Wellensang
Wellensang
Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Christina St├Âger IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Feuer und Flamme | August 2013
Feuerteufel
von Christina St├Âger

Ich stand in einem Pulk von Menschen mitten auf der Stra├če hinter einem rotÔÇôwei├čen Absperrband der Polizei und z├╝ndete mir eine Zigarette an. Das Feuerzeug sprang klickend auf und die Flamme brannte sofort hell und verf├╝hrerisch. Dann k├╝sste sie die Spitze des Glimmstengels in brennender Leidenschaft und ich blies den blauen Dunst gen├╝sslich in den schwarzen Nachthimmel. Doch so schwarz war diese Nacht gar nicht. Die Menschen um mich herum blickten aufgeregt auf das Geb├Ąude vor uns. Einige schrieen in Panik, andere weinten leise oder starrten nur apathisch vor sich hin. Doch alle waren regelrecht geschockt. Ich nicht!
Direkt vor meinen Augen loderten rote und gelbe Flammen aus den Fenstern eines hohen Geb├Ąudes. Schwarzer Qualm drang mittlerweile aus den meisten Stockwerken und die Feuerwehr, die mit lautem Sirenengeheul anger├╝ckt war, hatte alle H├Ąnde voll zu tun, um den Brand unter Kontrolle zu bringen. Ich musste l├Ącheln. Mein Plan hatte also wunderbar funktioniert. Ich genoss jeden Moment, jeden Schrei und jeden panischen Blick, der mich streifte. Ich liebte diese Szenen immer besonders ÔÇô sie gaben mir den Kick, den ich zum ├ťberleben brauchte.

Seit ich denken konnte, hatte ich mich f├╝r das hei├če Element interessiert. Bereits als Kind konnte ich meine Finger nicht von brennenden Kerzen lassen. Ich spielte so lange mit dem hei├čen Wachs, bis es ├╝ber meinen Handr├╝cken lief und mir ein wohliges Gef├╝hl vermittelte. Sp├Ąter tropfte ich mir das Wachs ganz bewusst auf die empfindlichsten Stellen meines K├Ârpers, um die Kraft des Feuers in mich aufzusaugen. Die Lust, die ich dabei empfand, war mit keiner anderen Emotion vergleichbar. Brandblasen an Armen, Beinen und auch der Brust waren mein Markenzeichen. Mit keinem Mann hatte ich dieses Liebesspiel lange genie├čen k├Ânnen, denn sie waren alle nicht bereit gewesen, die Leidenschaft mit mir zu teilen. Ignoranten! Sie wussten gar nicht, was ihnen dabei entging!
Ich erinnerte mich noch genau, dass auch Lagerfeuer f├╝r mich als Jugendliche schon immer etwas Besonders gewesen waren. Nichts Ungew├Âhnliches f├╝r einen jungen Menschen. Doch bei mir war die Priorit├Ąt anders verteilt. Ich liebte es, die Kontrolle zu haben ÔÇô damals ÔÇô, denn bei einem Lagerfeuer brannten die Flammen geordnet. Sie z├╝ngelten und leckten am Holz und fra├čen es gierig auf. Zum Schluss blieb nur ein verkohlter ├ťberrest. Das Holz hatte sich in Luft und Asche aufgel├Âst. Die Geister des Waldes durften nun frei und ungezwungen durch die L├╝fte schweben und waren nicht mehr in diesen d├╝rren ├ästen und St├Ąmmen gefangen. Ich empfand das immer wieder als Befreiung! Ja, ich wollte auch frei sein.

Ich wollte Freiheit schenken, die Fesseln der Normalit├Ąt und der Langeweile sprengen und fliegen. Mit den Ascheflocken wollte ich in den Himmel getragen werden und von dort auf die Menschheit blicken. Die Ignoranz und Gleichg├╝ltigkeit der Massen regte mich zusehends auf. Doch ich blieb ganz ruhig, lie├č mir nichts anmerken. Was h├Ątte ich auch sagen sollen? Sie sch├╝tteln und r├╝tteln? Das h├Ątte nichts gebracht. Sie waren so festgefahren in ihren Meinungen, in ihrem Alltag und in ihrer Selbst├╝bersch├Ątzung, dass ich einfach keine Lust mehr hatte, mit ihnen zu diskutieren. Ich hatte mein Leben lang mit allen m├Âglichen Menschen diskutiert, versucht ihnen zu helfen und sie auf den richtigen Weg zur├╝ckzubringen. Als Psychologin mit einer eigenen Praxis blieb das nicht aus. Dabei hatte ich meinen Beruf geliebt! Ich hatte das Studium in Rekordzeit mit einem exzellenten Abschluss beendet und dann die renommierte Praxis meines Vaters ├╝bernommen. Er war stolz auf mich gewesen und hatte mir immer zur Seite gestanden. Er hatte mit mir am Lagerfeuer gesessen und in die Flammen geschaut. Auch er glaubte an die Geister, die sich befreit in den Nachthimmel treiben lie├čen. Nur das mit den Kerzen hatte er nicht gewusst ÔÇô ging ihn auch nichts an!

Er hatte mit mir das Feuer kontrolliert! Bis zu jenem Tag, als er mit meiner Mutter zusammen bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Der Tanklaster war einfach zu schnell in das Stauende gerast und hatte das Auto meiner Eltern wie eine Ziehharmonika gefaltet. Sie hatten keine Chance gehabt. Der LKW war explodiert und hatte eine Spur der Verw├╝stung auf der Autobahn hinterlassen. Sie waren verbrannt - nur noch kl├Ągliche, schwarze Brocken waren von ihnen ├╝brig geblieben. Nat├╝rlich h├Ątte keiner meine Freude verstanden, h├Ątte ich sie offen bekundet. So f├╝gte ich mich auch in diesem Moment in das Gef├Ąngnis der Gesellschaft und weinte ein paar Tr├Ąnen. Doch nicht, weil meine Eltern nicht mehr auf dieser Erde weilten ÔÇô es waren ja nur ihre K├Ârper verbrannt ÔÇô sondern weil ich noch hier war. Ich war gl├╝cklich und freute mich f├╝r sie, denn jetzt waren sie frei. Sie hatten es geschafft. Tief in meiner Seele war ich nicht traurig, dass sie gestorben waren. Sie hatten diese Welt fr├╝hzeitig verlassen d├╝rfen und flogen nun frei und gl├╝cklich mit den Waldgeistern durch das Universum und schauten zu mir auf die Erde. Und jedes Mal, wenn ich wieder ein Feuer legte, dachte ich an sie und flog in Gedanken zu ihnen hinauf. Dann waren wir wieder vereint!

Meine Zigarette war bis auf den Filter heruntergebrannt und ich schnippte ihn weg. Warum sollte ich ihn aufheben? Die Spurensicherung w├╝rde ihn finden, genau wie tausend andere Kleinigkeiten. Keine Spur f├╝hrte zu mir, denn ich wohnte nicht in diesem gottverlassenen Ort - war hier nur zu Besuch. Schon morgen wollte ich meine Pension, die sich nur zwei Stra├čen entfernt befand, wieder verlassen. Ich war nur auf der Durchreise ganz zuf├Ąllig hier gelandet. Ich war auf dem Weg zu einem Kongress im Norden Deutschlands unterwegs. Weiterbildung nannten sie das. Ich musste mich nicht weiterbilden! Ich kannte bereits alle Abgr├╝nde der menschlichen Seele. Daher versuchte ich auch ihnen zu helfen, sie zu befreien, in das Universum zu entlassen. Ja, ich war eine Befreierin der Nation! Nat├╝rlich sprach ich ├╝ber meine Taten nicht! ÔÇ×Tue Gutes und schweigeÔÇť - das hatte ich gelernt!
Und das ich nun genau diesen Menschen in diesem Haus zur Freiheit verholfen hatte, war, wie vieles in meinem Leben, auch das eine Verkettung gl├╝cklicher Umst├Ąnde. Schon seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet, so dass die Erde schon beim kleinsten, achtlos weggeworfenem Streichholz Feuer gefangen h├Ątte. Eigentlich war es viel zu leicht gewesen und es hatte nur geringer Anstrengung bedurft, das M├╝llh├Ąuschen der Anlage in Brand zu stecken. Von ganz alleine waren die Flammen auf das Haus ├╝bergesprungen und hatten es in Besitz genommen. Ungez├╝gelte Flammen - nicht wie bei einem Lagerfeuer! Hier waren selbst die Flammen frei und schenkten Freiheit.

In diesem Moment wurden die Bewohner aus dem Haus gef├╝hrt. Einige weinten, andere waren ganz stumm. Und wieder freute sich Keiner! Warum nur nicht? Wie viele Feuer musste ich denn noch legen, um sie wachzur├╝tteln? Sie h├Ątten in diesem Haus ihre Freiheit finden k├Ânnen, ihre Seele h├Ątte in den Himmel aufsteigen k├Ânnen ... doch dieses ignorante Pack wollte ja lieber leben! Pah! Dabei hatten sie es gar nicht verdient! Keiner hatte es verdient gl├╝cklich zu leben! Ich durfte es ja auch nicht! Wutschnaubend drehte ich mich um. Ich wollte weg hier. Dieses Drama konnte ja keiner mit ansehen! Ich musste meine Technik weiter verbessern, das stand fest! Beim n├Ąchsten Mal w├╝rde ich ...

"Entschuldigen Sie", sagte der Uniformierte zu mir. "Kenne ich Sie nicht? Sind Sie nicht die ber├╝hmte Psychologin, die ein Buch zum Thema "Feuerteufel" geschrieben hat?" Der Typ hatte mich erkannt. Und in seiner Stimme schwang Bewunderung und ein unterschwelliger Ton der Angst mit. Ich l├Ąchelte ihm freundlich zu. Endlich mal kein Ignorant!
"K├Ânnten Sie uns vielleicht ... also w├╝rden Sie mit auf die Wache kommen und uns bei der Suche nach dem T├Ąter unterst├╝tzen?" Aber nat├╝rlich w├╝rde ich helfen. So wie ich immer geholfen hatte.

2.Version

Letzte Aktualisierung: 21.08.2013 - 13.41 Uhr
Dieser Text enthńlt 7991 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2024 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.