Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Feuer und Flamme | August 2013
Zwei Gebote
von Anne Zeisig

“Nicht Alltag trübt Gemeinsamkeit.
Ich wandele im Garten Eden und schmecke süße Trauben.
Pflücke sie von Deinen Lenden.
Süßer Nektar verwöhnt meine Kehle.”

* * *

Benommen blinzele ich und wische über meine Augen.
Das gleißende Licht der Deckenbeleuchtung schmerzt.
“Gerd”, jammere ich und halte meine Lider geschlossen, “bitte schalte dieses grässliche Licht aus!”
Wo sind die Kerzen? Er hatte sie doch angezündet.
Für mich. Für seine Geliebte.
Romantik.
Ich bebe innerlich. Spüre ihn immer noch in mir, obwohl er vermutlich längst unter der Dusche den heißen Strahl genießt, der über seinen Rücken läuft und seine Wirbel wohlig umschlingt.
Fast bin ich eifersüchtig auf das Wasser.
Absurd.
Nicht nur ich kenne sein Muttermal.
Sie auch.
Aber nur ich kann es hinwegküssen, bis er mir besinnungslos ergeben ist.
Husche sonst gerne zu ihm unter die Dusche.
Aber heute bin ich träge.
Irgendetwas ist anders als sonst.
Ich friere.
Wo sind die wärmenden Flammen der Kerzen?
“Gerd!”
Er antwortet nicht.
Höre nicht, wie er zufrieden pfeift.
Ahne aber, wie er verstohlen zur Uhr blickt.
Weil er wieder zurück muss.
Zu ihr.

Wo bin ich?
Wo soll ich schon sein?
Wie immer in dem heimeligen Zimmer ‘unserer’ Pension.
Abgelegen genug.
Und doch schnell erreichbar.
Für uns beide.
Wenn da heute Nachmittag nur nicht diese ungewöhnliche Kälte wäre.
“Mir ist kalt! Du musst mich wärmen!”
Ob ich mal nachsehe?
Nun muss ich doch meine schweren Lider öffnen.

* * *
Ein ungewöhnliches Wartezimmer.
Mit einem riesengroßen Kruzifix über der Tür.
Meine Lippen bibbern, sind bestimmt blau angelaufen.
Mein weißes Nachthemd ist rot durchtränkt.
Gegenüber sitzen Menschen, die ins Leere blicken.
Steif und starr.
Das erschreckt mich.
Ich schreie: “Wo bin ich!”
Und will aufstehen, aber es geht nicht.
Mein Rücken schmerzt, der Stuhl ist hart, Sitz und Lehne drücken in mich, wollen mein Skelett verschieben, verbiegen, brechen.
ICH LASS MICH NICHT VERBIEGEN!
ICH LASS MICH NICHT BRECHEN!
Quatsch! Niemand will mich verbiegen oder mich brechen.
Doch! Er!
Mein Mann.
Aber nicht mehr, seit es Gerd für mich gibt.
“Du hast dich verändert! Deine Augen strahlen neuerdings und du trägst den Kopf hoch, wo du doch sonst immer gebückt durch die Gegend geschlurft bist! Deine Hüften, tja, was soll ich sagen, sie, sie, dein Gang ist federnd. Hast du etwa einen Anderen?”, bemerkte er.
Hat nie ein Kompliment an mich gerichtet.
“Nein”, hatte ich ihn angelogen, “keinen Anderen.”
“Wer will auch sowas wie dich”, flüsterte er und grinste hämisch.
Ich bin die Mutter seiner Kinder.
Ich bin seine Köchin.
Ich bin seine Gärtnerin und Putzfrau.
Sorge für seine Wäsche.
Ich bin für ihn ein Nichts.

Für Gerd bin ich eine Frau.
Einfach nur Frau.
Sinnlich. Begehrenswert. Weich.
Und wir lachen gemeinsam.
Mit meinem Geliebten ist alles leicht.

* * *

“Kann denn Liebe Sünde sein?”, schießt es unvermittelt scharf durch mein Gehirn.
Warum sitze ich hier und kann mich nicht von der Stelle rühren?
Ich sitze in einem Wartezimmer fest.
Wegen des Kreuzes befindet es sich bestimmt in einem katholischen Krankenhaus.
Warum bin ich hier?
Wo war ich zuletzt?
Es will mir nicht einfallen.
Das Nachdenken strengt an.
Ich schaue zu der grauhaarigen faltigen Frau neben mir.
Sie trägt so ein albernes Hemd, welches man vor Operationen angezogen bekommt.
“Schau dich an”, grummelt sie und wischt sich durch ihr wirres Haar, “du trägst selber so eins.”
Stimmt.
Deshalb ist mir auch so kalt.
Ich blicke noch einmal kurz neben mich.
Sie kommt mir bekannt vor.
Ihr Hemd trägt einen roten Flecken auf der linken Brustseite.
Dort, wo ein Mensch sein Herz in sich trägt.
“Warum bin ich hier?”, frage ich in den Raum hinein.
Meine Zähne klappern aufeinander.
Eine Antwort bleibt aus.
Ich frage meine Sitznachbarin.
Sie zuckt mit ihren hängenden Schultern und haucht monoton ins Leere. “Ein jeder hat seine eigene Schuld zu tragen.”
“Schuld? Ich habe nichts getan! Mir hat keiner gesagt, was ich angestellt haben soll!”
Nie was Ungesetzliches.
Immer Tempo Dreißig beachtet, keinen getötet, meine Kinder gut erzogen, ‘ihr dürft nie lügen’, meine alten Eltern jahrelang gepflegt wie ein Roboter und täglich was Gutes für meinen Mann gekocht, weil er schwer arbeitet”, hämmert es in meinem Hirn.
Die Wände sind kalkweiß wie meine Knöchel, die ich zu Fäusten geballt habe, als müsse ich mich verteidigen.

Selbstverständlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich heim kam und meinem Mann nicht in die Augen sehen konnte.
Außerdem bin ich nicht katholisch!
Nicht mehr.
Seit mein Mann wegen der Geldersparnis aus der Amtskirche ausgetreten ist.
Natürlich habe ich eine katholische Erziehung genossen. Das war damals so üblich. Aber seit ich achtzehn bin, war ich auch nicht mehr zur Beichte.
“Wichtig ist, dass ich mich stets ehrlich im Spiegel anschauen kann.”
Wie weinerlich meine Stimme klingt. So wie einst, wenn ich meinen Mann um ein bisschen Zärtlichkeit gebeten habe.
Gebettelt nach Liebe.
Trennung?
Irgendwie mochte ich ihn immer noch. Wir hatten auch gute Momente.
Selten.
Auch Gerd konnte seine Frau nicht verlassen.
Nicht wegen mir.
Einer Jüngeren.
Ich hatte Verständnis.
Für ihn, für seine Frau, für meinen Mann, meine Kinder und, und, und ...
Und die besonderen Momente gehörten ausschließlich Gerd und mir. Wenn wir beflügelt und liebestrunken wie in einem Kitschroman auf der rosa Klischeewolke landeten.

“Wo bin ich?” Die Kälte wird zunehmend unerträglicher.
Spüre meine Beine nicht mehr. “Wie bin ich hierher gekommen?”

“DEINE VERIRRTE SEELE KANNTE DEN WEG!”

Ich schrecke unter dem lauten harten Tonfall zusammen.
Erst jetzt bemerke ich, dass das Rot mein Blut ist, welches dieses Hemd einfärbt. Kaum mehr ist eine helle Stelle auszumachen.
Ich bin verwirrt, taste an mir hinunter und schreie. “Ich verblute! Aber Schmerzen habe ich nicht!”
“Das kommt noch”, antwortet diese Stimme aus dem Hintergrund und erklärt, dass ich mich im Wartezimmer zur Hölle befinde.
“Hölle?!”, rufe ich ungläubig. “Daran habe ich bereits als Neunjährige während des grauseligen Katechismusunterrichtes nicht geglaubt, denn Gott ist gütig!”

“DEIN GOTT IST AUCH GÜTIG! DU ABER HAST DICH SELBST GERICHTET!”

* * *

Ich öffne die Badezimmertür.
Der Boden im Bad ist getränkt mit Wasser, welches sich in Rinnsalen rosa färbt.
Gerd kauert regungslos unter der rauschenden Dusche.
Sein Atem streicht nicht warm über meine Brust.
Sein Blick starrt mich flehend an.
Hart trifft ein dumpfer Druck meinen Leib.
Der eben noch pulsierte.
Kein Schmerz. Blut tropft an mir hinunter.
Wirr hängt ihr die graue Mähne im verschwitzten zerfurchten Gesicht.
“Warum?”, keuche ich.
“DU SOLLST NICHT EHEBRECHEN”, flüstert sie, hält das Messer an ihre Brust und sticht zu.
Dann fällt das Messer auf den überschwemmten Boden.
Es platscht.
Sie verschwindet im schwarzen Rauch.

“DU SOLLST NICHT TÖTEN”, presse ich schluchzend aus meinen Lungen hervor, bis ätzender Qualm mir den Atem verschlägt und mein Körper, gepeinigt von Flammen, mit ihnen Eins wird in der Hitze.


© anne zeisig, version ZWEI

Letzte Aktualisierung: 14.08.2013 - 18.57 Uhr
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