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Metamorphose | November 2013

Die Kostprobe
von Ingeborg Restat

Feierabendzeit in einer Stadt. Alle Werktätigen drängen nach Hause. Der Autoverkehr in den Straßen nimmt zu. An den Haltestellen bilden sich Trauben. Zu den Bahnhöfen streben mehr und mehr Menschen. Jeder hat es eilig, keiner hat jetzt Zeit.
Und mitten in so einem Menschenstrom zu einem Bahnhof läuft eine alte Frau. Gebeugt und schwer stützt sie sich auf ihren Stock, mühsam setzt sie ihre Beine Schritt für Schritt. Wendig ist sie nicht mehr, um den Jüngeren auszuweichen, die an ihr vorübereilen.
Kai und Ina, einem jungen Paar, wird sie unter den vielen Menschen zum Hindernis. Kai wird ungeduldig. Er greift nach Inas Hand und zieht sie mit sich, so dicht an der Alten vorbei, dass er sie anrempeln muss. Sie schwankt. Ina dreht sich um, will nach ihr greifen, sie halten. Doch Kai zieht sie weiter. „Komm, lass die Alte. Der Zug wartet nicht. Was ist die um diese Zeit noch unterwegs“, sagt er so, dass sie es hören muss.
Die Alte fängt sich. Sie stürzt nicht. „Ihr werdet auch einmal alt sein“, ruft sie ihnen erbost nach und verfolgt jeden ihrer eiligen Schritte mit zusammengekniffenen Augen. Lang ist es her, dass sie so laufen konnte. „Auch bei dir wird das vergehen, junger Mann, und dann wird man dich ‚den Alten’ nennen, der anderen im Weg ist“, spricht sie vor sich hin und setzt hinzu: „Wie wär’s mit einer Kostprobe?“ Sie kichert. Sogleich beginnen ihre blassen, schmalen Lippen, einen merkwürdigen Spruch zu murmeln. Keinen Blick lässt sie dabei von Ina und Kai, bis sie in dem Gewühl vorbeihastender Menschen für sie verschwinden.

Am nächsten Morgen erwacht Kai wie immer. Doch was ist mit seinem Kreuz los, warum schmerzt es so? Er will sich im Bett aufsetzen, fällt zurück. Neuer Versuch, er schafft es kaum. Was ist los? Seine Glieder, seine Beine sind so steif, dass er sie nur mit Mühe aus dem Bett bekommt. Er greift nach der Lehne eines Stuhls, zieht sich daran hoch, stützt sich darauf. Dennoch schafft er es nicht, sich ganz aufzurichten. Die ersten Schritte schmerzen. Was schlurft er so? Erst allmählich, als er das Zimmer verlässt, wird es besser.
Er knirscht mit den Zähnen. Doch wie fühlt sich das an? Was hat er da in seinem Mund? Sind das nicht seine Zähne? Wie soll er damit essen und kauen, wie gleich frühstücken können?
Er läuft mit mühsamen Schritten ins Bad. Seine Knie, was ist damit? Wo kommen plötzlich all die Schmerzen, her? Er schaut in den Spiegel und erschrickt. Seine Haare sind weiß, sein Gesicht ist faltig unter Bartstoppeln und sein Blick glanzlos. Das kann doch nicht sein!
Er schaut sich um. Braucht er eine Brille? Er sieht aus dem Fenster, warum erkennt er das Ende der Straße nicht mehr so deutlich wie sonst? Er hat doch einen Adlerblick, wie Ina immer sagt.
Was war nur geschehen? War er das wirklich? So kann er unmöglich auf die Straße und zur Arbeit gehen. Wie würden die Kollegen reagieren, wenn er ihnen so gegenübertritt? Er muss zum Arzt. Vielleicht hat der eine Erklärung dafür und kann ihm helfen.
Zögernd betritt er die Straße. Wie schwer ihm die Schritte fallen. Ein Stock wäre jetzt nicht verkehrt. Wer aber in seinem Alter besitzt schon einen Stock? Welches Alter hat er jetzt eigentlich?
Sein Weg führt ihn durch einen Park. Ein Jogger läuft von hinten an ihm vorbei. Er schrickt zusammen. „Hallo“, will er rufen. Gestern noch hatten sie sich gegrüßt, als er selbst hier seine Runde joggte. Heute scheint der ihn nicht zu erkennen.
Kurz bevor er die Arztpraxis erreicht, kommt ihm Ina entgegen. Er will auf sie zugehen, doch sie reagiert nicht, als er ihr zulacht. Erkennt sie ihn nicht? Verblüfft bleibt er stehen. Sie will an ihm vorbeigehen.
„Ina!“.
Sie bleibt stehen, dreht sich um. „Was wollen Sie von mir?“ Ablehnend ist ihr Blick.
„Ich bin es, Kai. Erkennst du mich nicht?“
„Unmöglich! Belästigen Sie mich bitte nicht“, erklärt sie und wendet sich ab.
„Ina, bitte!“ Er greift nach ihrem Arm.
Sie stößt ihn zurück. „Lassen Sie das!“
„Ich bin es wirklich. Ich weiß selbst nicht, was mit mir geschehen ist. Bitte, glaube es mir doch!“, bettelt er.
Jetzt stutzt sie. „Die Stimme …“ Forschend mustert sie ihn. Dann aber schüttelt sie ihren Kopf. „Es kann nicht sein. Lassen Sie mich in Ruhe!“, sagt sie und geht weiter, ohne sich noch einmal umzusehen.
Ratlos schaut er ihr nach. Was soll er tun? Da sieht er, wie sie in einiger Entfernung stehen bleibt, ihr Handy herausholt und eine Nummer wählt.
Beim ersten Ton seines Handys zieht er es sofort aus seiner Tasche. „Ina, ich …“
Aufgeregt lässt sie ihn nicht zu Wort kommen. „Du, das muss ich dir erzählen. Ich hatte eben eine seltsame Begegnung …“
„Das war ich, Ina. Dreh dich um! Schau her!“
Und Ina dreht sich um. Sie sieht wie er sein Handy hochhält und ihr zuwinkt.
Langsam, noch unsicher, kommt sie zu ihm zurück.
Er will sie zur Begrüßung umarmen.
Sie weicht zurück. „Wie kann das sein? Wenn du das wirklich bist, Kai, dann erkläre es mir.“
„Ich weiß es selbst nicht.“
„Was soll dann die Maskerade? Kein Mensch altert so über Nacht.“ Ungeduldig und verärgert schüttelt sie ihren Kopf.
„Aber er altert mit jedem Tag“, sagt da hinter ihnen eine alte Frau, die von ihnen unbemerkt herangekommen war.
Sie fahren herum und schauen sprachlos in ihre trüben Augen.
Schwer auf ihren Stock gestützt geht sie weiter.
„Das ist die Alte …“ murmelt Kai.
„Ja, die Alte von gestern, die du angerempelt hast“, ergänzt Ina.
„Halt! Sie da! Wissen Sie etwas davon?“
Die Alte bleibt stehen, dreht sich um „Wovon?“
„Na, warum ich jetzt so …?“
„Hat dir die Kostprobe auf eine zukünftige Zeit nicht gefallen? Keine Angst, mehr als eine Kostprobe ist es nicht. Morgen ist es vorbei. Noch hast du Zeit, viel Zeit. Doch denke daran, sie vergeht. Nichts in der Welt bleibt so, wie es ist. Alles muss sich ständig verändern.“
„Aber warum …“
Doch Kai kann nichts mehr fragen. Die Alte antwortete nicht, dreht sich um und geht ohne jedes weitere Wort davon. Nur ihre schmalen, faltigen Lippen bewegen sich und murmeln einen seltsam geheimnisvollen Spruch.

Letzte Aktualisierung: 22.11.2013 - 20.21 Uhr
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