Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Rausch | Oktober 2013
Unter der Straße
von Karl-Otto Kaminski

Ich weiß nicht, wovor mein Fahrrad plötzlich scheute. Es bäumte sich unvermittelt auf. Die Fahrbahn kam ganz langsam auf mich zu. Ich überlegte noch rasch, wie viel ich heute Nacht in Erichs Kneipe getrunken hatte. Zwölf oder sechzehn Biere? Ich war mir nicht ganz sicher. Dann breitete ich meine Arme aus und küsste die Straße. Die mochte das aber offenbar gar nicht. Drehte sich einfach um. Jetzt lag ich unter ihr. Sie war ziemlich nass. Nicht von meinem Kuss natürlich. So feucht küsse ich nicht einmal nach sechzehn Glas Pils.
Wieso aber lag ich jetzt eigentlich unter der Straße und nicht auf ihr? Das machte doch keinen Sinn, geophysikalisch. Vielleicht war der Globus heute Nacht ja irgendwie andersrum angebracht. Gerade hatte ich beschlossen, nicht mehr darüber nachzudenken, als der Asphalt über mir zu murren begann.
„Ist das jetzt nötig?“, brummte er beleidigt. „Ständig fühle ich mich so betreten und befahren. Und jetzt werde ich obendrein auch noch belegt oder belagert. Das hat man davon, wenn man zu gutmütig ist. Oh, diese undankbaren Latscher, Fahrer, Raser, Auf-mir-rum-Lieger …“ Dabei latschte, fuhr oder raste ich doch gar nicht. Und ich lag auch nicht auf, sondern unter der Straße. Seltsam …
„Wenn gerrade vom Rrasen die Rrede ist“, fiel dem Asphalt eine knarrende Stimme in seine Beschwerde. Ihre rollenden Rs kamen irgendwo aus der Tiefe.
„In rrichtiger Rrichtung ist Rrasen schon unrrecht. Wenn aber einerr, wie dieserr Typ da, unberrechtigt in die falsche Rrichtung rrast, geschieht es ihm nur rrecht, wenn err auf die Schnauze fällt. Habe ich nicht Rrecht?“
Ich schaute vorsichtig zur Seite, ein wenig nach unten, und sah ein merkwürdiges Schild: eßartsnhabniE stand da auf einem Pfeil. Der Pfeil war mir schon lange bekannt, doch die Aufschrift war offenbar neu. Noch bevor ich mich rechtfertigen konnte, schließlich befuhr ich diese Straße mit meinem Rad schon jahrelang gegen die vorgeschriebene Fahrtrichtung, räusperte sich neben mir eine dumpfe Stimme.
„Gestatten, Gully. Gully mit Üpsilon“, stellte sie sich vor. „Nimm den rechthaberischen Fahnenmast nicht ernst“, rülpste sie und verbreitete dabei einen ziemlich üblen Mundgeruch. „Den kenne ich. Schließlich liege ich schon seit achtzehn Jahren hier an der Grenze zur Unterwelt. Dabei würde ich so gern mal woanders sein.“ Der Gully seufzte schwer, gurgelte mit dem Regenwasser, das aus der Gosse in ihn hinauffloss und stank abscheulich. „Das geht aber leider frühestens nach dreißigprozentiger Durchrostung“, fuhr er fort, „oder wenn mich jemand entwendet. Hättest du nicht Lust, mich zu klauen?“
„Och, eigentlich nicht“, wehrte ich ab. „Einen Briefbeschwerer habe ich schon.“
„Hach, habt ihr Sorgen!“, fiel jetzt eine künstlich erhöhte Stimme ein. Sie erinnerte mich an die meines Hauswirts, der sich seit kurzem die Fußnägel erlgrün bemalt und die Achselhaare fönt.
„Als wenn es sonst keine Probleme gäbe auf der Welt“, lispelte der Diskant.
Mit etwas Mühe drehte ich meinen Kopf auf die andere Seite. Dort hing die ältliche Straßenlaterne, die hier schon seit vielen Jahren die Nächte erhellt.
„Ich bin ein echt gusseiserner Kandelaber“, prahlte sie stolz. „Eigentlich bin ich nur zuständig für die Erleuchtung der Umwelt, doch man missbraucht mich auch als Schmusetreffpunkt und Fahrradparkplatz. Und jetzt bin ich“, sie dämpfte verschämt ihre Stimme, „auch noch Hundepissoir für sechzehn feste und viele ambulante Rüden. Pfui Teufel!“
Die Laterne verstummte. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie sich mit theatralischer Gebärde eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht gewischt hätte. Stattdessen mischte sich ein neuer Ton in das nächtliche Theater.
„So etwas lässt sich nur mit philosophischem Gleichmut ertragen“, behauptete eine harte Stimme direkt neben dem Gully. Es war ein Bordstein aus Granit.
„Ich weiß, wovon ich rede“, betonte er. „Ich bin Philosoph. Nicht umsonst nennt man mich auch Kant-Stein. Ich ertrage die Tritte und Rempler, Hundekacke und Kaugummi der Straßenbenutzer mit stoischem Gleichmut. Auch, dass nächtliche Damen mich gelegentlich als Geschäftsadresse angeben, tangiert mich nur äußerst peripher. Zurzeit philosophiere ich übrigens über die seiende Nichtigkeit des nichtigen Seins granitener Bordsteine. Alles Andere ist mir egal. Mich stören beim Denken gelegentlich nur die vielen Menschen.“
„Dann sei nur froh, dass es mich und meinesgleichen gibt“, quietschte ein gerade im Wasser der Gosse entlangtreibendes Kondom dazwischen. „Sonst gäbe es noch viel mehr solcher Störungen.“ Damit rutsche es kichernd nach oben in den Gully.
Plötzlich zerrte jemand von unten an meinem linken Ärmel.
„He! Sie da! Aufstehn!“, herrschte mich eine eindeutig amtliche Stimme an. Ich schaute hinunter in das strenge Gesicht eines nächtlichen Polizisten. Was hatte der nur dagegen, dass ich hier lag? Jetzt drehte er mich auch noch um! Das ganze Universum bekam einen Ruck. Oben wurde unten, unten wurde oben und mir ziemlich schwindlig. Der wälzte ja die ganze Welt auf den Rücken, dieser Schutzmann! Warum ließ er mich nicht einfach hier liegen und den interessanten Stimmen der Nacht zuhören?
„Vorrsicht!“, knarrte das falsch beschriftete Einbahnstraßenschild. „Dieserr Wachtmeisterr Knöpendrreierr ist ein ganz Scharrferr, strreng und unnachsichtig.“
„Aber nicht nachtsichtig“, kicherte die Straßenlaterne, mühsam ihren schwulen Diskant haltend. „Wenn ich jetzt für eine Minute einen Aussetzer markiere, packst du dein Rad und flitzt um die Ecke. Klar? Bevor sich der Schutzmann an die Dunkelheit gewöhnt hat, bist du längst weg.“
„Und wenn du vorher noch bellst und ihn in die Wade beißt“, rülpste dumpf der Gully, „weiß der Mann überhaupt nicht mehr, was los ist.“
Also knurrte ich gefährlich, bellte böse. Das Licht ging aus. Ich biss in eine übel riechende Uniformhose, sprang auf und verschwand, mein Rad hinter mir her schleifend, so rasch es ging um die nächste Ecke; denn da bin ich zuhause. Hinter mir verhallte das dienstliche Jammern des Polizisten.
Ach, wäre ich doch unter dem feuchten Asphalt der Straße liegen geblieben, neben Laterne, Randstein, Einbahnstraßenschild, Gully und schwimmenden Kondomen! Da war es so interessant. Auch mit dem Schutzmann hätte ich mich sicher irgendwie einigen können. Im Eingang zu meiner Wohnung aber erwartete mich leider ein verständnisloses, zorniges Nudelholz.

Letzte Aktualisierung: 16.10.2013 - 20.22 Uhr
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