Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Hajo Nitschke IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Metamorphose | November 2013
Wo du hingehst
von Hajo Nitschke

Leben wir alle am Fluss und gleiten zuletzt mit der Strömung davon? Und wohin? Hoffen ist nicht Wissen. Hoffnungen können trügen. Am Ende stehen wir mit leeren Händen da. Und sind darauf angewiesen, dass jemand sie ergreift.
(der Autor, aus „Thuja Occidentalis“)


„Wo sind wir, Nino?“
„Unterwegs.“
„Wohin, Nino?“
„Nach Hause, Ruthchen“
„Ist gut.“

„Mir ist kalt, Nino.“
„Ich weiß, Liebling. Hier, ich wärm' dich.“
“Ist gut.“
...
„Besser?“
„Hm.“


***


So oder so ähnlich wird es auf ihrem Boot in diesem Moment zugehen. Sie sind jetzt seit vierundzwanzig Stunden unterwegs, Nino und Ruth. Ich sehe sie vor mir, höre sie sprechen. Sie mit ihrem dünnen, morphiumverwaschenen Stimmchen. Er, wortkarg, mit rauem Bass. Nicht mehr lange, und es ist ihre letzte Unterhaltung. Vieler Worte bedarf es nicht. Längst ist alles gesagt. Zeit noch bis morgen früh. Vielleicht bis morgen Nachmittag. Jedenfalls die letzte gemeinsame Nacht. Länger haben die Ärzte ihr nicht gegeben. Wir kennen beide. Es sind unsere Freunde. Oder besser: waren es. Wir werden sie nicht wiedersehen. Den immer noch bärenstarken, aber grau gewordenen Nino, Anfang Siebzig. Und die gleichaltrige Ruth, abgemagert, die Haare bis auf einen kümmerlichen Rest gelichtet.

Vor fast einem Jahr haben sie bei Ruth den Tumor festgestellt. Pankreas, sagten sie – Bauchspeicheldrüse. Unheilbar. Ein halbes Jahr noch, höchstens neun Monate. Nun ist es doch länger geworden, trotz Metastasen in Lunge und Leber. Segen und Fluch der Palliativmedizin: Ohne hätten die Schmerzen sie wahnsinnig gemacht. Vorgestern musste die Dosis drastisch erhöht werden. Ergebnis: erträglich bleibende Schmerzen, aber es geht zu Ende. Beschleunigtes Organversagen. Die neue Generation der Morphine greift jedoch das Bewusstsein so spät an, dass der Sterbende, falls ohne Sedative, bis fast zuletzt bei klarem Verstand bleibt.

Unsere Gesellschaft ist fortschrittlich. Human, auch den Alten, Kranken und Pflegebedürftigen gegenüber. Es wird vorbildlich für sie gesorgt. Niemand, der im Alter finanzielle Sorgen hat. Niemand, der bei Krankheit ohne die allerbeste ärztliche Versorgung bleibt. Kostenlos natürlich. Kein Paar, das seine letzten Jahre getrennt voneinander leben muss. Auf Wunsch gemeinsam im Heim mit freundlichem, geräumigen Appartement, ebenfalls kostenlos. Oder zu Hause, zur Not beinahe rund um die Uhr vom Pflegedienst hingebungsvoll betreut. Pflegenotstand früherer Zeiten – ein Fremdwort.

Das Personal des Health Centers ist auf Knopfdruck binnen Minuten zur Stelle. Lückenlose Fernüberwachung mittels Bewegungsmeldern in Fußböden und Betten. So weiß man, wo sich der Kranke gerade aufhält, ob er, gestürzt, regungslos am Boden liegt bzw. ob sein Partner im Falle des Falles anwesend ist. Bei länger fehlenden Bewegungssignalen rückt das zuständige Ärzteteam sofort an.

Für alles ist gesorgt, alles organisiert. Der Staat ein einziges Füllhorn, unsere Regierung ein Muster an Weisheit und Güte. Mit unnachgiebiger Härte nur, wenn gegen das gesetzliche Abtreibungsverbot verstoßen wird. Jedes Leben ist erwünscht. Eine Welt der Perfektion, des Wohlstands und des Überflusses an Versorgung, Zuwendung, materiellen Gütern, Nahrung und schier unerschöpflichen Ressourcen. Auch an Energie. Sämtliche Sorgen und Krisen der Altvorderen sind Geschichte. Der Klimawandel konnte längst durch umweltschonende Lösung der Energiekrise gebremst werden. Eine glückliche neue Welt. Gäbe es nicht immer noch Krankheit und Schmerz.

Wir taten, was wir konnten. Ließen Ruth unsere Trauer nicht spüren. Spaziergänge, Besuche und Gegenbesuche, solange sie noch nicht ans Bett gefesselt war. Kein Wort übers Sterben. Bis sie von Nino wissen wollte, ob er sie wirklich abholen lassen werde. Das war die Stunde der Wahrheit. Einer Wahrheit, die früheren Gesellschaften undenkbar gewesen wäre. Wir verbrennen unsere Toten nur auf Umwegen. Erdbestattungen sind tabu. Jeder Leichnam dient letztlich einer Erhöhung der Energiebilanz. Das ist gut für das Allgemeinwohl.

Eine ausgeklügelte Logistik umfasst: Lagerung der sterblichen Überreste in den örtlichen Kühlhäusern; Weiterleitung zu Sammelstellen; Aufbereitung zur Biomasse; erneute Transporte; schließlich End-Verarbeitung unter Beimischung der althergebrachten pflanzlichen Rohstoffe in den Energiezentren zu Hybrid-Energie; Speicherung in riesigen Silos für die Abnehmer auf Abruf. Ergebnis: Ein unerschöpfliches Reservoir an Biotreibstoff sowie Biogas, das in Heizkraftwerken zu Ökostrom und Wärme verarbeitet wird. Saubere, erneuerbare Energie. Umformung nach den Gesetzen unserer Zivilisation. Es verwundert, warum unsere Vorfahren nicht darauf kamen. Dennoch gibt es Menschen, denen diese neue Welt suspekt ist. Wie Ruth. Ruth ist Jüdin. Stur, aber nicht orthodox. Trotzdem meint sie, die Thora lehne diese Energiepolitik ab.


Wir hatten den Plan sorgfältig ausgearbeitet. Alles war vorbereitet. Ruths Bedenken, es handele sich um ein heidnisches Ritual, konnten wir zerstreuen. Die Wohnung der beiden liegt nur einen Steinwurf vom großen Strom entfernt. Gestern Abend verließ Nino die Wohnung. Aber nicht er, sondern ich kehrte an seiner Stelle zurück. Kletterte in Fensternähe auf Ninos Doppelbetthälfte. Reichte die in einen Mantel gehüllte, federleichte Ruth hinaus, wo sie ihr Mann in Empfang nahm. Beide schauten zu mir zurück. Ich versuchte zu lächeln, Ruth lächelte zurück: „Pass auf Ines auf, Peter!“ Nino trug sie bis zum Fluss und bestieg mit ihr das Boot. Für Proviant, Wasser und einige Felle zum Wärmen war bereits gesorgt. Sogar eine Minitoilette fehlte nicht. Er bettete seine Frau vorsichtig neben sich, winkte mir ein letztes Mal zu und legte ab. Das Ruder benötigte er in der extrem langsamen Strömung höchstens mal zum Steuern.

Ich sah ihnen nach, bis sie in der Dämmerung nur noch ein kleiner Punkt waren. Und dann nichts mehr. In ihrer Wohnung ging ich hin und wieder durch die Räume. Legte mich quer über das Doppelbett und rollte mich gelegentlich hin und her. Die Sensoren meldeten somit keinen verdächtigen Bewegungsstillstand nach draußen. Erst heute, nachdem ich wieder zu Hause bin, kam der Notdienst. Mit Blaulicht. Dann Polizei. Ärgerlich, die verschwundene Biomasse. War spätestens in zwei Tagen eingeplant. Wir, die Nachbarn, wussten von nichts.

Ein neuer Morgen. Passiert es jetzt im Moment? Und wie wird es mal mit Ines und mir sein? Wieder bin ich in Gedanken bei unseren Freunden. Weit weg sind sie schon. Von niemandem behelligt, denn sie sind nicht auf einer zugelassenen Wasserstraße unterwegs. Die Strömung trägt sie gemächlich vorwärts. Erst später wird das Tempo zunehmen und die Fahrt in einem alles zermalmenden gewaltigen Wasserfall enden. Ruth hat das bessere Teil: sie wird es nicht mehr erleben.


***


„Ruthchen?“
„“Hm?“
„Wie fühlst du dich?“
„Leicht. Ganz leicht, Nino.“

„“Glaubst du an Gott, Nino?“
„Hm ...“
„Immer noch nicht?“
„Hm ...“
„Aber ich, Nino.“
„Ja.“
„Werden wir zu ihm fahren?“
„Weiß nicht, Schatz. Vielleicht.“
...
„Nino, ich glaub, es ist soweit.“
„Sicher, Liebes?“
„Sicher. Ich spür nichts mehr.“
„Gar nichts?“
„Nur die Kälte.
„Die ist nicht neu.“
„Aber sie ist so arg geworden.“
„Komm, ich nehm dich in den Arm.“

„Nino? … Weißt … du … noch …?“
„Ja, Ruthchen. Alles.“

Sie werden auch in der kurzen, verbleibenden Spanne – keine Stunde mehr – an manche Höhen und Tiefen ihrer Liebe denken. An ihre kinderlose Ehe, die einmal sogar auf der Kippe stand. Das Morphin tut seine letzte Wirkung. Ruth dämmert weg und Nino rührt sich lange nicht, bis es vorbei ist. Dann bringt er ohne Angst die Reise zu Ende.
Keine Träne wird er vergießen, nicht eine einzige. Er hat es ihr versprochen. Für sie wird er aber spätestes jetzt, wenn nicht schon vorher, die dreitausend Jahre alten Worte sprechen. Die ihrer moabitischen Namensvetterin, der Großmutter König Davids. Sein letztes Geschenk, letzter Beweis von Liebe und Respekt. Ohne ihr Wissen hat er die Worte heimlich auswendig gelernt und es nur mir verraten. Worte, die einen letzten Gruß bedeuten würden. Sie werden, wie schon einmal, Vorschuss auf Unbekanntes sein, diesmal jedoch in umgekehrter Reihenfolge der Adressatin zitiert werden:

Wo du hingehst, da will auch ich hingehen.
Und wo du bleibst, da bleibe auch ich ...
Dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich,
wo du ruhst, da will auch ich begraben sein ...
*



@ Hajo Nitschke, V3 * Schlussvers aus AT, Buch Rut, Kap. 1, Verse 16 – 17

Letzte Aktualisierung: 23.11.2013 - 11.48 Uhr
Dieser Text enthält 8389 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2017 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.