Der himmelblaue Schmengeling
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Metamorphose | November 2013
Die Probepackung
von Klaus Eylmann

Stampfen der Maschinen turnt an, ein Joint auch. Und der Wecker? Jim sprang aus dem Bett, massierte seinen Kopf mit beiden Händen und schlurfte zum Waschbecken. Das auf und ab der Kolben war die Musik in seiner engen Kabine neben dem Maschinenraum.

Seine Kollegin wartete in der Bar auf ihn. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und übernahm den Dienst. Mit weißem Dinnerjacket und schwarzer Fliege sah er wie der Barman aus, der er war. Jim jobbte auf dem Kreuzfahrtschiff „Queen of Kingston Town“. Anstatt Reggae gab es Ärzte, die sich eine gesponserte Kreuzfahrt leisteten.

„Noch einen bitte!“, orderte einer von ihnen am Tresen. Die Frau daneben gehörte zu dem dritten Gast, Joe Markham, Marketing Manager von Glixo. Um die zwanzig Jahre jünger als ihr Mann. Blond, attraktiv, eine Diva. Top, knielange eng anliegende Hose mit Leopardenmuster und High Heels von Jimmy Choo. Ihr Mann sah normal aus, fand Jim. Aber das waren die schlimmsten. Jim drehte sich im Halbschlaf zu den Flaschen, betrachtete sich im Spiegel und drohte mit dem Finger „Du Schlimmer, du.“ Er kicherte und mixte dem Arzt einen Apricot Cooler.

„Das wird ein Blockbuster, Jim.“ Markham zog eine Schachtel hervor und winkte den Barman zu sich heran. „Inoffizielle Probepackung. Sollte nicht darüber sprechen. Das Medikament befindet sich noch im klinischen Test. Aber die Pille wirkt.“
„Stimmt Schnucki. Ich sehe alles viel klarer in meinem Kopf.“ Die Frau lächelte unschuldig.
„Was redest du?“, fragte Markham irritiert.
„Ich kann das erklären.“ Der Arzt schlürfte an seinem Drink, setzte das Glas ab. „Die Tablette, die Sie mir gaben, habe ich Ihrer Frau zugesteckt. Sie hatte sie nötiger als ich.“ Er wandte sich Jim zu.
„Braincer ist ein Life-Style Medikament, ein Brain Enhancer. Verbessert und beschleunigt Denk-Prozesse.“ Markham erblasste. „Eine intelligente Frau, das fehlt mir gerade noch“, entfuhr es ihm.
„Wollte ich dies, hätte ich mich selbst drum gekümmert.“
Markham öffnete die Schachtel und drückte eine Tablette aus dem Blister. „Jim, Sie studieren doch? Ich gebe Ihnen eine. Damit kommen Sie garantiert durch alle Prüfungen. Sie können sie zerkauen oder in Wasser auflösen und machen Sie mir den gleichen Drink wie für Doktor Kraut. Oder wie war Ihr Name?“, wandte sich Markham an den Arzt. „Sie sind doch Deutscher, nicht wahr?“
Jim legte die Tablette unter die Zunge, drehte sich um, mixte und ließ die Tablette ins Glas fallen, sah, wie sie sich auflöste. Na denn, dachte er, als er beobachtete, wie Markham das Getränk hinunterstürzte.
„Da geht er mit seiner Vorzeigefrau“, spottete der Arzt, nachdem das Paar die Bar verlassen hatte. „Sie schlafen nicht mal miteinander“.
„Woher wissen Sie das?“ Jim legte die Gläser in die Spüle.
„Getrennte Kabinen.“ Der Arzt erhob sich. „Junger Mann, Sie haben sich keinen Gefallen damit getan, die Pille anzunehmen.“ Jim verzog das Gesicht und zuckte mit den Schultern.

Am Abend bekam er Besuch.
„Nett hast du es hier. Übrigens heiße ich Elaine, und ich fühle mich so, ich weiß nicht wie.“ Der Maschinenlärm schien Markhams Frau nicht zu stören. Wie zwei Automaten zogen sie sich aus. Ihre Körper bewegten sich im Rhythmus der stampfenden Kolben.

Am Abend darauf kam Markham.
„Nett hast du es hier. Übrigens heiße ich Robert, und ich fühle mich so, ich weiß nicht wie.“ Der Maschinenlärm schien Markham nicht zu stören. Wie zwei Automaten zogen sie sich aus. Ihre Körper bewegten sich im Rhythmus der stampfenden Kolben.

Am nächsten Abend kamen beide. Wie drei Automaten zogen sie sich aus und erschraken.
„Huch, Robert, wie siehst du denn aus!“, kreischte Elaine.
„Elaine, deine Haut ist schuppig.“
´Holy Shit!´ Jim fror. ´Ich habe zu viel geraucht!´
Auf Elaines und Markhams Haut bildeten sich Muster, hervorgehoben und ziseliert, bläulich grün und feucht unter dem Licht der Leuchtstofflampe. Markham sah an sich hinab.
„Wo kommt das her? Das war doch vorhin noch nicht da!“
Elaine ließ sich in einen Sessel fallen und stützte ihren Kopf in beide Hände. Jim stellte sich vor sie und babbelte: „Ist es wahr und eure Haut wird schuppig? Ich dachte es sei mein Joint.“ Er strich mit einem Finger über Elaines Schulter und hielt ihn gegen das Licht. „Und dann dieser Schleim.“ Er langte nach seinen Kleidern, zog ein Handy hervor. „Ich rufe den Schiffsarzt an.“
Sie sahen sich an. Niemand sagte etwas. Das Stampfen der Maschinen rammte die Stille in tausend Stücke. Es klopfte.
„Seltsam.“ Der Bordarzt, ein junger Mann in Jeans, Segelschuhen und einem lose getragenen Hemd ging um Markham und Elaine herum, wandte sich an Jim und zeigte auf Elaines Hals. „Hier sehen Sie mal: Kiemen.“
„Was geht hier vor?“, brüllte Markham. „Wir werden Fische?“
„Müssen die Tabletten sein“, meinte Jim und zog sich an. „Robert, ich habe meine in Ihrem Apricot Cooler aufgelöst.“
„Um Himmelswillen!“, schrie Markham. „Der Test ist doch noch gar nicht abgeschlossen!“
Jim erzählte dem Bordarzt von der Probepackung.
„Sie kommen besser in meine Krankenstation“, empfahl der Markham und dessen Frau. „Ich werde den Kapitän bitten, den nächsten Hafen anzulaufen. Helfen Sie mir“, wandte er sich an Markham, „Ihre Frau aus dem Sessel zu bekommen, und nehmen Sie Ihre Kleidungsstücke mit. Und Jim, reichen Sie mir bitte ein Handtuch. Schuppenhaut ist sehr empfindlich.“
Jim schloß die Tür hinter ihnen. „Ich kenne so etwas vom Angeln“, hörte er noch. Er drehte sich einen Joint, legte sich hin, ließ sich von dem Sound der Maschine überfluten und döste.

Es war eine wunderbare Nacht. Das Schiff pflügte durch die Wellen, die das kalte Licht des Mondes und der Sterne reflektierten. Die Maschinen sangen ihr Lied. Jim lag in seiner kleinen Kabine und träumte.

Am nächsten Morgen blieb eine Anzahl Ärzte dem Speisesaal fern. Im Bordbuch des Kapitäns war später zu lesen, dass am frühen Vormittag Türen vereinzelter Kabinen aufgerissen wurden und fischähnliche Geschöpfe nach Luft ringend über die Korridore und Treppen aufs Deck liefen und über die Reeling sprangen.

Einige Tage danach konnte das Unternehmen Glixo nicht mehr verheimlichen, dass die Hälfte der Personen, die sich dem klinischen Test unterzogen hatten, im nächsten Fluss ausgesetzt worden waren. Anwälte bereiten eine Schadenersatzklage vor. Dass diese zum Erfolg führt, wird von führenden Juristen bezweifelt.


3. Version


Letzte Aktualisierung: 14.11.2013 - 08.58 Uhr
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