Bitte lächeln!
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Bewegung | Juli 2013
Es begann in der Wäschetruhe
von Monika Heil

„Au! Was soll denn das?“
Dessouchen war bis in ihre schwarze Spitzenkante empört.
„Was hast du denn?“, wisperte ihre Zwillingsschwester.
„Dieser ungehobelte Kerl hat mich angerempelt“, fauchte sie aufgebracht.
„Meinst du Shorty?“
„Ich weiß nicht, wie der heißt. Er ist ein grober Boxershort.“
„Das i s t Shorty! Der kommt aus Amerika. Sein Besitzer ist ein weltberühmter Zauberer.“
„Na und, das ist doch kein Grund zum Pöbeln. Unsere Besitzerin ist ein weltberühmtes Model und hat die ganze Welt bereist. Wir wissen doch, was sich gehört.“
Ihre zarten Seidenfäden knisterten vor Entrüstung. Ihre Körbchen bebten. „So ein grober Kerl“, wiederholte sie.

Amüsiert hatte Shorty, der amerikanische Boxershort zugehört. Er kannte die beiden Neuzugänge hier im Korb noch nicht. Ihr französischer Akzent und das zarte Parfüm waren das einzige, das er von ihnen wahrnehmen konnte. Beides gefiel ihm. Es war zu dunkel im Wäschekorb, um irgend etwas erkennen zu können. So wusste er auch nicht, waren sie seine weiblichen Gegenentwürfe - zarte anschmiegsame Slips - oder waren es diese interessanten Oberteile der Damen, diese wunderbaren Büstenhalter?
„Außerdem stinkt es hier furchtbar, igitt, igitt!“
Dessouchen konnte sich noch immer nicht beruhigen.
„Das sind die Socken von Shortys Besitzer, echte Proleten“, pflichtete ihre Schwester ihr so leise wie möglich bei. Man wusste ja nie, wie derart einfach gestrickte Zeitgenossen auf Kritik reagierten. Sie war wiederholt hier gewesen und hatte so ihre Erfahrungen. im Gegensatz zu Dessouchen, die erst letzte Woche aus Paris eingeflogen worden war und nun erneut anfing zu jammern:
„Ich will nach Hause!“
„Ruhe, dort oben!“, donnerte es durch den Wäschekorb. Sofort trat Stille ein. Ein Frotteetuch lag bleich und erschöpft auf dem Rattanboden. Vor vielen Jahren war es auch einmal eine Schönheit gewesen. Fünfzig Sterne, blau unterlegt, hatten auf rot-weiß gestreifter Unterlage gestrahlt wie die aufgehende Sonne. Nun waren die Farben alt und verblichen. Das Wäschestück war müde vom vielen Reisen und hätte sich liebend gern im warmen Kalifornien zur Ruhe gesetzt. Doch der große Zauberer schien sich einfach nicht von ihm trennen zu können. Mit einem wehmütigen Seufzer schlief das Badetuch ein.

Am nächsten Morgen ging es ganz schnell. Die gesamte Mannschaft wurde unsanft aus dem Schlaf gerissen. Allein Dessouchen hatte kein Auge zugemacht. Ehe sie es sich versahen, fanden sich die meisten Wäschestücke in der Waschmaschine wieder. Prasselnd stürzte das Wasser über ihnen zusammen und in kürzester Zeit waren ausnahmslos alle pitschnass. Kurz darauf setzte sich die Trommel in Bewegung und ein wilder Tanz begann. Zum ersten Mal konnte Shorty einen kurzen Blick auf die hübschen Französinnen werfen. Er war fasziniert von ihrer Zartheit, ihrem feinen dunklen Seidenglanz. Diesen duftigen Wesen sah man ihre edle Herkunft sofort an. Anmutig waren auch ihre Bewegungen. Wie sie wohl hießen? Er hatte so viele zauberhafte Namen gehört, die das schöne Model ihren Freundinnen am Telefon beschrieben hatte. Wer waren diese beiden? Ninette, Doreen, Chou-Chou?

Kurz darauf hörte er die Zwillingsschwestern kichern.
„Du, der sieht gut aus, der Amerikaner. Hättest mir ruhig sagen können, dass der auch ein Schwarzer ist. Er gefällt mir.“
„Mir auch“, flüsterte ihre Schwester.
„He, was ist denn mir dir los? Du wirst ja rot.“
Dessouchen wirbelte auf ihre Schwester zu und wollte sie umarmen. Doch die entwand sich ihr schnell.
„Was du denkst. Das ist der blöde rote Socken, der hat mich eben gestreift. Was hat der in unserer Feinwäsche zu suchen? Ich hasse diese Schlamperei.“

Mit der nächsten Umdrehung wirbelte Dessouchen wieder auf Shorty zu, der nur Bruchstücke des Gesprächs mitbekommen hatte, weil das Wasserrauschen im Augenblick zu stark war. Plötzlich kam die Trommel zum Stillstand. Gemeinsam sanken sie durch die nassen Fluten.
„Wie klein sie ist. Aah! Wie schön sie ist!“, murmelte er und bewunderte die Durchsichtigkeit zwischen den zarten seidigen Blütenknospen. Ob ich sie nach ihrer Größe fragen kann? Oder ist das unhöflich?
Ehe er sich entschieden hatte, kam schon wieder Bewegung in die Wäsche und weiter und weiter tanzten und wirbelten sie aufeinander zu und aneinander vorbei. Dessouchen drehte Pirouetten, schneller und immer schneller. Ihr wurde schwindelig vor Freude über diesen wilden Tanz, sie versuchte, dem interessanten Ausländer auszuweichen, dann stob sie in wilder Tangoart wieder auf ihn zu. Eine kurze Berührung mit seinem samtweichen Gewebe, ließ heiße Stromstöße durch jede ihrer seidenen Fasern jagen, so dass sie erotisch knisterten. Die Situation war eine einzige Verlockung. Doch Dessouchen war noch zu jung und völlig unerfahren.

Nützte der erfahrene Shorty die Situation aus? Nein, auch wenn dieser zauberhafte kleine BH ihn tags zuvor einen groben Kerl genannt hatte, heute zeigte er sich ihm von seiner besten und galantesten Seite. Er gab sich dem wilden Tanz hin und blieb doch stets Kavalier.

Völlig erschöpft ruhten sie eine Stunde später Seite an Seite auf einer schmalen, transparenten Wäscheleine aus. Es war nicht genau auszumachen, wo wie sich befanden. Über ihnen lachte ein wolkenloser blauer Himmel. Kitzelnde Sonnenstrahlen wärmten und trockneten sie. Woher sollten sie auch wissen, dass sie sich auf der Terrasse eines Luxusappartements befanden? Endlich hatten sie Gelegenheit, miteinander zu reden.

Dessouchen erzählte von ihrer Heimat und ihrer Sehnsucht nach Frankreich. Sie hatte bisher noch nicht viel gesehen von der Welt. Deshalb war Paris für sie das Maß aller Dinge. Gewiss, hier war es auch sehr hübsch, aber Paris ... mon dieu! Sie hatte solches Heimweh! Als er beobachtete, wie ein paar Tränen auf den creme-farbenen Marmorboden tropften, war es restlos um Shorty geschehen. Er liebte diesen zarten schwarzseidenen BH. Keine Frage, er war die Liebe seines Lebens. Ohne lange nachzudenken, versprach er, sie in ihre geliebte Heimat zurückbringen. Da hörte sie auf zu weinen und strahlte mit der Sonne um die Wette. Bald darauf war die gesamte Leinenbelegschaft trocken.

Als sich Shorty später in seinem dunklen Wäschefach schlafen legte, war er ganz sicher, sein Versprechen halten zu können. Er wusste zwar noch nicht wie, aber irgend etwas würde ihm schon einfallen. Schließlich war sein Boss ja ein berühmter Zauberer.

Zwei Fächer weiter schliefen Dessouchen und ihre Schwester selig an einen frühlings-frisch duftenden Mohairpullover geschmiegt tief und fest. Der kleine schwarze Spitzen-BH hatte einen wunderbaren Traum. Er handelte von Liebe und Glück und einem gutaussehenden schwarzen Boxershort. Dessouchen seufzte im Schlaf.

Schon am nächsten Morgen sahen sie sich wieder. Seite an Seite standen der berühmte Zauberer und das schöne Model am Doppelwaschbecken eines elegant eingerichteten Badezimmers. Shorty strahlte, als er seine Angebetete entdeckte. Dessouchen warf einen koketten Blick schräg hinunter auf seine prächtige Gestalt. Ihre zarten Spitzen knisterten voll Erwartung. Shorty reckte sich, setzte sich in Pose, zeigte sich von seiner besten Seite. Keine Frage, Dessouchen und Shorty fanden großen Gefallen aneinander.
Da hörten sie ihre Besitzer miteinander plaudern. Mit wachsender Spannung folgten beide dem Dialog.
„Wann geht dein Flug nach Monaco, Cherie?“, fragte der große Zauberer.
„Neun Uhr dreißig, Darling.“
Dessouchen hielt die Luft an. Monaco war fast wie Frankreich. Aufgeregt raschelte ihre Seide.
„Kannst du nicht doch mitkommen?“, bettelte das schöne Model.
„Leider, Cherie, du weißt doch, ich habe in zwei Tagen einen Auftritt in Las Vegas. Nächste Woche in London haben wir drei Tage und Nächte für uns allein“, versprach der große Zauberer und das Model lächelte versöhnt.

Unmittelbar danach wurden Dessouchen und Shorty getrennt. Obwohl sie in den nächsten Wochen mehrfach im selben Hotel wohnten, sahen sie sich nie wieder.

Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.07.2013 - 14.46 Uhr
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