Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Jochen Ruscheweyh IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Auferstehung | September 2013
Surfin’ USA
von Jochen Ruscheweyh

Es ist schon erstaunlich, wie leicht ein zerrissenes Kleid, durchnÀsste Haare und ein verschmierter Lippenstift manche Menschen auf vollkommen falsche FÀhrten locken können.
Da ich ein von Natur aus skeptischer Mensch bin, hĂ€tte ich sie niemals in unser Motelzimmer gelassen; Notlage hin oder her. Schließlich gab es in jedem District einen Sheriff. Aber ich konnte Julian noch nie etwas abschlagen, wenn er mich mit seinem Hundeblick ansah.

„Was sie wohl da draußen gemacht hat, sie haben doch vorhin eine Sturmwarnung fĂŒr den gesamten Bundesstaat durchgegeben?“, sagte er wohl mehr zu sich selbst als zu mir, wĂ€hrend er trockene HandtĂŒcher und einen Bademantel heraussuchte.
„Wir werden es schon herausfinden“, beantwortete er sich seine Frage selbst und ging mit den Sachen zu ihr ins Bad.

Als Julian wenige Minuten spĂ€ter wieder heraustrat, Ă€hnelte seine Gesichtsfarbe der eines AnĂ€miekranken. „Ich weiß ja, dass es nicht sein kann, aber ...“, sagte er und begann, an seinen FingernĂ€geln zu kauen. Das Elixir, das er auftrug, seit wir zu unserem USA-Trip - er nannte ihn Schwuli-Moon - aufgebrochen waren, schien also nicht zu wirken.
„Was meinst du damit?“, fragte ich.
„Das wirst du gleich sehen“, gab er zurĂŒck.

Sie sah umwerfend in dem Bademantel aus: frisiert, geschminkt, unschuldig, naiv und doch auf atemberaubende Weise sexy. Ich möchte nicht abstreiten, dass eine gewisse Ähnlichkeit bestand. Trotzdem hĂ€tte ich schwören können, dass Julian gerade dabei war, sich in etwas zu verrennen.
Er fÀchelte sich Luft zu. Ich hasse es, wenn Schwule diese offensichtlich tuntigen Dinge tun.
„Ich war mir nicht sicher“, hauchte er dann, „aber sie hat reagiert, als ich sie mit Norma Jeane angesprochen habe.“
„Ja, und weiter?“, drĂ€ngte ich, wĂ€hrend Norma bzw. Marilyn es sich mit Julians Nagelelixir auf der Couch bequem machte.
„Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass mein Englisch nicht gut genug fĂŒr eine komplette Psychoanalyse ist, Kai.“

Er ging im Zimmer auf und ab und schien nachzudenken. Immer wenn ich einen Blick zu Norma rĂŒberwarf, lĂ€chelte sie mich an und klimperte mit ihren Augendeckeln. Ich war ĂŒberzeugt, dass uns ebensowenig Norma Jeane Baker alias Marilyn Monroe gegenĂŒbersaß, wie ich das GerĂŒcht glaubte, dass Adolf Hitler als 110 JĂ€hriger in einer UFO-Basis 10 Kilometer ĂŒber Chile lebte und den 4.Weltkrieg vorbereitete. Aber ich musste das Spiel mitspielen, wenn ich eine von Julians Szenen vermeiden wollte.
„Also gut“, sagte er schließlich, „entweder ist sie das perfekteste Double, das ich je gesehen habe, oder wir haben es hier mit so einem parapsychologischen Dingsbums zu tun.“
Julian integrierte jetzt auch seinen linken Daumennagel in seinen oralfixierten Frustabbau. Ich erinnere mich nicht mehr, ob der Ausdruck von seinem oder meinem Therapeuten stammte. Dann sagte er vollkommen pragmatisch: „Parapsychologie hin oder her, was haben wir zu verlieren, wenn wir annehmen, sie ist tatsĂ€chlich die wiederauferstandene MM? Ostern stellen wir schließlich auch nicht in Frage, sondern fĂ€rben Eier, essen Fisch und gehen in die Kirche.“
Ich nickte, wobei ich mir bei Letzterem - nÀmlich dem besagten Kirchgang - sicher war, dass sich Julian hier etwas schön redete.
„Auch wenn wir nicht definitiv wissen, ob sie die auferstandene Norma Jeane ist, sollten wir sie zum einen darauf vorbereiten, was sich seit den 60ern verĂ€ndert hat und uns zum anderen eine Tarnung fĂŒr sie ĂŒberlegen, wenn wir sie mit raus nehmen. Alles andere wĂ€re unmenschlich“, entgegnete ich in der festen Überzeugung, dass sie außerhalb des Motels einen Fehler machte. Irgendetwas, das sie auch in Julians Augen als Schwindlerin entlarven wĂŒrde.
„Mit raus?“, entgegnete Julian vollkommen entrĂŒstet.
„Soll sie etwa in diesem Motelzimmer hier verschimmeln?“, fĂŒgte ich an.
Julian nahm sich seinen anderen Daumen vor. Einen Moment spĂ€ter sagte er: „In Ordnung. Du den Geschichtsunterricht, ich die Tarnung.“

Also referierte ich ĂŒber die letzten 50 Jahre Amerikanischer Geschichte aus unserem Clever-Touren-ReisefĂŒhrer und beobachtete sie dabei genau. Aber sie spielte ihre Rolle wirklich perfekt, das musste ich ihr lassen, gab sich abwechselnd verzweifelt, dann wieder euphorisiert.

Ich bot an, auf dem Fußboden zu schlafen, damit sich Julian und Norma das Bett teilen konnten, setzte aber - auch wenn ich es nicht aussprach - voraus, dass Julian ebenfalls verzichtete.
Er tat es nicht und es war schließlich Norma, die darauf hinwies, wir wĂ€ren doch erwachsene Menschen und mich aufforderte, auch ins Bett zu kommen.
Ich lag also links, Julian in der Mitte und Norma, der falsche FĂŒnfziger, rechts.
Ich wartete die Anstandsviertelstunde, bevor ich anfing, an Julian herumzuspielen. Er stieß mich weg und raunte mir zu, es wĂ€re doch wohl nicht mein Ernst, mit so etwas Profanem wie Masturbation anzufangen, wenn neben uns die grĂ¶ĂŸte Schauspielerin aller Zeiten liegen wĂŒrde und dass ich sie reden lassen mĂŒsste, da sie das Sprechdefizit, das ihr frĂŒher Tod mit sich gebracht hĂ€tte, ausgleichen mĂŒsste.
Ich war sicher, dass Julian nicht einmal einem Bruchteil von dem Schwachsinn verstand, den Norma daherplapperte. Denn spĂ€testens als sie erklĂ€rte, das Kennedy auch "gay", also schwul, gewesen sei und sein legendĂ€rer Satz "Ick bin ein Berliner" das erste verschlĂŒsselte "Coming Out" der Nachkriegszeit dargestellt habe, hĂ€tte auch er erkennen mĂŒssen, dass uns Norma einen Riesen-BĂ€ren aufbinden wollte.
Gegen halb zwei stand ich auf, mixte ihr einen Drink und erklĂ€rte, jetzt dringend schlafen zu mĂŒssen, wenn wir am nĂ€chsten Tag eine erfolgreiche Tarnung auf die Beine stellen wollten. Sie seufzte, Julian und ich wĂ€ren ganz erstaunliche Menschen und dass sie wĂŒnschte, sie hĂ€tte uns schon vor jener verhĂ€ngnisvollen Pillen-Nacht kennengelernt und dass dann bestimmt alles anders gekommen wĂ€re.

Julian musste es sich anders ĂŒberlegt haben, zumindest hatte er keine EinwĂ€nde mehr, als ich meine Lippen ĂŒber seinen Penis gleiten ließ, wĂ€hrend die ersten Sonnenstrahlen durch den violetten Vorhang in unser Zimmer fielen. Rechts neben mir hörte ich Normas ruhige AtemzĂŒge, wĂ€hrend Julian kam. Aber anstatt es mir ebenfalls anstĂ€ndig zu besorgen, wie er es sonst immer tat, wenn er fertig war, sagte er nur: „Grunge ist die Lösung!“ Ich stand also definitiv nicht im Zentrum seiner Überlegungen.

Als ich etwas spĂ€ter mit Coffee und Pan Cakes to go vom Drive In zurĂŒckkehrte, Ă€hnelte die Person, die sich auf der Couch in zerrissenen Jeans und mit betont nachlĂ€ssig aufgetragenem Lippenstift lĂŒmmelte, in der Tat eher einer rĂŒckfallgefĂ€hrdeten Courney Love als der erotischsten Schauspielerin der Welt. Das hatte Julian einwandfrei hinbekommen.
Ich setzte mich zu ihr und sagte: „Looks like as if we should have a tiny little trip after breakfast, Norma!“

Sie quiekte die ganze Fahrt im Chevrolet ĂŒber wie ein Teenager bei der elektronischen Werbung neben den Freeways, dem neuen McRib und vor allem bei Bubble Tea und Ben&Jerrys Eiscreme.
Gegen Abend parkten wir an einer besonders schönen Stelle am Mullholland Drive. Aus Spaß erklĂ€rte ich Norma, dass ich fĂ€nde, dass die Lichter des nĂ€chtlichen Hollywood glitzerten wie die Diamanten, die sie in jenem Song als eines MĂ€dchens beste Freunde besungen hĂ€tte.
Daraufhin lehnte sie kurz ihren Kopf gegen meine Schulter.
Ich hatte Schwierigkeiten, ihre Reaktion einzuschÀtzen.

Ein paar Tage spĂ€ter war ich mir sicher, dass Norma erkannt hatte, wie schlecht es um Julians Englisch bestellt war. Und sie schien es zu genießen, ihn außen vor zu lassen. Anders konnte ich mir ihre leicht frivolen Andeutungen in meine Richtung nicht erklĂ€ren.
Die neue Situation war mir insofern nicht unangenehm, als dass ich davon ausging, dass Julian Normas Verhalten durchschauen und mich auffordern wĂŒrde, sie an die frische Luft zu setzen.

Er tat es nicht.
Die ErklĂ€rung dafĂŒr erhielt ich einige Nachmittage spĂ€ter, als ich auf dem Weg zum Drive In wendete und noch einmal zu unserem Motelzimmer zurĂŒckkehrte, weil ich mein Portemonnaie vergessen hatte. Durch das Vorderfenster sah ich, wie Norma sich auf Julian pfĂ€hlte und ihr Becken wie eine indische TempeltĂ€nzerin kreisen ließ.

Kraftlos lehnte ich mich auf dem Parkplatz an unseren Mietwagen. Ein ĂŒbergewichtiger Mexikaner gesellte sich zu mir, stellte sich als Pedro vor und bot mir die Lösung fĂŒr jeglichen Trouble in whole fuckin america an. Ich schlug ein und teilte mir sein so angepriesenes Sechserpack Budweiser mit ihm auf der LadeflĂ€che seines PickUps.
Wir sprachen wenig und so wie MĂ€nner eben reden: oberflĂ€chlich und unverbindlich. Bis er mich plötzlich in die Seite stieß und sagte, dass er im Bilde sei und entweder ginge ich jetzt in dieses verfickte Motelzimmer und holte ihm ausreichend Cash heraus oder morgen wĂŒsste die ganze Nation, wen wir da drinnen gefangen hielten. Und auch wenn Courtney Love white trash wĂ€re, so wĂŒrde sich sicherlich der örtliche Sheriff dafĂŒr interessieren, dass wir einen Promi gekidnappt hĂ€tten und fĂŒr Nazi-Sex-Spiele missbrauchten.

„Ich hab versucht, ihn zur Vernunft zu bringen, Julian, aber es war zwecklos. Er wusste Bescheid und wollte uns erpressen“, stöhnte ich, als ich den blutĂŒberströmten Pedro in unser Bad schleppte. Aus seinem Brustraum ragte der abgebrochene Budweiser-Flaschenhals heraus, den ich dort versenkt hatte.
Irgendetwas in Normas Blick verÀnderte sich. Dann schrie sie mich an, was ich fuckin idiot getan hÀtte.
„Kai saved our lifes, all an together“, erklĂ€rte Julian in seinem miserablen Englisch.
„He killed that fat buddy!“, entrĂŒstete sich Norma, und dass er dringend die Police rufen mĂŒsste, damit diese mich einsperren und todesbestrafen könnte.
Julian sah mich an, dann Norma, dann wieder mich und sagte: „Frag sie, ob sie zu Ostern Eier fĂ€rbt.“


Einige Tage spĂ€ter gerieten Julian und ich in eine Polizeikontrolle sĂŒdlich von El Paso. Was wir im Kofferraum unseres Chevys hĂ€tten. Die Officers lachten und ließen uns passieren, als wir erklĂ€rten: Die Leiche von Norma Jean Baker und ihrem toten mexikanischen Bodyguard.
V1

Letzte Aktualisierung: 09.09.2013 - 07.51 Uhr
Dieser Text enthält 10212 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2024 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.