Schreib-Lust Print
Schreib-Lust Print
Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Wolf Awert IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Bewegung | Juli 2013
Herr Nge
von Wolf Awert

Ich war frisch diplomierter Masseur und Physiotherapeut und hatte trotz allem das Gefühl, dass mir etwas ganz Wesentliches in meiner Ausbildung fehlte. Also fragte ich herum.

„Was du brauchst, ist keine Weiterbildung. Du brauchst eine andere Sichtweise“, sagte mir Harry. Harry war so ein typischer „hab für alles eine Lösung“. Aber dieses Mal überraschte er mich wirklich.

Wenn du etwas über Körper erfahren willst, dann geh ins Café Kreutzmann und unterhalte dich mit Herrn Nge.“ Ich zögerte zunächst, denn ich konnte mir kaum vorstellen, dass ein Café der passende Ort für so ein Gespräch war. Und überhaupt, wer war dieser Nge?

Es stellte sich heraus, dass Herr Nge Vietnamese war.

„So ganz im Vertrauen, er soll mal für die Amerikaner gearbeitet haben und musste ihnen so wichtig gewesen sein, dass sie ihn kurz vor Ende des Vietnamkriegs noch rausgeholt haben. Aber sprich ihn da bloß nicht drauf an. Halb tot soll er gewesen sein. Hab ich gehört.“

Typisch Harry. Musste immer alles dramatisieren. Und dann bekam ich von ihm noch den Ratschlag, es an einem Samstagvormittag zu versuchen. „Da ist das Kreutzmann immer gut besucht“, sagte er.

Es war Freitagmittag und ich hatte nicht vor zu warten. Also begab ich mich sofort ins Kreutzmann. Etwas am Rand, an einem Tisch, von dem aus man sowohl den Eingang wie auch die Kuchentheke überschauen konnte, saß ein kleiner Asiate mit faltigem Gesicht. Wahrscheinlich würde er bald gehen, denn seine Teetasse war leergetrunken und auf dem kleinen Teller vor ihm lagen nur noch ein paar Krümel. Es sah so aus, als müsste ich mich beeilen.

„Herr Nge?“, fragte ich und deutete eine Verbeugung an.
Aus seinem zerfurchten Gesicht schauten mich zwei überraschend jugendliche Augen an. Ganz ohne Alterstrübung und voller Neugier.

„Ein Freund erzählte mir, sie verstünden die Geheimnisse des menschlichen Körpers und vielleicht auch die der Seele. Ich bin Physiotherapeut und wollte Sie fragen, ob …“

Ich hatte mir vorher überlegt, was ich sagen wollte und dabei nach gängigen asiatischen Klischees versucht, bescheiden aufzutreten. Doch mittendrin in meinem Auftritt brach ich ab und schämte mich meiner Unaufrichtigkeit.

„Sie wollen etwas lernen? Das ist immer gut. Aber ich glaube nicht, dass ich Ihnen viel über die Menschen erzählen kann. Nur, dass sie mich immer wieder überraschen. Aber wenn Sie morgen früh um Viertel nach neun wieder hier herkommen, kann ich Ihnen zeigen, was ich in ihnen sehe.“

Ich war entlassen, erleichtert, bedankte mich und stürmte aus dem Cafè. Da war etwas in dem schmalen Herrn, das mir übermächtig vorkam.

Am nächsten Morgen erschien ich pünktlich. Herr Nge war schon da. Er musste kurz vor mir gekommen sein, denn auf seinem Tisch standen nur ein Aschenbecher und eine kleine Vase mit Plastikblumen.

„Hier bin ich“, sagte ich, und „Guten Morgen, Herr Nge.“ Leider in genau dieser Reihenfolge. Er nickte mir nur zu und ich setzte mich zu ihm.

Herr Nge zog aus seiner Brusttasche ein Seidentuch, das früher einmal kanariengelb gewesen sein musste. Er breitete es aus, faltete es neu zusammen und legt es rechts von sich auf den Tisch. Das Tuch hatte einen Teil seiner Farbe verloren und vielleicht auch mehr als das. Es erschien mir fleckig und an einem Rand, wo die Naht sich gelöst hatte, ausgefranst. Herr Nge nahm das Tuch in die Hand, rieb es etwas zwischen Zeigerfinger und Daumen, und ich erkannte, warum das Tuch so ausgefranst war. Wenn er dieses Ritual ständig wiederholte, dann rieb sein Daumen immer an derselben Stelle.

Neben das Tuch legte Herr Nge einen Brief, den er erst anschaute und dann mit zwei spitzen Fingern berührte. Etwas voreilig und mehr um etwas zu sagen als dumm herumzusitzen, bemerkte ich: „Es ist bestimmt ein wichtiger Brief.“

Herr Nge wirkte etwas irritiert, so, als hätte eine zufällige Berührung sein Denken unterbrochen.

„Vielleicht“, sagte er. „Ich weiß es nicht. Nicht mehr. Er war es einmal. Jetzt sagt er mir nur noch, wo ich bin.“

Dann winkte er der Bedienung, die auf der Stelle kam, und bestellte mit Würde und Freundlichkeit einen Tee, bevor er sich wieder an mich wandte.

„Womit kann ich Ihnen behilflich sein?“

Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich Physiotherapeut sei, aber das Gefühl hatte, dass mir etwas fehlte. Er hörte mir aufmerksam und voller Konzentration zu. „Einen Moment bitte“, sagte er. „Entschuldigen Sie. Mein Tee.“ Und dann existierte ich für ihn nicht mehr.

Herr Nge goss das heiße Wasser in seine Tasse und tauchte dann den Teebeutel hinein. Ich konnte die Bezeichnung „Broken Assam“ erkennen. Zunächst schwamm der Beutel noch an der Oberfläche, aber Herr Nge drückte ihn mit dem Löffel auf den Boden der Tasse. Der Beutel faltete sich einmal um die Löffelkante, als wolle er unbedingt noch einmal nach oben steigen und Luft schnappen. Doch dann ergab er sich in sein Schicksal und nahm das heiße Wasser auf. Herr Nge bewegte seine Lippen, als ob er betete, aber vielleicht zählte er auch nur die Sekunden. Endlich nahm er den Beutel aus der Tasse und legte ihn auf einem Tellerchen ab.
„Früher nahm ich immer die Untertasse dafür“, sagte er. „Aber jetzt bekomme ich einen Extrateller.“ Ich hörte den Stolz in seiner Stimme.

Er schlürfte, trank mehr Luft als Tee und atmete dann hörbar aus.

Von einer Teezeremonie hatte ich mal gehört. Aber in einem Café mit Teebeuteltee?

„Auch bin ich nicht sicher, ob Massage den Menschen hilft, wie sie soll.“, sagte ich.

Er nahm einen weiteren Schluck Tee, kaute auf ihm herum wie ein Weinkoster auf einem Schluck Wein, setzte die Tasse ab, und gab mir den Eindruck, meinen letzten Satz in den Wind gesprochen zu haben. Er antwortete erst, als ich mit seiner Antwort schon gar nicht mehr rechnete.

„Wissen Sie denn, was Sie wollen?“

Dieses Mal kam meine Antwort wie aus der Pistole geschossen.
„Heilen“, sagte ich.

„Die Gesundheit ist innen drin im Körper, und was ihr fehlt, zeigt sich außen. Immer. Ohne Ausnahme.“

Herr Nge schaute auf die Tür und begleitete mit seinen Blicken ein paar Leute von ihrem Eintritt in das Café bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich hinsetzten. Und gleichzeitig erzählte er mir, was er sah. Mir war noch nie aufgefallen, dass es so viele unterschiedliche Arten gab zu gehen und noch mehr sich hinzusetzen. Ich versuchte es ihm sogleich nachzumachen und scheiterte.

„Für Dinge, die Sie verstehen wollen, brauchen Sie Aufmerksamkeit“, sagte er mir, „und etwas, womit Sie vergleichen können, was Sie sehen.“

Von da an saß ich viele Tage mit Herrn Nge zusammen. Nie mehr als eine Stunde, denn die benötigte Aufmerksamkeit erschöpfte mich schneller als ihn, der in einem kurzen Augenblick einen gesamten Menschen zu durchschauen schien.

„Die meisten Menschen leiden, weil sie ihre Gesundheit unwichtigen Dingen opfern. Sie halten ein höheres Gehalt, mehr Ansehen, mehr Macht für wesentlich. Und an ihrem Gang und daran, wie sie sich setzen oder sich umdrehen, ihren Kuchen essen oder einfach ihre Bestellung aufgeben, erkennt man, woran sie leiden.“

Ich lernte. Ich sah, wie manche Menschen in jeden Schritt, den sie setzten, hineinfielen, lernte hohen und tiefen Schwerpunkt zu unterscheiden, zu erkennen, ob ein Bein aus der Hüfte schwang und was Plattfüße für den Schritt bedeuteten. Beim Hinsetzen war es noch schlimmer. Fast alle wären auf dem Boden gelandet, hätte man ihnen den Stuhl unter dem Hintern weggezogen. Die meisten ließen sich einfach in den Stuhl fallen und ächzten auch noch dabei.
„Das ist ein Laut der Erleichterung, dass es wieder einmal gut gegangen ist.“
Das war das einzige Mal, dass ich so etwas wie Witz in Herrn Nges Rede wiederfand. Sein Humor lag sonst ausschließlich in seinen Augen.

Irgendwann betrat eine junge Frau das Cafe Kreutzmann. Mir fiel sofort ihre natürliche Anmut auf und wie sie ihren Kopf trug. Mir war, als würde sie in einer Wolke aus Selbstbewusstsein schweben. Auf jeden Fall konnte ich keinen Makel erkennen. Weder in ihrer Haltung noch in ihren Bewegungen. Gespannt wartete ich darauf, was Herr Nge zu dieser Erscheinung sagen würde. Aber zu meiner Enttäuschung schwieg er, als hätte er die Frau gar nicht wahrgenommen. Wahrscheinlich wartete er lieber auf das nächste Beispiel eines ungesunden Lebenswandels, an dem er mir etwas erklären konnte.

Das tat er dann auch, aber ich war nicht bei der Sache und musste immer wieder zu der Frau hinübersehen. Herr Nge blickte wieder zur Tür. Als ich ihn sagen hörte: „Sie isst zu schnell und fühlt sich nicht wohl.“, nahm ich an, er meinte einen neuen Gast, der gerade das Café betrat. Aber dort war niemand.

Ich schaute zurück zu der jungen Frau, die zielbewusst ein Stück Sandkuchen zerteilte und mit großen Schlucken Kaffee hinunterspülte.

„Nicht gut für den Magen“, kommentierte ich, aber Herr Nge schüttelte den Kopf. „Gefühle“, sagte er. „Gesundheit ist auch ein Gefühl.“
Ich diesem Moment hatte ich den Eindruck, er spräche mit sich selbst.

„Ich muss gehen“, sagte Herr Nge. „Ich will mir noch etwas zu essen kochen. Ich hoffe, ich konnte Ihnen helfen.“

Ich verstand, dass meine Unterweisung beendet war, stand auf und wollte mich gerade überschwänglich bedanken, als ich mich an meinen eigenen Worten verschluckte. Herr Nge beugte sich über den Tisch, stemmte sich auf seinen dünnen Armen hoch, wackelte mit den Hüften, sodass sein Stuhl etwas nach hinten rutschte, und schob sich dann unbeholfen in winzigen Schritten seitwärts aus dem freien Spalt zwischen Stuhl und Tisch, bevor er den ersten Schritt riskierte. Dann drehte er sich noch einmal zu mir um und zeigte mir ein freundliches Lachen. Dass ihm ein paar Zähne fehlten, war mir vorher gar nicht aufgefallen.

„Ich bin die Ausnahme von der Regel. Mir sind ein paar Knochen kaputt gegangen.“ Er sagte das so leichthin, als wäre ihm eine Zeitung vom Tisch gerutscht. „Das ist schon lange her, und jetzt lohnt es sich nicht mehr, sie erneut zu brechen und zu richten. Aber keine Sorge. Darunter ist noch alles in bester Ordnung, und das allein zählt.“

Ich schaute ihm noch lange nach. Auch noch als er bereits verschwunden war.

Letzte Aktualisierung: 23.07.2013 - 09.26 Uhr
Dieser Text enthält 9949 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.