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Metamorphose | November 2013
Ungewollt kam ich zur Welt
von Monika Heil

Viele Jahre stand ich festgewurzelt am Rand der Lichtung. Und viele Jahre hätte ich es dort noch aushalten können. Doch es kam anders.

Ungewollt kam ich zur Welt. Niemand hat es bemerkt. Nur meine Mutter. Die stand neben mir. Unverrückbar, dunkel. Schweigsam breitete sie ihre Äste aus. Sie meinte es gut, glaube ich. Doch sie tat mir nicht gut. Die Sonne kam nicht an mich heran. Mir fehlte die Kraft zu wachsen. Zu trocken war der Boden. Organisch ausgelaugt, sagen die Menschen. Kam wirklich einmal Regen bis zu meinen viel zu schwachen Wurzeln, ätzte er meine Nervenbahnen.

Niemand beachtete mich. Die Ameisen nicht, die Karawanen gleich an mir vorbeizogen und dabei alles aufsammelten, was sie gebrauchen konnten. Die krabbelnden Käfer nicht, die unermüdlich den Boden zu kultivieren versuchten. Vergeblich. Die unendlich langsamen Schnecken nicht, die ihre schmierigen Schleimspuren hinterließen. Lediglich ein roter Fliegenpilz brachte ein wenig Farbe in mein Leben, bis die Kinder kamen. Lärmend, mit rohen zerstörerischen Füßen und Händen brachten sie ihm einen sinnlosen Tod. Johlend zogen sie weiter.

Irgendwann holten Waldarbeiter meine Mutter. Ich hörte ihre Schreie. Obwohl sie von dem Kreischen der Motorsäge übertönt wurden, hörte ich sie. Sie gingen mir durch Stamm und Nadel.
Es schmerzte, aber dadurch erreichte die Sonne endlich mein kleines unscheinbares Dasein und gab mir Kraft. Ich lebte auf. Ich wuchs. Ich strebte dem Himmel entgegen. Im Mai wurden meine Spitzen grün und schoben meine Äste in die Länge. Ich atmete das Leben.

Die Jahre zogen vorüber. Ich wurde groß und stark und schlank und schön.
„Sie ist von gleichmäßigem Wuchs“, sagte der junge Mann.
„Du hast Recht“, bestätigte die hübsche Frau. „Morgen werden wir sie schlagen“, sagte sie dann. Sie küssten sich und gingen wieder fort.

Ich blieb zurück und zitterte, wie die alte Pappel drüben am Weg. Ich hatte keine Ahnung, was die jungen Leute vorhatten. Es klang nicht gut. Nein, das klang gar nicht gut. Angstvoll versuchte ich etwas Ähnliches wie ein Gebet. „So viele Jahre stehe ich hier, bin groß und gut gewachsen und habe keine Ahnung, womit sie mich schlagen werden. Ihr Waldgeister steht mir bei!“

Es gibt keine Waldgeister. Also gab es auch kein Entrinnen. In der Dämmerung kamen sie durch den weißglitzernden Schnee gestapft, eng umschlungen, lachend, fröhlich. Die Axt blitzte im letzten Sonnenlicht des Tages. Und dann schlugen sie mich, schleiften mich durch den Wald. Meine Äste und Nadeln ächzten und stöhnten um Erbarmen. Niemand schien mich zu hören.

Wie lange lag ich an der dunklen Hauswand? Ich erinnere mich nicht mehr. Mir war jedes Gefühl für Zeit und Raum abhanden gekommen. Ich hatte mich verloren. Ich wollte sterben. Oder war ich schon tot? Gibt es einen Himmel für Bäume?

Ja, es gibt einen. Nach langen einsamen kalten Nächten wurde ich ins Haus gebracht und wieder auf meinen Stamm gestellt. Allein konnte ich nicht stehen. Mit Schrauben, die mir durch und durch gingen, hielten sie mich aufrecht. Wärme drang durch meine Nadeln, taute mein Innerstes auf. Endlich konnte ich wieder wahrnehmen, was um mich herum geschah.
„Das ist der schönste Baum, den wir je hatten“, sagte der junge Mann und hängte bunte Kugeln an meine Zweige. Die hübsche Frau kitzelte mich mit silbernen Kerzenhaltern. Sie warfen metallisch-glänzendes Lametta über die Äste. Arm in Arm standen sie schließlich vor mir und strahlten mich an.

Dann kamen die Kinder und die Alten. Die Kinder jubelten, die Alten hielten sich stumm an den Händen. Und dann sangen sie alle miteinander. Es wurde eine wundersame, heilige Nacht.

Zehn Tage später waren meine Nadeln stumpf und braun. Mein Stamm konnte vor Austrocknung nicht mehr atmen. Ich schrie um Hilfe. Niemand hörte mich. Ich starb am Tag darauf. Die Kinder sah ich nie wieder. Den jungen Mann und die hübsche Frau noch einmal. Sie wärmten sich die Hände am Kamin. Mit einem letzten Knistern verabschiedete ich mich.
Version 3

Letzte Aktualisierung: 25.11.2013 - 18.56 Uhr
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