Ganz schön bissig ...
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Metamorphose | November 2013
San Salvatore di Maiale
von Sylvia Schöningh-Taylor

Ich bin berühmt geworden, ohne dass ich etwas dafür tun musste, außer sterben. Ich ging nichtsahnend die Via Trianale in der Altstadt Neapels hinunter, als mir plötzlich eine Sau auf den Kopf fiel und mich zu Boden streckte. Ich war sofort tot. Und damit begann mein Ruhm. Sie müssen nämlich wissen, dass ich mein Leben lang ein erfolgloser Schriftsteller war. Eine Kurzgeschichte im Corriere della Sera und eine pseudowissenschaftliche Abhandlung über die Vorliebe von Cakerlacus Orientale für Folianten des 16.Jahrhunderts, die im Führer des Museums des alten italienischen Buches abgedruckt wurde – das waren die einzigen Veröffentlichungen zu meinen Lebzeiten.

Jetzt aber, seit das Schwein mich niedergestreckt hatte, erfuhr mein unbedeutendes Leben nachträglichen Ruhm. Das Schwein war vom Balkon im 6.Stock gefallen, wo es eigentlich geschlachtet werden sollte. Nur war die morsche Balustrade dem sich in Todesangst sträubenden Tier nicht gewachsen, sie gab nach und die Sau fiel mir eben auf den Kopf. Das Tier wog hundert Kilo und ich, Salvatore, wiege knapp die Hälfte. Wir Gregoris sind alle zierlich. Der Corriere della Sera griff die Sache sofort auf und am nächsten Tag waren mein Bild und das der Sau auf der Titelseite. Das Foto, das sie von mir verwendeten, stammte aus der Fotoschachtel meiner Schwester Tiziana und ich sehe darauf wirklich phantastisch aus. Das war nämlich lange bevor Marco, dieser Hund, mir die Vorderzähne ausgeschlagen hatte. Die Sau sah dagegen etwas zermatscht aus. Die Überschrift des Leitartikels lautete: SPRICHT GOTT SEIN URTEIL DURCH EIN SCHWEIN?

Am übernächsten Tag war die Stelle, an der das Schwein mich erschlagen hatte, von einem Meer von Blumen und kleinen Andachtslichtchen übersäht. Der Verkehr musste umgeleitet werden. An den Sträußen steckten Zettel mit Fürbitten wie IN DEMUT UND REUE BEKENNE ICH MEINE SÜNDEN. Oder: WIR DANKEN DIR, DIO, DASS DU UNS GEWARNT HAST. Die meisten aber richteten sich an mich, Salvatore: GRAZIE, SALVATORE, DASS DU FÜR UNS GESTORBEN BIST!
Am nächsten Sonntag machte der Pfarrer von San Vicente meinen Schweinetod zum Gegenstand seiner Predigt. Gott habe der Gemeinde von Testaccio ein Zeichen geben wollen. Das Schwein als Sinnbild der Schweinerei in dieser gottlosen Welt sei nicht umsonst auf den Sünder Salvatore gefallen. Er sei der Retter in einer Welt der Völlerei und des Glaubenszweifels. Und so wurden Fürbitten für mich in die Gebete des Rosenkranzes eingebaut und vom Papst abgesegnet. Jeden Sonntag ließ der Küster von San Vicente, von dem ich weiß, dass er meistens die Kollekte versäuft, den Klingelbeutel herumgehen, um Geld für einen Schrein zum Heiligen Salvatore zu sammeln. Und es war das erste Mal, dass der Küster die Kollekte nicht anrührte.

Seit zwei Monaten steht nun schon mein entzückender Gebetschrein an genau der Stelle, wo mich die Sau niedergestreckt hat. Er ist ganz aus weißem Marmor und hat sogar ein goldenes Gittertürchen, welches Don Paese, der Camorraboss von Testaccio, gespendet hat. Hinter dem goldenen Türchen steht stets eine brennende Kerze, um die sich meine Schwester Tiziana kümmert. Die Kerze bescheint nämlich mich, Salvatore, die Sau im Arm, und sehnsuchtsvoll zum Himmel schauend. Der Fotograf hat das alte Foto meiner Schwester aufgepeppt, Fotoshop macht’s möglich. Mein Haar ist jetzt herrlich voll, so wie ich es mir immer gewünscht habe, und meine Lippen sind blutrot. Meine Wangen sind rosa wie ein Schweinebaby und mein Schnauzbärtchen ist verschwunden. Das Schwein, dass ich mit beiden Armen umfangen halte, ist nicht dasselbe, das mich zu Tode brachte. Vielmehr ist es ein Ökoschwein von der grünen Kooperative Testaccio mit einem winzigen Sticker von denen im Ohr. Es ist schlank und rank, und es sieht in meinen Armen wirklich köstlich aus.

Ich muss sagen, ich bin sehr zufrieden mit meinem posthumen Ruhm als SAN SALVATORE DI MAIALE!




Sylvia Schöningh-Taylor

Letzte Aktualisierung: 24.11.2013 - 19.05 Uhr
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