Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Feuer und Flamme | August 2013
NSA unplugged
von Klaus Eylmann

“A1, A3 bis B6”. Der Mann hinter der Theke ließ sich beim Gläser putzen nicht stören. „Einer dieser Zugangscodes muss in Ihrer Personalakte verzeichnet sein, damit Sie bei der NSA überhaupt was einsehen können.“

„Ich bin nur auf der Durchreise, hätte mich jedoch interessiert, da mal einen Blick reinzuwerfen. Der Bau sieht ja wie ein Borg-Raumschiff aus.“
„Ja, ja, die Borg. Resistance is futile. Es gibt gewisse Ähnlichkeiten.“ Der Wirt stellte das letzte Glas ins Bord. Eine junge Frau in Shorts setzte ihr Tablett auf die Theke. „Pitcher und fünf Gläser.“
„Haben die Besichtigungen?“, fragte ich.
„Einen Tag der offenen Tür“. Der Mann öffnete den Zapfhahn und ließ Bier laufen. “Der ist aber erst in zwei Monaten.“
Hinter mir klackerten Billardkugeln. „Sind Sie von der Army?“ Ein schmächtiger Mann setzte sich neben mich.“
„Nee, auf der Durchreise. Und Sie?“
„Geschäftsreisender.“ Er stellte einen kleinen braunen abgewetzten Koffer ab. „Zwei Bier“, sagte er dem Wirt, nahm den Koffer, hob ihn auf die Theke und öffnete ihn. Die Frau zog mit Tablett, gefülltem Pitcher und den Gläsern ab.
„Hier in Fort Mead gibt es elftausend Armeeangehörige und Sie sind keiner. Na so was.“ Der Mann grinste. Glaubte der mir nicht? „Übrigens, ich heiße Smith, John Smith“.
„Angenehm. Hans Meier aus Deutschland“, erwiderte ich.
„Das, was Sie hier sehen...“ Der Wirt beugte sich über den Koffer, grinste und machte sich wieder daran Biere einzuschenken. „Wissen Sie, dass wir hier ein Oktoberfest haben?“, rief er herüber.
„Mit Originalkapellen aus Bavary“, fügte er hinzu.

„Das, was Sie hier sehen, ist ein ADE 651. Erfunden von Wade Quattlebaum in South Carolina.“ In dem Koffer befanden sich, eingelassen in dunkles Styropor, ein schwarzer Apparat mit Handgriff, eine Stabantenne, eine Box mit Pappstücken im Kreditkartenformat.
„Es ist ein Quadro Tracker Positive Molecular Locator. Ursprünglich war es ein Golfball Detector.
Golfbälle fliegen ja oft irgendwo hin, wo man sie nicht wiederfindet.“ Der Mann zog eine der Pappkarten aus der Box.
„Diese Suchkarte enthält einen programmierten Chip und Moleküle des gesuchten Objekts. Wenn ich, sehen Sie wie ich es jetzt mache.“ Smith schraubte die Antenne auf den Apparat, umfasste den Griff und streckte den Arm aus. „Also, wenn ich den Apparat in meiner Hand einschalte. Einfach so. Die Antenne würde in die Richtung zeigen, in der der Golfball liegt.“
„Wow,“ rief ich und langte nach dem Bier.
„Und“, fuhr Smith fort, „das gilt auch für Marihuana, Kokain, Heroin, Munition und Dynamit sowie für Personen. Im Irak haben wir Tausende verkauft. Dort arbeitet jeder Kontrollposten mit einem ADE 651.“
„Und jetzt wollen Sie die NSA damit ausrüsten?“, fragte ich.
„Verloren gegangene Daten können wir damit nicht aufspüren. Noch nicht.“ Smith bestellte ein weiteres Bier. „Es fällt mir schwer, nicht über das Gerät zu reden. Und was machen Sie hier?“
Das fragte ich mich auch. Ich bin von Natur aus neugierig, aber ohne Zugangscodes hatte ich keinen Zutritt in das Innerste der NSA.
„Ich mache Urlaub und dachte mir, fahr doch mal nach Forth Mead, wo die NSA sitzt. So etwas haben wir in Deutschland in dieser Größenordnung nicht.“
„Ja,“ strahlte Smith. „Das gibt es nur bei uns, in God´s own Country.“ Smith klappte seinen Koffer zu, trank sein Bier aus. „Vielleicht sehen wir uns noch mal hier.“ Dann zog er ab.

„Den hat's erwischt,“ meinte der Wirt. „Ein harmloser Irrer. Das Gerät hat noch nie funktioniert, und trotzdem gibt es einige, die von seiner Wirksamkeit überzeugt sind. So wie Quattlebaum und Smith. Ich habe darüber gelesen. Es gleicht Selbsthypnose. Man nennt es Ideomotor-Effekt.“

Ford Mead befindet sich im Bundesstaat Maryland. Dort sind 11000 Soldaten stationiert. 29000 Zivilangestellte arbeiten für das Militär. Und ich hänge in der „Northern Lounge“ herum, wenn ich nicht gerade beim Angeln bin.

„Was gefangen?“
„Ein paar Barsche.“
Der Wirt nickte zufrieden, als ob er sie geangelt hätte. Dafür gab es sicher auch eine psychologische Erklärung. Dann kam ich mit einem Mann ins Gespräch. Der war schon etwas älter. Sagen wir mal, so um die fünfzig. Nach einigen Bieren rückte er sich seine Brille zurecht und meinte: „Ich bin für Tischtelefone zuständig.“ Wieder so ein Spinner, dachte ich mir und ließ ihn brabbeln. „Hören Sie? Für Tischtelefone!“ Er wurde lauter. Der Wirt strich heran.
„Ruhig, Dude, wenn Sie keinen Ärger haben wollen.“
Der Mann mit der Brille drehte sich um, dann sagte er leise. „Das mit dem Aufspüren von Terroristen ist doch nur vorgeschoben. Die NSA wurde von Silicon Valley unterwandert, von Google, Facebook, Oracle und wie sie alle heißen.“
„Und die werden von Aliens beherrscht“, warf ich ein. Der Wirt grinste.
„Weiß nicht“. Der Mann griff fahrig nach seiner Krawatte, leerte sein Glas, knallte es auf die Theke und orderte eine neue Flasche. „Also Tischtelefone befinden sich in Tanzlokalen und sind zum Anmachen da.“
„Und die NSA zeichnet Gespräche auf wie ´Hallo Süße, wie wärs mit uns beiden?´“. Wenn er das bestätigt, renne ich schreiend aus dem Lokal, dachte ich.
„Es wird alles aufgezeichnet. Einfach alles. Wir wollen gläserne Menschen.“ Der Mann sah zur Uhr. „Ich muss los.“ Er rutschte vom Hocker, dann drehte er sich noch einmal um und rief: „Data Mining! Big Data!“ Er verschwand. Ich goss mir den Inhalt seiner Flasche ins Glas und sah den Billardspielern zu.

Dann kam sie. Sah aus wie Jessica Rabbit und mir wurde heiß. Wie aus dem Cartoon entsprungen, doch aus Fleisch und Blut. Sie setzte sich neben mich, bestellte einen Orangensaft. Ihr hautfarbenes eng anliegendes Kleid schien durchsichtig. Eine Parfumwolke legte sich über die Theke und mir schmeckte das Bier nicht mehr. Ich starrte in den Spiegel hinter den Flaschen. Unsere Blicke trafen
sich.

„Ein Wagen der NSA.“ Der Wirt deutete mit dem Kopf zum Fenster. Ich drehte mich um. Einer der Vans ohne Aufschrift, die man vom Fernsehen kennt. Die Frau zog einen Zettel aus ihrem Täschchen. Der Wirt reichte ihr einen Schreiber. Er schien es gewohnt zu sein.
„Mein Mann ist eifersüchtig.“ Die Hand der Frau zitterte, als sie fortfuhr zu schreiben. „Ihm gehört die NSA: Er lässt mich überwachen. Seine Leute hören mit.“ Der Wirt schob mir einen Schreibblock rüber. Ich griff nach meinem Kuli und schrieb: „Was? Das Karnickel Roger? Gehört die NSA nicht dem Staat?“
„Mein Mann ist General Quattlebaum.“ Unsere Schreiber flogen über das Papier.
„Hat der nicht den Golfball Detektor erfunden?“
„Genau der. Jetzt ist er General der NSA, die dazu da ist, mich zu überwachen.“
„Die hört doch Millionen von Amerikanern und Ausländern ab.“
„Das ist doch nur vorgetäuscht, damit es nicht so auffällt.“
Wow, dachte ich. Weiß das auch die amerikanische Regierung? Ich beschrieb einen Zettel und schob ihn dem Wirt zu.
Er kritzelte seine Antwort: „Jedes Haus in Fort Mead hat einen abhörsicheren Raum: Die Besenkammer.“ Er langte hinter sich, drückte mir einen Schlüssel in die Hand und deutete auf eine Tür neben der Theke.
Ich rutschte vom Hocker, zeigte Jessica den Schlüssel, ergriff ihre Hand.

Letzte Aktualisierung: 17.08.2013 - 12.48 Uhr
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