Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Metamorphose | November 2013
Viridissima
von Eva Fischer

23 Uhr 11 zeigten die Leuchtziffern des Radioweckers an, als Ottfried das Schlafzimmer betrat, um seinen Pyjama vom Bett zu nehmen und ihn anzuziehen. Auf der weißen Raufasertapete entdeckte er einen grünen Fleck. Er trat näher, um ihn in Augenschein zu nehmen. Ein überdimensionales Insekt klebte dort fest wie eine smaragdfarbene Brosche. Ottfried kannte sich nicht aus mit Insekten. In seiner Wohnung duldete er sie keinesfalls
und so überlegte er kurz, ob er einen Pantoffel ausziehen sollte, um dem Tier den Garaus zu machen, entschied sich aber dagegen, weil er eine Verschmutzung der hellen Wand befürchtete. Er beschloss daher, die Lösung des Problems auf den nächsten Tag zu verschieben und löschte das Licht. Sicherheitshalber zog er die Bettdecke bis zur Nasenspitze, um dem Tier keine Angriffsfläche zu bieten.

Kaum war der Raum im Dunkel versunken, setzte sich das Insekt mit seinen langen Beinen in Bewegung. Es wartete geduldig, bis Ottfried eingeschlafen war und die Bettdecke sein Gesicht freigab. Dann kroch es über seine Stirn, tastete sich an der Nasenwurzel entlang, überquerte die Wangen, kletterte abwärts bis zu seinem Hals, wo es sich an der pulsierenden Halsschlagader niederließ.

In dieser Nacht wurde Ottfried von Albträumen geplagt. Oktopusartige Arme umschlangen ihn und drohten ihm die Luft abzuschnüren. Unruhig warf er sich von einer Seite zur anderen.
Um 2 Uhr 36 fuhr er hoch und knipste die Nachttischlampe an. Er ging in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Als er den Wasserkran zudrehte, merkte er, wie sich etwas von seiner Pyjamajacke löste und zu Boden fiel. Er erkannte das Gerippe des Insektes. Angewidert trat er mit seinem Pantoffel drauf, um jeden noch möglicherweise verbleibenden Funken von Leben auszulöschen. Dann ging er zufrieden zurück in sein Bett. Er hatte das Problem gelöst.

Als er am nächsten Morgen beim Rasieren in den Spiegel schaute, erschrak er. Sein Gesicht hatte sich grün verfärbt. Übelkeit erfasste ihn und er spie eine gallertartige Masse in die Kloschüssel.
Ottfried mahnte sich zur Raison. Er war Opfer seiner überdrehten Phantasie geworden.
Mit reichlich Wasser reinigte er Mund und Gesicht, zwang sich eine Tasse Tee zu trinken, bevor er sich auf den Weg ins Büro begab.
Die Menschen auf der Straße nahmen keine Notiz von ihm. Auch die Arbeitskollegen murmelten nur ein freundliches ‚Guten Morgen’, ohne offensichtlich etwas Absonderliches an ihm zu entdecken. Der Vormittag verlief ohne weitere Vorkommnisse.

Um Punkt 12 Uhr 30 betrat Ottfried die Kantine, wo er wie immer das Tagesgericht zu sich nahm. An diesem Tag gab es Spinat mit Bratkartoffeln und Rührei. Anschließend ging er zur Toilette. Beim Händewaschen riskierte er einen Blick in den Spiegel. Sein Gesicht schimmerte noch immer hellgrün. Ottfried nahm seine Brille von der Nase und putzte sie so vehement, dass er fürchtete, die Gläser könnten jeden Augenblick zerspringen. Kalter Schweiß rann ihm von der Stirn. Als er die Brille wieder aufsetzte, hatte sich seine Gesichtsfarbe in keiner Weise verändert.
„Geht es Ihnen nicht gut?“
Herr Hartmann, ein Kollege aus dem Großraumbüro, schaute ihn besorgt an.
„Bin ich grün im Gesicht?“, stammelte Ottfried verzweifelt.
„Ja, etwas.“, bestätigte Herr Hartmann.
„Ist Ihnen das Kantinenessen nicht bekommen? Ich finde auch, die Küche hier ist sehr einfallslos. Man sollte sich beschweren, aber wenn Sie möchten, kann ich Ihnen ein Gläschen Cognac anbieten. Das kann ja manchmal Wunder wirken. Ich bewahre immer ein Fläschchen zur Sicherheit in meinem Schreibtisch auf.“
Dabei zwinkerte er Ottfried verschwörerisch zu, doch dieser wehrte ab.
„Nein, danke. Sehr freundlich. Es geht schon wieder.“
Ottfried begab sich an seinen Arbeitsplatz. Seine Konzentration hatte merklich nachgelassen.

Als er am nächsten Tag in seine Hose schlüpfte, schlotterte sie um seine Beine, als seien diese über Nacht magerer geworden. Er betrachtete seine Arme. Auch sie kamen ihm merklich dünner vor. Zum Glück hatten sich seine Gliedmaßen nicht grün gefärbt. Den Spiegel hatte er mittlerweile mit einem weißen Laken verhüllt. Er zitterte. Wie sollte das weitergehen? Musste er einen Arzt aufsuchen? War er überhaupt noch arbeitsfähig?
Nein, er durfte dieser Paranoia nicht nachgeben. Dann würde sie auch genauso verschwinden, wie sie gekommen war, über Nacht, denn dass es sich um eine Paranoia handelte, war gewiss, sonst hätten die anderen Menschen seine Veränderung auch bemerkt.
Wie Ottfried schon vermutet hatte, fiel seinen Arbeitskollegen nicht auf, dass seine Gliedmaßen langen Stöcken ähnelten. Wie auch? Hemd und Hose kaschierten sie perfekt.

In der darauffolgenden Nacht um 3 Uhr 09 wurde Ottfried von heftigen Schmerzen seitlich des Brustkorbes geweckt.
Er knipste das Licht an und befühlte die betroffene Stelle. Zu seinem Erstaunen ertastete er eine Erhebung, deren Entstehung er sich nicht erklären konnte. Er hatte sich nirgendwo gestoßen, war nicht gefallen. In seiner Hausapotheke suchte er nach einer Schlaftablette, die ihn in einen traumlosen Zustand versetzte.

Nur unter Mühen trat er am nächsten Morgen erneut den Weg ins Büro an.
Er spürte die besorgten Blicke von Frau Lärche, die zwei Schreibtische weiter rechts saß. Es war ihm, als könne er sie sehen, ohne den Kopf zu drehen.
In der Mittagspause nahm sie in der Kantine neben ihm Platz. Auf diesen Augenblick hatte er seit Monaten gewartet. Nun, da er gekommen war, fühlte er sich vollkommen indisponiert.
Vergeblich suchte er in seinem Kopf nach den richtigen Worten. Frau Lärche eröffnete ebenfalls kein Gespräch, doch dieses Schweigen drückte mehr Nähe aus, als es Worte hätten tun können.

Wie nach mehreren Monaten Schwangerschaft war es nun nicht mehr zu übersehen. Ottfried wuchsen neue Arme, direkt unter seinen alten. Es gab kein Hemd mehr, das diesen Makel verbergen konnte. Er meldete sich krank. Einen Arzt suchte er weiterhin nicht auf, denn er fürchtete, der Doktor könne nichts Auffälliges finden außer seinem mittlerweile beim Rasieren ohne Spiegel verunstaltetem Gesicht.
Mit jedem Tag, der verging, verlor Ottfried die Hoffnung, dass alles noch einmal wie früher werden könne, ganz normal.
Er schaute auf seine vier Arme. Bisher hatte er kaum Verwendung für zwei gehabt. Vielleicht sollte er ein Instrument erlernen? Klavier könnte er dann vierhändig spielen. Doch er verwarf den Gedanken wieder. Sicher würde er sich heillos verheddern.

Es war schon dunkel draußen, als es an der Haustür klingelte. Ottfried schaute durch das gläserne Guckloch und erkannte Frau Lärche. Sein Herz schlug ihm bis zum Halse. Nein, wie peinlich! Sie durfte ihn keineswegs in diesem Zustand sehen.
Sie lächelte ihn freundlich an. „Kommen Sie, Herr Krupka. Nun machen Sie schon auf. Ich weiß doch, dass Sie da sind.“
Während er sie noch unschlüssig anstarrte, verwandelte sich ihr Körper in ein schlankes Insekt mit Fühlern, die vor seinen Augen hin und her baumelten.
„Herr Krupka! Bitte!“
Er konnte sich dem Klang dieser sirenenartigen Stimme nicht entziehen und öffnete die Tür in der Erwartung, dass er augenblicklich in Ohnmacht fallen würde.
„Haben Sie nun auch gemerkt, dass Sie eine ‚tettigonia viridissima’ sind?“
„Eine was?“
„Sie können es auch grünes Heupferd nennen, eine Heuschreckenart, wenn Ihnen das lieber ist, Ottfried. Ich darf doch Ottfried zu Ihnen sagen.“
„Ja, natürlich“, stammelte er. War sie jetzt auch total verrückt geworden? Hatte er sie vielleicht in der Kantine angesteckt?
„Ich bin ein Mensch und kein Insekt!“, protestierte er energisch.
„Wer wird denn so phantasielos sein. Typisch Mann!“ Sie schaute ihn nachsichtig an. Dann fuhr sie fort.
„Die Menschen träumen nachts meist wirres Zeug, an das sie sich tagsüber nicht mehr erinnern können. Sie aber wissen jetzt, dass sie eine ‚tettigonia viridissima’ sind genau wie ich. Wir haben zwei Leben, Ottfried. Seien Sie tagsüber wieder ganz Mensch! Kommen Sie Ihren gewohnten Verpflichtungen nach, aber lassen Sie die Nacht zu unserem süßen Geheimnis werden.“

Er spürte, wie sie ihre vier Arme um seinen Körper schlang, sich eng an ihn schmiegte
und ihn Huckepack nahm. Von Minute zu Minute fühlte er sich schwereloser. Sein Herz hüpfte vor Glück. Sein Körper tat es ihm gleich und gemeinsam setzten sie zum Sprung an.
„Ich heiße Luisa“, zirpte sie in sein Ohr.




2. Fassung

Letzte Aktualisierung: 11.11.2013 - 21.27 Uhr
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