Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Auferstehung | September 2013
Neustart
von Susanne Ruitenberg

Cecce streckte sich, bis es in seinem Rücken knirschte und sah auf das Display. Seit wie vielen Stunden saß er in diesem verdammten Sessel und starrte die Monitore an, die nur eines zeigten.
Nichts.
Schwarzes, endloses Nichts. Zugegeben, mit ein paar Lichttupfen dazwischen, ferne Sonnen und Weltraumschrott. Wo waren sie? Wer hatte diesen hirnrissigen Kurs programmiert? Wer hatte überhaupt diese Mission gestartet, und wann? Er wusste es nicht. Auch nicht, warum er ein Teil davon war. Nur, dass alles schiefgegangen war, was schiefgehen konnte. Der Computer funktionierte nur minutenweise und stotternd, es reichte gerade für die Lebenserhaltungssysteme. Die meisten Mitreisenden, wenn man sie so bezeichnen durfte, lagen tot in ihren Kapseln. Alle bis auf vier, genau genommen, und bei Zweien war es fraglich, wie lange noch. Bei den eingefrorenen Tieren lebten lediglich die Hühner und die Katzen.
Aus den wenigen Datenspeichern, die nicht abgeraucht waren, hatten sie sich einiges von dem zusammengereimt, was vor über Hunderten von Jahren geschehen sein musste: Die zerstörte Erde. Das Klima völlig aus dem Lot. Die Bienen ausgerottet durch die Pestizide. Die essbaren Pflanzen steril wegen Genexperimenten, das Wasser verseucht, weil man mittels Fracking versucht hatte, jeden Tropfen Öl aus den tiefen Gesteinsschichten zu pressen.
Hunger, Krieg und Zerstörung.
Mit den letzten Ressourcen hatte die sterbende Menschheit die Schiffe gebaut. Wie im Kino, hatte Alba gesagt. Er wusste nicht einmal mehr, was das war. Mit seinem Gedächtnis stand es nicht zum Besten nach dem Eisschlaf. Jedes der Schiffe war in eine andere Richtung in die unendlichen Weiten des Weltalls geschickt worden. In der Hoffnung, das wenigstens eines davon eine bewohnbare Welt finden und der Menschheit zu einem Neustart verhelfen würde.
Das Intercom knackte. »Cecce, kannst du kommen?«
»Wo bist du?«
»Im Kapselraum.«
Er erhob sich schwerfällig aus dem Sessel. Ganz dumm waren sie nicht gewesen, diejenigen, die dieses Schiff gebaut hatten. Um zu verhindern, dass die Siedler in den Kapseln mit völlig atrophierten Muskeln am Zielort ankommen, lenkten sie leichte Stromstöße in den Körper, die ihn funktionsfähig hielten. Dennoch empfand er es als sehr mühsam, wieder zu laufen. Seine Beine zitterten, als er den Kapselraum betrat und er musste sich an der Wand festhalten. Alba stand an der Steuerungskonsole und starrte auf die Monitore, deren Flackern ihr Gesicht in wechselnden Farben leuchten ließ. Sie drehte sich zu ihm um, und ohne, dass sie etwas sagte, wusste er, dass die beiden anderen nicht mehr lebten. Gleichzeitig leuchtete eine Erinnerung in seiner trüben Gedächtnissuppe auf. Alba und er, und eine ganze Gruppe junger Leute, in einem gesicherten Raum, ein älterer Herr, der einen Vortrag über primitive Formen der Landwirtschaft hielt, während draußen auf den Straßen der Mob tobte. Alba saß neben ihm und von Zeit zu Zeit nahm sie verstohlen seine Hand, was ihn jedes Mal mit einem warmen Gefühl erfüllte.
Sie kam auf ihn zu. »Da waren’s nur noch zwei.« Ihre Hände hoben sich, legten sich auf seine Schultern, seine Arme umfassten ihre Taille und zogen sie an sich, ohne dass er das bewusst entschieden hätte. Alba lehnte ihren Kopf an ihn. Ihr Haar duftete nach Veilchen und dieser Duft weckte ein anderes Erinnerungsbruchstück von einer gemeinsamen Dusche. Hatten sie vorher, in diesem anderen Leben, eine Beziehung? Oder reagierte sein Körper und sein träger Verstand nur auf die Tatsache, dass sie als die einzigen Überlebenden dieses Schiffes notgedrungen miteinander auskommen mussten, sollten sie jemals ein Ziel erreichen. Wie gut, dass sie wenigstens nicht zwei Männer oder zwei Frauen ...
Ein Alarm schrillte durch den Raum. Alba löste sich von ihm. »Wir müssen hoch. Das könnte ein Kollisionsalarm sein.«
Sie lief bedeutend schneller als er und als er die Brücke erreichte, saß sie bereits im Kommandosessel und hämmerte auf den Touchscreen ein.
»Was ist es, ein Meteoritenschwarm?« Er sah auf die Monitore, die ihre direkte Umgebung zeigte, sah jedoch nur die üblichen Lichttupfen auf schwarzem Samt.
»Nein, die Sensoren haben einen bewohnbaren Planet geortet. Unter normalen Umständen würde der Bordrechner nun die Sequenz starten, die alle menschlichen Kapseln auf Erweckungsmodus stellt.«
Er setzte sich auf den Platz des Navigators und schnallte sich an. »Wollen wir hoffen, dass der halbtote Computer noch so viel Grips beisammen hat uns einigermaßen heil zu landen. Es wäre ein Witz, jetzt in der Atmosphäre zu verglühen. Wie ist die überhaupt, kann man dort atmen oder müssen wir nach Raumanzügen suchen?«
Alba fuhr mit dem Finger über eine Zahlenkolonne. »Bei Star Trek hätten sie ihn als Klasse M bezeichnet.«
»Star Trek?« Der Name sagte ihm etwas. Er verband damit etwas Positives, ohne zu wissen, warum.
»Erkläre ich dir später. Wir sind gleich da.«
Eine Kugel erschien auf dem Hauptmonitor und gewann rasch an Größe. Blaugrünbeigeweißgrau, beim Näherkommen löste sich die Farbmischung in Kontinente, Meere und Wolken auf.
»Können wir beeinflussen, wo wir landen?« Er tippte einen Kontrollscreen an. Kurz flackerten Zahlen auf und verschwanden umgehend.
Alba schüttelte den Kopf. »Keine Chance. Wir sind ausgeliefert.«
»Also gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder wir starten die Menschheit neu ...«
» ... oder wir landen als zerdrückte Konservendose auf dem Schrotthaufen.« Sie drehte ihren Sessel so, dass sie ihn ansah, und nahm seine Hand.
Er beugte sich vor und gab ihr einen Kuss. »Es war schön, dich zu kennen.«
Sie schmunzelte. »Wir kennen uns schon sehr lange. Seit der Schule.«
»Mag sein, das weiß ich alles nicht mehr. Ich wollte nur sagen - ich freue mich darauf, mit dir den Neuanfang zu warten.«
»Wie Adam und Eva.« Sie grinste.
»Wer?«
»Nicht wichtig. Eben tauchen wir in die Atmosphäre ein.«
Das Schiff ruckelte und zuckte. Aus den Sessellehnen schossen Sicherheitsgurte und zurrten sie fest. Das Ruckeln ließ nach und auf dem Monitor vergrößerte sich ein Kontinent in einem Affenzahn. Cecce musste die Augen schließen, bis das Schwindelgefühl nachließ.
»Wahnsinn«, hörte er Alba flüstern. Er sah hoch. Ihre Geschwindigkeit hatte sich verlangsamt, sie schwebten nn über einer grünen Landschaft, an einem Fluss entlang.
Minuten später landete ihr kaputter Vogel sanft. Siestarrten den Monitor an.
»Gras und Bäume. Wir werden ein Blockhaus bauen können.«
Kurz huschte ein Gedanke an giftige Planzen, wilde Raubtiere und gefährliche Einwohner dieses fremden Planeten durch Cecces Kopf. Doch wenn sie hier sitzen blieben, würden sie nicht wissen, wie es draußen aussah.
Er löste seine Gurte, stand auf, griff nach Albas Hand. »Darf ich bitten?«
Hand in Hand gingen sie zum hinteren Teil des Schiffes und öffneten die Rampentür. »Wir müssen noch die Werkzeuge zusammensuchen und später unsere Tiere wecken.« Alba dachte gleich an das Praktische.
»Später.«
Als sie die Rampe hinabstiegen, verspürte er einen Moment der Euphorie.
Ein Neuanfang für die Menschheit, warum nicht? Er fasste Albas Hand fester und sah zum Himmel. Ob es von den anderen Schiffen auch jemand geschafft hatte? Sie würden es nie wissen.
Hand in Hand standen sie am Fuß der Rampe im Gras und hielten ihre Gesichter in die Sonne und den Wind.



©Susanne Ruitenberg
Version 1

Letzte Aktualisierung: 22.09.2013 - 19.10 Uhr
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