Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Metamorphose | November 2013
Rhody Byran erzählt: Piano Décadence
von Gerhard Fritsch

Schon in den Überlieferungen der ältesten Weisen der Menschheit steht geschrieben, dass Nichts von Nichts kommt, oder, anders gesagt, von Nichts Nichts kommt.
Die Erdenbewohner der späteren Jahrtausende vergaßen die universelle Bedeutung dieser Sätze und zitierten sie höchstens, um in aufgesetzter Spaßigkeit hervorzuheben, dass nur die eigene Anstrengung zum Erfolg führt. Insbesondere die technischen Erfindungen revolutionierten alle ökonomischen und gesellschaftlichen Bereiche des menschlichen Lebens und schienen diesem Prinzip Recht zu geben.
Doch der Mensch selbst blieb immer das oberste Glied in der Kette des Fortschritts – mit all seinen Nachteilen, angefangen von sozialem Gefälle, Neid, Diebstahl, Spionage bis hin zum Krieg zwischen den Völkern. Der Mensch – oder besser gesagt: der Erdenbewohner – war von Anfang an Herr über die Maschine, konstruierte, produzierte und programmierte sie bis ins letzte Detail und immer zu seinem Nutzen. Gerne hätte der Mensch sich als Gott gesehen, aber im Gegensatz zu diesem hat er der Maschine, die er nach seinem Ebenbild erschuf, eine wichtige Eigenschaft vorenthalten, nämlich die Fähigkeit, sich selbst zu reproduzieren. Damit ist nicht etwa gemeint, dass Roboter nach vorgegebenen Konstruktionsplänen ihresgleichen zusammenschweißen könnten, denn soweit sind wir auf der Erde schon lange. Dass es aber durchaus auch andere Möglichkeiten der Mensch-Maschine-Beziehung unter Berücksichtigung des Selbstbestimmungsrechts beider Seiten gibt, konnte ich auf Piano am eigenen Leib erleben.
Piano liegt etwa 2000 Lichtjahre von der Erde entfernt, ungefähr dort, wo sich der Stachel des Skorpions befindet. Der Planet wurde bereits vor 500 Jahren besiedelt, geriet aber in Vergessenheit, weil sich aufgrund einer Sternenexplosion in diesem Segment der Milchstraße die Koordinaten exorbitant verschoben hatten, weshalb eine Ansteuerung dieser Kolonie nicht mehr möglich war. Jüngst aber wurde Piano wiederentdeckt, und ich bekam den Auftrag, die eingefrorenen Handelsbeziehungen wieder herzustellen.
Das Empfangskomitee bestand ausschließlich aus Robotern mit vier Beinen und sechs Greifern, die unterschiedlich instrumentalisiert waren. Der Meinungsaustausch mit unseren Androiden erfolgte mittels eines für Menschen unverständlichen akustischen Datentransfers und dauerte nur wenige Sekunden. Fragen von mir wiesen die Gastgeber erst einmal freundlich zurück, und zwar in akzentfreier Sprache, die sie in der kurzen Zeit wahrscheinlich von unseren Robotern gelernt hatten. Wir wurden in die Stadt gebracht, einquartiert und mit allem erdenkbaren Luxus eingedeckt. Auffällig war, dass sämtliche Servicearbeiten von diesen multifunktionalen Robotern ausgeführt wurden. Taxifahrer, Portiers, Küchen- und Reinigungspersonal, Bedienungen in allen Bereichen, überall nur diese an Insekten erinnernden Maschinen, die nicht nur schnell, sondern auch überaus zuvorkommend alle unsere Wünsche erfüllten. Es fehlte uns an nichts, man hätte sich direkt daran gewöhnen können.
Die Verständigung mit den Nachkommen der irdischen Zivilisatoren gestaltete sich sehr viel schwieriger. Ihre Sprache ähnelte nur noch entfernt der unseren, so dass wir mit elektronischen Übersetzungshilfen arbeiten mussten. Man kann es nicht leugnen: die Menschen auf Piano leben in Wohlstand und Überfluss. Überall trifft man auf Zeitgenossen, die sich in Müßiggang ergehen, wenn sie nicht gerade mit Essen oder Schlafen beschäftigt sind. Sie werden von den vierbeinigen Robotern auf Schritt und Tritt mit allem versorgt, was ihr Herz begehrt. Es nimmt nicht Wunder, dass nahezu alle Individuen dickleibig sind und sich in absoluter Bequemlichkeit laben. Körperliche Tätigkeiten sind ihnen fremd geworden, nicht einmal Einkäufe müssen sie selbst erledigen. Ihr Kühlschrank meldet automatisch, welche Lebensmittel zu Ende gehen, und für weitere Wünsche genügt es, wenn sie von zu Hause aus im virtuellen Kaufhaus herumstöbern und nur laut aussprechen, was sie begehren. Alles wird dann prompt angeliefert und sogar noch richtig verstaut. Ich habe keinen einzigen Menschen angetroffen, der irgendeiner produktiven oder wenigstens halbwegs sinnvollen Tätigkeit nachgeht. Alles wird von selbstständig agierenden Maschinen erledigt.
Wie wir bald merkten, erstreckte sich diese allgegenwärtige Fürsorge auch auf uns, beziehungsweise besser gesagt: auf die Humanoiden aus Fleisch und Blut in unserem Team.
Nach drei Tagen auf Piano hatte ich noch kein Gespräch mit administrativem Charakter führen können, mit wem auch immer. Die menschlichen Bewohner fühlten sich für nichts zuständig, und die Roboter schienen uns nicht für voll zu nehmen. Wichtige Dinge besprachen sie ausschließlich mit unseren Androiden. Doch wie hatte es soweit kommen können? Wie hatte sich eine Gesellschaftsform entwickeln können, in der die Menschen zu lethargischen, interesse- und antriebslos dahinvegetierenden Geschöpfen herabgekommen sind, und techno-positronische Konstruktionen alle Bereiche des öffentlichen Lebens bis hin zu den obersten Führungsebenen kontrollieren?
Vor der Stadt befand sich ein gut bewachter Schrottplatz für ausgediente Maschinen, Computer, Bildschirme und dergleichen. Und natürlich wurden dort auch jede Menge nicht mehr brauchbarer Roboter abgeladen. Der Zutritt war für Menschen strengstens verboten. Einer unserer Androiden aber, den man zu einer Besichtigungstour eingeladen hatte, brachte heimlich gedrehte Filmaufnahmen mit, die uns in höchstes Erstaunen versetzten. In und auf diesen Schrotthalden liefen Vorgänge ab, die mit den rationalen Denkweisen von uns Erdenbewohnern nicht mehr erklärbar sind. Der ganze Trümmerhaufen war in ständiger Bewegung, Teile davon wurden in die Höhe geschleudert, andere wiederum in den Untergrund hinabgezogen. Funken sprühten und ätzende Dämpfe lagen in der Luft. Gebilde, die aussahen wie überdimensionierte Maden wühlten in diesem Geröll herum, fraßen sich förmlich durch die Massen an Elektronikschrott. Und manche dieser Maden, die eine zeitlang in unbeweglicher Starre ausgehalten hatten, begannen plötzlich aufzubrechen und metallene Beine und Fühler herauszustrecken. Zehn Minuten später hatte sich ein komplett neuer, ausgewachsener Roboter aus der Puppenhülle geschält und war zum Büro des Lagerplatzes gelaufen, wo er anscheinend sein Einsatzgebiet erfragte. Der zu unserem Team gehörende Androide hatte sich selbstverständlich auch ein wenig über die Hintergründe, Entwicklungen und Details dieser absolut unerklärlichen Vorgänge Schlau gemacht. Seiner Einschätzung der Dinge nach waren die ersten Einwanderer sehr versierte Computerspezialisten, deren Bestreben es war, möglichst perfekte und universell einsetzbare Roboter herzustellen, die der zahlenmäßig noch geringen Bevölkerung möglichst viel Arbeit abnehmen sollten. Anders als die Menschen auf der Erde legten sie dabei weniger Wert auf das Aussehen als vielmehr auf Funktionalität und selbstständige Entscheidungsfindung. In einem nächsten Schritt machten sie sich Gedanken über die eigenständige Reproduktion ihrer mechanischen Mitbewohner. Nachdem die Elektronengehirne mit allen Informationen gefüttert worden waren, die – egal woher, was betreffend oder wie alt – aufgetrieben werden konnten, fanden die Roboter selbst Antwort darauf. Alles Leben ist global gesehen ein immerwährendes Perpetuum Mobile. Sterbende Pflanzen sind Nahrung für neue und so weiter. Von Nichts kommt nichts, sagten sie sich und programmierten ihre eigene Spezies nach diesem Prinzip. Sie mussten sterben, damit daraus neue Artgenossen entstehen konnten. Die Roboter begeben sich am Ende ihrer Lebenszeit, die an einem Fortschrittbalken ihres Kopfes angezeigt wird, zu der Halde und legen dort einen Wurm ab. Unmittelbar danach verenden sie. Der Wurm, der eher Ähnlichkeit mit einer Made hat, ernährt sich von dem Schrott und nimmt alle Informationen auf, die er findet. Nach einem Jahr etwa verpuppt er sich und schlüpft danach wie gesehen als fertiger Roboter.
Schon nach wenigen Generationen erkannten die Menschen auf Piano, dass weder ihre körperliche noch ihre geistige Arbeitskraft benötigt wurde und sie sich auf andere, persönliche Bedürfnisse konzentrieren konnten. Aus unserer Sicht mag das absurd erscheinen, für die Pianoaner aber bedeutet es ein Leben in absoluter Zufriedenheit.

Ich unternahm noch einen Versuch, unsere Abreise kund zu tun und mich offiziell von unseren Gastgebern zu verabschieden, was jedoch ignoriert wurde. Ich musste dieses Ansinnen meinen androiden Assistenten überlassen, denen alsdann ein bewegender Abschied mit der Bitte um Wiederkehr bereitet wurde.

Letzte Aktualisierung: 07.11.2013 - 16.58 Uhr
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