Der himmelblaue Schmengeling
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Feuer und Flamme | August 2013
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von Barbara Laimer

Es waren viele, doch sie kamen über all die Jahre hinweg einzeln in Erichs Büro. Anfangs hatte er nach Erklärungen gesucht, später nach Beweisen dafür, dass es keine Erklärungen gab. Nun suchte Erich nicht mehr, denn er wollte nicht finden. Im Gegenteil, sie fanden ihn, hinter seinem Schreibtisch aus furnierten Mahagoni-Spanplatten, in seinem schäbigen Büro mit Blick auf den Autobahnzubringer durch ein schmutziges Fenster mit kaputter Jalousie.

Erich stand auf, zwängte seinen ansehnlichen Bauch durch den Spalt zwischen Tisch und Regal und stapfte auf unsicheren Beinen zur Kaffeemaschine. Der dreifach aufgewärmte und durch mehrmaliges Anbrennen erneut geröstete Kaffeerest in der Glaskanne wirkte nicht mehr überzeugend flüssig. Mit angewidertem Gesichtsausdruck schlurfte Erich hinüber zur Abwasch auf der Türseite des Raumes und goss die braune Brühe in den Abfluss. Dabei musterte er interessiert sein Gesicht im verschmierten Spiegel. Trotz der Verzerrungen durch den Dreck konnte er folgende Fakten erkennen: Erstens: Er war so blass wie ein roher Kuchenteig und das im August. Zweitens: Die Brille saß schief, seit er sie mitsamt seinem Ohr in der Aufzugtüre eingequetscht hatte. Drittens: Er wurde alt. Das braune, mit grauen Strähnen durchzogene Haar hing ihm glatt ins Gesicht und forderte einen dringenden Friseurbesuch ein. Erich wandte den Blick von seinem Spiegelbild ab und schwemmte mit mäßigem Erfolg die Kaffeekanne aus.

Es läutete an der Tür. Er schrak zusammen und hätte fast die Kanne fallen gelassen. Dann schlich er zur Tür und spähte durchs Guckloch. Am Gang brannte Licht, im Büro jedoch nicht, daher fühlte Erich sich sicher in seiner Annahme, dass der Besucher vor der Tür nicht erkennen konnte, ob Erich die Abdeckung des Gucklochs zur Seite schob oder nicht und folglich keinerlei Anzeichen für seine allfällige Anwesenheit hatte. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er bemühte sich, mental auf sein Herz einzuwirken, damit es weniger laut klopfte.

Vor der Tür stand ein etwa fünfzigjähriger Mann, untersetzt mit Glatze, er trug eine offene, dunkelblaue Sportjacke über einem ungebügelten hellblauen Hemd und lächelte freundlich. Er hätte ein Nachbar sein können, ein Haustechniker oder ein Versicherungsvertreter, doch Erich wusste, dass er nichts dergleichen war. Dieser Mann war einer von ihnen, getarnt als Klient. Immer waren es die besonders Unauffälligen, die freundlich Wohlerzogenen, hinter denen der wahre Abgrund lauerte und sich die kalten Knochenfinger bereits nach Erich ausstreckten, während sie harmlos in seinem Sessel saßen und von tragischen Schicksalsschlägen erzählten.

Besonders im Gedächtnis geblieben war ihm die kleine, alte Dame, die am Stock in sein Büro gehumpelt kam. Erich war sofort Feuer und Flamme für ihren Auftrag gewesen. Was hatte er nicht an Arbeit in diesen Fall gesteckt, weit mehr als ihm bezahlt wurde, ungezählte Telefonate, Aktenvermerke, stundenlange Recherchen. Als sie wieder zu ihm kam und freudig Erichs Arbeit entgegennahm, war er sich sicher, einen Beitrag für eine bessere Welt geleistet zu haben. Er geleitete sie noch zur Lobby hinunter und blieb in der Aufzugtür stehen, um sicherzugehen, dass sie gut durch die Drehtür kam. Die alte Dame durchquerte langsam den Eingangsbereich, wo gerade ungewöhnlich viele Personen herumstanden. Beim Hinausgehen ermordete sie einen kleinen Hund mit ihrem Stock. Erich hatte es genau gesehen. Die Alte zückte den Stock, zielte damit auf den kleinen Kläffer und der Hund fiel tot zur Seite. In diesem Moment ging die Aufzugtüre zu und klemmte Erichs Ohr mitsamt dem Brillenbügel ein.

Viele waren nach ihr gekommen. Die toten Vögel waren es, die ihm anfangs zu schaffen gemacht hatten. Auf dem Fensterbrett vor Erichs Bürofenster pflegten Tauben zu sitzen, manchmal auch Krähen, die jede Menge Dreck hinterließen und Geräusche machten, bei denen Erich ihnen bereits selbst öfters den Tod gewünscht hatte. Doch nachdem sie im Büro gewesen waren, lag jedes Mal ein Vogel tot vor dem Fenster. Es hatte eine Weile gedauert, bis Erich sich von seinen absurden Schuldgefühlen lösen und den wahren Grund erkennen konnte. Dazu war er in eine Tierhandlung gegangen und hatte sich zwei Kanarienvögel gekauft, die er in ihrem großen, normgerechten Käfig ins Büro transportierte und dort aufstellte. Er gab den Vögeln die teuersten Körner und erklärte ihnen, dass ihr zu erwartendes Ende moralisch hochstehender Forschung diente. Bald darauf kam wieder einer von ihnen zu Erich und nachdem er weg war, lag einer der Vögel tot am Boden des Käfigs. Der zweite folgte bald darauf, entweder aus Kummer oder aufgrund des nächsten Besuchers.

Und dann, nach den Vögeln, war die Hand zu Erich gekommen. Es war an einem Spätnachmittag, kurz vor Büroschluss, die schrägen Sonnenstrahlen fielen durch die unregelmäßigen Abstände der kaputten Jalousielamellen ins Zimmer hinein. Erich hatte den Computer hinuntergefahren und wollte sich gerade bücken, um die Stromzufuhr abzudrehen, als er das Gewicht einer Hand spürte, die sich ruhig aber bestimmend auf seine Schulter legte. Er wandte sich erschrocken um, doch es war niemand da und auf seiner Schulter war nichts zu sehen. Er zuckte mit der Schulter, doch das Gefühl blieb. Panisch verließ er das Büro und als er unten stand und von all den Menschen umgeben war, die sich ebenfalls nach Büroschluss am Heimweg befanden, ließ das Gefühl allmählich nach. Als er zu Hause angekommen war, war die Hand verschwunden.

Seither war sie immer dann auf Erichs Schulter gelegen, wenn einer von ihnen ins Büro kam. Erich hatte aufgehört, sich vor der Hand zu fürchten und sie eher als Freund wahrgenommen. Die Hand hatte ihm das durch einen leichten, aufmunternden Druck auf seine Schulter bestätigt.

Nach dem letzten Besuch von ihnen hatte die Hand Erich zum Safe geführt. Er hatte ihn geöffnet und in die gähnende Leere gestarrt. Wie üblich lag nur der kleine Koffer mit der Handfeuerwaffe darin, die Erich legal erworben hatte. Zögerlich nahm Erich den Koffer heraus und fragte sich, ob er ihn öffnen sollte. Die Hand bestätigte es ihm mit leichtem Druck. Er mühte sich, sich an die Zahlenfolge des Sicherheitsschlosses zu erinnern, doch vergeblich. Er hatte den Koffer seit dem Kauf nicht mehr geöffnet.

Aber heute war es anders. Erich verließ seine Position am Guckloch, wo der eine von ihnen da draußen immer noch wartete. Sein Blick fiel auf die digitale Schreibtischuhr. Das war die Lösung: Die Uhrzeit. Er hatte damals die Uhrzeit als Code für das Sicherheitsschloss eingegeben. Er spürte wieder die Hand auf seiner Schulter. Erich gab die korrekte Zahlenfolge ein und das Schloss des Koffers sprang auf. Er nahm die Pistole heraus, lud sie mit der bereitliegenden Munition, entsicherte sie und trat zur Tür hin. Er wusste, was er zu tun hatte.


© Barbara Laimer, 2013, V2

Letzte Aktualisierung: 21.08.2013 - 18.39 Uhr
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