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Feuer und Flamme | August 2013

U Focu
von Susanne Ruitenberg

Er leckte seinen Zeigefinger ab und hielt ihn hoch. Der Wind nahm zu, eindeutig. Nicht irgendein Wind. Sondern der ganz besondere, der, auf den er so lange schon wartete.
Nur dafür war er auf die Insel gekommen, einer von vielen jungen Leuten, die im Sommer in bescheidenen Unterkünften hausten und noch bescheidenere Jobs in irgendwelchen Restaurants oder auf Obstplangagen annahmen.
Studenten. Aussteiger. Ausgeflippte.
Er war nichts von alledem und fiel doch nicht auf in ihrer Gesellschaft.
Obwohl, bei Licht betrachtet – er studierte auch. Ein ganz besonderes Fach. Eines, bei dem er zugleich Professor und Student, Experimentator und Hilfskraft war.
Eine Böe rauschte heran und blies sein Haar in alle Richtungen.
Wie ein Fön fühlte es sich an.
Heiß. Trocken.
Der besondere Wind.
U Maestrale in der Landessprache. Und obwohl ihm das Land am Allerwertesten vorbeiging – es war Mittel zum Zweck, nichts weiter – hatte er sich diesen Namen gemerkt.
Aber was stand er hier und philosophierte über die Nomenklatur seines Verbündeten – er musste los.
Ein letztes Mal prüfte er den Inhalt des Kofferraums. Das Auto hätte er nicht besser auswählen können – ein zerbeulter Fiorino mit einheimischen Kennzeichen, die er mit Schlamm unleserlich gemacht hatte. ‚Ausgeborgt‘ bei dem alten Deutschen, der in einem abgelegenen Haus auf halbem Weg zum Dorf wohnte und kaum noch wegfuhr. Bis der seine Karre vermisste, würden Tage vergehen.
Er stieg ein und fuhr los. Die Stelle hatte er vor Wochen schon ausfindig gemacht. Ein schmaler Pfad, kaum benutzt. Zumindest zur Zeit. In zwei Wochen begann die Jagdsaison und dann wimmelte die Maquis von Horden von Jägern mit ihren lästigen Hunden. Daher war er so froh, seinen Verbündeten, den Wind, heute endlich zu spüren. Es sollte sich doch wenigstens gelohnt haben, drei ganze Wochen lang in diesem schäbigen Strandrestaurant zerbeulte, fettige Töpfe gespült zu haben für das zweifelhafte Privileg, in einer Holzhütte ohne fließend Wasser zu hausen und jeden Tag Nudeln mit Tomatensauce vorgesetzt zu bekommen.

Eine halbe Stunde später erreichte er die Stelle, drehte das Auto um, stellte es ab, nahm die zwei Benzinkanister aus dem Kofferraum und zog los. Der Wind frischte mehr und mehr auf und er kam genau aus der richtigen Richtung. Das letzte Stück musste er kraxeln, bis er den ersten seiner Reisighaufen erreichte. Die hatte er letzte Woche an strategischen Punkten aufgeschichtet, als er mit dem Motorrad eines Kollegen eine kleine Spritztour unternahm.
Er goss Benzin darüber, zündete es an und rannte zur nächsten Stelle.
Als er alle fünf Haufen angezündet hatte, setzte er sich auf einen Stein und wartete. Jetzt war sein Verbündeter an der Reihe.
Herrlich, wie die orangen Züngelchen sich an den Reisighaufen zu schaffen machten. Wie lustig es knisterte, das trockene Zeug!
Unvermittelt legte U Maestrale einen Zahn zu. Es gab ein lautes „Wuuusch“, als das erste seiner Feuerchen einen Satz machte und ein Dornengestrüpp entfachte. Perfekt, es nahm genau den Weg, den er berechnet hatte.
Bis jemand den Rauch bemerken und die Feuerwehr verständigen würde, wäre er erstens längst über alle Berge und das Feuer mindestens außer Kontrolle.

Er streckte die Arme in die Luft und tanzte irgendetwas zwischen Gangnam und Lord of the Dance, sang dabei eine schiefe Version von Ring of Fire. Erst nach einigen Minuten merkte er, dass seine Hose eng wurde.
Plötzlich rannten zwei Karnickel quiekend an ihm vorbei, das eine qualmte auffällig auf dem Rücken.
DAS war ja mal eine nette Zugabe! Seine Hose wurde noch enger und er riss sie herunter. Er brauchte nur zwei, drei Handgriffe und schon ergoss er sich in das trockene Gras. Um DNA-Spuren brauchte er sich keine Sorgen zu machen.
Nachher würde es hier keine DNA mehr geben.

Zwei der Feuerchen hatten sich inzwischen verheiratet und strebten gemeinsam Bergabwärts. Wenn sie diese Linie beibehielten, würden sie sogar das Dorf erreichen, wie schön! Schade, dass er nicht zuschauen konnte, wie sie sich dort hineinfraßen, wie sie zärtlich Häuser ableckten, Gärten verwüsteten, Tiere grillten, wie sie Asphalt zum Schmelzen bringen und Autos verbeulen würden. Er konnte es nicht riskieren, aufzufallen.
Nein, das hier musste genügen. Er breitete die Arme aus. Wie ein Feuermessias stand er da, ließ sich den heißen Wind ins Gesicht blasen, genoss das würzige Raucharoma. Bald würde sich der Himmel verfärben, die Sonne orange leuchten. Immer größer wurde sie, die Feuerfront. Am schönsten war es nachts. Neulich hatte es ein kleines Feuerchen ganz oben in den Bergen gegeben. Stundenlang hatte er am Strand gestanden und den leuchtenden Punkt beobachtet, gewartet, ob er sich vergrößerte.

Es wurde warm. Er sollte langsam Richtung Auto zurückgehen. Nicht, dass ihn doch noch jemand aufspürte. Er war gerade drei Schritte gegangen, als er das Geräusch hörte.
Eine Monsterböe, die Mutter aller Böen, rauschte heran, schob ihn wie mit unsichtbarer Hand ein Stück nach vorne, in Richtung seiner tanzenden Flammenkinder. Unvermittelt drehte der Wind und blies ihm entgegen. Blitzschnell überbrückte das Feuer die wenigen Meter. Er drehte sich um. Auch hinter ihm brannte es! Wo kam das jetzt so plötzlich her? Verdammt! Er war eingekesselt. Wenn er sich eilte, konnte er vielleicht dort, zwischen dem brennenden Brombeergestrüpp und der Kiefer hindurchschlüpfen.
Kaum hatte er jedoch die vermeintliche Lücke erreicht, fiel der Baum in sich zusammen. Wie ein brennender Arm senkte sich ein dicker Ast herab, versperrte ihm den Weg. Heiß, es war so verdammt heiß! Er schrie und wedelte panisch mit den Armen, wie, um die Flammen abzuschütteln, nässte sich ein wie ein kleines Kind, schrie, und es brannte so sehr, es tat so weh, es tat so verdammt weh.
Das letzte, was er hörte, war ganz in der Ferne eine Sirene.


August 2013
Für meine geliebte Insel, die jedes Jahr, immer wieder, viel zu oft Opfer herumreisender Feuerteufel wird.

©Susanne Ruitenberg
Version 1

Letzte Aktualisierung: 22.08.2013 - 16.29 Uhr
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