das Gefühl angestarrt zu werden, wie, wenn ich durch meinen Heimatort jogge. Auch das Moor hat so seine Nachteile. Zuerst muss ich mit dem Auto hinfahren. Dann quälen mich die Mücken mit ihren Stechattacken und zu guter Letzt sollte man nicht Joggen, wenn Krötenwanderung ist.

Es war schon abends, aber noch hell. Ich stellte mein Auto auf dem Parkplatz ab und sah neidisch zu den Gästen des kleinen Cafes hinüber, das an das Moor grenzt. Genüsslich aßen die Leute Eis oder Kuchen. Ein Blick auf meine Füße ließ mich zusammenzucken, denn ich konnte sie nicht sehen.
Schnürsenkel noch mal festziehen, Jogginganzug straffen und Mp3-Player starten. So lief ich leichten Fußes los. Zumindest bis ich hinter einem großen Gebüsch außer Sichtweite der Gäste des Cafes gelaufen war. Ich verringerte meine Geschwindigkeit auf für mich schnelles Gehen.
Schon nach fünfzig Metern ging mir die Puste aus und ich wurde noch langsamer.
Ich zwang meine Füße sich wieder schneller zu bewegen und mein Herz hämmerte in der Brust.
Die Luft war total schwül und ich hatte meine Trinkflasche im Auto gelassen.
Während mir also der Schweiß übers Gesicht lief, trocknete mir der Mund aus.
Ich musste einen erbärmlichen Eindruck machen, denn ein Mann mit Hund, den ich passierte, sagte besorgt zu mir: „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“
Ich hob den Daumen und rief röchelnd: „Alles OK! Ist schon meine zweite Runde!“
Der Mann schüttelte nur den Kopf und ging weiter.
Mein Puls hatte sich der schnellen Musik angepasst, die ich hörte. Eigentlich sollten die fetzigen Lieder mich geistig anspornen und nicht meinen Blutdruck zu Höchstleitungen antreiben.
Egal, das Rauschen in meinen Ohren übertönte sogar die Musik.
Ein Stück musste ich noch laufen, bis eine rettende Bank in Sichtweite kam.
Mit quälenden Seitenstichen ließ ich mich fallen.
Sterne tanzten vor meinen Augen. Ich riss mir die Kopfhörer vom Kopf. Meine Kleidung klebte am ganzen Körper. Wahrscheinlich fühlte sich so ein Stück Fleisch im Bratschlauch an.
Ein Festessen für Zecken.
Ich wedelte mir mit den Händen frische Luft zu, denn nicht ein einziges Lüftchen verschaffte mir Abkühlung.
Mit angewinkelten Beinen lag ich auf der Bank.
Ich schloss die Augen und entspannte mich. Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund und Grillen zirpten in der Nähe.
Dann, mit einem Mal, war es totenstill.
Ich setzte mich wieder auf und sah mich um: Dichter Nebel war aufzogen und die Sonne hinter Wolken verschwunden.
Ich begann mit den Zähnen zu klappern, weil es mich fröstelte. Ich konnte gerade noch den Weg erkennen, der von dem wabernden Nebel fast verschlungen wurde.
Ich überlegte, ob es ratsam wäre, halb blind durch ein Moor zu laufen, doch ein abgrundtiefes Grollen ließ mich mit einem Satz von der Bank springen.
Ein Donnern war es nicht gewesen, es klang eher wie ein riesenhaftes Tier.
Ich bildete mir in Gedanken einen großen Bären ein. Was natürlich totaler Quatsch war, denn es gab hier keine Bären. Oder doch? Vielleicht war einer aus einem Wanderzirkus entwischt?
Nächster Gedanke: Wie konnte ich mich wehren? Ich hatte nur meine durchgeschwitzte Kleidung. Ich hob einen Arm und roch daran. Mir wurde schwindelig.
Mhm, möglicherweise würde der Bär flüchten, wenn er mich witterte.
Ich könnte auch auf einen Baum klettern. Aber das morsche Geäst gab nicht viel her.
Also weglaufen.
Ein Brüllen ließ meinen Körper vibrieren.
Jetzt aber los.
Mit großen Sprüngen machte ich mich auf. Hinter mir knackten und krachten Äste und Gestrüpp.
Meine Lunge brannte.
Dann die banale Frage: Warum gerade ich?
Ich knickte um und fiel hin. Ich rappelte mich auf und sah kurz zurück. Ein Paar riesige rotglühende Augen in drei Metern Höhe verfolgte mich. Mehr konnte ich durch den Nebel nicht erkennen.
Ich ignorierte den Schmerz in meinem Knöchel und folgte weiter dem fast unsichtbaren Weg.
Vor mir lag eine Gabelung. Ehe ich mich erinnern konnte, ob links oder rechts, wurde mir die Entscheidung in Form einer fliegenden Birke abgenommen, die mitsamt Wurzel nach ihrer Landung die eine Abzweigung versperrte.
Trotz der super teuren Sportschuhe taten mir jetzt auch noch die Füße weh. Aber wenn das Ungetüm mir den Kopf von den Schultern reißen sollte, war das eh nebensächlich.
Vor mir tat sich ein Loch in der Nebelwand auf. So eine Art Lichtung.
Das Moor war zu beiden Seiten des Schotterwegs zu gut zehn Metern einsehbar.
Ich blieb mittendrin stehen, da ich keine Geräusche mehr vernahm.
Ich stützte mich auf meine Knie und drehte meinen Kopf, mal in die eine, dann in die andere Richtung. Das Tier, oder was immer es war, schien die Deckung des Nebels zu nutzen.
Aus dem Augenwinkel konnte ich erkennen, wie sich ein Busch langsam zur Seite schob und junge Bäume umknickten.
Panik machte mir Feuer unter dem Hintern und ich rannte schneller als zuvor.
Hinter mir bebte der Boden, als das Untier auf den Weg sprang. Ich versuchte beim Laufen zurückzublicken, erhaschte aber nur einen flüchtigen Blick auf einen rötlichbraunen behaarten Schwanz, der wieder in der wabernden Masse verschwand.
Eigentlich hätte mich das Ungeheuer längst eingeholt haben müssen. Spielte es etwa mit mir?
Der Nebel wurde noch dichter.
Ich rannte und rannte.
Dann stolperte ich und stürzte erneut. Ich landete auf dem Rücken. Eine Schmerzwelle raste die ganze Wirbelsäule nach oben.
Im Aufstehen verharrte ich: Ein Knurren, das mir die Haare zu Berge stehen ließ, war direkt über mir.
Wieder diese rotglühenden Augen.
Eine Pranke mit irre langen Klauennägeln wischte direkt an meinem Gesicht vorbei. Vor Schreck ließ ich mich nach hinten fallen. Und das im rechten Moment: Der Schwanz wirbelte ganz knapp über mich hinweg.
Das Tier hatte sein Gleichgewicht verloren und war in die Büsche gefallen.
Das war meine Chance.
Nach nur ein paar Metern hatte ich den Parkplatz erreicht. Das verriet mir das Schild, das ich beinahe umgerannt hätte.
Wohin jetzt? Zum Cafe? Zum Auto?
Wie von Zauberhand hielt ich den Schlüssel in der Hand.
Wo das Auto stand, wusste ich.
Hinter mir brüllte die Bestie, während ich mit zitternder Hand das Schloss zu treffen versuchte.
Der Nebel verzog sich langsam.
Tür auf, rein springen, Tür zu, Schlüssel ins Schloss, Motor starten. Alles wie in einer Bewegung.
Der Parkplatz war jetzt fast zur Gänze nebelfrei.
Rückwärtsgang rein.
Ich zuckte zusammen - kurz vor der Motorhaube steckte plötzlich schief das Parkplatzschild. Das Vieh liebte anscheinend Weitwerfen.
Mit durchdrehenden Reifen fuhr ich rückwärts, ließ den Wagen halb um sich selbst schleudern und riss mit lautem Knirschen den Schalthebel in den ersten Gang.
Im Rückspiegel konnte ich sehen, wie dem Tier Steine entgegen flogen, weil die Reifen durchdrehten. Auf allen vieren sprang es näher und wurde im Rückspiegel immer größer. Es war einem Bären ähnlich, sah aber trotzdem irgendwie anders aus. Gedrehte Hörner wuchsen ihm aus der Stirn. Am meisten ängstigten mich jedoch die glühenden Augen.
Ich war so fasziniert von dem Ungeheuer, dass ich mir wünschte, eine Kamera dabei zu haben.
Das haarige Ding füllte schon den gesamten Rückspiegel aus. Ich kam wieder zur Besinnung und rammte den zweiten Gang ein. Die Räder griffen und der Wagen machte einen Satz nach vorn.
Ich blickte immer noch in den Spiegel und erkannte die verzweifelte Handlung des Wesens, als es nach dem Auto schlug. Metall kreischte und der Wagen brach leicht aus, doch ich war schneller.
Das Tier blieb stehen, baute sich zu seiner vollen Größe auf und schlug sich wütend, wie ein Gorilla, mit den Pranken auf die Brust. Dann riss es den Kopf hoch und kreischte so laut, dass ich fürchtete die Scheiben würden bersten.
Der Ton wurde immer höher und die Straße vor mir verschwamm. Ich wurde ohnmächtig.

Als ich wieder erwachte, lag ich zu Hause in meinem Bett. Unwillkürlich tastete ich mich ab, ob noch alles dran war. Mein Bauch war leider nicht verschwunden. Meinen Haaren nach zu urteilen, war ich frisch geduscht.
Wie war ich nach Hause gekommen? Hatte ich etwa alles nur geträumt?
Ich stand auf und wollte in die Küche, als meine Frau mich abfing und in die Garage zerrte.
„Ich wollte gerade einkaufen fahren. Und jetzt sieh dir das an!“
Quer über die Heckklappe zogen sich ausgefranste Schlitze.
„Kannst du mir das irgendwie erklären?“
„Äh, eventuell bin ich rückwärts in einen Busch gefahren“, versuchte ich es.
Sie sah mich böse mit großen Augen an. „Das kannst du der Versicherung erzählen. Das wird bestimmt teuer. Wie war noch mal die Nummer?“
Ich zuckte mit den Achseln.
Aber welchen Wert hatte schon eine Heckklappe im Gegensatz zu einem Leben?

Letzte Aktualisierung: 26.07.2013 - 08.56 Uhr
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