Ganz schön bissig ...
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Auferstehung | September 2013
Zwischeneiszeit
von Karin Hübener

Das Thermometer am Küchenfenster zeigte neun Grad Innentemperatur. Draußen waren die Pfützen gefroren.
Dennis lehnte seine Schultasche gegen das Tischbein, zog die Fäustlinge ab und wusch sich leise die Hände. Die anderen brauchten nicht mitzukriegen, dass er schon daheim war. Zum Glück hatten sie ihn vom Wohnzimmer aus nicht über die Diele schleichen hören. So konnte er gleich in Ruhe essen.
Er rieb seine Finger im Wasserstrahl über der Spüle. Wenn man von draußen kam, fühlte sich das gar nicht mal so kalt an. Zum Abtrocknen nahm er ein frisches Handtuch aus dem Schrank, denn das Tuch am Haken sah recht feucht aus. Das neue wärmte beim Rubbeln. Er konnte gar nicht genug davon kriegen.
Schließlich legte er die Sachen für seinen Imbiss zurecht: ein Messer, ein Schneidebrett, die Plastiktüte mit dem Brot, etwas Schmierkäse und Nutella. In der Kantine hatte es heute für seine Mitschüler Hühnerfrikassee auf Reis mit Kopfsalat gegeben. War zum Glück sowieso nicht sein Lieblingsgericht.
Obwohl er Hunger hatte, bemühte er sich langsam zu essen. Wegen der Magenprobleme. Wenn seine Kumpels ihn hier so mit Jacke und Mütze am Küchentisch sähen, würden sie sich schlapp lachen.

Jakob steckte seine rote Nase durch den Türspalt. Im Augenblick war er ebenso an Diskretion interessiert wie sein großer Bruder. Leise kam er zum Tisch.
"Du bist schon da?"
"Bin ich."
"Wann biste denn gekomm'?"
"Grade erst."
Interessiert verfolgte der Kleine jeden von Dennis Bissen.
"Isste heimlich?"
"Nee, Mann, das ist mein Mittagessen."
"Aha. Haste vielleicht Pudding mitgebracht?"
Jakob liebte Pudding, besonders in Form warmer Schokoladensoße mit Eischnee. Voller Mitgefühl blickte Dennis zu ihm hinüber.
"Nee, aber morgen bring' ich dir welchen von Penny mit. Versprochen."
Jakob begann in der Nase zu popeln.
"Du, bitte nich am Tisch, wenn ich esse!"
Sittsam verschwanden die Finger des Kleinen in den Ärmeln der drei Pullover.
"Kannste mir nich Schokopos machen?"
Dennis stöhnte auf. So lästig es ihm war, mit dem Bruder ein Zimmer zu teilen, so sehr hing auch sein Herz an ihm.
"Mama hat es doch nich gerne, wenn zwischendurch gegessen wird. Wie soll sie sonst alles gerecht einteilen?"
Jakob bekam feuchte Augen und Dennis schmeckte das Nutellabrot nicht mehr.
"Wo ist Mama überhaupt?"
"Glaub', im Wäschekeller."
"Na, dann haben wir vielleicht eine Chance."
Augenzwinkernd stellte er dem Kleinen ein Schälchen vor die Nase. Dann mischte er Haferflocken mit Schokopos. Von jedem ein bisschen, sodass der Verbrauch nicht so auffiel. Mist! Die H-Milch war noch nicht angebrochen. Die konnte er also nicht nehmen.
"Muss leider alles mit Wasser verrühren, aber zum Ausgleich kriegste ein Löffelchen Zucker."
Jakob nickte.
"Schon ok", sagte er.
Nach dem Essen räumten sie gemeinsam die Küche sauber.
"Woll'n wir gleich toben?"
Dennis schüttelte den Kopf.
"Heute nich. Ich will nich verschwitzen."
Jakob guckte ungläubig.
"Wird man doch schön warm von."
"Ja, aber ich geh' gleich noch zu Tobias. Da will ich nich so müffeln. Und duschen geht ja nich. Oder magst du das kalte Wasser?"
Der kleine Bruder schmollte. Er tat Dennis leid.
"Wenn ich nachher wiederkomm' und du bist noch wach, dann spielen wir, ok?"
Keine Reaktion.
"Darfst auch so lange meine alten Legos haben."
Na, das war ein Wort! Dankbar boxte ihm der Kleine gegen die Oberschenkel.
Dennis lachte.
"Ist ja gut, ist ja gut! Lass mich erst mal pinkeln gehen."

In der Badewanne schwammen Inseln von Einweichwäsche.
Dann war Mama wohl doch nicht im Wäschekeller, überlegte Dennis.
"Sechs Personen ohne Waschmaschine? Wie stellst du dir das vor?", hatte die Mutter den Vater angeschrien, als die alte Trommel ihren Geist aufgegeben hatte. Nun gab es zwar ein neues Gerät, aber dafür waren sie bei den Stadtwerken in die Schuldenfalle geraten. Klar, auch wegen der neuen Winterschuhe für Jakob und Svenja. Und, und. Es gab ja immer etwas.
Im letzten Jahr waren sie auch schon einmal aus dem Gleichgewicht geraten. Aber da hatte Oma helfen können. Jetzt war sie selbst pleite. Jedenfalls nützte ihnen nun auch die neue Maschine nichts. Es war schon ein Witz.
Jakob bummerte gegen die Badezimmertür.
"Ich muss nötig!"
"Pass auf, dass dir die Pipi nicht einfriert", scherzte Dennis beim Schichtwechsel.
Jakob grinste.
"Und pass du auf wegen der Legos!"

Jessicas Husten hatte er bereits gehört, als er vorhin über die Diele geschlichen war. Heute war sie besonders dick eingemummelt. Wollmütze bis über beide Ohren und einen Schal dreimal um den Hals gewickelt.
"Wo ist denn Mama?", fragte er.
"Tach erst mal."
Ihrer heiseren Stimme hörte man die schlechte Laune an.
"Tach, Schwesterherz. Alles klar?"
"Klar doch! Mein Kopf brummt nicht, frieren tu ich auch nicht und der Mathekrams ist total easy. "
"Warum biste nich bei Sabrina?"
Ihre Augen blitzen ihn vorwurfsvoll an.
"Mit deeer Erkältung? Die wird mir was husten!"
"Na, passt doch!"
Beide mussten lachen.
"Wenn du mir sagst, wo Mama ist, helf' ich dir auch bei Mathe."
Jessica ließ ihren Stift fallen und rieb sich die blauen Hände.
"Die Caritas hat ihr noch 'ne Putzstelle vermittelt. Frau Mertens kam vorhin vorbei, weil unser Telefon ja nicht geht. Ist ein Pflegenotstand oder sowas."
"Na, dann hat's Mama heute ja warm."
"Nur, wennse den Pflegestufenleuten nicht auch den Saft abdrehen."
Es folgte ein Hustenanfall. Er hörte sich schlimm an.
"Auf jeden Fall gibt's ein bisschen mehr Knete."
Irgendetwas zum Aufmuntern musste ja mal gesagt werden, fand Dennis.
Jessica räusperte sich und trank einen Schluck verdünnten Orangensaft. Heißer Kamillentee wäre besser, dachte ihr Bruder. Aber woher nehmen?
"Frau Wünnebach hat heute in Politik was Interessantes gesagt."
Politik war neben Deutsch Jessicas Lieblingsfach.
"Was denn?"
"Dass es in Belgien und Frankreich ein Gesetz gibt, wonach es generell verboten ist, im Winter den Leuten den Strom abzudrehen."
Dennis staunte.
"Ehrlich? Und bei uns ist da noch keiner drauf gekommen?"
"Frau Wünnebach sagt, doch. Die Oppos haben so einen Gesetzentwurf im letzten Jahr vorgebracht, aber die Regierungsfuzzis haben ihn abgelehnt."
"Woher weiß die Wünnebach denn sowas?"
"Kennt halt den hiesigen Bundestagsabgeordneten."
"Aha. Das sollte man im reichen Deutschland eigentlich an die große Glocke hängen."
Jessica zuckte mit den Schultern.
"Interessiert doch kein Schwein. Außerdem wär n'e Prepaidkarte besser."
"Gibt es die auch schon für Strom?"
"Wegen der steigenden Preise decken sich mehr und mehr Stadtwerke damit ein."
Dennis staunte immer wieder, wie gut seine Schwester über solche Dinge Bescheid wusste. Dafür war er in Mathe besser.
Als er ihr Schulbuch zu sich heranzog, lag ein amtlicher Brief darunter.
"Von der ARGE", erklärte Jessica.
"Und?"
"Na, was schon? Antrag abgelehnt. Für Darlehen sind die angeblich nicht zuständig. Mama hat 'nen Anfall gekriegt."
Dennis nickte.
"Wo ist eigentlich Svenja? Wieder bei ihrer Freundin?"
"Ja. Schlaues Kind. Heißer Kakao, Musik, Fernsehen und ein warmes Zimmer."
Während Jessica erneut mit einem Hustenanfall kämpfte, schaute Dennis sich ihre Matheaufgaben an. Algebraische Gleichungen gehörten zu seinen Lieblingen.
"Ach, das haben wir bald. Da schaffst du die restlichen Hausaufgaben noch bei Tageslicht."
Notfalls musste seine Schwester eben wieder Kerzen anzünden. Damit hatte Oma sie aus ihren alten Beständen reichlich eingedeckt.

Jakob kam herein, er wurde von einer unangenehmen Duftwolke verfolgt.
"Hat ganz schön lange gedauert, Kleiner."
Der Bruder verzog das Gesicht.
"Hatte auch Dünnpfiff."
"Und? Hände gewaschen?", fragte Jessica.
"Nö."
Schuldbewusst kehrte Jakob ins Bad zurück.

Jessica war heute begriffsstutzig. Kein Wunder bei ihrer Erkältung. Aber schließlich hatten sie es geschafft. Zumindest auf dem Schmierpapier.
Jakob spielte mit den Legos auf dem Sofa. Auf der Erde war es zu kalt dafür.
"So, dann geh' ich mal zu Tobi", sagte Dennis.
"Bleibst du lange?"
"Ja was denkst du? Hausaufgaben ohne Ende. Und endlich wieder Musik und nach fünf Uhr noch Licht."
"Und kein Elterngezänk", ergänzte er flüsternd.
"Das habe ich gehört!", rief Jakob vom Sofa.
"Hat Tobi nicht auch eine hübsche Schwester?", fragte Jessica scheinheilig.
Dennis wollte ihr für diese Frechheit eine Kopfnuss verpassen, aber durch ihr Lachen bekam sie wieder einen Hustenanfall. Da ließ er es sein.

*

Wärme in der Diele und Flimmern durch das Glas der Wohnzimmertür. Dennis wunderte sich. Die Eltern saßen mit seinen Schwestern vor dem Fernseher. Jessica hielt einen dampfenden Becher in den Händen. Nett sahen sie alle aus, so mal ganz wieder ohne Mützen und Jacken.
"Was iss'en los hier ?"
Vater lachte.
"Na was wohl? Habe die Stromschulden bezahlt."
"Und von was?"
"Vom halben Lohn!", schimpfte die Mutter. "Und die andere Hälfte geht für die Miete drauf! Wovon sollen wir denn jetzt leben?"
Um ein Haar hätte Dennis von seinen heimlichen Ersparnissen erzählt. Monatlich 10 Euro Rücklage vom Prospekteverteilen. Aber das Geld brauchte er unbedingt für vernünftige Schuhe. Ohne Markenzeugs konnte man nämlich bei den Mädels nicht landen.
"Fang doch nicht wieder von vorne an!"
Unter der lauten Stimme des Vaters zuckten Jessica und Svenja zusammen. Auf die weitere Auseinandersetzung der Eltern hatte Dennis keinen Bock. Er zog sich zurück.
"Im Topf ist Hühnersuppe für dich!", rief die Mutter ihm hinterher. "Wärm sie noch mal auf!"
Welcher Luxus.
Zuerst ging er aber ins Jungenzimmer, um dort endlich wieder sein Handy aufzuladen. Bei Tobi wäre das zwar auch gegangen, doch sowas Peinliches mochte Dennis nicht.

In der Küche saß Jakob im Schlafanzug und kratzte einen Kochtopf aus. Mund und Nase verschwanden unter einem dunklen Schmier.
"Schokopudding", verriet er.
Dennis grinste.
"Man sieht's. Sonst noch was, Kumpel?"
Jakob wackelte mit seinen nackten Füßen unter dem Tisch. Die Puschen waren ihm abgefallen.
"Nö", antwortete er. "Nur, dass es jetzt wieder warm ist."
"Und hell."
"Ja, und hell auch."

* * *

Idee nach der Fernsehreportage "Der Stromabdreher", Juni 2013

Karin Hübener, September 2013, 3.Version

Letzte Aktualisierung: 27.09.2013 - 08.48 Uhr
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