Der himmelblaue Schmengeling
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Rausch | Oktober 2013
Der Koma-Fall
von Klaus Eylmann

Schneider legte auf, sah kurz zu Udo Schmitz hinüber. “War Schmidt.”
“Doktor Schmidt”, verbesserte Udo.
“Er sagte, wir sollen uns darum kümmern.”
“Worum?” Udo legte das Sudoku zur Seite.
“Krankenschwester. Nackt und erdrosselt. In der gleichen Wohnung wurde ein Mann gefunden, im Koma.”
Schneider warf sich in Hut und Mantel.

„Wir haben auf Sie gewartet, bevor wir die Leiche abtransportieren lassen.“ Doktor Petersen von der Spurensicherung begrüßte Schneider und Udo mit Handschlag. „Der Hals der Frau weist
Würgemale auf. Sie liegt neben dem Bett. Den Mann haben wir in die Neurologische Klinik eingeliefert.“ Im Schlafzimmer lag eine junge Frau auf dem Boden. Nackt, Mund und Augen weit geöffnet.
„Außerdem fanden wir eine Maus. Sie lebt noch.“
„Wie wurde der Mann aufgefunden?“
„Er saß in seinem Büro vor einem Bildschirm.“ Petersen deutete mit dem Kopf auf ein anderes
Zimmer. „Und hatte nichts an.“
„Gediegen“, meinte Udo. „Er brachte die Frau um und setzte sich danach vor den Computer.“
„Vorausgesetzt, er war es.“ Schneider kratzte sich am Kopf. „Hätte jemand anders in die Wohnung eindringen können?“
„Wir sind nicht der Ansicht“, antwortete Petersen. Zwei Männer kamen mit einem Zinksarg zur Tür herein. „Die Polizei brach die Tür auf, nachdem Nachbarn Schreie der Frau gehört hatten. Von innen steckte ein Schlüssel im Schloss.“

„Kommissar Schneider und Inspektor Schmitz von der Mordkommission.“ Die Schwester in der Aufnahme der Neurologischen Klinik überflog ihre Liste. „Sie stehen hier nicht drauf. Was haben Sie denn?“

Die Beamten setzten sich ins Wartezimmer. Eine Tür wurde geöffnet. „Und ich sage Ihnen, es ist der Gyrus Angularis!“ Die Tür knallte zu, dann stand ein kleiner bebrillter Mann in einem weißen Kittel vor ihnen.
„Hansen, Oberarzt. Was kann ich für Sie tun?“
Schneider räusperte sich. „Ein Patient wurde heute bei Ihnen eingeliefert. Er befand sich im Koma, als er aufgefunden wurde. Wie geht es ihm?“

Hansen machte eine hilflose Geste. „In diesem Zustand befindet er sich noch immer. Ich sprach mit meinen Kollegen darüber. Bei dem Mann handelt es sich um Dr. Gröber, einem Neurologen, der bei uns beschäftigt war. Seine Organe funktionieren. Es fiel nur auf, dass sein Gehirn arbeitet, als sei es bei vollem Bewußtsein. Mehr noch. Im Magnetresonanztomografen zeigt sich, dass der entorhinale Kortex besonders aktiv ist. Die gleiche Belastung sehen wir, wenn Menschen am Computer spielen.”

“Vielleicht bildet Dr. Gröber sich ein, er spiele noch immer.” Udo lachte.
“Gar nicht so abwegig”.
Schneider schlug die Beine übereinander. “In der Wohnung wurde eine junge Frau tot aufgefunden. Sie trug eine Halskette mit einem grünlich schimmernden metallenen Kreuz.“
„Das könnte Ilse Feinschliff sein. Sie arbeitete bei uns als Krankenschwester.“ Hansen setzte sich zu ihnen. „Wie ist sie zu Tode gekommen? Es war bekannt, dass sie und Dr. Gröber miteinander verkehrten.“
„Die Frau war unbekleidet und wurde anscheinend erdrosselt“, antwortete Schneider. Hansen runzelte die Stirn.
„Vermutlich war es ein Sex-Spielchen und das Paar war auf der Suche nach einem Kick.“
Der Oberarzt wurde durch eine Schwester unterbrochen. “Entschuldigen Sie”, murmelte er und verschwand.
Schneider und Udo blieben unschlüssig sitzen, als Hansen wieder auftauchte.
„Gerade wurde ein weiterer junger Mann eingeliefert, ebenfalls im Koma.“
“Bei dem hat keine nackte Frau herumgelegen?“, fragte Udo.
Schneider gab Hansen eine Visitenkarte.

Doktor Schmidt war ein junger, ernsthafter Mann. Wie aus dem Ei gepellt und Leiter der Mordkommission, während Schneider, einem vierschrötigen Typ, schon mal das Hemd aus der Hose hing. Udo Schmitz, schmal, blass, zuweilen kindisch und ein guter Schachspieler. Sie saßen in Schmidts Büro.

„Es wird kritisch, meine Herren.“ Schmidt fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar. „Im Bundesgebiet und im Ausland wurden heute hunderte von Menschen, die sich im Koma befinden, in Krankenhäuser eingeliefert.“ Das Telefon klingelte.

Als Schmidt wieder auflegte, sagte er nur: „Doktor Hansen ist auf dem Weg nach oben.“ Sie warteten. Dann stand er vor ihnen. „Es sind die verdammten Computer“, sagte er und setzte sich.
„Wir haben es überprüft. Jeder eingelieferte Patient, wo auch immer, hatte vor einem Bildschirm gesessen, als er ins Koma fiel.“
„Keine Handys oder Tablets?“
„Zum Glück nicht“, antwortete Hansen. „Das hätte uns noch gefehlt. Wenn ich mir vorstelle, da steht jemand an der Bahnsteigkante, will seine E-Mail im Handy lesen und der Zug fährt ein...“

„Mit anderen Worten“, warf Udo ein: „Beim PC bewegen sich Pixel des Bildschirmes in einer Frequenz, die über die Retina das menschliche Gehirn dazu bewegt, so zu tun, als ob es in ein Koma fiele. Wer konnte so ein Programm entwickeln?“

„Ich kenne nur einen“, erwiderte Hansen. „Doktor Gröber. Neurologe und Computer-Experte.“
„Lag nicht eine Maus in Gröbers Wohnung?“, fragte Udo. „War wohl Testobjekt.“

Als Schneider und Udo wieder in ihrem Büro saßen, wurde die Tür aufgerissen und eine Packung Kohlepapier landete auf ihrem Tisch.
„Jetzt brauchen wir nur noch Schreibmaschinen!“, rief Schneider dem Faktotum hinterher.
Udo las Bildzeitung. „Sieh mal. Hier steht: ´Die Koma-Epidemie – Ist da jemand eifersüchtig?´“

„Mann“, rief Schneider. „Vielleicht war es kein Sex-Spiel. Könnte es nicht sein, dass Gröber die Feinschliff aus Eifersucht umgebracht und sich danach durch den Computer ins Koma versetzt hat, um nicht vernommen zu werden?“

„Vielleicht wusste er nicht, wer der Liebhaber von der Feinschliff war. Daher war es ihm nur recht, wenn so viel junge Männer wie möglich ins Koma fielen“, setzte Udo noch einen drauf. „Und es kam ihm auch nicht darauf an, wenn sich unter denen alte Männer und ein paar Frauen befanden.“
„Ein paar Frauen?“ Schneider zog die Augenbrauen hoch. „Sieh doch mal nach, was sich an Frauen
in Facebook tummelt. Nee, lieber nicht“, winkte er ab. „Udo, du wirst hier noch gebraucht.“

Am nächsten Tag errichtete das Technische Hilfswerk Großraumzelte auf der Stadtparkwiese, stellte Generatoren bereit. Hilfskräfte kümmerten sich um künstliche Ernährung und Abfallbeseitigung. Udo las in der Bildzeitung, dass Google Science-Fiction-Autoren eingeladen hatte, um mit ihnen über eine Lösung des Problems zu diskutieren. Die Wirtschaft kollabierte, doch die Schreibmaschinenfertigung lief auf Hochtouren. Schneider und Udo hauten in die Tasten, dann warf Udo die Bildzeitung über den Tisch.
„Die Bild schreibt, es waren Aliens“, erzählte er. „Sie hätten ein nicht auffindbares Programm ins Internet geschmuggelt, um die Geburtenrate herabzusetzen und damit die Menschheit auszurotten.“
„Elegante Lösung.“ Schneider fluchte und riss seinen Bericht aus der Schreibmaschine, warf ihn zerknüllt in den Papierkorb, zog ein neues Formular ein. „Wo liegt der Gröber jetzt eigentlich?“
“Keine Ahnung”, erwiderte Udo. “Ich frage mal bei Hansen nach.” Nach einer Weile legte er auf.
“Die Koma-Patienten liegen auf der Stadtparkwiese. Da sie nicht alle identifiziert werden konnten, wurden Nummern für sie vergeben.”
“Fahren wir mal hin“, Schneider sprang vom Stuhl hoch. „Haben wir ein Foto von Gröber?“ Udo schüttelte den Kopf.
„Na so was.“ Schneider zog sich den Mantel über. „Gut, dass es noch keiner gemerkt hat. Ruf mal den Hansen an.“

Sie trafen sich auf der Liegewiese. „Dort steht der Unimog mit dem Befehlsstand“, rief Schneider.
„Herr Grünkern?“ Ein korpulenter Mann kam aus dem Wagen hervor. „Kommissar Schneider von der Mordkommission. Wir suchen den Patienten Doktor Gröber.“
Grünkern kletterte in den Wagen zurück und kam mit einer Liste heraus.
„Wir haben nicht für jeden Koma-Patienten den Namen herausbekommen können; daher haben wir sie durchnummeriert und wenn es ging, den Namen dazu geschrieben.“ Grünkern ging die Listen durch.
Menschen liefen wie aufgescheuchte Hühner durch die Zelte.
„Was sind das für Leute?“, fragte Udo und deutete mit dem Kopf in die Richtung. Männer vom Technischen Hilfswerk waren dabei, ein weiteres Zelt aufzustellen.
„Die Angehörigen.“ Grünkern fuhr fort die Listen durchzusuchen. „Gefunden. Nummer 24, Zelt A.
Bitte folgen Sie mir.“
„Doktor Hansen, helfen Sie uns bitte, Doktor Gröber zu identifizieren.“ Schneider stiefelte mit Udo und Hansen hinter Grünkern her. Die Patienten waren auf Feldliegen gebettet, angeschlossen an periphere Verweilkanülen, Magensonden, Katheter, piepsende Apparaturen.
Die vier Männer gingen an den Liegen vorbei. Eine war unbelegt. Kabel, Kanülen lagen herum.
„24. Hier hätte er sein müssen.“
Die drei Männer liefen zum Zelt hinaus.
„Das ist er!“, schrie Hansen. „Das ist Doktor Gröber!“ Ein Mann torkelte breitbeinig mit ausgestreckten Armen über die Wiese. Neben ihm ging eine ältere Frau und redete auf ihn ein.
„Seine Mutter!“, rief Hansen. Der Mann drehte sich zu der Frau und legte seine Hände um ihren Hals. Schneider stürzte wie ein Footballprofi auf Gröber zu.
„Doktor Gröber!“, brüllte Hansen. „Nehmen Sie die Hände hoch!“, schrie Schneider und zog seine Pistole. Die Knie der Frau gaben nach. Gröber ließ nicht locker und Schneider schoss. Mir einem tierischen Schrei wandte sich Gröber ihnen zu und stapfte auf die Männer los. Schneider schoss noch einmal. Gröber fiel auf den Rasen.
Doktor Hansen konnte nur noch Gröbers Tod feststellen. Schneider fluchte. „Musste nicht sein.“
Er näherte sich Gröbers Mutter und sprach ihr sein Beileid aus. Udo gesellte sich dazu.
„Der Kommissar hatte nicht anders handeln können“, tröstete er sie und an Schneider gewandt: „Damit ist der Fall abgeschlossen, oder?“ Der nickte, steckte sein Handy weg und wandte sich an Grünkern. „Ich habe Polizei angefordert. Wir wissen nicht, was passiert, wenn die anderen aufwachen. Herr Grünkern, bitte weisen Sie die Polizisten ein.“
Schneider verabschiedete sich, klopfte Udo auf die Schulter. „Machen wir uns auf den Weg.“

Letzte Aktualisierung: 20.10.2013 - 17.31 Uhr
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