Der Cousin im Souterrain
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Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Feuer und Flamme | August 2013
Beim Schuhkauf
von Monika Heil

„Einen wunderschönen guten Morgen.“
„Auch Ihnen einen guten Morgen. Womit kann ich dienen?“
„Mit diesen tollen High Heels draußen im Fenster.“
„Welche meinen Sie, bitte?“
„Na, die sündigen roten.“
„Traumhaft, oder? Unser Modell ´Feuer und Flamme`.“
„Haben Sie die in meiner Größe?“
„Ich befürchte, nein. Sie haben ziemlich große Füße, nicht wahr?“
„Oh Gott, oh Gott, nein.“
Es wird nicht klar, ob die Klage den nicht vorrätigen Schuhen oder den großen Füßen gilt.
„Sie müssten sie halt mal probieren.“
„Auf jeden Fall. Und was die großen Füße anbelangt, mein Mann liebt sie. Jeden einzelnen Zeh, wie er immer sagt.“ Der Verkäufer grinst ein bisschen dümmlich, sagt aber nichts darauf.
„Einen Augenblick bitte, ich hole das Paar aus dem Fenster. Ist nämlich ein Einzelstück.“ Jetzt flüstert er fast. „Sie können sich derweil ja mal umschauen. Wir führen eine große Auswahl schöner Schuhe, von sexy Pumps bis zu den High Heels mit Zwanzigzentimeterabsätzen und wundervolle Peep Toes für Liebhaber schöner Zehen.“
„Ich weiß, ich weiß. Ich bin nicht zum ersten Mal hier.“
„Oh, Entschuldigung. Ich bin nämlich neu im Geschäft.“
„Das dachte ich mir fast. - Wissen Sie, eigentlich brauche ich gar keine neuen Schuhe. Wenn die da draußen nicht passen, lasse ich es ganz sein. Trotzdem, Sie haben Recht, ich schaue mich noch ein wenig um. – Oh ja, die hier sind aber auch schön.“
„Die Stilettos? Keine Frage, Sie haben Geschmack. Italienisches Modell, zwölf Zentimeter, echt vergoldet. Eintausendzweihundert Euro.“
„Nur?“
Jetzt grinsen beide. Dann verschwindet der Verkäufer mit dem Oberkörper in der Auslage. Nur sein Hinterteil in sehr engen roten Lacklederhosen ist noch zu sehen.
„Tausendzweihundert Euro. Wie verrückt muss man sein, so viel Geld nur für Schuhe auszugeben? Jorge würde ausrasten. Obwohl ...“
Der Verkäufer krabbelt zurück in den Laden.
„So, bitte sehr, hier ist das gute Stück, oder besser gesagt, die guten Stücke. Probieren Sie.“
„Sie passen! Mein Gott, sie passen! – Oh nein, sie drücken.“
„Das Leder gibt sicher noch nach, keine Sorge. Rotes Safranleder, handgearbeitet.“
„Rot wie Feuer. Eine Wahnsinnsfarbe! Und die Absätze! Modelliert wie Flammen.“
„Deshalb heißt das Modell ja auch ´Feuer und Flamme`.“
„Sehr passend - höllisch schicke Schuhe ...“
„In denen man sich wie im Himmel vorkommt, oder?“
„Sie sagen es. Die gefallen auch meinem Mann. Da bin ich ganz sicher. Meine Mutter wäre entsetzt. Aber mein Mann, der liebt es, wenn ich hochhackig rumlaufe. Er ist ja zwei Meter drei groß und ich eins fünfundsiebzig. Da kann ich mir das leisten, meinen Sie nicht?“
„Unbedingt! Und Ihre Frau Mutter ...“
„Ach, die Gute. Sie fiel fast in Ohnmacht, als ich das erste Mal in Schuhen mit Bleistiftabsätzen nach Hause kam. Nein, meine Mutter – Gott hab sie selig – hätte kein Verständnis für diese Sünde hier. Leider. Überhaupt, meine Mutter hat mich nie verstanden. Im Gegensatz zu meinem Mann. Der liebt meine Schuhsammlung genauso wie ich.“
„Wie schön für Sie. Nicht jeder hat einen so verständnisvollen Gatten.“
„Nicht wahr? Es war Liebe auf den ersten Blick, wissen Sie. Neun Monate ist das jetzt her. Sansibar. Ganz romantisch.“
„Traumhaft. Wäre das auch ein Reiseziel für mich? Wo liegt eigentlich Sansibar? In der Karibik?“
„Das Sansibar ist ein Lokal auf der Reeperbahn, junger Mann.“
„Ach ja?“
„So ist es. Mir scheint, Sie sind noch nicht lange in Hamburg, oder?“
„Seit einer Woche erst. Ich komme aus der Eifel. Alles zu klein und eng, wissen Sie? Ein Schulfreund von mir lebt hier seit drei Jahren. Der hat mir auch diesen Job besorgt. Sagt, ich müsse raus aus Prüm.“
„Das war sicher eine gute Entscheidung. So und nun packen Sie mir diese High Heels ein. Ich nehme sie. – Was sollen sie eigentlich kosten?“
„Dreihundertfünfundneunzig Euro, der Herr.“
„Ist ja auch nicht gerade ein Sonderangebot, oder?“
Udo Seiler zückt seine Kreditkarte. Der Verkäufer packt die Schuhe ein. Schade, dass der verheiratet ist, denkt er, während er die Kreditkarte entgegen nimmt. Der könnte mir gefallen. Und Geld scheint er auch zu haben.
„Guten Tag, der Herr, beehren Sie uns bald wieder.“
„Mache ich. Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal.“

Beglückt verlässt Udo Seiler das Geschäft. Jorge, sein Mann, wird wahrscheinlich irgendwann mit Scheidung drohen, weil er so oft neue Schuhe nach Hause bringt, obwohl er sie selbst ja auch schön findet. Der kann seine sauerländische Sparsamkeit einfach nicht ablegen, denkt er missmutig. Manchmal geht mir das tierisch auf den Geist. Dieser junge Mann da eben, in dem Lederfachgeschäft für besondere Anlässe, der ist schon ein ganz niedlicher. Hoffentlich schafft er es schneller, die Enge seiner Herkunft abzustreifen. Ich hätte ihn nach seinem Namen fragen sollen. Besser nicht. Ich habe ja einen Mann und der findet meinen Schuhtick auch sexy. Sagt er. Hätte Jorge eine Frau geheiratet, hätte es für ihn noch viel schlimmer kommen können. Oder?

2. Version

Letzte Aktualisierung: 14.08.2013 - 18.52 Uhr
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