Honigfalter
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Rausch | Oktober 2013
Zwei Kilo Fleisch oder "Von Sweine un Kartuffeln"
von Martina Lange

Der Mist dampfte hoch in den tiefblauen Himmel, als Gerlinde die Karre aus dem Stall schob. Klar und kühl war die Nacht gewesen, beinah schon frostig. Der Herbst hatte Einzug gehalten. Erschöpft presste sich die junge Frau beide Hände in den Rücken. Ob sie sich je wieder ohne Schmerzen würde aufrichten können, das fragte sie sich jeden Morgen, wenn der Stall endlich sauber war. Hinter ihr rumorten die beiden verbliebenen Schweine und verlangten nach Futter.
Müde kippte Gerlinde den Mist ab und wandte sich wieder dem Stall zu. Nach kaum mehr als zwei Schritten ließ sie das atemlose Rufen ihrer Schwägerin inne halten.
"Was gibt es, Helga? Nachrichten von der Front?"
"Nein ...", keuchte Helga und hielt sich die Seite. "Er kommt, ... ich habe ... ich habe ihn gesehen."
"Wen hast du gesehen?"
"Na, den ... OGL Amtmeier."
In Gerlindes Magen bildete sich ein eisiger Klumpen.
"Er kommt hierher? Wann? Jetzt?"
Helga nickte heftig und schluckte. "Ja, ja", stieß sie hervor.
"Ich habe gesehen, wie er sich mit dem Luden-Fritz auf den Weg zum Blücher gemacht hat. Sie hatten die Liste bei sich."
"Dann bleiben uns vielleicht noch eineinhalb Stunden." Gerlinde wusste, dass dies unweigerlich kommen musste. Insgeheim hatte sie jedoch gehofft, dass ihr etwas mehr Zeit vergönnt geblieben wäre.
"Was sollen wir denn nun machen?" Helga blickte sie verzagt an. Sie war immer ängstlich in der letzten Zeit. Gerlinde konnte ihr das nicht verdenken, nach den Bombenangriffen auf Hameln.
"Lauf hinein zu Heinrich und sag ihm Bescheid. Ich bereite alles vor. Ach ja, bring den Korb mit dem alten Brot mit."
"Aber wir wollten doch Brotsuppe machen", wandte Helga ein.
"Daraus wird wohl jetzt nichts mehr, du kannst dir überlegen, was dir lieber ist." Gerlinde sah Helga finster an. Manchmal war sie wirklich begriffsstutzig. "Nun mach schon, wir haben keine Zeit."
Helga lief voraus zur Verbindungstür zum Wohnhaus und Gerlinde eilte zum Strohlager. Aus der Kitteltasche fischte sie ein kleines Messer und schnitt eiligst die Bänder der Bunde auf. Sie verteilte das Stroh grob in der gegenüberliegenden Bucht und drängte eine der Sauen hinein. Die andere protestierte grunzend und wollte sich an Gerlinde vorbeidrängen, aber erfolglos. Gerlinde schlug ihr die Tür vor des Nase zu und legte den Riegel um.
Ohne sich umzuwenden begann Gerlinde das Stroh Bund um Bund in der Stallgasse zu stapeln, bis sie den Boden freigelegt hatte. Früher hatten sie das Stroh über den Schweinebuchten gelagert, aber seit die meisten Buchten leerstanden, lagerten sie es gegenüber.
Gerlinde wischte sich den Schweiß von der Stirn und rückte ihr Kopftuch zurecht. Die Angst vertrieb ihr die Müdigkeit aus den Gliedern und belebte verbliebene Kraftreserven.

In der vergangenen Nacht war an Schlaf nicht zu denken gewesen. Gemeinsam mit Heinrich hatte sie bis spät in den Abend hinein gearbeitet. Gerade, als sie die letzten Flaschen im Gewölbe unter dem Küchenboden verstauten, hörten sie das Brummen.
Die Bomber flogen und flogen. Donnergrollen erfüllte die Luft und im Norden war eine Sonne aufgegangen, die sich in dichten schwarzen Rauch hüllte. Hannover brannte.
Bange dachte Gerlinde an die vielen Menschen unter den Bombenschauern und bat still den Himmel, dass er ihnen beistehen möge. Helga weinte die ganze Zeit, klammerte sich an sie und war zu nichts zu gebrauchen. Gerlinde brachte sie zu Bett, wandte sich leise ab und schlüpfte zur Hintertür hinaus in den angrenzenden Garten. Dort fand sie Heinrich, der im Dunkeln auf der Bank saß. Noch hing ein schwacher Geruch nach dem Kraut in der Luft, dass er neuerdings in seine Pfeife stopfte. Achtlos war sie in seiner Hand erloschen, während er nach Norden starrte.
"Das sind die Tommys", kommentierte er tonlos die tieffliegenden Bomber. Gerlinde nickte, obwohl ihr Schwiegervater das gar nicht sehen konnte. Sie setzte sich neben ihn. Seine Hand lag ruhig neben seinem Stock. 1915 hatte ihm eine Kugel das Knie zertrümmert, seitdem war sein Bein steif.
"Steif mag es sein, aber ich habe es aus Frankreich wieder mitgebracht!", pflegte er immer zu betonen und grinste jeden, der Mitleid mit ihm hatte, schelmisch an.
Seitdem seine Söhne verstreut im Osten, Westen und tief im Süden verschollen waren, grinste er nicht mehr.
Gerlinde wusste, dass er sie lieber heute als morgen zurückgeholt hätte. Sanft legte sie ihre Hand auf die seine. Hart und voll unterdrückter Sorge umklammerten seine Finger die Kante der Sitzfläche. Im stummen Einvernehmen zog sich Gerlinde zurück.

Schweiß durchfeuchtete Gerlindes Kittel und brannte ihr in den Augen. Warum hatte der OGL die Abholung vorverlegt? Gerlindes Gedanken flogen aufgeschreckt hin und her. Wenn ihnen nur genug Zeit blieb.
So schnell es sein steifes Bein zuließ, kam Heinrich die Stallgasse hinunter. Helga folgte ihm auf dem Fuß. Einen Korb, gefüllt mit Brot, Falläpfeln und Rübenschnitzen über den Arm gehängt.
"Wie viel Zeit bleibt uns noch?", wandte sich Gerlinde an ihren Schwiegervater.
"Eine dreiviertel Stunde. Hast du den Eimer?"
Gerlinde nickte und reichte ihn dem alten Mann. Ohne zu zögern schüttete er den Inhalt zweier Flaschen hinein, griff nach dem Korb seiner zweiten Schwiegertochter und kippte dessen Inhalt dazu. Danach mengte er alles gründlich durch.
"Was habt ihr vor?" Helgas Stimme war von zunehmender Panik gekennzeichnet.
"Was glaubst du wohl", zischte Gerlinde zurück. "Vater und ich wollen nur verhindern, dass wir verhungern."
"So ein Unsinn! Der Reichslandbund wird für eine Umverteilung sorgen. Sie lassen uns nicht hungern."
Gerlinde ließ den eben aufgenommenen Eimer sinken und starrte ihre Schwägerin erbost an.
"Nach der letzten Nacht, nach den Gerüchten und den Rationierungen, glaubst du allen Ernstes immer noch daran, was DIE uns weismachen wollen?"
Helga verschränkte die Arme und hob schnippisch das Kinn. "Ja, wieso nicht?"
Gerlinde musterte sie vom Kopf bis zu den Füßen, dann nahm sie den Eimer wieder auf und trat an die Schweinebucht, wobei sie ihrer Schwägerin einen unsanften Stoß versetzte. "Du bist noch viel dümmer, als ich geglaubt habe, und jetzt geh mir aus dem Weg!"
Helga stolperte zurück und schnappte empört nach Luft. Sie setzte schon zu einer entsprechenden Erwiderung an, als Heinrich sie grob am Arm fasste.
"Wenn du über das, was hier geschieht, auch nur ein Wort verlierst, jage ich dich vom Hof und sorge dafür, dass dein Mann davon erfährt. Und jetzt scher dich aus dem Stall und kümmere dich ausnahmsweise einmal um meine Enkel!"
"Ihr seid verrückt! Alle beide! Wenn der OGL davon erfährt, kommen wir ins Zuchthaus", keifte Helga und ihre wutroten Wangen glühten über dem bleichen Gesicht. Sie war hässlich, stellte Gerlinde fest.
"Dann würde ich an deiner Stelle dafür sorgen, dass er es nicht erfährt ...",
"... weil er uns sonst erschießen wird", beendete Heinrich Gerlindes Satz.
Helga floh aus dem Stall ins Haus und schlug die Tür zu.
"Na, dann wollen wir mal ...", schloss Heinrich schlicht und wandte sich der Sau zu.
Gerlinde blieb keine Zeit zum Zittern. Über ihre Schwägerin würde sie sich später Gedanken machen müssen.
"Sie wird nichts verraten", meldete sich Heinrich leise. "Sie ist vielleicht verblendet, aber sie liebt ihre Kinder viel zu sehr und sie weiß nicht, wohin sie gehen soll. Also mach dir darum keine Sorgen." Gerlinde wog zweifelnd den Kopf hin und her, während sie gemeinsam beobachteten, wie die Sau den Eimer leerte.

"So, Frau Kötner, Ihnen ist die Prozedur bekannt. Für Volk und Vaterland, wo sind die Säue?" Richard Amtmeiers feistes Gesicht leuchtete und er klemmte die Daumen in sein Koppel.
"Es ist eine Sau. Die andere ist verreckt." Gerlinde sah den Ortsgruppenleiter unverwandt an. Hinter ihm warfen sich Luden-Fritz und Blücher verstohlen einen Blick zu. Richard Amtmeier räusperte sich. Sein argwöhnisch durchdringender Blick beschleunigte den Herzschlag der jungen Frau. Jetzt durfte sie sich nichts anmerken lassen.
"Geh doch hinein und sieh selbst nach", meldete sich ihr Schwiegervater. Angewidert musterte Amtmeier die mit Schweinemist bedeckte Stallgasse. Offenbar hatte er wenig Lust, sich seine frisch gewichsten Stiefel zu beschmutzen und Bekanntschaft mit einer wütend schäumenden Sau zu machen, die ihn aus ihren winzigen Äuglein, über ihrer Buchttür hängend, anstarrte.
"Herr Luden, Sie werden das überprüfen!", ordnete er barsch an.
Ohne mit der Wimper zu zucken begab sich der Viehverkäufer in den Stall und sah sich um.
"Frau Kötner sagt die Wahrheit, hier ist nur diese eine Sau."
Gerlinde sah die Enttäuschung über die Züge des Ortsgruppenleiters Amtmeier wachsen.
Ruppig nahm er seine Liste zur Hand und kritzelte einen Vermerk.
"Wieviele Personen?"
"Meine Schwiegereltern, Helga und ich, also vier Erwachsene, sieben Kinder und ein Erntehelfer."
"Sie werden Ihren Beitrag zur Stärkung der Kameraden an der Front ableisten. Da Sie nur noch ein Schwein zu füttern haben, werden Sie das überschüssige Futter an einen Bauern geben, der zu wenig davon hat. Guten Tag!" Zackig wandte er sich um und verließ den Hof.

"Hier, trink das!" Heinrich hielt ihr eine ihrer Flaschen hin. Der Alkohol stieg Gerlinde heftig in die Nase. Mit kraftlosen Beinen hatte sie es gerade noch bis zu den Strohballen geschafft, dort war sie niedergesunken.
Sie griff zu, nahm einen kräftigen Schluck, schnappte nach Luft und hustete. Danach wischte sie sich die tränenden Augen. Zufrieden genehmigte sich auch ihr Schwiegervater einen ordentlichen Schluck, als das tiefe Schnarchen einer sturzbetrunkenen Sau hinter den Strohballen ertönte.
"Ich glaube, die Kartoffelernte wird sehr schlecht ausfallen in diesem Jahr", sinnierte Heinrich, schnalzte genüsslich mit der Zunge und lächelte.

Letzte Aktualisierung: 18.10.2013 - 12.02 Uhr
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