Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Feuer und Flamme | August 2013
Josis Geheimnis
von Klaus Freise

„Kann einer hierher leuchten? Ich glaube, hier lebt noch jemand!“
Fackeln wurden flatternd hin und her geschwenkt. Uslan der Schmied, stolperte über die verkohlten Balken durch die Asche zu dem steingemauerten Kamin.
Die übrigen Dorfbewohner bildeten einen Halbkreis.
Uslan sank vor der Feuerstelle auf die Knie.
„Das gibt es doch nicht“, murmelte er. „Das ist doch die kleine Josi!“ Er streckte die Hände aus.
„Ganz ruhig, nicht weiter hochklettern. Komm runter, Kleine. Alles wird gut.“
Dicke Tränen liefen über das rußgeschwärzte Gesicht. Die weit aufgerissenen Augen starrten unter den blonden Locken hervor.
„Mama?“

***
Fünf Jahre waren vergangen, seit Josi ihre Eltern im Feuer verloren hatte. Uslans Frau Harriet hatte das Abendessen abgeräumt und zog ihren dreibeinigen Schemel dichter an den grob gezimmerten Tisch. Im hinteren Teil des Raumes schnaufte einer der Esel. Der Geruch von Stroh und erkalteten Kohlen hing in der Luft.
„Du musst mit Willard reden, Uslan.“ Harriet sah ihren Mann eindringlich an.
Er nahm einen Schluck Met aus seinem Krug.
„Ach Harriet“, seufzte er. „Er ist ein Quacksalber, mit all seinem mystischen Getue und diesem Magiefirlefanz.“ Mürrisch wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund.
„Aber er ist dein Bruder, Uslan“, sagte sie sanft.
Wütend wollte er mit der Hand auf den Tisch schlagen, besann sich aber rechtzeitig.
„ Er ist doch völlig verrückt“, stieß er zornig hervor, um dann aber etwas milder zu fragen:
„ Warst du heute wieder bei ihm?“
„ Ja, ich habe ihm Suppe gebracht. Er isst kaum noch etwas. Die Schmerzen in den Gelenken bringen ihn noch um, sagt er. Die Gicht hat seine Finger schon ganz verkrüppelt.“
Uslan drehte den Krug in der Hand.
„ Hat er etwas über Josi gesagt?“
„ Ja, er macht sich Sorgen. In drei Tagen wird sie zehn. Dann ist wieder Neumond … wie damals. Ihre Eltern kamen zu uns ins Dorf, weil Ihr Hof im Grenzland durch ein Feuer zerstört wurde. Das war kurz nach ihrer Geburt. Glaubst du, es war Zufall?"
„So, so, er glaubt also es könnte noch einmal geschehen. Glaubst du das auch, Harriet? Alle fünf Jahre, wie ein Fluch?“
Seine Frau legte ihre zarte Hand auf seinen kräftigen, von Brandblasen überzogenen Unterarm.
„Bitte Uslan, tu es für das Kind.“ Sie sah besorgt zu dem mit Heu und Stroh gepolsterten Bettgestell.
Josi atmete ganz flach und hatte sich tief unter den mit Heu gefüllten Bettsack zurückgezogen. Ihre Augen hatte sie nur so weit geschlossen, dass sie noch durch ihre Wimpern zum Tisch spähen konnte.
Sie konnte sich nur zu gut an ihren fünften Geburtstag erinnern. Damals war in der Nacht starker Wind aufgekommen. Knallende Geräusche über ihrer Hütte hatten sie geweckt. Wie die Flügelschläge eines großen Vogels. Ihr Vater hatte sie aus dem Bettchen geholt, während ihre Mutter die Feuerstelle freigeräumt hatte.
„Komm Josi, wir machen ein Spiel“, hatte sie gesagt. „Du kletterst doch so gern, Josi.“ Doch die Tränen in ihren blauen Augen straften ihre Worte Lügen. Ein letztes Mal hatte ihre Mutter sie gedrückt und mit schluchzender Stimme geflüstert:
„Mein kleiner Engel, halt dich gut fest, hörst du.“ Ihr Vater strich über ihre Locken und sagte:
„Klettere die Kette hoch und halt dich an der Klappe gut fest, bitte, Josie.“
Und Josie war hinauf geklettert. Dann hörte sie das lang anhaltende Fauchen, wie von dem riesigen Blasebalg, in der Esse ihres Vaters. Das Knistern von Stroh und Knacken der Balken unter dem Dach. Das tiefe Grollen, das ihren Körper beben ließ, während das Herz aus ihrer Brust zu springen drohte.
Josi schreckte hoch und schrie. Uslan strich ihr über den Kopf.
„Ganz ruhig meine Kleine, du hast nur geträumt.“ Zu Harriet gewandt sagte er:
„Also schön, Harriet. Josi und ich machen morgen eine kleine Reise zum Sichelberg.“

***
„Also Josi, wir besuchen Willard, weil er uns vielleicht etwas über dieses … also, etwas über damals sagen kann.“ Uslan hatte seinen Esel dichter an ihren gelenkt. Der Wind ließ ein paar Schneeflocken an seinem Gesicht vorbeitanzen. Eine Stunde waren sie jetzt unterwegs.
„Du magst ihn nicht besonders, oder?“ Josi zupfte sich den Schal vor dem Mund zurecht.
„Ach“, er winkte mit der Hand, „Er ist etwas … sagen wir mal, verschroben. Naja, er ist schon sehr alt und krank.“
Sie folgten einem schmalen Pfad in den Wald hinein, aus dem, durch den Schneefall nur zu erahnen, eine graue Masse emporragte. Der Sichelberg.
An einer Biegung war durch die Tannen eine kleine Hütte zu sehen. Uslan spürte, wie die Esel unruhig wurden. Er hoffte, Josi würde es nicht bemerken, aber sie sagte:
„Hier ist es irgendwie unheimlich. Gibt es hier Wölfe?“ Josis Stimme klang ängstlich.
„Ach, keine Angst, Josi, wir sind schon da.“ Die Hütte stand geduckt unter den Bäumen. Das Dach bestand aus Tannenzweigen. Aus einem kleinen Schornstein stieg eine dünne Rauchsäule empor, die sich in den Zweigen verkroch. Uslan hob Josi vom Esel und klopfte an die Tür, deren Holz mit Moos bedeckt war.
Eine heisere Stimme krächzte aus dem Inneren:
„Harriet, bist du das? Komm rein, meine Liebe.“
Uslan seufzte und schob den Riegel auf. Josi spähte an seinem Rücken vorbei.
In der Hütte brannte ein Feuer im Kamin und zwei Talglichter spendeten fahles Zwielicht.
„Ja, da hol mich doch … wenn das nicht die kleine Josi ist.“ Eine knochendürre Gestalt, in einen zerschlissenen Umhang gehüllt, stand auf eine Krücke gestützt neben dem Tisch. Über einen grauen verfilzten Bart spähten zwei listige blaue Augen auf Josi nieder.
„Komm nur, Kind, keine Angst.“
Willard deutete mit seiner knochigen Hand auf einen Stuhl, der vor dem Kamin stand.
„Setz dich, hier kannst du dich aufwärmen.“
Uslan begann seinen Mantel aufzuknöpfen und nickte Willard zu.
„Hallo Willard.“ Doch der Alte humpelte, ohne ihn eines Blickes zu würdigen zu einer Kanne die über dem Feuer hing und schenkte Tee in Krüge.
Josi hatte ihren Mantel abgelegt und sah sich um. An fast allen Wänden standen schiefe Regale, die sich unter der Last von Schriftrollen, Büchern und seltsamen Geräten bogen. Sie hatte so dicke Bücher nur in der Dorfkirche vor dem Altar gesehen.
Uslan versuchte freundlich zu klingen, als er sagte:
„Hör mal, Willard, ich weiß …“, aber der unterbrach ihn barsch.
„Ihr seid spät dran, die Zeit drängt.“ Josi sah entsetzt auf. Jede Gebrechlichkeit war aus seiner Stimme verschwunden. Etwas milder setzte er hinzu:
„Aber jetzt trinkt erst mal. Tee mit Honig und Minze, der wärmt euch auf.“ Er nickte Josi zu.
„Es sind die Albträume, nicht wahr? Was weiß sie über früher?"
Uslan hob seinen Krug und roch daran.
„Nun, Harriet und ich haben ihr noch nicht viel über damals erzählt.“
Josi rutschte unruhig auf dem Stuhl herum. Ängstlich blickte sie zwischen Uslan und Willard hin und her. Willard bückte sich stöhnend zu ihr hinunter, seine verkrümmten Hände auf die Knie gestützt. Das dünne graue Haar hing wirr über seiner Stirn.
"Siehst du, Josi, es gibt manchmal Dinge, die wir nicht erklären können oder verstehen."
Er machte eine weite Geste mit der Hand.
"Die uns so beschäftigen, dass wir fast den Verstand verlieren." Bei diesen Worten hob Uslan eine Augenbraue und murmelte:
"Fast?"
Doch der Alte schien ihn nicht gehört zu haben und fuhr aufgeregt fort:
"Ereignisse, die so unglaublich scheinen, dass wir ..."
„Ja", flüsterte Josi und nestelte an ihrer Hose, "ich habe etwas gesehen, hier." Sie legte ein abgegriffenes Stück Leder vor Willard auf den Tisch.
"Ein riesiges Auge. Es starrte mich durch den Kamin an. Gelb, mit einem schwarzen Schlitz in der Mitte und irgendetwas flackerte darin. Ich habe es gemalt.“
Uslan prustete Tee hervor und starrte sie verwirrt an, während Willard das Bild auf dem Leder betrachtete.
Im Kamin knackte ein Holzscheid. Einen Moment glaubte Uslan, das Herz des Alten hätte aufgehört zu schlagen.
„Oh mein Gott, Josi. “ Stöhnend ließ Willard sich auf das Bett nieder und rieb sich die Stirn, wobei sein Blick zwischen Josi und der Zeichnung hin und her wechselte.
" Gesehen", flüsterte er, während er vage auf die Bücher deutete.
Uslan knallte seinen Krug auf den Tisch.
„Kann mir mal jemand in drei Teufels Namen erklären, wovon ihr sprecht?“
Doch Willard hörte ihn nicht, sondern murmelte nur:
"Es ist also wahr."

Letzte Aktualisierung: 22.08.2013 - 12.29 Uhr
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