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Metamorphose | November 2013
Es war die Herbstzeitlose, nicht der Krokus
von Thea Derado

„Himmel, Arsch und Wolkenbruch“, dröhnte es aus dem Schlafzimmer. Ina keifte aus der Küche zurück, wohl wissend, dass sie gar nicht gemeint war. Udo fluchte ständig. Bei seinen Wutausbrüchen krampfte sich ihr Magen zusammen. Ihr Gehirn schaltete auf Panik und Abwehrgeschrei.
Den Lustteil der Ehe hatte Udo schon vor Jahren aufgekündigt. Seitdem nannte er sie „Mamina“!
Es war zum Davonlaufen!!
Wenigstens für eine Weile raus aus dem emotionalen Brachland ihrer Ehe!

Bald bot sich die Chance, wenn auch nur virtuell. Aufgespürt im Internet, meldete sich Hans per E-Mail. Vor 60 Jahren hatte sie ihn zuletzt gesehen, als sie 16 Lenze jung war.
Ina lachte laut auf, als sie las: „Ich habe dich als sehr hübsches und munteres Mädchen in Erinnerung. Mit meinen 17 Jahren gehörtest du zu meinen engsten Heiratskandidatinnen! Leider hat dein Wegzug verhindert, dass es hätte ernst werden können. Hoffentlich stellt sich bei dir nun wohliges Erschauern ein.“
Kein Erschauern, doch ein heiteres Dauergrinsen. Das war er, der ersehnte Frühlingsstrahl!
Da sie rasch antwortete, folgte tagtäglich Post von ihm, Fotos im Anhang. Eines von damals hatte Hans eingescannt: Auf der Heimfahrt von einem Sportwettkampf, spät abends in einem Kleinbus, kuschelte sie schlafend an seiner Brust. Ihr Trainer hatte es wohl geknipst. Gut hat Hans ausgesehen! Auch noch auf Aufnahmen mit 30 und 60. Er versuchte, ihre Sympathien auf den Großvater Hans zu übertragen. Sie tauschten Fotos ihrer Kinder und Enkel aus.
Wie seit langem nicht mehr schallte Inas Lachen und Trällern durchs Haus.

Immer wieder bedauerte Hans, dass sie mit 17 noch so schüchtern waren. „Wozu soll das gut gewesen sein? - Zu spät, um von vorn anzufangen! Warum bist du damals von hier weggezogen? Wie wäre es gewesen, wenn … ? Dabei weiß ich nicht mal, ob du auch anschmiegsam, zärtlich, romantisch und gefühlvoll sein kannst? Ich gehe einfach mal davon aus, dass du auch genießen und zuhören kannst. Es interessiert mich, wie du dich heute anfühlst. Das würde ich jetzt gern probieren.“
Ina genoss alles: die täglich länger werdenden Briefe, die Komplimente, und auch die sich steigernde erotische Erregung. Sie hatte angenommen, die wäre in ihrem Alter längst eingefroren. Doch nun: welch ein Geschenk des Schicksals! Freudig nahm sie es an.
Sie fühlte sich verliebt wie ein Backfisch und genoss die lustig flatternden Schmetterlinge im Bauch. Und das als vierfache Großmutter! Sie bezweifelte, dass solche Anwandlungen für eine alte Dame schicklich wären.
Hans konterte: „Ich bestreite das ganz energisch! Was heißt hier übrigens alte Dame? Was ist denn für die schicklich? Ab wann ist was verboten? Und wenn ja, real oder in Gedanken?“
Doch sie diskutierten auch über Bücher, die sie gerade lasen, über anregende Fernsehdiskussionen. Hans meinte, sie solle wissen, was für ihn interessant ist.
Ina druckte seine angefügten Artikel aus und gab sie auch Udo zu lesen.
Bei den von Hans häufig angehängten Musikstücken, die ihm besonders viel bedeuten, fühlte sie sich ihm besonders nah und verbunden. Viele davon hatte sie in ihrer Plattensammlung. Nun aber konnte sie am PC „seine“ Melodien genießen, durch Kopfhörer abgeschirmt von der Umgebung. Über die Musik erhielt Hans Zugang zu ihrem Gemüt.
Die aufkeimenden Gefühle waren anders, stärker als alle Flirts der vergangenen Jahrzehnte.
Hans baggerte weiter: „Ich weiß ziemlich wenig über dich. Vor allem habe ich keine Ahnung, wo deine Lieblingsstreichelstellen sind und was du liebst und wie du liebst!“
„Ich wünsche dir eine günstige Gelegenheit, das selbst herauszufinden.“
Würde die sich je ergeben? Inas Träume und Phantasien waren viel weiter erblüht, als sie zugeben mochte. Vorm Einschlafen dachte sie an seine Hände, an seine Lippen. Aber das eingestehen?
„Wenn man darüber zu sehr erschrickt, fehlt ein Stück Vertrauen in den Anderen, ob der denn damit richtig umgehen kann. Aber nicht nur mit 17 darf man noch träumen!
Solltest du nicht deiner Heimatstadt bald mal einen Besuch abstatten und dabei paar Stunden abzwacken, um die Träume zu leben?
Dass sich ein Mensch mit der Zeit mehr oder weniger stark verändert, ist selbstverständlich. Von einer Romeo-und-Julia-Situation auszugehen, ist sicher abwegig. Jedoch ein ganz klein bisschen so wäre sehr reizvoll. Durch unseren Austausch haben wir ja schon eine gewisse Vorstellung, wie wir heute ticken. Mir ist klar, dass das durch Erinnerung, Wunschdenken und Phantasie verfärbt sein kann.“
Die elektronischen Briefe wurden direkter, drängender, zielten auf eine Begegnung.
„In meinen sehr positiven Erinnerungen an dich ist eine große Sehnsucht eingebettet gewesen, die nun wieder wach geworden ist. Ich habe mich gefragt, ob ich mich altersgerecht verhalte. Mein kritisches Ich hat das verneint. Es meinte, ich könnte mich für schöne Bilder, Bauwerke, Landschaften, herausragend interpretierte Musik u. ä. begeistern, aber nicht für eine heimliche und erfolglose Jugendliebe! Und da habe ich mein kritisches Ich gefragt, ob das denn nicht ein klares Zeichen von Leben sei. Da musste es das bejahen. Ich fand mich dadurch erneut ermuntert!
Und das wirkt sehr verjüngend und damit lebensverlängernd, und somit ist es sehr gut!“
Schließlich fragte Hans: „Ob du mit mir durchbrennen könntest?“ Durchbrennen sei beinahe das Ende der nach oben offenen Richter-Skala. Tatsächliche Erdbeben lägen in der Regel zwischen den Extremen.

Endlich war es organisiert, das „Treffen mit früheren Kammeraden des ehemaligen Sportvereins“ in Inas Heimatstadt. Essen für die zwei, drei Tage hatte sie für Udo vorgekocht. In der Mikrowelle aufwärmen, das schaffte er schon alleine!
„Da triffst du auch deinen Hans?“
„Das ist nicht „meiner“!“, wiegelte sie ab. „Ja, ich werde ihn treffen.“ Dabei konnte sie sich wieder ihr Grinsen nicht verkneifen.
Als Udo bekannte, er sei traurig, nahm sie ihn in die Arme und versicherte, seine ‚Mamina‘ würde sie ja für ihn immer bleiben. Er möge ihr doch den kleinen Ausflug, das bisschen Vergnügen gönnen. Er würde ihr so gut tun.
Die Vorfreude ließ sie noch mehr strahlen.

Als ihr Zug einfuhr, sah sie ihn auf dem Bahnsteig warten.
Wie albern, so verliebt zu sein! Sie vergaß rasch, wie alt sie war.
Das Gefühl, heimgekommen zu sein, umfing sie, als sie die vertrauten Schwingungen des behaglichen Dialektes nach so langer Zeit vernahm. Wörter, die es nur hier gab, Mentalität, Reaktionen.
Sie hätte jubeln mögen und fühlte sich leicht abgehoben und im Auflösungszustand.
Hans brachte sie zu ihrem Hotel.

„Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden!“, jubelte sie, als sie ins Bad ging.
„Sing du ruhig, ich liebe dich“, war seine Antwort.

Als sie am dritten Tag wieder daheim war, schwebte sie noch immer.
Doch auch Udo hatte sich verändert. Er fluchte kaum noch, und wenn, dann sehr dezent. Ihm war bewusst geworden, dass es wohl gar nicht so selbstverständlich war, von einer Frau wie Ina tagtäglich umsorgt zu werden, wenn er doch immer nur knurrte.
Ohne sie wäre er aufgeschmissen. Aus dieser Erkenntnis war Dankbarkeit erwachsen. Er konnte ihr auch seine Zuneigung wieder zeigen.
Udo war plötzlich mild geworden.

Von Hans kam digital eine rote Rose und wunderbare Zeilen.
„Es war endlich Zeit, dich ganz und gar zu spüren. Kannst du dir vorstellen, dass du mir fehlst?
Unsere Begegnung hat alles übertroffen, was ich insgeheim erwartet hatte. Ob es die Haptik, die Gespräche, unser Kneipenbesuch, der Fahrradausflug oder das Treffen mit alten Freunden waren, alles war ein überwältigendes Erlebnis! Überrascht hat mich, dass wir bei jeder Gelegenheit ein außerordentlich vertrautes Verhältnis zueinander fanden, so als könnten wir über alles reden.
Für mich ergibt sich:
Mein Bauchgefühl hat bereits vor 60 Jahren hervorragend funktioniert.
Unsere Begegnung war viel zu kurz und überhaupt nicht intensiv genug.
Ich möchte dich viel lieber direkt hören als von dir lesen.
Ich hatte das Gefühl, dass du sehr fürsorglich sein kannst.
Ich möchte dich noch öfter ganz schwach erleben, wo du nur an dich denkst und alles um dich herum vergisst.
Offensichtlich war ich zu lange vernünftig und jetzt möglicherweise für dich zu unvernünftig.
Aber lieb hab ich dich ganz vernünftig. Dein Hans“

Als total widersinnig empfand Ina dann einen seiner nächsten Briefe.
Dazwischen hatten Familienurlaube und ein Todesfall in Hans‘ Familie gelegen. Dennoch:
„Erzwungene Pausen, Erlebnisse und Schicksalsschläge führen zu Nachdenken und Resümees über eigenes Verhalten.
Mir ist klar geworden, dass der Wunsch nach einer Begegnung mit dir auf einer uralten Erinnerung basiert, die ein Zufall aktualisierte, und auf der Illusion, etwas nachholen zu wollen und zu können.
Mir ist auch klar geworden, dass das nicht möglich ist. Eine ganze Zeit lang hab ich mir das schön geredet. Aber Erinnerungen sowie Wunschvorstellungen einerseits und Tatsachen sowie Erlebnisse andererseits sind doch sehr verschieden.
Es ist eine wichtige und interessante Erfahrung, die ich gemacht habe. Ich meine, dass wir auch ganz gut wie die vergangenen 60 Jahre unabhängig voneinander den Rest leben können.“
So schrieb Hans nach den Ferien.

Verstehe einer die Männer!!! Ina kann es nicht nachvollziehen. Seine wahren Gründe für diese Wende wird sie wohl nie erfahren.
War doch in den wenigen Monaten jenseits aller Senioren-Erotik auch eine solide Freundschaft gewachsen.
Na klar tut es weh!
Aber: Eine Großmutter mit Liebeskummer?! Ist doch lächerlich!
Nein, sie will sich nicht runterziehen lassen!
Seine Musik auf den Ohren, so eine, bei der man ein wenig sterben möchte, bei einem Glas Cognac trägt der Aufwind noch über die Holpersteine der neuen Nüchternheit.
Sie wird ihre Träume pflegen, damit sie nicht so rasch von der Realität zerstört werden können!

Auch das ist Glück, ist Göttergabe:
Aus ein paar sonnenhellen Tagen
Sich so viel Licht ins Herz zu tragen;
Dass, wenn der Sommer längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht!
(frei nach Goethe)

Letzte Aktualisierung: 01.11.2013 - 13.07 Uhr
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