Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Rausch | Oktober 2013
Auf dem Rummel
von Nick Gansweid

Etwas lief über seine Augen, verschleierte den Blick. Warm. Dickflüssig. Klebrig. Er wollte es mit den Händen wegwischen, doch die steckten in dicken, klobigen Handschuhen. Benommen streifte er die Dinger ab, um sich dann mit den Händen über das Gesicht zu fahren. Sie waren rot vor Blut. Martin keuchte, dann stürzte die Welt um ihn herum auf ihn ein.
Das dumpfe Pochen in seinen Ohren wurde durch unzählige, schreiende Stimmen ersetzt. Der Nebel vor seinen Augen verschwand, wich mehreren grellen Lichtern, die über einem Meer aus dunklen Umrissen hingen. Der Gestank von Blut, Schweiß, Bier und Currywürsten erfüllte die Luft. Er taumelte zurück und hing auf einmal in den Seilen. Perplex sah er hinter sich. Es waren wirklich Seile.
Und dann fügte sein Gehirn gnädigerweise alles zu einem Bild zusammen.
Martin stand am Rand eines Ringes, umgeben von einer Schar johlender Zuschauer. Scheinwerfer, die viel zu hell waren, tauchten den stickigen Raum in ein surreales Licht. An einer der Seiten war eine breite Öffnung, scheinbar der Eingang, über dem ein altes, schmutziges Schild hing. Er blinzelte, als er versuchte es zu lesen.
„Khorne-Boxen!“, er schüttelte den Kopf, las erneut „Kirmes-Boxen!“
Martin hatten nicht den geringsten Schimmer, wieso er hier war, konnte sich aber vorstellen, dass es an einer Mischung aus Alkohol, Selbstüberschätzung und Hormonen lag. Vorsichtig rieb er sich die Schläfen, als ihm auffiel, dass die Menge seinen Namen rief. Verwirrt sah er sich um. Verzerrte Grimassen brüllten, jubelten oder schrien ihn an. Rissen die Arme mit geballten Fäusten hoch. Gestikulierten wild vor sich hin. Einige klatschten.
Sie bejubelten ihn.
In der Mitte des Rings lag der Grund. Ein großer, hässlicher Kerl mit den Maßen eines Wandschranks. Blut lief aus der, offensichtlich gebrochenen, Nase und einer kleinen Wunde über dem Auge. Noch bevor Martin realisieren konnte, was geschehen war, griff eine Hand seine Linke und riss diese hoch.
„Und der Gewinner ist, der Herausforderer!“, brüllte ein Kerl in einer schlecht sitzenden Fantasieuniform und mit falschem Bart. Langsam begann er sich zu drehen und zog Martin dabei mit, um ihn dem Publikum zu präsentieren.
Gewinner. Dieses Wort hallte kurz durch seinen Kopf. Er hatte wirklich gewonnen und langsam kehrte die Erinnerung zurück. Vor nicht mal zehn Minuten hatte er sich von seinem Bruder, seiner Freundin und einem Freund breitschlagen lassen, in den Ring zu steigen. Drei Runden überstehen für hundert Euro. Klang nach einer leichten Sache, man musste nur lange genug ausweichen. Und nun stand er hier, als triumphaler Sieger über einen Kerl, der aussah, als könnte er mit den Nasenlöchern Walnüsse knacken.
Etwas ergriff ihn, ein Gefühl, das er so nicht einordnen konnte. Zuerst war es, als würde ein Gewicht von ihm abfallen, dann, auf einmal, stand er innerlich in Flammen. Den freien Arm emporgehoben, die Hand zur Faust geballt, brüllte er die Menge triumphierend an. Dutzende Gesichter, die eher an rote Fratzen erinnerten, schrien zurück. Ihr Jubel nährte nur das Feuer in seinem Körper. Mit einem Ruck befreite er die Linke. Beide Hände hochhaltend, die Brust zu einem Bergmassiv angeschwollen, ging er den Ring ab. Der Mann am Boden hatte schon den ganzen Abend lang Andere auf die Bretter geschickt. Kerle die weitaus größer und breiter waren als Martin, daher konnte er die Genugtuung der Menge über seinen Sieg gut verstehen. Über die Seile gebeugt, begann er damit eifrig fremde Hände abzuklatschen, zu drücken und den Ruhm zu genießen.
Plötzlich packte ihn eine Frau an den Armen, zog ihn zu sich herab und versuchte ihn zu küssen. Im ersten Augenblick wehrte er sich. Wollte sich hochziehen. Dann sah er in ihre Augen. Diese tiefen, großen, braunen Augen, in denen immer so eine Wärme lag. Es war seine Freundin. Wie beim Rest der Menge war auch ihr Gesicht rot und von einer bizarren Mischung aus Euphorie und Aggression entstellt. Die Menschen um sie herum animierten sie dazu, sich zu küssen. Langsam beugte er sich zu ihr herab, um dem nachzukommen, als sich ein Klumpen Unbehagen in seinem Bauch bildete.
Die Szenerie wirkte auf einmal sehr fremd, beinah surreal. Am Rand seiner Gedanken fing etwas an zu nagen. Knabberte den schönen Schein vom Sieg an. Verlieh allem einen bitteren Beigeschmack, der glücklicherweise von den Lippen seiner Freundin verdrängt wurde. Auch wenn in ihren Augen ein seltsamer Glanz lag, machte der Kuss alles wieder in Ordnung. Als dann noch das Publikum Beifall spendete, war jeder Anflug von Zweifel vergangen.
„Hey, ihr beiden, spart euch das für später.“
Der Mann mit der Uniform trennte beide sanft, aber bestimmt.
„Hier, dein Preisgeld. Hast es dir verdient mit deinem lucky Punch“, er schien alles andere als glücklich zu sein, als er Martin den grünen Schein in die Hand drückte.
„Danke.“
Kurz umschloss er den Schein, um den Moment zu genießen. Das Papier fühlte sich unheimlich gut an. Der Hunderter würde den Abend noch perfekt abrunden. Als er ihn grade in die Tasche steckte, fiel sein Blick auf ihn. Das Grün war von roten Flecken besudelt. Und wieder war da dieses Nagen.
„Und wisch dich ab, du siehst aus wie eine Blutwurst, nur nicht so lecker“, der Mann warf ihm ein feuchtes Handtuch zu. Unbeholfen fing er das Ding, um sich schnell Gesicht und Hände zu säubern.
Ein paar Minuten später waren die Vier aus dem stickigen Zelt raus. Auf dem Platz herrschte das rege Treiben einer Kirmes. Menschen, Musik, Lichter und ausgelassene Stimmung. Doch sie schwelgten noch in dem Kampf.
„Alter, wie du dem die Faust ins Gesicht gedonnert hast, das war filmreif!“, sagte sein Bruder begeistert.
„Ja, guck, hab es aufgenommen!“ Torben hielt sein Smartphone hoch, so dass alle den Mitschnitt sehen konnten.
Martin taumelte schwer angeschlagen. Sein viel größerer Gegner schien den Kampf für beendet zu halten. Die Hände erhoben, nickte er der Menge zu, als Martin unvermittelt ausholte und eine grade Rechte genau in dessen Gesicht versenkte. Der Kerl fiel wie Baum. Sie brüllten vor Freude.
„In Slow-Mo ist das noch geiler!“ Torben spielte das Video wieder ab, langsamer. Erneutes Jubeln.
„Schick mir das mal rüber, das muss ich rumzeigen! Hammer“, forderte Martin Torben auf.
Es musste gezeigt werden oder noch besser, er würde es online stellen, damit alle es sehen konnten. Freunde, die ehemaligen Mitschüler, der Sportlehrer, der immer sagte, er hätte nichts in den Armen. Oma. Wie er auf seine Oma kam, war Martin schleierhaft. Genauso wie seine Eltern, sollte sie das besser nie sehen. Die wären alles andere als erfreut, wenn sie wüssten was der angehende Herr Student auf der Kirmes trieb. Abgesehen davon wäre Oma maßlos enttäuscht, hatte sie ihm doch immer gesagt, dass man sich nicht schlägt. Wieder war da dieses Nagen.
„Hey, seht mal, es geht sogar in HD!.“ Torben änderte ein paar Einstellungen. Das Video lief erneut.
Zum ersten Mal sah Martin sich selbst., was kein schöner Anblick war. Das Gesicht war rot, stellenweise dick angeschwollen, wo er getroffen wurde. Die Mundwinkel hingen schief herab, während er immer wieder japsend Luft holte. Das Gesicht wirkte entstellte.
„Alter, du warst ja nie eine Schönheit, aber HD tut dir echt nicht gut!“, witzelte sein Bruder.
„Urkomisch“, entgegnete Martin, allerdings hatte Markus recht, es fiel Martin schwer sich selbst wieder zu erkennen.

Am nächsten Bierwagen wurde Halt gemacht. Das Video lief in einer Endlosschleife. Martins Durst war mörderisch, also kippte er das erste Bier in einem Schluck hinab. Das Hochgefühl stieg wieder, aber das Nagen wollte nicht verschwinden. Etwas störte ihn. Nur konnte er sich keinen Reim machen, was es war.
Die zweite Runde kam. Markus verteilte die Biere und stellte je einen Kurzen dazu. Grinsend hob er das Schnapsglas.
„Auf den Champ!“, die anderen stimmten mit ein.
Martin hob grinsend sein Glas, wobei er kurz wankte und mit jemandem hinter sich zusammenstieß.
„Hey, Vorsicht“, kam es von hinten.
„Was?“ Martin kippte das Glas hinab.
„Nichts, nur Vorsicht.“
„Ist was?“ Markus trat neben seinen Bruder.
„Nein, es ist nichts. Ist nun gut?“, sagte der fremde Mann.
Die Sätze wurden kürzer. Energischer. Aggressiver. Im Hintergrund lief das Video, der Jubel krächzte aus dem Lautsprecher des Smartphones. Martin ballte die Fäuste.
Er war der Champion.
Berauscht vom Sieg.
Dann kam Blut.

Letzte Aktualisierung: 25.10.2013 - 19.17 Uhr
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