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Feuer und Flamme | August 2013

Feuerzorn
von Martina Lange

Mirjam wälzte sich unruhig zwischen den feuchten Laken hin und her. So sehr sie sich auch bemühte, der Schlaf wollte nicht kommen. Die Luft war unerträglich schwül, bis ein Gewitter mit schwerem Regen über das Dorf hinwegzog und endlich die ersehnte Abkühlung brachte.
Die feinen Vorhänge am weit geöffneten Fenster schwangen nur matt und verhinderten, dass die angenehme Kühle bis in ihr Zimmer vordrang. Mirjam seufzte und warf das klumpige Kissen auf den Boden. Sie horchte in die Nacht hinaus.
Ein rhythmisches Klappern auf der Straße verlangsamte sich unter ihrem Fenster. Mirjam huschte aus dem Bett. Verborgen im Schatten des Vorhangs lugte sie auf die Straße hinunter. Das warme Pflaster dampfte. Aus den aufsteigenden Schwaden lösten sich Nebelfinger, die nach dem trüben Licht der Gaslaterne an der Ecke griffen, und eine Anzahl dunkler Wagen mit runden Dächern bog von der breiten Straße ab.

Die gedrungenen Gefährte wurden von jeweils vier kleinen Pferden gezogen. Gebückte Gestalten lenkten sie. Atemlos verfolgte Mirjam das seltsam farblose Schauspiel, bis die Laterne des letzten Wagens hin und her tanzend im Nebel verschwand.
Mirjams Herz klopfte unbändig. Sie schluckte trocken. In ihrer Aufregung hatte sie vergessen den Mund zu schließen.
Fahrendes Volk!
Wie sehnlich sie sich gewünscht hatte, die Wagen möchten eines Tages auch zu ihnen kommen. Ihr Wunsch hatte unausgesprochen bleiben müssen. Nun lauschte sie ihnen nach in der Nacht, bis das Schlagen der Hufe verklungen war. Erst sehr viel später schlief sie endlich ein.
In ihren unruhigen Träumen wanderte sie durch die Dünste und suchte, sah Schemen der Wagen mit den kleinen Pferden, doch dunkle Finger zerrten sie fort, ließen sie nicht los, so dass sie sie nicht erreichen konnte.
Bedrückt und gehetzt erwachte Mirjam. Feucht klebten ihr die dunklen Haare auf der Stirn. Die unheilvolle Erinnerung haftete noch immer an ihren Gedanken und auch der freundliche Spätsommermorgen konnte sie kaum lösen.
Unausgeschlafenes Geheul trieb Mirjam aus dem Bett. Offensichtlich waren ihre jüngeren Geschwister ebenfalls von dem Gewitter wachgehalten worden und ließen ihre Missstimmung an der Mutter aus. Mirjam seufzte. Sie ahnte, dass sie sich nicht auf die Suche nach den Ankömmlingen würde machen können. Die schmale Stiege empor ertönte nun das auffordernde Rufen ihrer Mutter. Hastig lief Mirjam hinab. Ihre Brüder hingen wie zwei kleine Affen an Mutters Hals.
Ihren süßen Morgenbrei opferte Mirjam den beiden Quälgeistern und begab sich zum Vater in den Laden. Seine Augenbrauen waren dunkel zusammengezogen und verkündeten seine Meinung darüber, dass sie verschlafen hatte. Eilig band sie sich die lange Schürze um und versenkte den Blick in die Bestelllisten.

Die Türglocke bimmelte an diesem Tag unaufhörlich. Es war Markttag im Amt und aus allen umliegenden Dörfern strömten die Menschen in den Ort. Ein monatlich wiederkehrendes Ereignis, das mit allgemeiner Ungeduld erwartet wurde. Aber die Freude, die sonst damit einherging, fehlte an diesem Morgen.
Mirjam bemerkte, dass im Laufe des Tages die Stimmung unter ihrer Kundschaft immer gespannter wurde. Unwillkürlich dachte sie an die Verdichtung der Luft kurz vor einem Gewitter. Dieser merkwürdig klare Geruch und das Knistern in den Haaren.
Sie sah die gereizten Gesichter der Kunden und hörte das aufgebrachte Tuscheln. Hinter vorgehaltener Hand wanderten die Botschaften von Mund zu Ohr. Jedoch wenn sie den Raum betrat, versiegten die Worte, dafür redeten die Augen weiter. Mütter hielten ihre Kinder an sich gedrückt.
Dennoch gelang es Mirjam, einzelne Wörter oder auch abgerissene Satzfetzen aufzufangen.
Rumtreiber, Tagediebe, entwendete Wäsche, verschwundene Hühner, schmutziges Volk und die Angst um die Kinder, das war nur ein wenig von dem, was sich verbreitete wie stinkiger Qualm.
Mirjam kannte viele verschiedene Geschichten, die häufig wie Lauffeuer durch das Amt eilten. Wo Rauch war, da war auch Feuer. Die Wagen mussten also noch in der Nähe sein. Mirjam schauderte vor Aufregung.

Der Tag wollte kein Ende nehmen. Zäh wie kalter Honig floss er dem Abend zu. Mit dem herbeigesehnten Sonnenuntergang kam er.
Die Ladenglocke gab ein einzelnes, verlegenes Kling von sich und ein Junge schob sich mit ihm in den Laden. Er drückte sich an den Obststeigen vorüber und musterte die kleinen Augustäpfel sehnsüchtig. Mirjam nahm an, dass er vielleicht zwei Jahre älter war als sie. Das Haar war schwarz und schimmerte wie die Flügel der Krähen. Im Nacken war es zusammengebunden mit einem Lederband. In seinem rechten Ohrläppchen blitzte ein kleiner goldener Ring. Seine Haut war dunkel von der Sonne vieler Sommer und seine Augen glommen wie Kohlen im Feuer. Sein Hemd war gewiss einmal weiß gewesen und auf seiner Weste entfalteten Vögel und Pflanzen ihr verblasstes Farbenspiel. Verträumt starrte Mirjam ihn an. Er musste zu Jenen in den kleinen Wagen gehören.

Erst die barsche Stimme ihres Vaters unterbrach ihr Staunen.
„Wir schließen jetzt. Wähle aus, was du willst, und dann geh.“
Der Junge schreckte auf und nickte hastig. Aus den tiefen Taschen seiner ausgefransten Hose brachte er nach einigem Suchen ein kleines Geldstück hervor und hielt es ihrem Vater hin.
„Ich möchte einen davon.“ Er deutete auf die Äpfel vor sich.
Mit ungewohnt spitzen Fingern nahm der Vater die Bezahlung entgegen und reichte die gewünschte Ware weiter. Der Junge strahlte und verließ rasch den Laden. Kaum, dass er seinen Fuß aus der Tür gezogen hatte, legte ihr Vater den Riegel vor und schloss ab. Mirjam verfolgte den Jungen mit Blicken die Stufen hinunter bis auf die kopfsteingepflasterte Straße. Er blieb stehen und hielt sich den Apfel unter die Nase, aber er biss nicht hinein. Trotzdem hatte Mirjam noch nie so viel Glückseligkeit gesehen, als er seinen Schatz behutsam in der Hosentasche verstaute. Pfeifend schlenderte er bis zur Ecke und bog ab.
„Tochter, hör auf, diesem Landstreicher hinterherzustarren und komm vom Fenster weg.“
Mirjam fügte sich wortlos unter dem tadelnden Kopfschütteln und folgte dem Vater in die Küche.

Nach dem gemeinsamen Abendbrot ging Mirjam unter dem Vorwand, die Hühner einsperren zu wollen, auf den Hof hinaus.
In einiger Entfernung am Rande des Dorfes bildeten zahlreiche Linden einen ovalen Platz. Von dort wehte leise Musik zu ihr herüber.
Oh, da waren sie! Hastig sah sie sich um und schlüpfte aus der hinteren Pforte.
Zwischen den dicken Stämmen winkten die Flammen eines lustigen Feuers herüber. Mirjam raffte die Röcke und rannte im Schutz der zunehmenden Dunkelheit auf das Lager zu. Nur keinen kostbaren Moment verschenken. Die Wagen endlich mit eigenen Augen sehen. Ein ungewohnt flatterndes Gefühl in der Brust erinnerte sie an den Jungen. Ob sie ihn sehen würde?

Mirjam presste sich an den Stamm der Linde und betrachtete das Lager. In ihren kühnsten Träumen hätte sie diesen Anblick nicht erwartet. Sie konnte sich gar nicht satt sehen an den tanzenden Fackeln. Ein Feuerstoß aus dem Mund eines Mannes, der nur mit einer buntgestreiften Hose bekleidet war. Zwischen den Bäumen war ein Seil gespannt und in der luftigen Höhe schwebte eine Fee. Ihr einziger Halt war ein Schirmchen, ein zartes Gebilde aus Spitze, das sie sicher nicht in der Luft halten würde, sollte sie das Seil unter ihren Füßen verlieren.
Der Junge warf Bälle in die Luft. Verwandelte sie zu einem wirbelnden Kreis. Die Frauen in vielfarbigen Röcken saßen vor den Wagen und eine Horde Kinder jeden Alters spielte Fangen unter den Bäumen. Drei Männer stimmten eine wilde Melodie an. Bunt, lustig und so lebendig ging es zu. Mirjam war gefangen.

„Was tust du hier?“ Ein kleines Mädchen mit Feueraugen schob sich die dunklen Locken aus dem Gesicht und musterte Mirjam von oben bis unten. Sie sprach in demselben singenden Tonfall wie der Junge.
„Oh, ich wollte nur schauen. Ich wollte … nicht …“
„Du siehst doch gar nix, wenn du hinter dem Baum stehst.“ Unerwartet ergriff die Kleine ihre Hand und zog sie mit sich. Direkt zum Feuer hinüber.
Mirjam war erstaunt, wie überraschend kräftig sie war.
„Schaut, wen ich gefunden habe!“, verkündete das Mädchen stolz, während sie zu Mirjam aufblickte.
Alle Anwesenden sahen Mirjam an.
„Ich kenne sie. Die gehört zu dem Laden an der Ecke.“ Der Junge nickte zu Mirjam herüber.
„Kann sie mit uns spielen?“ Die Erwachsenen nickten und einen seltsamen Augenblick lang fühlte Mirjam sich zu Hause.

* * *

Mirjam blinzelte schlaftrunken. Eine Hand hatte sie grob an die Schulter gefasst und rüttelte heftig.
„Bitte, wach auf! Wir müssen fort. Sie kommen!“ Angst verfärbte die Stimme der Frau und nistete in ihren Augen. Die Wagen standen aufgereiht, bereit zur Abfahrt. Die Männer legten letzte Hand an. Vom Dorf wehten böse Rufe, durchdrungen von Zorn und Hass herüber. Der Tumult drängte sich im Schein von unzähligen Fackeln.
Entsetzt presste Mirjam sich die Hand auf den Mund. Schon wandte sie sich um, um mit den Gauklern zu fliehen, aber die ausgestreckte Peitsche des Anführers hielt sie zurück. Vom Kutschbock herunter sah er Mirjam mitleidig an.
„Du gehörst zu denen. Deinetwegen kann ich den Clan nicht in Gefahr bringen, auch wenn du uns sehr ähnlich bist … du musst hierbleiben.“
Mirjam blickte zögernd über ihre Schulter. Der Anführer hob die Peitsche und knallte laut über den Pferderücken. Der ganze Zug setzte sich ruckend in Bewegung und fuhr auf die Landstraße hinaus.
Gebannt sah Mirjam zum Dorfrand. Dort spiegelten sich Flammen in den Sensen und hüpften auf den Zinken der Heugabeln. Drohend hoben sich Fäuste in die Nacht. Mirjam erkannte keinen der vertrauten Menschen. Das Feuer schmolz sie zu einem gefräßigen Ungeheuer zusammen, das sich nun geifernd heranwälzte.
Allein stand sie am verlöschenden Feuer und sah den Wagen nach, bis auch der letzte hinter der Hügelkuppe verschwunden war.
Dann war das Ungeheuer heran und fand niemanden außer Mirjam.

Letzte Aktualisierung: 24.08.2013 - 12.29 Uhr
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