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Feuer und Flamme | August 2013

Feuer aus Feuer an
von Helga Rougui

Mööö nööö Scheiiiiizzze, nuschelte Drax und pustete erneut die Luft heftigst durch seine Nüstern.
Es machte leise POFF und ein graues Rauchwölkchen zerplatzte vor seinem rechten Nasenloch, vor dem linken tat sich dafür gar nichts.
Nu ischesch linksch auch vaschtopffff, ächzte der Besitzer des blockierten Riechorgans und verkniff sich ein Tränchen. Feuchtigkeit jedweder Art würde alles nur schlimmer machen, das hatte er gelernt – jedoch offenbar nicht, daß eines jeden Drachen inneres Feuer zu warten, zu hegen und zu füttern sei.

Drax wußte genau, daß er in den letzten Wochen seinen internen Glutherd nicht ausreichend genährt hatte. Temperaturen von an die 40 Grad im Schatten hatten den ganzen uferlos heißen Sommer lang die Körper aller Lebewesen gekocht. Bei einem solchen Wetter stand er nicht so sehr auf die notwendige tägliche Portion glühende Kohlen noch den Sack geröstete Kastanien, frisch aus dem Feuer geholt. Auch den glosenden Stapeln Buchen- und Ahornscheite hatte er eins ums andere Mal eine Absage erteilt zugunsten riesiger, mit glitzernden kühlen Megakugeln vollgepackter Eisbecher. Zwar hatte er darauf geachtet, das Gefrorene in den Geschmacksrichtungen Himbeer, Erdbeer, Brombeer und Vanille auszuwählen, um so die purpurn-schweflige Illusion eines brennenden Feuers aufrechtzuerhalten. Aber Eis blieb Eis und war letztlich doch nur aggregatveränderte Flüssigkeit, die er sich so gierig wie gedankenlos einverleibt hatte.

Und nun hatte er den Salat.
Alles war aus, kalt, tot. Er konnte seine Arbeit nicht mehr tun, seinen Pflichten nicht mehr nachkommen, und von höchster Stelle wurde er bereits mit kritischem Blick beobachtet – ob man ihn wohl ablösen müsse in allernächster Zeit, den nutzlosen Eisfresser, der keine einzige knusprige Bulette mehr produziert hatte seit Monaten?

(muskatklops:
ich hasse derlei anspielungen
wollts nur mal gesagt haben)

Noch einmal zog Drax mindestens einen Hektoliter Luft in seine Lungen, um sie mit großer Kraft durch seine Nase auszustoßen – doch die gelbrotlodernde Flamme, die sonst jedem Nasenloch entwich, blieb aus, und nun kamen auch nicht einmal mehr Rauchwölkchen zum Vorschein, im Gegenteil, zwei lange klirrende Eissplitter bildeten sich, die ihm bis ans Kinn reichten.

Hä? Das war doch eigentlich unmöglich! Immerhin war es gerade erst Spätsommer, und das Eis gehörte auch zu dieser Jahreszeit durchaus in die Waffeltüte und nicht an seinen grünen Zinken. Wenn er allerdings bedachte, wieviel von dem Zeugs er in den letzten Wochen vertilgt hatte -
Drax brach die beiden Zapfen ab. Sie fühlten sich unter seiner Berührung ein wenig klebrig an. Er leckte erst an dem einen, dann an dem anderen.
Ja was - !?
Zucker!! Lecker!!!
Beherbergte er neuerdings eine Süßwarenfabrik?
Er leckte noch einmal und lächelte – soweit ein gestandener Drache von seinem Kaliber seine Mimik dahingehend verknautschen konnte. Es gab wahrlich üblere Körperausscheidungen als diesen strahlendweißen, kristallinen Stoff. Ob er auch Dropse oder Gummibärchen konnte? Die waren zwar nicht die reine Lehre, aber dafür umso lustiger in Farbe und Form.

Abwechslung ist das halbe Leben, murmelte Drax und hustete erneut durch alle verfügbaren Öffnungen seines Kopfes. (Weitere Feuchtgebiete zu aktivieren fand er im Zusammenhang mit Eßbarem niveaulos und schlicht unappetitlich.) Das Ergebnis seiner Schnauberei konnte er zwar nicht sehen, aber ein vorbeifliegender KACKadu (immerhin) lachte sich bei seinem Anblick dermaßen scheckig, daß er im Sturzflug voll in das Unterholz eines Mangrovenwalds abKACKte

(muskatklops:
okeee ich habs kapiert
ich geh trotzdem nicht in den film

vampir:
ich aber

zimtrolle:
das war klar)

und dort im schlammigen Wasser im Angesicht eines Alligators über seine Sünden nachzudenken nicht mehr lange in der Lage war.
Derweil sich Drax zwei Zuckerstangen aus den Ohren zog und jeweils eine Tafel weiße und dunkle Schokolade aus den Kiemen pulte. Die Nase hatte diesmal zwei Längste Pralinen Der Welt hergegeben und aus seinem Maul kullerten immer noch und unaufhörlich Nonpareilles, die bereits einen mächtig bunten Hügel zu seinen klauenbewehrten Pfoten bildeten.

Alles in allem, freute sich Drax, hatte er jetzt schon mal das Angebot einer größeren Konditorei produziert, der Auslage eines Café Heinemann (oder von mir aus auch Café Reichard) ebenbürtig.
Fehlte nur noch das Täßchen doppelter Espresso macchiato zur Erdung der Geschmacksnerven sowie ein Fäßchen Bananenlikör für die heitere Stimmung.

Drax packte seine sämtlichen Süßigkeiten auf einen Riesenhaufen und tanzte, da aus oben erwähnten Gründen kein Lagerfeuer zustandegekommen war, um einen Teich voller Goldfische herum. Alsbald vermerkten die Kaltwasserbewohner bei sich eine kollektive leichte Übelkeit von seinem Rundherumgetrampel, und sie fragten sich ängstlich, wann wohl dieses Urviech das Weite suchen würde, damit sie wieder ihre ewiggleichen Bahnen ziehen und in Ruhe ihr Fischfutter naschen könnten.

(Der Autor dieses Textes sieht die Not der Cyprini aurati und läßt den Drachen seinen Tanz in Richtung des Gebirges fortsetzen, woraufhin die Eselhasen (Lepi californici) anfangen, über Kopfweh zu klagen. Weshalb der Autor dem Drachen mental vermittelt, das Gehopse unverzüglich einzustellen.)

Plötzlich – Drax wußte nicht aus welchem Grund noch wie ihm geschah – hörte er auf herumzuspringen.
Er sollte sich besser einen Weg überlegen, wie er den kalten Ofen in seinen Eingeweiden wieder entzünden könnte. Versonnen musterte er die Berge, denen er sich während seiner wilden Polka genähert hatte, und nahm über der Spitze der höchsten Erhebung einen feinen Rauchstreifen wahr, der sich weiß gegen den blauen Himmel abzeichnete.

Ein Vulkan!
Was für ein Glück!
Genau den brauchte er jetzt.

Mit zweieinhalb- bis dreihundert Riesenschritten war Drax oben auf dem Gipfel angelangt und spähte in die dunkle Öffnung, die dort gähnte.
(Nicht nur die. Ein fulminanter Schluß wird sehr dringend benötigt. Ein Feuerwerk, sozusagen.)
Also – die Öffnung gähnte, und Drax gluckste vor Begeisterung.
Wunderbar! Er sah Lavaströme, die sich in einem höllischen Inferno aufbäumend umeinanderwälzten, und er steckte seine lange Schnauze hinein in den brodelnden Brei und saugte den glühenden Berg aus, als sei er eine köstlich mit Nektar gefüllte Blüte. Er kaute und trank und schluckte – und dann hob er das Haupt und rülpste mit ohrenbetäubendem Gebrüll die eingesogene heiße Luft in den Himmel empor – die sich in einer – nein, in zwei riesigen Stichflammen entzündete und Gott die Spitze seines Bartes versengte.

In Nullkommanix fielen geröstete Tauben, Falken und Wachteln sowie mehrere gut durchgebratene Kampfhubschrauber vom Himmel, und alles war gut.

Letzte Aktualisierung: 18.08.2013 - 00.45 Uhr
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