Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Metamorphose | November 2013
Dämon
von Martina Lange

Margret strich über die Kopie. Unvollkommene Ablichtungen der originalen Handschrift, und dennoch versank Wort für Wort das Jetzt, und die Vergangenheit stieg aus dem Dunkel des Vergessens mit brüchiger Stimme zu ihr auf. Prior Johannes von St. Urban. Nur Margret vernahm das leise Kratzen seiner Feder auf dem Pergament, während sie die narbige Rinde der uralten zweistämmigen Linde im Rücken und das wettergegerbte Holz der Bank unter sich spürte. Sie zog bedachtsam die Füße hoch. Wie aus weiter Ferne hörte sie den Hall verblasster Stimmen und das Lachen von Thiadulf und Bardo, sah ihre Schatten zum Wald hinüberlaufen, durch die Senke zur Mühle. Zwei Freunde auf dem Weg zum Fischen. Zum Eisstechen.
Aus den fahlen Kaminen der Vogtei Haddenhausen stieg Rauch in den frostigen Himmel, bevor alles begann und schließlich nichts mehr so war wie zuvor.


"...aus der Entfernung der vergangenen Jahre betrachtet, kann ich ruhig die Feder führen. Und doch zittert mir das Herz, wenn die Bilder jener Ereignisse wieder aufsteigen. Deshalb schreibe ich sie hier nieder, wo alles seinen Ursprung hatte, damit andere, die mir nachfolgen, eines fernen, gesegneten Tages in der Lage sein mögen, zu verstehen und zu vernichten. Allein, fehlt mir die Kraft ... "

Im Jahre des Herrn 1406 übernahm der Winter früh sein strenges Regiment. Thiadulf und Bardo, bewaffnet mit langen Stangen und einer Axt, waren auf dem Weg zur Mühle. Der Wald, erstarrt im glitzernden Reif der frühen Sonne, die sich rot glühend durch die dichte Wolkendecke zwängte, schien verlassen. Voller Tatendrang schritten die Knaben auf dem gewohnten Pfad am Bach entlang, durch die Senke und den nahen Wald.
Schon von Weitem bemerkten sie die ungewohnte Stille, die über dem Haus und Wasser lag.
Der Atem floh ihnen weiß von den Mündern, als sie endlich die Mühle erreichten. Die Eisdecke hatte sich über dem Weiher geschlossen und auch die Schleuse für den Zulauf versperrt. Kein Mühlbursche schlug das Eis fort, keine Stimme drang aus dem Haus und das Mühlrad stand im wachsenden Eis.
"Ich sage dir, hier stimmt etwas nicht. Wo sind denn nur alle?" Bardo sah sich verwundert um. Er war schmal und gut einen Kopf kleiner als Ulf, obwohl sie gleich alt waren. Seine wachen grünen Augen musterten die Umgebung eindringlich.
Ulf zuckte, ebenso ratlos wie Bardo, mit den Schultern. "Vielleicht sind sie überfallen worden?" Räuberbanden zogen immer wieder durch die Wälder. Sein Freund bedachte das Gebäude mit einem nachdenklichen Blick. "Gut, lass uns heranschleichen und durch die Fenster sehen. Dann können wir unbemerkt Hilfe holen, wenn es notwendig sein muss."
Ulf nickte zustimmend. Er legte seine Stange unter dichtem Ufergras ab, zog die Axt aus dem Gürtel und legte sie daneben. Bardo folgte seinem Beispiel. Geduckt schlichen die Jungen bis unter das erste Fenster und lugten vorsichtig in die Kammer. Die Mahlgänge waren unberührt und zwischen den Säcken bewegte sich nur staubige Dunkelheit. Bardo schüttelte den Kopf und sie schlichen zum nächsten Fenster und weiter zum übernächsten. So umrundeten sie die Mühle und ringsum bot sich ihnen dasselbe Bild. Die Mühle war verlassen.

Gerade als Ulf sich aufrichten wollte, ertönte aus dem Innern ein gequälter Laut. Sie befanden sich direkt neben der Kammer des Müllers und Bardo riss seinen Freund zurück. Erschrocken atmeten sie schwer und lauschten, ob sich der unheimliche Laut wiederholen würde, aber alles blieb ruhig. Ganz langsam schob sich Bardo unter das Fenster und spähte hinein.
Im Alkoven, der dämmrigen Kammer, lag ein Mann ausgestreckt und wand sich offenbar in heftigen Schmerzen. Auf Bardos Gesicht lösten sich Erleichterung und Sorge im fliegenden Wechsel ab, als er hineindeutete.
"Da liegt Hans, wir müssen ihm ..." Bardos Stimme erstarb und Ulf zwängte sich neben ihn, um zu sehen, wieso seinem Freund die Stimme versagt haben mochte.
Nahe bei der Schlafstätte löste sich ein Schatten. Offenbar hatte die Gestalt bewegungslos auf dem Schemel gesessen, so dass seine Anwesenheit Bardo zunächst entgangen war. Langsam löste er seine Hand vom Müller, richtete sich auf und sah die beiden Knaben geradewegs an.
Bardo wich zurück und presste die Lippen zusammen, während Ulf keuchte. Das Gesicht des Fremden war bleich und ausgemergelt. Die Nase und die Wangenknochen traten deutlich hervor. Über den Knochen spannte sich die Haut und leuchtete wächsern in der Dunkelheit. Beinah schien es den Freunden, als schwebte das Antlitz körperlos über dem lebendigen Umhang dahin und starrte durchdringend bis auf den Grund ihrer Seelen.
Entsetzt wichen die Freunde zurück und stolperten hastig davon. Ihre Stangen und die Axt ließen sie zurück. Schon war der Fremde hinter ihnen und rief sie an, aber sie drehten sich nicht um. Schritte kamen näher, keuchender Atem fuhr ihnen in den Nacken. Seine langen dürren Finger griffen unbarmherzig nach ihren Gewändern.
Das Ufer des Weihers war nah und der Boden rutschig. Ulf riss sich mit Gewalt los, stolperte rücklings auf das Eis und fiel. Unter ihm barst die dünne Decke und er versank im Wasser. Entsetzt schrie Bardo auf. Der zierliche Junge gebärdete sich wie eine Wildkatze. Befreite sich und stürzte seinem Freund nach.
Verzweifelt rutschte Bardo bis zu Bruchkante und reckte die Hände aus, aber Ulf konnte sie nicht erreichen. Stattdessen schlug und strampelte er und brach weitere Eisstücke ab.
Bardo sprang in das dickflüssige, von Eiskristallen durchsetzte Wasser und watete auf Ulf zu. Seine Kleider aus Wolle und groben Leinen sogen sich augenblicklich voll. Der Grund, morastig und schwer, erlaubte es ihm kaum, einen Fuß vor den anderen zu heben. Und die unglaubliche Kälte verschlug ihm den Atem.
Ulfs Bewegungen wurden schwächer und entkräftet glitt er unter die Eisdecke. Entsetzt schrie Bardo auf und warf sich in seiner Verzweiflung nach vorn. Unter Wasser bekam er Ulfs Hand zu fassen. Sie war kraftlos und rutschte ihm immer wieder aus den Fingern. Ihre Blicke trafen sich. Vereinzelt stiegen noch Luftbläschen aus Ulfs Nase und Haaren, bis keine mehr übrig war. Ulf schloss die Augen.
So sehr Bardo sich anstrengte, sein Freund glitt ihm fort. Er hatte keine Luft mehr, musste auftauchen, dann würde er zu ihm zurückkehren.
Als Bardo die Oberfläche durchbrach und seine brennenden Lungen füllte, stand der Fremde abwartend am Ufer. Eine jener langen Stangen in der Hand, die die Jungen bei sich gehabt hatten, um das Eis zu brechen. Ohne eine Gefühlsregung streckte er sie aus und drückte sie Bardo auf die Brust. Erbarmungslos schob er den Jungen unter das Eis. Bardo schrie, aber seine letzten Reserven hatte er verbraucht, um seinem Freund zu helfen. Er versank und folgte Ulf in die kristallgrüne Tiefe.

* * *

"... die Suche nach den Knaben blieb erfolglos. Beide waren wie vom Erdboden verschluckt. Ebenso die Müllerburschen. Gerüchte wuchsen, wie giftige Pilze, aller Orten und an allen Wegen. Der Schwarze sei gesehen worden, erschien zur gleichen Zeit in entgegengesetzten Siedlungen und Gehöften. Und man fand den Müller. Er lag steif, von schwarzen Blasen gezeichnet, in seiner Kammer.
Ihm folgten Viele nach, darunter auch die Müllerburschen. Sie waren zu ihren Familien geflohen. Einer von ihnen erleichterte seine Seele, bevor er von seinen Qualen erlöst wurde und offenbarte mir den Verbleib der Jungen. Von einem Versteck im nahen Unterholz aus war er Zeuge der grausigen Umstände geworden. Bekümmert mussten wir sie der Herrschaft des Eises überlassen.
Bis zum Frühjahr mehrten sich die frisch aufgeworfenen Hügel um die kleine Kirche St. Urban und waren zahlreicher als die Gläubigen vor dem Altar.
Auch aus den umliegenden Siedlungen karrten sie ihre Toten heran. Niemand wollte den schwarzen Tod so nah bei sich wissen.
Ich nahm die beklagenswerten Körper in Empfang und tröstete die Überlebenden, so gut ich konnte. Zweifel im Glauben marterten meine Seele, da gewahrte ich in einiger Entfernung eine Gestalt.
Eine Windböe zerrte an seinem Umhang und mit einem Lidschlag war er heran.
"Mönchlein, selbst wenn ihr all eure Toten ausquartiert, haltet ihr mich nicht auf. Geht und flieht, so weit ihr könnt, ich finde euch allemal!" Sein tonloses Lachen erfüllte all meine Erwartungen an das Böse, bevor sich seine Gestalt wandelte und wie hundert schwarze Raben krächzend über den kahlen Wald flog.
Erschüttert kniete ich nieder und hob mein Kreuz, denn ein Dämon war er und sein Atem war Pestilenz, sein Schatten Gier und seine Stimme Neid, und wo er einherschritt, hinterließen seine Fußspuren Tod und Verderben.
So sah ich das Ende nahen. All meine Gebete konnten es nicht aufhalten. Mein Abt berief mich zurück in unser Kloster, als Tauwetter einsetzte und niemand mehr da war, die Vogtei zu bewirtschaften. Mit dem Schnee wich auch das Eis und man barg die Knaben letztendlich. Aneinandergeklammert trieben sie vor der Schleuse. Ihre Gesichter so friedlich und unverändert, als schliefen sie nur. Untrennbar vereint sollten sie bleiben. Nachdem sie nah bei der Pforte begraben waren, verließ auch ich die Hochebene. Noch im selben Jahr erreichte mich wundersame Kunde: Rund um St. Urban wüchsen Linden und neben der Eingangspforte der Kirche gar eine zweistämmige ... "

Margret sah auf. Sie legte vorsichtig eine Hand auf den alten Baum. Eine Linde, die Unheil und Dämonen abwehrt. Seine Rinde war warm. Ein sanftes Flüstern umwehte sie aus goldener Höhe, darauf bedacht, ihr die Antwort zu geben. Die Stimmen von Thiadulf und Bardo.

Letzte Aktualisierung: 24.11.2013 - 01.36 Uhr
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