Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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Rausch | Oktober 2013
Paradies
von Sylvia Schöningh-Taylor

Die Göttin Heba erwachte und entstieg ihrer Erdmulde, um sich der Morgensonne entgegen zu strecken, die gerade die Tautropfen von den Blättern der Apfelbäume zu lecken begann. Sie lehnte sich an einen tau-beglänzten jungen Stamm und reckte ihre herrliche Vulva den warmen Sonnenstrahlen entgegen. Süße Schauer durchzitterten ihre üppigen Brüste, die rosigen Wölbungen ihres nackten Körpers und die Blütenblätter ihres Geschlechtes. Unter der wärmenden Sonne erwachten auch die Schlangen in der Krone der Göttin zu neuem Leben und reckten die goldgrünen Köpfchen dem Licht entgegen. Zärtlich umspielten sie Hebas Wangen, die sich den warmen, trockenen Körpern der Göttinnenbrut entgegen wölbten. Gedankenversunken ergriff die Göttin eine der Schlangen und legte sie an ihren Busen. Die Schlange wusste, wonach es die Göttin verlangte und sie biss diese zärtlich in die linke Brust. Das Gift breitete sich im Nu im Körper der Göttin aus und sandte wollüstige Empfindungen in alle Gliedmaßen, streichelte jede Körperzelle mit süßem Verlangen und schleuderte Heba mit rauschhafter Macht hoch hinauf in den Apfelbaum.

Der Apfelbaum hing voller reifer Früchte und Heba pflückte sich eine davon und schob sich das tiefrote Äpfelchen genussvoll in ihre heiße Vulva. In diesem Moment gewahrte sie Abdiheba, wie er singend den Hügel des Apfelparadieses erstieg. Ach, wie herrlich war das Muskelspiel unter der olivfarbenen Haut ihres Geliebten, wie zärtlich die schwarzen Locken sein Gesicht umspielten und wie neckisch sein gewaltiger Phallus den Horizont nach seiner Herrin absuchte. Heba zog den Apfel aus ihrer Vulva. Er glänzte von ihrem göttlichen Liebessaft und sie hätte ihn selbst genüsslich verzehren können, aber er war ja für Abdiheba bestimmt. Ein tiefes Gurren entstieg ihrer Kehle und erreichte das Ohr des Geliebten. Er beschleunigte seine Schritte und war im Nu bei Heba im Apfelbaum, dessen üppiges Blattwerk sich jetzt zu einem Liebesnest zusammengefügte. Die Göttin hielt ihm das frisch beglänzte Äpfelchen unter die Nase, dessen Duft Abdiheba begierig einsog, bevor er es zwischen seine starken Zähne schob. Die Wirkung stellte sich sofort ein. In ausgelassener Freude bestieg er die Göttin, spielte mit ihren bebenden Brüsten, biss sie in wachsender Erregung in ihren weißen Hals, bevor er die Erdgöttin mit seinem ganzen Gewicht bedeckte. Die Erde hielt ihre Drehung an im Moment, als Abdiheba begierig in sie eindrang. Und so schaukelten sie in bewegter Ruhe dem Augenblick entgegen, der sie beide gemeinsam zu den Sternen hinauf schleuderte, die in seinen Lenden explodierten. Dort verbrannte das Freudenfeuer der Liebe allen Hunger, alles Unvollendete, allen Schmerz, alle unerfüllte Sehnsucht, alles Begehren nach Eroberung. Es war wie ein kleiner Tod, spürte Abdiheba, und schaute Heba ungläubig an. Die rekelte sich in süßem Entzücken unter ihm, er hatte ihren Hunger gestillt und sie genoss die Zufriedenheit ihrer Organe. Ein Blick in ihre betörenden Augen genügte ihm, um sich ihrer Führung arglos anzuvertrauen. Und so bettete er seinen Kopf wie ein Kind auf ihre weichen Brüste und schlief ein.

Da kam ein uralter Traum über Abdiheba. Die Erdgöttin hob seinen schlafenden Körper mühelos auf und trug ihn hinab ins Innerste der Erde. Dort brannte das ewige Feuer der Liebe, das die Welt zusammenhält. Im Schein dieses Feuers sah er Elefantenmänner Elefantenkühe besteigen; Wale ihre mächtigen Schäfte in ihre Geliebten versenken; Bienen ihre gelbestäubten Unterleibe zärtlich an Blütenkelchen abstreifen. Im Feuer Hebas vibrierte die Erde mit dem Summen der Grassamen, die aufplatzten und ihre Keime mit gewaltiger Lust durch die Erdkruste stießen. In das Summen schob sich das Dröhnen der Erze, die sich zum Feuer drängten, um geschmolzen zu werden und ihre glitzernden Leiber in die Spalten der Erde zu ergießen. Hier kochte das Wasser der Erde, um die vielfarbenen Formen wollüstiger Dämpfe anzunehmen, die ans Sonnenlicht drängten, um sanft heiße Schwefelquellen darzubieten. Abdiheba begriff, warum Heba ihn zum Feuer der Liebe getragen hatte. Alles musste hier verbrannt werden, um in neuer üppigerer Form zu erstehen und zum Licht zu drängen. Und so ergab er sich demütig den Händen der Erdgöttin, die lächelnd seinen Leib dem Feuer übergab. Ein gewaltiger Knall ließ den Erdball erbeben, als sein irdisches Herz zerbrach und von den züngelnden Liebesflammen aufgeleckt wurde.

Abdiheba erwachte und schaute sich um. Da war immer noch Heba, die ihn mit einem zärtlichen Blick umfing. Aber irgendetwas war mit ihm geschehen. Er setzte sich auf und schaute sich selbst an. Sein Körper war von goldenem Sternenstaub bedeckt, sein Brustkorb erschien ihm makelloser als zuvor, sein Atem ging kraftvoll und ruhig, so als sei er mit ihm auf eine neue, klarere Weise verbunden. Er fühlte nach innen und spürte die tiefe Zufriedenheit seines Herzens. Es war angefüllt von einer Süße, die er nie zuvor gekannt hatte. Er spürte den ewigen Lichtstrom, der von ihm ausging und sich in seinen schönen Schwanz ergoss, so dass sich an dessen Spitze eine Perle der Lust formte. Verwundert bemerkte er, dass er vollkommen war und das Geschenk der Lust in sich trug. Sie war bereits in ihm, in jeder Körperzelle, und jede Zelle war lustvoll mit jeder anderen verbunden. Er schaute Heba an. Sie erschien ihm schöner als je zuvor und die Lust auf sie sprang ihn an wie ein verspielter Hund. Wo früher in seinem Verlangen nach ihr ein süchtiger Hunger war, den sie sättigen sollte, war jetzt seine Lust, die mit der ihren tanzen wollte. Wo zuvor seine Leere war, die sie ausfüllen sollte, war jetzt ein göttlicher Quell männlicher Energie, mit der er sie ausfüllen wollte. Von ihrem liebevollen Blick fühlte er sich aufgehoben, ja erhoben zu seinem Platz als ihr König. Abdiheba reichte Heba die Hand und zog seine Königin über sich. Mit Wonne schaute er zu, wie sie ihre feuchte Vulva über seinen herrlichen Schaft stülpte…
Der israelitische Chronist, der im Auftrag seines körperlosen strengen Gottes der alten heidnischen Erdgöttin Heba den Garaus machen sollte, erstarrte vor Entsetzen über solch frevelhaftem Treiben eines Weibes, das immer noch von den Israeliten verehrt wurde. Sein Gott duldete keine Götter neben sich und schon gar nicht Göttinnen. Frauen hatte da, wo Männer einen Phallus hatten, nichts und das bewies, dass sie minderwertig waren. Warum sonst hätte ihnen Jehova zwischen den Beinen ein Nichts gegeben? Doch nur, um sie daran zu erinnern, dass sie dem Manne untertan zu sein hatten. Der israelitische Geschichtsschreiber machte sich sogleich an eine Jehova gefällige Umdeutung des alten palästinensischen Heba-Mythos. Heba wird zu Eva, die aus der Rippe Abdihebas, also Adams geschaffen wird. Der Apfel entspringt der Verführungskunst des Teufels in Gestalt einer bösen Schlange. Das Essen des Apfels bringt nicht mehr paradiesische Ewigkeit, sondern führt zur Vertreibung aus dem Paradies. Lust ist fortan mit Schuld verbunden.
Der Chronist betrachtete die neue Version des Schöpfungsmythos. Jehova würde zufrieden sein. Die Priester aber schickten Soldaten zum Heiligtum der Erdgöttin Heba. Die Tempelpriesterin trat ihnen mutig entgegen. Als die Soldaten ihre Lanzen auf sie richteten, hob sie ihre Röcke und zeigte ihnen spöttisch lachend ihre Vulva. Sie wurde niedergestochen und das Heiligtum der Erdgöttin dem Erdboden gleich gemacht.
Sylvia Schöningh-Taylor, Oktober 2013

Letzte Aktualisierung: 19.10.2013 - 20.59 Uhr
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