Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Auferstehung | September 2013
Die Rückkehr des Graf Fiti
von Ingo Pietsch

Kommissar Gerhard Otto fuhr mit dem Vorderrad seines Wagens gewaltsam über den Bordstein und zerkratzte dabei unter lautem Knirschen die Plastikradkappe.
Jean Zinklärs Gesicht hatte die Farbe von Kalkweiß angenommen, weil er bei Ottos Fahrstil seekrank geworden war. Bei dieser nächtlichen Achterbahnfahrt hatte Zinklär jegliches Gleichgewichtsgefühl verloren. Beinahe hätte er den Haltegriff über der Tür abgerissen.
Otto nuschelte etwas Unverständliches und sprang trotz seines Übergewichts behände aus dem fast zu kleinen Auto. Anschließend zog er seine weite Hose hoch, die anscheinend nur einen Gürtel optischer Natur besaß.
Zinklär wünschte sich in seinen 72er Mercedes, den nichts zum Schaukeln brachte.
Otto rief wieder, aber Zinklär verstand immer noch nicht, was der Kommissar wollte. Seit einiger Zeit hing ihm ständig ein Lutscher im Mundwinkel und Zinklär fragte sich, was diese Marotte sollte.
Er kletterte mit zitternden Beinen aus dem Auto und lehnte sich erst einmal dagegen, wegen des ungewohnt festen Bodens unter den Füßen. Dann zog er seine Lederjacke zurecht und prüfte auch seine Lederhandschuhe.
Nach dieser Fahrt wollte er nicht aus Versehen von Sinneseindrücken überflutet werden, weil der bloße Hautkontakt ihm das bescherte, da es seine spezielle Gabe war.
Otto winkte ihn heran.
Rubens, der Chef der Spurensicherung, wartete schon auf die beiden.
„Otto, Zinklär!“, er hob kurz die Hand zur Begrüßung. Von Zinklär hielt er Abstand, er war ihm nicht geheuer.
„Waff gibftf?“, fragte Otto.
„Was hast du da für ein Ding im Mund?“, fragte Rubens erstaunt zurück.
Der Kommissar nahm den Lutscher aus dem Mund: „Den brauche ich, wenn ich Fragen stelle.“
„Aha.“ Inzwischen hatte Nieselregen eingesetzt. Rubens beeilte sich mit seinem Vortrag. „Also: Das da hinten an der Wand ist/war Thorsten Ackerer. Besser auch bekannt als Graf Fiti.“
Sie gingen auf den Toten zu, der verkrümmt halb an einer Backstein-Mauer lehnte. Er hielt eine Spraydose in der Hand. Mund und Augen weit aufgerissen. Grüne Farbe bedeckte sein ganzes Gesicht, auch im Mund war alles grün.
Zinklär zog den Kragen höher, da es windig geworden war. Otto schmatzte vor sich hin und Rubens berichtete weiter:
„Die Klatschblätter nannten ihn auch die Knalltüte. Vielleicht erinnert ihr euch noch.“
Otto zuckte mit den Schultern und Zinklär rieb sich das Kinn.
„Immer, wenn er ein Graffiti fertig gestellt hatte, warf er eine Wasserbombe, gefüllt mit Farbe unter sein Meisterwerk. Bei seinem letzten Kunstwerk allerdings platzte sie in seiner Hand und so konnte er wegen Vandalismus überführt werden. Öffentliche Gebäude, Eisenbahnwaggons, Busse. Als Strafe bekam er Sozialstunden und psychologische Unterstützung. Und ein Jahr Sprayverbot. Ist noch nicht um. Sein psychologischer Betreuer ist übrigens auch hier. Und noch etwas: Er hat immer wieder seine Unschuld beteuert. Hätte immer um Erlaubnis gefragt. Er behauptete, er wäre kopiert worden.“
„Klingt fast so, als wärst du ein Fan von ihm.“
Otto bückte sich zur Leiche hinunter. Dabei schlug er mehrmals leicht mit der Handfläche auf den Lutscherstil.
Rubens antwortete: „Ich interessiere mich mehr für Airbrush. Aber Ackerer war sogar national bekannt. Er hat mehrere Graffiti-Wettbewerbe gewonnen.“
„Mhm. Er hat Würgemale am Hals.“
„Richtig erkannt, Herr Kommissar.“ Eine junge Frau mit wallender Mähne trat heran.
Otto prüfte sie mit einem genauen Blick. Stöckelschuhe, lackierte Fingernägel, Handtäschchen. Ein Knirps schützte sie vor dem Nieselregen.
Sie hielt Otto ihre freie Hand hin: „Tanja Stein, ich bin die leitende Gerichtsmedizinerin.“
Sie warf dem gut aussehenden Zinklär einen verstohlenen Seitenblick zu. Der verschränkte lässig die Arme, da er sich seiner Anziehungskraft gegenüber dem weiblichen Geschlecht bewusst war.
„Müssen Sie nicht ein Haarnetz und Laborkittel tragen?“ Otto zog an seinem Lutscher wie an einer Zigarette.
„Ich werte lediglich die Ergebnisse aus und ziehe daraus Schlüsse. Ist der zuckerfrei? Haben Sie auch einen für mich?“, sagte sie mit erhöhter und viel zu schneller Stimme, als wäre sie bei etwas ertappt worden.
Zinklär griff in die Innentasche seiner Lederjacke. Er hatte seine Handschuhe schon ausgezogen, weil er wusste, dass er gleich sein Talent einsetzen musste.
Deswegen berührten sich ihre Hände, als er Stein den Lolli gab.
Die Luft knisterte förmlich. Zinklär grinste sie an, als er „gesehen“ hatte, was sie dachte.
„Zinklär, lassen Sie das!“, ermahnte ihn Otto.
„Sie sind …? Sorry!“, stotterte sie, als ihr gewahr wurde, was sich gerade vor ihrem geistigen Auge abgespielt hatte. Denn sie hatte schon länger keine Beziehung mehr gehabt.
Sie räusperte sich.
„Bis jetzt kann ich nur sagen, dass er wahrscheinlich erwürgt und dann angesprayt wurde. Anschließend drückte ihm dann jemand die Dose in die Hand, damit es wie Selbstmord aussieht. So, ich muss weiter.“
„Hat mich gefreut.“ Otto schüttelte ihre Hand.
Auch Zinklär streckte seine Hand aus. Sie ignorierte sie. Zinklär hob die Hand zum Telefonhörer geformt ans Ohr.
Sie funkelte ihn böse an, drehte sich aber dann noch einmal um und Zinklär glaubte, dass sie lächelte.
„Erde an Zinklär, Sie sind dran.“ Otto schnippte mit den Fingern. Er schüttelte den Kopf. „Diese Jugend heutzutage.“
Zinklär berührte den Toten. Es ging ganz schnell.
Währenddessen fragte Otto: „Irgendwelche in Frage kommenden Täter? Bandenkrieg?“
„Noch keine Idee. Aber jeder Sprayer hat ein eigenes Revier. Und das hier gehörte nicht Ackerer.“ Rubens zeigte auf die Reste eines übergesprayten Bildes, denn Ackerer war offensichtlich nicht ganz fertig geworden.
„Und, haben Sie wenigstens den Täter gesehen?“, fragte Otto hoffnungsvoll.
Zinklär öffnete den Mund, aber jemand anders kam ihm zuvor.
Ein gut gekleideter Herr, im mittleren Alter, mit vollem, gepflegten grauen Haar und Spitzbart gesellte sich zur Männerrunde.
Der Regen hatte fast aufgehört und der Mann hatte seinen Trenchcoat über den Arm gehängt.
„Wallnitz. Ich war Thomas` Betreuer.“ Wieder wurden Hände geschüttelt. Wallnitz trug wie Zinklär Handschuhe.
Ottos Finger klebten an dem Leder fest und hätten beinahe den Handschuh abgezogen.
Ironisch bemerkte Wallnitz leicht nasal: „Oh, entschuldigen Sie, Ich bin ein bisschen empfindlich, was Bakterien angeht.“
„Der braucht selbst einen Psychiater!“, sagte Otto zu Rubens hinter vorgehaltener Hand.
Wallnitz hatte das natürlich gehört: „Versuchen Sie sich das Rauchen abzugewöhnen?“ Die Frage spielte natürlich den Lutscher an.
„Nein, die lutschte ich nur, wenn ich nachdenke.“
„Dann brauchen Sie sich ja um Ihre Gesundheit nicht zu fürchten.“ Wallnitz starrte auf Ottos Bauch. „Hier ist meine Karte, falls Sie professionelle Hilfe benötigen.“
„Ok“, sagte Rubens und schob Otto ein Stück zur Seite. „Genug der Sticheleien. Was gibt es Interessantes von unserem Grafen?“
Auch wenn Otto nicht so aussah, er kochte innerlich.
„Thorsten war, wie viele der Jugendlichen, die ich betreue, sehr sprunghaft und unausgeglichen. In der Schule gehänselt, von seinen Eltern vernachlässigt. Im Sprayen suchte er sich eine Zuflucht. Seinen Seelenpein verarbeitete er zu diesen abstrakten Schmierereien.“
Wallnitz war zur Wand gegangen und betrachte sie ehrfürchtig. Nicht nur Otto bemerkte, wie Wallnitz von dem halb fertigen Werk schwärmte, obwohl er es so herabwürdigte.
„Sie klingen so, als würden Sie doch mehr von seinen Bildern halten, als Sie zugeben wollen.“, bemerkte Otto.
Wallnitz straffte sich: „Mir ist es leider vergönnt, meine Kreativität zum Ausdruck zu bringen. Aber entschuldigen Sie mich jetzt bitte, es ist schon eine lange Nacht und ich habe noch viele Sorgenkinder zu betreuen.“ Damit verschwand er wieder.
„Komischer Kauz.“ Rubens kratzte sich am Kopf.
„Die Handschuhe“, sagte Zinklär. „Der Täter hat auch solche getragen. Ich konnte den Täter in seinen letzten Gedanken nicht sehen, weil er von hinten angriff. Aber das Gefühl von weichen Lederhandschuhen war eindeutig.“
„Mir kamen sie bei dem Handschlag kalt vor, als hätte er bis kurz vorher keine oder andere getragen. Zinklär, ich brauche einen Lutscher!“ Otto hatte nur noch einen Stiel im Mund.
„Du meinst, Wallnitz hat den Grafen getötet?“
Der Kommissar schmatzte eine paar Mal und nickte: „Er ist auf frischer Tat erwischt worden. Hat sein Gemälde nicht mehr vollenden können. Einen Zeugen konnte er nicht gebrauchen. Wir sollten den Psychiater genauer unter die Lupe nehmen.“
„Also brauchen Sie den Lutscher, weil Sie den Fall gelöst haben?“, fragte Zinklär, der Rubens ebenfalls einen Lolli gegeben hatte und selbst auch gerade einen auspackte.
„Ob er wirklich der Täter ist, können wir erst mit Gewissheit sagen, wenn wir ihn bei der Arbeit erwischen. Und wenn er wieder jemanden kopiert. Aber einen Lutscher schmeckt immer lecker!“

Letzte Aktualisierung: 23.09.2013 - 07.18 Uhr
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